Road Train

– Zugriff –

Patriks Gesichtsausdruck verriet, dass er innerlich fluchte. Doch der Pilot war auf den Flug konzentriert, sonst hätte er die Regungen seines Fluggastes bemerkt. Stattdessen überwachte Patrik nervös den Funk und sein Telefon. Er würde es nicht schaffen. Die Tarnung würde auffliegen, wenn sie nicht in fünf Minuten zugriffen. Der Hacker musste inzwischen gemerkt haben, dass Geales Kapsel nicht so zu steuern war. Dass er still hielt, spielte ihnen in die Karten, aber im Fall der Fälle würde er versuchen abzuhauen. Es half nichts. Der Kopf der Sonderermittlungsgruppe war beim entscheidenden Moment nicht dabei.

Er rief Geale an. «Hey, Sammy!»
«Oh, hi, Paul. Ich bin gleich am Treffpunkt.»
«Geale – leg ihn lahm.»
Nach dem Auflegen nahm er das Funkgerät. «An alle Einheiten: Zugriff!»

Geale hatte die Zeit, die der andere damit verbrachte, in der Sandbox seiner Kapsel herumzumanipulieren. Der Hacker, der die Unfälle herbeigeführt hatte, knackte ein fingiertes System, gab Anweisungen, die keine Auswirkungen auf die Kapsel hatten, und versuchte herauszufinden, was schief ging. Ein wenig wurde er aber auch angespornt dadurch, dass der Lockvogel das eine oder andere Kommando doch vollzog – so dachte der andere darüber nach, warum seine Hacks nur unzuverlässig funktionierten. Das gab ihm, Geale, die Gelegenheit, unbemerkt die Kapsel des anderen zu knacken. Es war ein Sentinel. Ein typisches Mütterauto. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er den Insassen von schräg hinten. Es war ein Mann Anfang 20, der unablässig auf seinen Laptop starrte. In den letzten zehn Minuten war er unruhig geworden. Geale fürchtete schon, er würde sich ausklinken, aber er blieb dran. Verbissen war er, das musste man ihm lassen. Aber es war auch sein Untergang, denn er tunnelte das eigene Bordsystem, das MRN des Sentinel. Clever, aber das wurde ihm nun zum Verhängnis. Denn er hatte damit auch einen Port geöffnet, durch den Geale Zugang zum Sentinel bekam.

So brauchte er jetzt nur ein paar kleine Schritte vollziehen: Erst koppelte er den Sentinel aus dem Road Train heraus, an seinen eigenen an und setzte einen Sperrvermerk, so dass nur diese beiden Fahrzeuge den Train bildeten und keiner mehr dazukam. Auf dem nächsten Parkplatz, Soester Börde, zog er ihn raus, legte den Sentinel lahm und verriegelte die Türen. Sekunden später waren die Polizeifahrzeuge vor Ort und umstellten den Wagen. Dabei war auch Wolfman, der sich nun mit einem Kopfnicken zu ihm gesellte. Geale gab die Tür wieder frei, als zwei Polizeibeamte an das Fahrzeug herantraten, um den Hacker vorläufig festzunehmen. Sie zogen ihn aus der Kapsel.
«Der ist ja noch ein halbes Kind», bemerkte Wolfman erstaunt. Geale antwortete nicht. Als Wolfman ihn irritiert ansah, bemerkte er den starren Ausdruck in Kevin Martins Gesicht. Sein ungläubiger Blick haftete auf dem Hacker.
«Mein Kind.»

Wolfman riss vor Erstaunen die Augen weit auf. Geale stolperte nach vorn auf den Hacker zu. Stotternd und beinahe lautlos brachte er eine Frage hervor, die Wolfman fast nicht verstanden hätte: «Denny?»
Der junge Mann sah zurück, mindestens ebenso überrascht und überwältigt. «Pap?!?»
Geale schien langsam zu begreifen und seine Fassung zurückzugewinnen. Jedenfalls ein wenig. Seine Stimme war immer noch kraftlos vor Entsetzen. «Was hast Du getan? Warum?» Denny starrte wortlos zurück. «Du sagst nichts. Das ist Aufgabe Deines Anwalts.»
Denny Martin wurde zum Gefangenentransport gezogen. Dort folgte die Untersuchung seiner Taschen auf Waffen und spitze Gegenstände. Ihm wurden die Schnürsenkel abgenommen. Kurz bevor er in die mobile Zelle verbracht wurde, stieß er noch kurz hervor: «Was machst Du hier, Pap? Seit wann bist Du draußen?»
Aber Geale war unfähig zu antworten. Die Türen schlossen sich. Wie in Trance stolperte er zurück zum Kidd, mit dem er seinen eigenen Sohn gefangen hatte. Wolfman wollte ihn fragen, ob alles in Ordnung ist, kam aber nur bis zu einem bedrückten «Tut mir leid.»
Mit dem Rücken zur Fahrertür rutschte Geale herunter bis in den Schneidersitz, verbarg sein Gesicht in den Armen und schluchzte hemmungslos.

– ENDE –

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