Road Train

– Analyse –

Patrik war ungeduldig. «Wie lange brauchen Sie noch?» Der Hacker ignorierte ihn. Und das machte Patrik nur noch ungeduldiger. Sie waren bereits zwölf Tage am Nürburgring. Sie hatten die alte Rennstrecke, die nur noch Nostalgiker kannten und die langsam, aber sicher verfiel, schon eine ganze Weile in Beschlag genommen, und Presse und umliegende Anwohner begannen sich dafür zu interessieren, weshalb der Ring gesperrt war, trotzdem aber täglich Fahrzeuge und Lastträger an- und abfuhren, obwohl dort kaum etwas passierte. Gerade erst hatte er einen Reporter vom Mannheimer Morgen abwimmeln müssen, mit einer zugegebenermaßen lahmen, aber zumindest in dieser Lahmheit wirksamen Erklärung: Der Journalist würde nachforschen müssen, und das zögerte den Bericht noch etwas hinaus. Würden sie hier ohne Ergebnis abfahren und irgend ein Medium dennoch berichten, worum es ging, würde sich STT beim Ministerium beschweren, und das wiederum würde die Leute der Sonderermittlungsgruppe zusammenfalten. Bestenfalls.

Patrik stand auf, ging zum Tisch, an dem Kevin Martin alias Geale saß, und sah ihm über die Schulter. Geale wirkte abwesend. Patrik reichte es. Er schlug heftig mit der flachen Hand auf den Tisch, und der Hacker fuhr so zusammen, dass er beinahe vom Stuhl gefallen wäre. Er sah ihn entgeistert an. «Was zum Geier…?»
«Ich habe Sie gefragt, wie lange Sie noch brauchen! Und ich erwarte eine Antwort.»
Verlegen blickte Geale auf den Bildschirm. «Ich bin den Sourcecode schon zum vierten Mal durchgegangen. Entweder liegt es nicht an der Firmware, oder STT hält was zurück.»
Das war nicht die Antwort, auf die Patrik gehofft hatte. «Was soll das heißen?»
«Das heißt, dass es im gesamten Quellcode keine Möglichkeit gibt, Steuerbefehle einzuschleusen. Weder in den Basisfunktionen noch in den Schnittstellen. Wenn Seeko nichts in den angeschlossenen Systemen findet, gibt es keine Lücke.»

Die Spur war nicht nur kalt, sie war tot. Patrik atmete tief durch, fixierte einen Punkt auf dem Boden. «Und da sind Sie sicher? Es wäre doch schade, wenn Sie nur schlampig gewesen wären und deshalb zurück in die SEVA müssten…»
Doch auch diese unverhohlene Drohung verpuffte. Das sah Patrik schon an Geales Blick. Der antwortete giftig. «IDE und Sprache sind zwar neu für mich, aber ich verstehe genug davon, um das beurteilen zu können! Also ja, ich bin sicher!»

Patrik zückte sein Telefon, und zwei Sekunden später hatte er Wolfman dran. «Nichts.»
Wolfman antwortete sofort. «Hier auch nicht. Seeko sagt, das ICN ist sauber, und das Eventlogging auch. RTN ebenso. Keine Einfallstore. Keine Buffer Overflows oder Buffer Underruns.» Keine Pufferüberläufe, keine beim Lesen unerwartet leeren Puffer. «Und keine unerwarteten Stati. Die werden alle sauber abgefangen mit Cases oder bereichsgeprüft.» Auf deutsch: Wann immer Daten an die verwendeten Schnittstellen gesendet wurden, wurden diese überprüft, ob sie entweder zu den erwarteten und behandelten Daten gehörten oder ob sie zumindest den Datentypen entsprachen, also ob tatsächlich da, wo ein Ganzzahlwert erwartet wurde, es auch ein Ganzzahlwert war und keiner mit Nachkommastelle oder gar eine Zeichenkette aus Buchstaben und Steuerzeichen.
«Verdammt!» Patrik schüttelte den Kopf. Er trennte die Verbindung und setzte sich. Geale sah ihn an, wendete sich dann aber ab und starrte aus dem Fenster ins Leere. Kurz darauf kamen Wolfman und Seeko herein und nahmen schweigend Platz. In den Tagen hier hatten sie erst so richtig begriffen, worum es ging, und ja, Patrik konnte ihnen das nötige Engagement nicht absprechen. Aber wo nichts war, war nichts zu finden.

Eine Weile saßen sie schweigend auf ihren Stühlen. Dann stand Seeko auf und ging zum Fenster, öffnete es einen Spalt.
«Ja, gute Idee, Yavuz. Ich brauche auch frische Luft…», sagte Geale und gesellte sich zu ihm.
Auf der früheren Zielgeraden der Grand-Prix-Strecke liefen Tests mit dem Road Train und einigen Kapseln, darunter auch der testweise akquirierte STT Kidd. Auf einem ehemaligen Leitstand an der Boxenmauer standen der STT-Ingenieur und Kommissar Jaylo Kamizaki und überwachten die Tests. Sie hatten damit angefangen, um überhaupt etwas zu tun, während die beiden Hacker sich in die Programmiersprache eingearbeitet und Lücken im Quellcode der drei Kidd-Firmware-Versionen gesucht hatten.
Seeko und Geale blickten auf das Geschehen, als der Road Train, bestehend aus einem führenden Ford Pasadena und mehreren weiteren Kapseln, eine weitere Runde begann. Dabei scherte der Pasadena vorn in die Boxengasse aus und verringerte das Tempo, nur um die Gasse zu durchfahren und sich hinten wieder anzuschließen. Das alles funktionierte problemlos, auch die Übernahme der Führung durch den STT Kidd. Die Abstände stimmten, Richtungs- und Geschwindigkeitsänderungen wurden wie erwartet vollzogen.

Doch plötzlich änderte sich der Gesichtsausdruck bei Seeko bei einer weiteren schweigend beobachteten Durchfahrt. Und im gleichen Moment weiteten sich auch die Augen bei Geale. Wie in einem schlechten Film drehten sie ruckartig die Gesichter einander zu und riefen synchron: «Die Telemetrie !!!»
Patrik sah überrascht von seinem Pad auf, auf dem er den Bericht für den Verkehrsminister formulierte, und sah mit hochgezogenen Augenbrauen, wie Seeko und Geale wie von der Tarantel gestochen ihre mobilen Terminals griffen, während sie aus dem Raum stürmten. Patrik und Wolfman eilten wortlos hinterher.

Eineinhalb Stunden und einen Disput mit STT-Ingenieur Mathieu Wanczek später brüteten die beiden Spezialisten über dem Quelltext des Telemetriemoduls. Doch anders als zuvor waren beide motiviert. Patrik sah ihnen zu, wie ihre Hände über die Pads hin- und herflogen. Obwohl sie im gleichen Raum waren, schien jeder in seiner eigenen Welt gefangen. Und dann, nach nicht mal zwei Stunden, zerriss Seekos Ausruf die Stille: «Ich glaub‘, ich hab’s!»
Es war nur ein Hauch von Reaktion bei Geale, und fast wäre es Patrik entgangen. Seeko nicht, obwohl er nicht mal aufgesehen hatte. «3022. Ein 16-MB-Buffer, fix adressiert, direkter Zugriff.»
Geale dachte wenige Sekunden nach. «Bestätigt. Hast Du den Aufruf?»
Seeko schüttelte unmerklich den Kopf. Kurz darauf rief Geale: «Ich hab‘ ihn: 6139.»
«Ja.», bestätigte Yavuz Kartal kurz darauf. Es ging Schlag auf Schlag. Von den Ermittlern verstand keiner auch nur ein Wort.
«Ich guck‘ mal, wo der Einsprungspunkt ist.», sagte Geale, und wenig später hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte.
«FTT6?», fragte Seeko – wobei das mehr nach einer Feststellung klang.
Kevin Martin reagierte nicht mal, und doch war es offensichtlich, dass seinem Mitstreiter dies als Bestätigung reichte. Die nonverbale Kommunination der beiden war, das musste Patrik sich eingestehen, noch eindrucksvoller als die Programmierkünste. Statt dessen fragte Seeko nach dem Speicherbereich und erhielt umgehend Antwort: «Cluster 10.354.688 bis 10.616.831.»
Während er sich durch den Quellcode der Firmware fraß, kehrte wieder atemlose Stille ein. Man hätte eine Staubmilbe husten hören können, wären da nicht die einzigen Geräuschquellen gewesen: Das Tippen der Finger auf den Pads der beiden Hacker.

Fast wie auf ein geheimes Zeichen hin – und Patrik war sich sicher, dass es keines gegeben hatte, was den Gleichklang noch beeindruckender machte, erhoben sich Seeko und Geale von ihren Plätzen. Kartal warf Martin sein Pad zu, und sein Partner fing es mit einer Hand. Daraufhin erklärte der Werfer den verdutzten Ermittlern: «Vier Stunden. Zwei Kannen Kaffee, ein großes Blech Pizza – Salami, Schinken, Paprika, Zwiebeln, doppelt Käse; eine Hälfte zusätzlich mit ganzen Chilischoten ohne Stiel. Und Schokoriegel – egal welche, aber zehn Stück mindestens.»

Die Blicke der Ermittler sprachen Bände. Patrik war einfach überrascht, Wolfman hingegen misstrauisch. Und Jaylo wirkte wie aus seinen Gedanken gerissen, sah ihn einfach nur mit hochgezogenen Augenbrauen an.
«Je eher alles da ist, desto eher können wir beweisen, wie das mit den Unfällen gelaufen ist. Aber dazu brauchen wir das jetzt. Das war schon früher so. Genau so. Wir wären früher geschnappt worden, hätte die Polizei das damals gewusst…» Kartal schien sich darüber zu amüsieren.
«Und wir brauchen den PowerFrame, das MBook und alles andere von unserer Liste.», merkte Geale an. «Ich setze mich an den PowerFrame für die Crackware. Seeko modifiziert das MBook so, dass man damit einen Kidd knacken kann. Alles klar? Können wir dann?»

Den drei Offiziellen gefiel es ganz und gar nicht, Befehlsempfänger zweier Sicherungsverwahrter zu sein. Wolfman wollte etwas erwidern, doch Patrik hielt ihn zurück und nickte den beiden Hackern zu. Um die Essensbesorgung würde er sich persönlich kümmern – dann hatte er wenigstens was zu tun. Wolfman würde Geale auf die Finger sehen und Jaylo Seeko. Wanczek schickten sie am späten Nachmittag mit einem Fahrer ins Hotel zurück.

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