Road Train

– Fahndung –

«Herr Minister, ich bitte Sie: Haben Sie noch ein wenig Geduld! Wir arbeiten Tag und Nacht, den oder die Täter zu fassen. Aber das braucht Zeit, und es ist nicht leichter geworden.»
Patrik sah dem Verkehrsminister bereits an, dass er ihn mit seiner Rede nicht überzeugt hatte. Dieser verzog den Mund. «Die Fahndung dauert jetzt schon fast vier Wochen – und Sie haben keinerlei Hinweise. Nicht auf die Identität des Täters, nicht auf sein nächstes Ziel, nicht auf den nächsten Zeitpunkt. Aber ich muss mich mit Innenministern herumschlagen, die ihre Polizisten wieder im eigenen Dienst sehen wollen, mit Journalisten, die mich fragen, warum wir immer noch keine Verhaftungen vornehmen konnten, und mit Angehörigen, die wissen wollen, ob der Tod ihrer Liebsten jemals aufgeklärt wird!»
«Bei allem Respekt – eines haben wir doch bereits erreicht: Dass es keine weiteren Unfälle geben wird. Ich habe heute früh mit Herrn Wanczak von STT telefoniert. Er hat mir versichert, dass der Sicherungsgrad der Kapseln bei 99,15 Prozent liegt. Da draußen fahren fast 2,4 Millionen Kidds herum, die davon betroffen waren, und weniger als 20.000 haben noch diese Lücke, weil die betreffenden Halter noch nicht in der Werkstatt waren.»

Das musste man STT lassen: Sie reagierten schnell. Nachdem Wanczak mit den Ergebnissen wieder zurück zur Firma gefahren war, wurde binnen eines Tages ein Firmware-Update an die Werkstätten ausgeliefert und der Rückruf gestartet. Sie hatten in der Pressemitteilung angegeben, durch einen Defekt im Steuergerät für die Elektronik könne eine systemweite Überspannung auftreten und die Kapseln lahmlegen, und dieses müsste ausgetauscht werden. Tatsächlich wurden die Werkstätten angewiesen, für den Fall, dass der Besitzer beim Update zusah, die MRN-Komponente auszubauen, mit einem Reservegerät Bäumchen-wechsle-dich zu spielen, das alte Modul wieder einzubauen und bei einer „routinemäßigen Funktionsüberprüfung“ heimlich das Firmware-Update durchzuführen.
«Aber genau das macht es uns jetzt so schwierig und kostet viel Zeit. Der oder die Täter, sofern sie unterwegs sind, treffen auf den Autobahnen praktisch nur noch auf gefixte Kidds. Mit den 15 Fahrzeugen, die als Honeypots unterwegs sind, ergibt sich ein ungünstiges Verhältnis. Die Wahrscheinlichkeit ist einfach sehr gering, dass die Kidds sich dort aufhalten, wo die Täter zuschlagen.»
«Wenn die überhaupt unterwegs sind!», patzte der Minister dazwischen.
Patrik nickte. «Wenn sie unterwegs sind, ja. Denn auch das können wir nicht sicher sagen. Vielleicht haben sie bemerkt, dass kaum noch ein Kidd ungeschützt auf der Straße ist, und haben aufgehört. Oder sie arbeiten daran, neue Lücken zu finden, wenn sie irgendwo an eine Firmware rangekommen sind. Oder sie verlegen sich jetzt auf das Hacken anderer Fahrzeugtypen…»
Der Verkehrsminister sah ihn scharf an, räusperte sich, sagte aber nichts.
Patrik zuckte mit den Schultern. «Es gibt, mit Ausnahme des regionalen und des Background-Profils keinerlei Anhaltspunkte zu den Tätern. Da kommen tausende Menschen infrage, die wir zwar diskret überprüfen, aber wir haben gegen keinen einen substanzhaltigen Verdachtsmoment. Wir können nichts anderes tun, als das, was wir jetzt tun: Wir können nur versuchen, ihnen mit den Honeypots eine Falle zu stellen und zu warten, bis sie zuschnappt.»

«Sie haben noch zwei Wochen, dann löse ich die SEG auf – ob sie die Täter dingfest gemacht haben oder nicht.» Der Minister war unmissverständlich. «Was ist mit diesen beiden Hackern, die Sie angefordert hatten? Staatsanwalt Avari hat mir mitgeteilt, dass er von Ihnen noch keine Meldung erhalten hat, dass die beiden wieder in der SEVA sind…»
Patrik atmete tief ein. «Weil sie nicht in der SEVA sind.»
Der Minister sah ihn entgeistert an. Er war unzweifelhaft sauer, und sein Gesichtsausdruck schrie geradezu ein wortloses „Was?!?“ hinaus. Er sagte nichts.
«Seeko und Geale sind im Plan eingeteilt und fahren mit Kidds die Strecken ab, auf denen die Täter erwartet werden.»
Doch diese Erklärung war keineswegs geeignet, den Minister zu besänftigen. «Sie lassen zwei verurteilte Schwerverbrecher einfach so da draußen?»
«Bei allem Respekt», setzte Patrik an, «Seeko und Geale haben den Fehler gefunden, den es laut STT gar nicht gab. Sie haben überhaupt dafür gesorgt, dass wir eine Chance haben, die Täter zu fassen. Außerdem waren ihre Taten – rein technisch gesehen – Wirtschaftsverbrechen. Sie haben keine Menschenleben aufs Spiel gesetzt. Und das, was sie getan haben, haben sie getan, weil die Banken die gefundenen Lücken einfach offen gelassen und nicht reagiert haben. So gesehen: Nur dadurch, dass die beiden sich da reingehackt und Geld an das Rote Kreuz überwiesen haben, mussten die Banken handeln – nur deshalb kamen keine Kunden zu Schaden, die es sich nicht leisten konnten, auch mal ohne eigenes Zutun und Quittung Geld zu spenden. Und was den Schaden selbst angeht – für die Betroffenen waren die Summen Peanuts, aber denen blieb deswegen ein weit höherer Schaden erspart. Bösartige Hacker hätten auf die Art einen dreistelligen Millionenbetrag – das Tausendfache dessen, was Seeko und Geale ans RK umgeleitet haben – erbeuten können.»

«Sind Sie jetzt auf deren Seite?» Patrik traf dieser Vorwurf ins Mark. Nein, er war nicht auf der Seite von Seeko und Geale, aber die beiden, das hatten sie hinlänglich bewiesen, waren nicht die bösen Saboteure, zu denen sie gemacht wurden, nur weil sie nicht systemkonform und technikgläubig waren. Patrik zweifelte nicht daran, dass die beiden Wolfman damals die Wahrheit gesagt hatten: Dass sie nur die Lücken geschlossen wissen und die Banken zur Reaktion zwingen wollten, im Interesse der Kunden. Seeko und Geale, Yavuz Kartal und Kevin Martin, waren keine Kriminellen im eigentlichen Sinne. Sie hatten sich nur krimineller Methoden bedienen müssen, um andere zu schützen, und aus dem eigenen Antrieb und Idealismus heraus, dass eine Software sicher sein muss.
«Und aus diesem Grund wollen sie die Täter auch erwischen: Nicht aus Bewunderung der Fähigkeiten – sondern weil es Mörder sind, denen das Handwerk gelegt werden muss, weil sie anderen Menschen Schaden und Leid zufügen. Seeko und Geale sind von der alten Schule – es geht ihnen um die Sache, um die Einhaltung des Kodex, der Hackerethik. Die Mörder der 76 Menschen in den verunfallten Road Trains verstoßen gegen die Werte, die schon weit über 60 Jahre alt sind. Seit fast vier Wochen sind Kartal und Martin dabei, fahren Schicht um Schicht, Tour um Tour in der Hoffnung, diese Dreckschweine – O-Ton Geale – aus dem Verkehr zu ziehen, obwohl sie dazu niemand zwingt, niemand verpflichtet.»
«Und doch wohl auch, weil Sie ihnen versprochen haben, dass Sie sie aus der Verwahrung holen, wenn die Täter gefasst werden…» Der Minister hatte aufmerksam zugehört und war durchaus im Bilde über den gesamten Vorgang. Diese Bemerkung hatte etwas Süffisantes. Einerseits ärgerte sich Patrik darüber, andererseits wollte er sich nicht provozieren lassen – seine Glaubwürdigkeit stand auf dem Spiel.
«Wenn wir die Täter fassen, ja. Aber es gibt da noch einen weiteren Hintergedanken.» Der Minister sah fragend auf. «Ich hoffe, dass Sie die Einrichtung einer Ermittlungsgruppe speziell für Sicherheitsfragen in Betracht ziehen, wie ich es gegenüber Ihrem Referenten, Herrn Davids, schon skizziert hatte. Dafür wären Seeko und Geale ideal geeignet. Hacken um der Sicherheit willen und als Teil der Ermittlungsarbeit bei EDV-gestützten Verbrechen. Wie viele Hacker mussten wir schon laufen lassen, weil uns die Manpower fehlte, um ihnen auf die Spur zu kommen? Wie viele Hacker sind uns entgangen, weil wir gar nicht wussten, dass sie da ihre Finger im Spiel hatten? Und wie viele Sicherheitslücken da draußen sind nicht geschlossen und eine Gefahr für Menschen oder Firmen, weil niemand die Anbieter prüft und auf die Lücken hinweist? Genau das war damals bei den Banken das Problem – hätte es den Hinweis einer staatlichen Stelle gegeben, hätten sie reagieren müssen. Dafür wäre die Ermittlungsgruppe das perfekte Werkzeug.»
Jetzt reagierte der Minister. Für einen Augenblick schien es, als würde ihn diese Idee begeistern, doch dann saß die Maske des Machtpolitikers wieder. «Wir werden sehen.»

Die Zeit rannte ihnen davon. Schon wieder. Nur noch zwei Tage, dann war der Bericht beim Ministerium fällig und die Ermittlung Geschichte. Es sah tatsächlich so aus, als würde ihnen dieser Schweinehund durch die Lappen gehen. Patrik nahm das persönlich. Vor allem, da er unbedingt diese Ermittlungsgruppe einrichten und verwalten wollte. Früher hatte es das schon gegeben, und es hatte sich als Büchse der Pandora bewahrheitet. Damals hatten sich die Internetaffinen verfolgt gefühlt, und das nicht ohne Grund. Sie lebten eine andere Kultur. Vor allem eine des Teilens. Es waren Agnostiker hinsichtlich des Konzepts von Eigentum und Verwertung desselben gewesen. Es gab früher ein ganzes Serienuniversum, das diese Menschen geradezu geprägt hatte; früher, zu Zeiten des Fernsehens. Damals flog ein Raumschiff durch das Weltall, erforschte es, lernte fremde Zivilisationen kennen, kämpfte mit Feinden, die später teils zu Freunden wurden… und das alles nur für das Vorankommen der Menschheit. Kein Geld – sieht man mal von etwas ab, das sie „goldgepresstes Latinum“ nannten -, aber zumindest keine finanziellen Interessen hinter den Ausflügen in ferne Galaxien. Forschen um des Forschens willen, auf der Suche nach neuen Freunden, getrieben vom Willen, sich selbst als Menschheit zu verbessern. Und die größten Fans dieser Serie waren die, die am stärksten an Kapitalismus glaubten, die ewige Jagd nach Reichtum auf dem Rücken anderer… Schon komisch. Aber das war ein großer Baustein in der Sozialisierung der „Internetgeneration“, der „Digital Natives“ gewesen. Und so schrieben viele von ihnen Programme, die andere kostenlos nutzen durften, und andere beteiligten sich, um diese Programme besser zu machen. Andere wiederum machten Fotos und Musik und Nachrichten und stellten sie zur freien Verwendung bereit. Andererseits gab es die, die sehr auf die Verwertbarkeit ihrer vor allem geistigen Schöpfung pochten – oder der Schöpfungen anderer. Das waren die, die mittels teils legalisierter Korruption und starker Lobbyarbeit dafür warben, dass Maßnahmen zur Sicherheit, etwa zur Abwehr einer allenfalls diffusen Terrorgefährdung, auch zur Verfolgung von Verletzungen des Urheberrechts eingesetzt wurden. Und so schafften sie eine permanente Überwachungs- und Drohkulisse.

Das machte es Patrik nicht leichter, für sein Vorhaben zu werben. Er glaubte daran, dass diese Sonderkommission bei schweren Straftaten sehr wertvoll werden würde, oder auch nur in der Prophylaxe. Dieser dauernde unterschwellige Generalverdacht, den die Lobbyisten in der Politik durchdrückten, hatte jedoch in der Bevölkerung zu einer nicht ganz unberechtigten Paranoia geführt, vor allem bei netzpolitischen Themen. Die Menschen wurden wurden vorsichtiger, die Verbrecher erst recht. Und jede Initiative in dieser Richtung war seit über 20 Jahren ein heißes, unpopuläres Eisen. So würde die feste Einrichtung der Sonderkommission von Anfang an unter Verdacht stehen, ihre Kompetenzen zu missbrauchen. Dieses Misstrauen des Bürgers gegendden Staat hatten Lobbyisten und „Sicherheits“politiker zu verantworten.

Patrik schrieb weiter an seinem Bericht. Mit einem halben Auge prüfte er immer wieder die Anzeigen der Honeypot-Überwachung. Nichts. Seit Wochen nichts. Seine Kapsel rollte im Road Train mit konstanter Geschwindigkeit auf der A2 Richtung Berlin. Gerade rauschte die Abfahrt Rehren vorbei, als es klingelte. Es war Geale.

«Hallo Paul, hier ist Sammy. Was machst Du gerade?»
Patrik war wie elektrisiert. Er brauchte einen kurzen Moment, um sich zu konzentrieren. «Hey, ich bin gerade auf dem Heimweg. Warum fragst Du?»
«Ich hab gedacht, vielleicht hast Du Bock, was trinken zu gehen? Ich bin jetzt kurz hinter Warburg. In einer guten Stunde könnte ich bei Dir in Soest sein. Wie wär`s?»
«Cool. Machen wir. Ich muss nur kurz nach Hause und melde mich in einer halben Stunde nochmal, okay?»
«Klar. Bis gleich!»

Das war der abgesprochene Dialog. Geale hatte ihm mit dem ersten Satz mitgeteilt, dass er den Hacker gefunden hatte. Sie mussten sich verschlüsselt ausdrücken, falls der Hacker auch die Kommunikation überwachte. Offenbar war er auf der A44 Richtung Westen unterwegs zwischen Kassel und Dortmund. In einer Stunde würde er auf Höhe Soest sein. Dort würde der Zugriff erfolgen. Nun musste es schnell gehen. Patrik aktivierte den Funk und alarmierte die Verstärkungskräfte. Er selbst fuhr auf der A2 am Rastplatz Auetal bei Rehren heraus und wartete. Ein Helikopter war auf dem Weg, ihn dort auf einem nebenliegenden Feld aufzunehmen. Von dort waren es vierzig Flugminuten nach Soest. Er machte sich Sorgen, ob er es schaffen konnte.

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