Ein Brief an Ulrike

Lange, lange ist es her, da ich diesen Blog mal mit Einträgen gefüllt habe. Aber dieser eine, der muss mal raus. An „Ulrike“. Sie – ich nehme mal an, es ist eine Sie – hat einen Artikel bei Yahoo! (sic!) kommentiert, wo Jan Rübel die Frage beantwortet: „Hetzt die Bild-Zeitung gegen Flüchtlinge?“. Seine Antwort ist ein klares Radio Eriwan: „Im Prinzip ja, aber…“.

Um diesen Beitrag soll es an dieser Stelle aber gar nicht gehen, das können andere viel besser. Stefan Niggemeier beispielsweise, von dem sich Bild.de-Chef Julian Reichelt (über den ich leider nicht schreiben darf, was ich denke – ich kann es höchstens andeuten: Ein Mann, dessen Niveau für Taucher eine größere Herausforderung darstellen dürfte als der Marianengraben) als Mensch angegriffen fühlt. Oder auch Mats Schönauer vom BILDblog, der den Twitter-Krieg mit seinen Beiträgen überhaupt erst ausgelöst hat und immer wieder (wie hier von „taz“-Blogger Detlef Guertler) mit Niggemeier verwechselt wird – weil nicht nur für die Simpel aus dem Hause Springer ja ohnehin alles, was vom BILDblog kommt, Niggemeier gewesen sein muss, denn komplexere Zusammenhänge überfordern leicht.

Nein, an dieser Stelle soll es um „Ulrike“ gehen. „Ulrike“ hat den Yahoo!-Artikel kommentiert, wie sie so einige andere kommentiert hat. Sie macht sich unter anderem Sorgen, dass sich ein großer Teil der Fans von Til Schweiger nach seinen Auslassungen sicher nun gegen ihn wenden mag – man kann zu Schweiger stehen, wie man will, aber dass „Ulrike“ sich nicht fragt, ob er auf „Fans“ eines solchen Schlages überhaupt Wert legt, sagt eine Menge über „sie“ aus. „Ulrike“ hält auch jeden Flüchtling pauschal für einen Terroristen, weil Moslem, und jeden, der das anders sieht für einen Gutmenschen – und wieder verrät es einiges über „sie“, dass „sie“ glaubt, man könne es jemandem zum Vorwurf machen, ein in ethischer Sicht guter Mensch zu sein. Bei diesem Anlass frage ich mich, wer da noch als „Gutmensch“ bezeichnet worden wäre? Wolf Biermann? Willy Brandt? Die Geschwister Scholl? Otto Wels? Martin Luther King?

„Ulrike“ ist eine „Frau“, die behauptet, „sie“ arbeite im Sozialbereich und habe viel mit vornehmlich „arabischen Flüchtlingen“ zu tun, die „in tollen Wohnungen“ säßen, und sie unterstellt allen Prominenten, die öffentlich bekunden, nicht „ihrer“ Meinung zu sein, ein „krankhaftes Geltungsbedürfnis“ (Campino) und „grenzenlose Selbstverliebtheit“ (Schweiger). Kurzum: Wie es aussieht, scheint „Ulrike“ ein typischer deutscher Alltagsnazi zu sein. Jemand, der AfD wählt, weil die CSU nicht national genug ist, aber der Mut für die NPD nicht reicht.

Und wie sieht so ein Alltagsnazi-Geschreibsel aus? So:

„Bild drückt nur vor wichtig aus, was die Mehrheit der deutschen Bevölkerung denkt, nämlich dass es ein Unding ist, dass viele Menschen im eigenen Land unter Armut leiden, Rentner, Kranke, Behinderten und alles an Flüchtlingen aufgenommen wird, was hier anlandet, ob legitim oder illegal und neben großzügiger Versorgung auch noch willkommen geheißen werden soll.
Wenn eine Bauministerin sich hinstellt und verkündet, dass die Ausgaben für den Bau von Sozialwohnungen verdoppelt werden, weil sie den Blick auf die Flüchtlinge hat (Moslems die alle Nicht-Moslems, sprich Christen als Ungläubige verachten), obwohl hier für die eigenen Menschen akute Wohnungsnot besteht, dann kann man nur am Verstand unserer Politiker zweifeln. Die nächste Wahl wird’s zeigen und nein, ich werde sie nicht willkommen heißen, die Flüchtlinge, weil es einfach viel zu viele sind….
Ich fände es gut, wenn die Bild mal unsere Politiker konfrontiert mit der Besorgnis und Angst der Deutschen im eigenen Land, dann von deren Seite besteht ja überhaupt keine Interesse daran, was das Volk wirklich denkt und fühlt.“

Zusammengefasst: Flüchtlinge und Asylbewerber sind schuld an allem. An Hartz IV. An schlechter Bezahlung von Kranken- und Altenpflegepersonal. An Renten-Nullrunden. An Wohnungsnot.
Kabarettist Max Uthoff hat in der „Anstalt“ am 29. April 2014 in seinem „Feindbilder“-Solo wohl an „aufrechte“ Menschen gedacht, die so denken…

An Individuen, denen man nicht mal zum Vorwurf machen kann, nichts aus der deutschen Geschichte gelernt zu haben – aus dem Teil, in dem es um Politik, Gesellschaftsstruktur, Hetze gegen Randgruppen, die „soziale Frage“ und die Folgen dieses Konglomerats geht -, weil einfach Horizont und Fähigkeit zur Reflexion nicht ausreichen, um zu erfassen, welchen Mist sie sich da zusammenfantasieren. Vor allem hinsichtlich der Schuldfrage. Und das soll auch der Einstieg in meine Erwiderung sein, die ich allerdings hier und nicht bei Yahoo! veröffentliche, weil mir das Gejammer aus Sunnyvale in Richtung Mountain View auf den Sack geht, das sich einzig und allein darin gründet, dass Yahoo! eine Entwicklung verschlafen hat, die Google mit seiner Suchmaschine „from Scratch“ vollzogen hat – weg vom Katalog, hin zum Crawler – und dadurch einfach die besseren Suchresultate liefert (woran sich vermutlich nichts ändern wird, denn Googles Innovationen speisen sich vor allem aus der Kreativität seiner Leute, die durch den anderen Umgang gefördert wurden, während Yahoo!-CEO Marissa Meyer eher mit Daumenschrauben hantiert). Aber das ist wieder eine andere Schuldfrage. In dieser hier geht es um die Schuld für das, was „Ulrike“ als Missstände ausgemacht hat.

„Da zeigt es sich wieder, das typisch Deutsche. Schuld sind immer die anderen. Vor allem die, mit denen man keine gemeinsamen Schnittstellen hat – und haben will, denn wem sollte man sonst die Schuld geben?

Na klar, es muss die Schuld vergewaltigter syrischen Frauen sein, dass Langzeitarbeitslosen seit 10 Jahren die Teilnahme an der Gesellschaft verwehrt wird. Es muss die Schuld schwuler russischer Männer sein, dass seit 30 Jahren die Reallöhne in Deutschland sinken. Es muss die Schuld der irakischen Schiiten sein, dass wir den größten Niedriglohnsektor eines Erste-Welt-Landes haben. Afghanen, die unter Lebensgefahr der Bundeswehr am Hindukusch geholfen haben, müssen daran schuld sein, dass unsere Schulen unterfinanziert sind.

Sie müssen – wer sollte denn sonst schuld sein? Unsere Politiker doch bestimmt nicht – was machen die schon? Trinken Kaffee in den Ausschüssen, treffen sich mit Lobbyisten, haben attraktive Nebenverdienste, kriegen sechsstellige „Beratungshonorare“ von denen, die von ihrem Stimmverhalten profitieren… das ist doch alles so harmlos, die können doch gar nichts damit zu tun haben! Ist ja nicht so, als würden deutsche Politiker Gesetze erlassen wie die Hartz-IV-Gesetze oder Leiharbeit oder die Zulassung von Hedge Fonds und Wertpapiergeschäften wie Mortgage Backed Securities und Collateralized Mortgage Obligations. Oder dass die Parteien über ihre Presseorgane (CDU/CSU: Bild, Welt; SPD: Frankfurter Rundschau, Spiegel; FDP: stern) 20 Jahre lang für Lohnzurückhaltung (= Lohnsenkungen) getrommelt haben… Nein, solche Annahmen sind vollkommen absurd! Aber die ganzen fiesen Asylanten, die sind alle daran schuld!

Die haben ja auch unser ganzes Geld. Die ganzen 5 Billionen Euro private Barvermögen, die haben alle diese gemeinen Asylanten und Flüchtlinge. Das sind die reichsten Menschen in Deutschland, die kommen alle aus Syrien und Russland und dem Kosovo und Afghanistan, und die fliehen ja alle nur, weil sie nicht wissen, wohin mit ihrem Geld…
Das ist doch, was Sie und Ihre Geistesgenossen denken, oder nicht?

5 Billionen. 5.000 Milliarden. 5 Millionen Millionen. Nur Barvermögen. In Deutschland. 62.200 Euro pro Person, vom Greis auf dem Totenbett bis zum Neugeborenen im Brutkasten auf der Frühchenstation. 62.200 Euro besitzt jeder Bürger in Deutschland. Auch Sie. Auch ich. Und nur in verfügbarem Geld, da sind noch nicht mal Wohneigentum, Bauland und Anlagevermögen mit drin. Das ist Geld, das man (mit vorheriger Anmeldung bei der Bank wegen des verfügbaren Bargeldbestandes) binnen weniger Tage von Konten und Bankschließfächern nach Hause tragen könnte.

Wie – Sie haben das nicht? Sie haben keine 62.200 Euro auf der hohen Kante? Wer hat denn das dann? Ach ja, die Asylanten und Flüchtlinge, stimmt’s? Nicht etwa Menschen wie die Hinterbliebenen von Karl Albrecht, oder? Der hat ja nur 18,2 Milliarden Euro vererbt. Das ist ja nur der Barvermögensanteil von 292.000 Menschen, da kann ja unmöglich Ihr Anteil mit dabei gewesen sein. Dieter Schwarz – der von Lidl – mit 14,5 Milliarden Euro kann das auch nicht sein. Friede Springer mit ihren 3,5 Milliarden Euro ist auch völlig unverdächtig, dass sie Ihren 62.200-Euro-Anteil am gesamtdeutschen Barvermögen hat. Nein, das müssen Flüchtlinge und Asylbewerber sein…

Da kriegt man schon einen Hals, das verstehe ich. Die Flüchtlinge und Asylbewerber, die dürfen sich zu viert 8-Quadratmeter-Kasernenzimmer teilen und in Zelten übernachten und in Containern, die haben das wirklich viel zu gut, wenn man das mal vergleicht mit unserem Geldadel, der in seinen viel zu großen Villen vor sich hin vegetieren muss, bei jedem Schritt das deprimierende, einsame Echo von den leeren Gängen zurückprallen hören muss. Würde man die jetzt auch noch härter besteuern, so dass sie ebenfalls 70 Prozent ihres Einkommens an Abgaben und verschiedensten Steuerarten (Einkommensteuer, Mehrwertsteuer, Ökosteuer, Versicherungssteuer, Mineralölsteuer…) zahlen müssten, so wie der kleine Mann, das wäre ja ein viel zu hartes Los!

Dann lieber gegen Asylanten, die können sich wenigstens nicht wehren…“

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