Archive for the ‘Pahl’ Category

Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (6)

15. Februar 2012

Kapitel 6

Kommissarin Vivien Banser sprach in ein Diktiergerät. «Vernehmung des Beschuldigten wegen des Tatvorwurfs des Raubes mit schwerer Körperverletzung. Anwesend sind Kommissarin Banser, Herr Polizeimeister Seidel, sowie der Beschuldigte Dennis Matzke, vertreten durch Herrn Rechtsanwalt Domrös.»
«Ganz schönes Brimborium für nichts…» kommentierte der Rechtsanwalt, der entspannt auf seinem unbequemen Stuhl lag und die Arme vor der Brust verschränkt hielt. Vivien blieb gelassen. Sie kannte Domrös, und sie kannte diese Situation schon genügend. «Setzen Sie es Ihrem Mandanten auf die Rechnung…», erwiderte sie trocken. «Gehen wir nochmal die Personalien durch. Sie heißen Dennis Matzke, wohnhaft in der Eichenstraße 4a in Bördeling, ist das richtig?» Matzke sah zu seinem Anwalt, und als der nicht reagierte, nickte er. Vivien fuhr fort. «Geboren am 13. November 1982 in Neustadt?» Dieses Mal nickte Matzke ohne Blickkontakt mit dem Anwalt.

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Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (5)

11. Februar 2012

Kapitel 5

Erst vor ein paar Jahren hatten sie die Abzweigung nach Krohnkamp umgebaut. Nicht zum Besseren, jedenfalls nicht für den Öffentlichen Personennahverkehr, befand Pahl. Vorher bestand die Abzweigung aus einer schräg von der Bundesstraße abzweigenden Landstraße und einer einige Meter dahinter liegenden Extra-Biegung für den Verkehr, der aus beziehungsweise in Richtung Merten kam. Diese beiden wurden seinerzeit vereint. Das bedeutete nun eine enge 90-Grad-Rechtskurve, gefolgt von einem sofortigen Schwenk um etwa 60 Grad nach links, um Richtung Krohnkamp zu fahren. Das war schon für einen normalen Stadtbus mit 12 Metern Länge und 20 Metern Wendekreis eine Herausforderung, die fast zu einer Stillstandsbremsung führte. Für einen Gelenkbus, der manchmal auf dieser Strecke eingesetzt wurde – vor allem bei Störungen im Zugverkehr -, mit seinen 18 Metern Länge war es umso schwieriger, obwohl er nur zwei, drei Meter mehr Wendekreis benötigte. Aber das reichte, um dafür zu sorgen, dass der Schwanz noch die Rechtskurve beendete, während die Nase schon fast nach Krohnkamp zeigte. Auf dem Rückweg war es das gleiche Spiel. Ein Kreisverkehr wäre da noch die bessere Alternative gewesen.

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Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (4)

6. September 2011

Kapitel 4

Da fuhr er endlich. Darauf hatte er gewartet. Dafür hatte Jonas seit einer halben Stunde abwechselnd aus dem Fenster und auf die Uhr geguckt. Seine Hausarbeiten waren reine Nebensache. Er brauchte sich auch nicht groß anstrengen. Die Aufgaben fielen ihm leicht. Er war ein „plietscher Junge“, wie es sein Papa immer ausdrückte. Das war er wirklich, und seine Eltern brauchten es ihm nicht erst zu sagen. Schon mit fünf Jahren hatte Jonas aus Zeitungen abgeschrieben und las Mama und Papa am Frühstückstisch die Nachrichten vor. Natürlich las er am liebsten den Sportteil. Vor allem die Nachrichten über den HSV. Seinen HSV.

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Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (3)

15. Juli 2010

Kapitel 3

Pahl sah auf die Uhr. Sein Kaffee dampfte noch. Er nahm einen Schluck, versenkte dann eine zweite Tüte Zucker darin, rührte um und machte sich mit dem Pappbecher in der Hand auf den Weg zur Haltestelle. Diese lag vor dem Bahnhofsgebäude. Dort musste gleich Daniela auftauchen, wenn sie nicht verspätet war. Das kam durchaus vor. Hauptsache, es war nichts mit dem Bus. Das konnte er heute nicht gebrauchen. Sein Dienstplan war schon schlimm genug. Jetzt noch Scherereien mit dem Wagen wären wirklich die Krönung. Aber seine Kollegin verspätete sich nur um eine Minute. Das war nicht schlimm. Es waren ohnehin bis zur Abfahrt seiner ersten Tour einige Minuten über. Die Übergabe war auch schnell gemacht. Er wollte nur noch etwas Zeit für sich allein. Das brauchte er, seit der Trennung von Mia ganz besonders. Er hatte nur wenige Freunde, und auch die waren nicht mal sonderlich eng. Eigentlich war er gern unter Menschen. Wenn es nicht gerade gröhlende Kinder nach Schulschluss waren. Aber die Trennung hatte ihm zugesetzt, und die, die er Freunde nannte, waren keine große Hilfe. Vor allem, weil sie selbst Familien hatten und ihm das Zusammensein mit ihnen, besonders bei Einladungen zu Grillfeiern, immer wieder schmerzlich vor Augen führte, was ihm jetzt fehlte. Stefan, den alle seit der Schulzeit nur „Dreier“ nannten, weil es dort vier Stefans in der Klasse gegeben hatte, nahm ihn hin und wieder mal mit auf Ü30-Parties oder – wenn es ganz schlimm kam – auf eine Kneipentour nach Hamburg. Frauen kennen zu lernen, war für Pahl nicht das Problem, selbst mit seinem Bäuchlein nicht. Aber wenn es über Smalltalk hinaus ging, war er blockiert. Da konnte Dreier noch so insistieren, dass er doch mal wieder seinen Spaß haben solle, und es müsse ja nicht gleich eine neue Frau an seiner Seite sein. Dreier hatte ihn mal zur Seite genommen und gesagt: „Die Familienfeiern sind der einzige Grund, warum ich dich nicht beneide. Ich liebe die Kinder, und Friederike ist auch noch ganz okay, aber einfach so auf Tour ’ne gutaussehende, ungezähmte und reife Angeschickerte abzugreifen und sie ’ne Nacht lang in allen Stellungen und allen Löchern ranzunehmen – das wär’s, was mein Leben wieder in Schwung bringen könnte. Nutze diese Chance, sie kommt vielleicht nie wieder!“ Pahl hatte daraufhin vorgeschlagen, sie könnten ja tauschen. Das hatte Dreier irgendwie nicht witzig gefunden.

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Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (2)

10. Juni 2010

Kapitel 2

Der Radfahrer brauste um die Ecke und fuhr dabei fast eine Frau mit ihrem kleinen Sohn über den Haufen. Es kümmerte ihn nicht, und die handfesten, definitiv nicht jugendfreien Flüche und Beschimpfungen der Frau, die sich in diesem Moment unauslöschlich in den Sprachgebrauch des Sprösslings einbrannten, hörte er gar nicht. Sein Gehör nahm nur eines wahr: Sirenengeheul. Und es wurde immer lauter, wenn er nicht gerade um eine Ecke rauschte. Seine Muskeln waren angespannt, er schnaufte und schwitzte, aber er trat weiter, so schnell er konnte, in die Pedale. Sie durften ihn nicht erwischen. Er dachte nicht mal daran, die Handtasche an seinem Lenker wegzuschmeißen. Eine schwere Entscheidung wäre das gewesen, immerhin hatte sie ihm diese Flucht eingebracht. Er hatte nicht aufgepasst, den Streifenwagen übersehen, dessen Besatzung ihn nun verfolgte. Kurz, bevor er durch die Fußgängerzone gerauscht war und seine Verfolger kurzzeitig hatte abhängen können, hatte er noch einen anderen Wagen mit Blaulicht gesehen, aber der war verschwunden.

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Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (1)

7. Juni 2010

Kapitel 1

Als Pahl die Email von Silke öffnete und in die angehängte PDF-Datei schaute, entfuhr ihm ein ungnädiges «Oooooochnöööööööööö…»
Es war niemand da, der es hätte hören können, mit Ausnahme der Mäuse und Spinnen, Pahls unsichtbare Mitbewohner. Und die interessierten sich für ihn herzlich wenig.

«Was hab ich wohl jetzt wieder falsch gemacht?», dachte er. «Ich hab‘ Bullerbü nicht die Frau ausgespannt, und dass Silke keine Kinder hat, ist auch nicht mein Fehler! Wozu bloß diese Strafe?»
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