Road Train

– Überzeugung –

Die „Sondereinrichtung Verwahrung Auetal“, kurz SEVA, lag inmitten eines früheren Villenviertels. Wo einst die Reichen unter sich waren, hatte die Wirtschaftskrise Anfang der 20er Jahre einen Exodus veranstaltet, nachdem die 2009 begonnene Finanzmarktkrise noch nicht mal beendet war. Viele Grundstücke in besten Lagen fielen durch Steuerschulden an Staat oder Stadt, davor waren auch die einst Begüterten nicht gefeit. Und so verwertete die Stadt naheliegenderweise die unverkäuflichen Flächen selbst. Anstelle zweier Villen war in dieser grünen städtischen Flussaue die SEVA entstanden, eine Wohnanlage für Sicherungsverwahrte. Menschen wie Geale und Seeko.

Wolfman war unbewaffnet ins Auetal gefahren – nur wenn die beiden Hacker Computerzugang bekamen, waren sie gefährlich. Einfach abhauen, sobald sie ihm übergeben waren, würden sie nicht, da war er sich sicher. Zumal er ja ein gutes Angebot hatte.
«Und woher wissen wir, dass das kein Trick ist, um uns wieder in den normalen Vollzug zu kriegen?»
Mit Geales Misstrauen hatte er gerechnet, und so fiel es ihm leicht, sich ein müdes Lächeln abzuringen. «Mit einer richterlichen Verfügung? Ich will, dass Sie mir helfen, mögliche 76 Morde aufzuklären. Wozu sollte ich Sie zurück in den Knast bringen wollen? Sie beide sind auch jetzt schon keine Gefahr mehr…»
«Und was ist für uns drin?» Seekos Frage hatte etwas Inquisitorisches.
«Freiheit.»

Dieses Wort ließ beide schlagartig nachdenken. Doch das Misstrauen verschwand nicht von ihren Gesichtern. Also legte Wolfman nach. «Mir persönlich ist es scheißegal, ob Sie hier drin verrecken. Ich glaube eh‘ nicht an die These vom Hacker. Aber mein Boss glaubt daran. Sollte er Recht haben, können uns sicher auch andere Hacker helfen. Aber er will Sie. Es sterben Menschen. Das muss aufhören. Und Sie beide haben nie jemandem schaden wollen. Das sagten Sie jedenfalls im Prozess.»
«Wir haben das Leck bei den Banken entdeckt, und als die nicht auf unsere Hinweise reagiert haben, haben wir die Verwundbarkeit ihrer Systeme bewiesen und es an die Öffentlichkeit gebracht!» In Seekos Stimme schwang Stolz mit.
«Und wurden dafür weggesperrt wie Tiere!», ergänzte Geale mit Bitternis in der Stimme.
«Jetzt haben Sie die Chance, Menschenleben zu retten und jemanden aus dem Verkehr zu ziehen, der Ihre ethischen Grundsätze pervertiert! Dem es nicht nur darum geht, zu beweisen, dass es möglich ist, ein System zu kompromittieren, sondern der es ausnutzt, um anderen den größtmöglichen Schaden zuzufügen.»
Seeko und Geale sahen einander wortlos an. Sie schienen zu überlegen und mit den Augen geradezu zu diskutieren. Wolfman holte ein Pad heraus und legte es auf den Tisch. «Ich bin in zehn Minuten wieder da. Schreiben Sie auf, welche Arbeitsmittel Sie brauchen.» Dann verließ er den Raum.

Als er mit den beiden Hackern in der Zentrale ankam, empfing sie Patrik auf dem Flur. «Bring sie in die 412, dann komm zu uns. Bevor wir uns mit den beiden befassen, muss ich Dir noch was zeigen.» Es klang wichtig.
Wolfman stutzte, tat aber, wie ihm geheißen. Wieder im Büro sah er seinen Vorgesetzten irritiert an. «Du weißt, dass Du die beiden mit zwei Rechnern alleine lässt?» Patrik lächelte nur kurz und nickte. «Nicht, dass die sich bei uns reinhacken!» Doch der SEG-Leiter sah nur stumm auf seine Uhr.

Auf einem Monitor sahen beide zu, was Geale und Seeko in dem Zimmer am Ende des Flurs taten. Einige Minuten lang saßen Kevin Martin und Yavuz Kartal nur da. Seeko entdeckte die Kamera zuerst und schien zu überlegen. Dann begann er herumzugehen, und als er im toten Winkel war, wurde das Bild plötzlich schwarz. Wolfman wollte aufspringen, doch Patrik hielt ihn schmunzelnd zurück. Dann sah er auf seine Uhr und verzog etwas den Mund, ehe er auf das Bild einer weniger offensichtlich angebrachten Kamera umschaltete.
Dort sahen beide schweigend zu, wie Geale und Seeko sich an den beiden Rechnern zu schaffen machten und zu tippen begannen. Obwohl beiden die Systeme durch den jahrzehntelangen Aufenthalt im Gefängnis und der SEVA fremd sein mussten, dauerte es nicht lange, bis sie die Passwortsperren erkennbar überwunden hatten.
Jaylo, der inzwischen ebenfalls eingetroffen war, sah beunruhigt zu und wies darauf hin, dass sich Seeko Zugriff aufs Netzwerk verschafft hatte und jetzt die Datenbank sabotieren konnte. Doch Patrik winkte beschwichtigend ab.

Keine zwei Minuten später ging eine ohrenbetäubende Sirene los und schrie das ganze Gebäude zusammen. Im Flur gingen schlagartig alle Türen auf, um zu sehen, was los war. Die beiden Hacker auf dem Monitor wurden hektisch, auch Jaylo und Wolfman stürzten zum Flur und sahen in Richtung Raum 412, aus dem die Sirene zu kommen schien. Einzig Patrik saß entspannt auf seinem Stuhl und sah demonstrativ auf die Uhr, als sich Wolfman zu ihm umdrehte. Patrik zog die Augenbrauen hoch, erhob sich und ging gemächlichen Schrittes auf das Büro zu, in dem Geale und Seeko noch immer versuchten, den Alarm abzustellen, den ihr Einbruchsversuch ausgelöst hatte. Als der SEG-Chef eintrat, schreckte keiner der beiden hoch, sondern beide tippten wild herum. Patrik schob sich an Seeko vorbei, zog einen Stecker aus der Steckdose an der Wand, und schlagartig war Ruhe. Den entgeisterten Blicken der Hacker begegnete er mit einem Lächeln.
«Bitte nehmen Sie wieder Platz.», forderte er sie freundlich auf.
Während Seeko die Farbe aus dem Gesicht wich, sank Geale in sich zusammen. «Okay, Sie haben uns erwischt. Sie können uns wieder in den Knast bringen. Sind Sie zufrieden?», sagte er genervt.
Verwundert sah Patrik ihn an. «Warum? Wenn ich das wollte, hätte ich das auch anders arrangieren können. Wieso sollte ich?»
Wolfman, der in der Tür aufgetaucht war, wirkte nicht weniger irritiert als die Sicherungsverwahrten, sagte aber nur: «Das habe ich Ihnen schon in der SEVA erklärt…»

Nachdem Jaylo hinter Wolfman und sich die Tür geschlossen und sich neben den Kollegen an die Tür gesetzt hatte, setzte Patrik erneut an. «Sie haben nichts verlernt, Kompliment! Und das, obwohl sie so lange aus dem Verkehr gezogen wurden. Oder haben Sie sich der Systeme in der SEVA angenommen, um für besseres Essen, größere Rationen und mehr Fernsehkanäle zu sorgen?»
Geale begriff als Erster. «Das war ein Test!»
«Natürlich.» Patrik sagte es so trocken, dass keiner im Raum etwas zu sagen wagte. «Wenn ich schon zwei Hackern den Rückweg in die Freiheit offeriere, muss ich doch auch sehen, ob sie überhaupt helfen können…»
«Und das Netz war auch nicht echt.» Seeko schaltete kaum weniger schnell als sein Kumpan.
«Ich weiß, Sie halten wenig von der Polizei, aber dass ich zwei Kriminellen, zwei verurteilten Straftätern, es gestatte, sich minutenlang allein in einem Büro aufzuhalten, in dem sie sich Zugriff auf die Polizeidatenbanken verschaffen können…» Patrik hielt kurz inne und fuhr dann fort. «… wird nicht passieren. So dumm sind wir hier nicht.» Er grinste beide an. «Das war eine virtualisierte Umgebung mit simulierten Servern und Workstations. Kein Netzzugang. Die Wireless-Schnittstellen haben wir vorher ausgebaut, und selbst mit den Netzwerkkabeln hätten Sie nichts anstellen können – die Leitungen habe ich vorher abklemmen lassen. Nichts hier ist echt. Außer mir und meinen Kollegen.»

«Verraten Sie uns endlich, worum es geht?» Geale wurde ungeduldig.
«Ja, sofort. Aber erst signieren Sie diese Verschwiegenheitserklärungen. Sie werden nie – und ich meine nie! – über irgend etwas außerhalb dieser Ermittlungsgruppe sprechen, das sie hier erfahren haben. Wenn doch, sind Ihre Entlassungen aus der SEVA null and void, und Sie fahren wieder ins Gefängnis ein! Vielleicht erlaubt Ihnen das Ministerium irgendwann eine Publikation zu dem Fall, aber bis dahin reden Sie nur mit uns darüber. Haben Sie verstanden?»
Geale und Seeko unterzeichneten ohne Zögern. Danach sprach Wolfman auf Patriks Aufforderung hin über das, was er den beiden bisher erklärt hatte. Patrik vervollständigte das Bild.
«Und wir sollen jetzt … was genau?» Seeko war kein Kriminologe, daher wunderte sich Patrik nicht über die Frage, trotz des analytischen Geists des Hackers.
«Sie beide reisen mit den Kommissaren Reinhardt, Kamizaki und mir morgen früh nach Dreis-Brück. Auf dem Nürburgring stehen uns mehrere Testkapseln samt aller Module zur Verfügung. Wir treffen da auf einen Ingenieur von STT, der die in den unfallverursachenden Kapseln jeweils die verwendete Firmware einspielen kann. Sie beide werden sich mithilfe der Werksdokumentationen in den Quellcode einlesen und dann nach Wegen und Möglichkeiten suchen, die Firmware des Kidd zu knacken. Wenn Sie was finden, dokumentieren Sie, wie Sie das geschafft haben, welche Lücken Sie gefunden haben. Sie entwickeln ein Proof Of Concept. Und dann testen wir.»
«Wir sollen einen STT Kidd crashen lassen, in einem Road Train?», fragte Seeko verwirrt.
Jaylo schüttelte den Kopf. «Nein. Sie sollen die Steuerung übernehmen: Abschalten der Road Train-Kontrolle ohne Warnung, manuelle Steuerbefehle ohne Warntöne, den Kidd aus dem Train ziehen und meinetwegen ruckartig anhalten. Und natürlich die entsprechenden Logs löschen und Ihr Eingreifen verschleiern.»
«Wir sagen Ihnen dann schon exakt, was Sie dem korrumpierten Kidd an Steuerbefehlen geben sollen.», ergänzte Patrik.

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