Road Train

– Beweisführung –

Es dauerte länger als erwartet. Am nächsten Morgen – die Programmierer hatten die Nacht durchgemacht – fanden sie sich in der ehemaligen Boxengasse wieder zusammen. Seeko und Geale lasen dem STT-Ingenieur erstmal die Leviten.
«Ich mein‘, ich bin ja schon beeindruckt, dass Ihre Programmierer es geschafft haben, damit derart komplexen Code zu produzieren.» Geale ließ es wie ein Kompliment aussehen, aber in Wahrheit war das eine Doppeldosis Giftpfeile. «Diese Entwicklungsumgebung ist der letzte Scheiß! „FIDES“ – oder sollte ich besser „PERFIDES“ sagen? – hat allein im Compiler so viele Bugs, dass da gar kein fehlerfreier Code bei herauskommen kann! Man muss viel zu umständlich um die Ecke programmieren. Darum haben wir auch die ganze Nacht gebraucht. In den Bibliotheken gibt es überladene Funktionen, die sogar unterschiedliche Datentypen zurückliefern – welcher Idiot baut solche Libs?»
Der Ingenieur nickte nur peinlich berührt und wusste offenbar nicht, was er dem entgegensetzen sollte. Patrik wurde hellhörig: «Ist das die Ursache für die Lücke – oder Lücken -, die Sie gefunden haben?»
Seeko beschwichtigte. «Nein, das wurde mit Workarounds umschifft. Das macht den Code zwar umständlicher und unübersichtlicher, aber nicht per se unsicherer.»
«Allerdings ist nicht auszuschließen, dass während der Entwicklungszeit größere Folgefehler aufgetreten sind, die zu beseitigen mehr Zeit in Anspruch nahm und die Kosten nach oben trieben.», ergänzte Geale. Der Ingenieur sah zu Boden.
«Dann erklären Sie es mal!», forderte Wolfman die beiden Hacker auf.
Geale winkte ab. «Nein. Erst demonstrieren wir Ihnen, dass es möglich ist, diese Lücke auszunutzen, und vor allem wie. Danach zeigen wir Ihnen die Ursache dafür und beweisen, dass die Lücke ausgenutzt wurde. Schließlich ist Ihre Arbeit hiermit nicht getan. Sie wollen doch den oder die Täter fassen und weitere Unfälle vermeiden, nehme ich an?»
Patrik und Jaylo nickten, Wolfman verzog den Mund. «Also schön.»

Eine halbe Stunde später waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Ein Road Train, angeführt von einem LKW, ging mit drei Fahrzeugen im Schlepptau auf eine Runde um die Strecke. Am Ende des Road Trains, der sich langsam formierte, schloss sich Jaylo als letzter Fahrer im STT Kidd an. Auf der zweiten Runde kam ein Road Train aus zwei Kapseln hinzu, mit Patrik als Fahrer und Geale als Beifahrer vorne. Wolfman stand mit Seeko und dem Ingenieur auf dem Kontrollstand. Diese Runde diente der Überprüfung aller Setups.
«Wenn sie wieder auf die Zielgeraden kommen, geht’s los. Wir fangen klein an, Herr Reinhardt. Was sollen wir als erstes tun?»
Wolfman zuckte mit den Schultern und blähte die Backen auf. «Der Kidd soll sich dem anderen Road Train anschließen.»
Seeko nickte und gab es per Funk durch. Geale bestätigte. Die Trains näherten sich dem Kommandostand, als Geale sich über Funk meldete: «Bereit! In 5… 4… 3… 2… 1… jetzt!»
Den Befehl hatte Geale eingegeben und schickte ihn nur noch ab, wie Patrik aufmerksam mit Seitenblicken beobachtete. Plötzlich wurde der Kidd langsamer, der Abstand zu seinem RoadTrain vergrößerte sich. Und just in dem Moment, da Jaylo funkte, er mache nichts und bekomme lediglich eine Warnung des Bordcomputers erhielt, zog der Kidd nach links herüber hinter einen Audi eStar2, verkündete den Uplink zum Führungsfahrzeug, das Patrik steuerte, und schloss auf. Wolfman blieb der Mund offen stehen, und den Ingenieur Wanczak wich die Farbe aus dem Gesicht. Seeko lächelte zufrieden. Jaylo wiederholte seine Meldung, und Patrik bestätigte. Von Geale kam lediglich ein lapidares «Ups…».
«Was „Ups“?», fragte Patrik.
«Ich hab vergessen, die Meldung stummzustellen. Moment.» Er tippte, und kurz darauf wechselte der Kidd wieder von Geisterhand zurück in den anderen Road Train. Ohne Warnung.

Das mussten die Ermittler erstmal sacken lassen, nur Patrik nicht. Wolfman wollte eine Bestätigung und forderte Geale auf, den Kidd ausscheren zu lassen und vor dem Kommandostand zu stoppen. Auf der nächsten Runde tat die Kapsel genau das, fuhr wieder an, drehte zwei Kreisel, die so unvermittelt kamen, dass Jaylo sich beinahe übergeben musste. Dann raste er auf den Road Train zu, um sich ihm wieder anzuschließen, so als sei nichts gewesen. Geale und Seeko lächelten zufrieden.
Beide Road Trains kehrten in die Boxengasse zurück. Nachdem der STT Kidd eine andere Firmware-Version bekommen hatte, wiederholten sie die Tests. Die Prüfungsmuster wurden bestätigt. Auch bei der dritten involvierten Firmware-Version konnte die Problemstellung reproduziert werden, sie entpuppte sich ebenfalls als schadhaft. Dann versuchten sie es noch einmal mit aktueller Firmware, nachdem der vom Ausmaß des Problems zunehmend entsetzte Mathieu Wanczak darum gebeten hatte. Das Resultat war kein anderes.

«Bleibt noch ein letzter Test…», sagte Patrik, nachdem sich alle wieder in der Boxengasse versammelt hatten. Zusammen bauten sie auf der Strecke hinter dem Kommandostand eine Mauer aus Kartons auf. Danach wollten sie den ultimativen Beweis erbringen. Der Road Train bog auf die Zielgerade ein. Geale ließ den STT Kidd mit einem entsprechend präparierten Testfahrer ausscheren, steuerte ihn direkt auf die Kartonwand zu – und die Kapsel rauschte glatt hindurch. Die Pappkartons flogen meterweit und verstreuten sich auf dem Asphalt. Einer traf auch den Chevy Cap, der den zweiten Road Train anführte. Patrik am Steuer erschrak heftig, als der 1 Meter mal 1 Meter große Karton die Windschutzscheibe traf und von ihr abprallte, und hätte beinahe das Steuer verrissen.

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