Road Train

– Widerstände –

Ein Wort, und Patrik hatte die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Im Büro war es mucksmäuschenstill, so dass man eine Milbe hätte furzen hören können. Doch Patrik erntete für seinen Verdacht nur bedauernde und genervte Blicke von seinen jüngeren Kollegen. Patrik, der Technikfeind …
«Hacker?» Wolfman war der erste, der sprach, aber das war mehr abwertend als fragend gemeint.
«Bullshit!», platzte Jaylo heraus.

Und da war es wieder: Die Ungläubigkeit der Adopters… Patrik war über 50, mehr als 20 Jahre älter als Wolfman und Jaylo. Er hatte mehr Erfahrung, das größere Wissen über Zusammenhänge, und trotzdem sahen die jungen Hüpfer, die ihm unterstellt waren, auf ihn herab, weil er „nur“ ein Digital Native war. Für sie war er der alte Kauz, der neuer Technik nicht vertraute, sie ablehnte, weil sie seinen Horizont übersteigen würde, und weil er gedanklich vor dreißig Jahren leben würde.
«Ja was?» Patrik reagierte ärgerlich darüber, nicht ernstgenommen zu werden, und sein höherer Dienstrang spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. «Ist Euch ein letaler Serienfehler an 4,5 Millionen Fahrzeugen lieber? Was soll es sonst sein?»
Damit brachte er sie kurz zum Nachdenken, aber sie verwarfen die Gedanken gleich wieder.
«Fahrfehler.», meinte Wolfman schulterzuckend.
«Fahrfehler?» Jetzt spielte Patrik das abwertende Echo.
Wolfman nickte. «Was sonst?»
«Fahrfehler?», wiederholte Patrik, «Von jemandem, der gar nicht fährt?»

Sein Einwand war berechtigt, das wusste er. Laut der Blackboxen war in keinem der Fälle, mit denen sich die Sonderermittlungsgruppe „Jean-Paul“ beschäftigte, ein Fahrereingriff vor dem Unfall protokolliert worden. Auch die RTLs, die Road Train Leader hatten keine Eingriffe vorgenommen.
«Und woher sollten die so plötzlich kommen?»

Auch dieser Einwand war begründet. Die SEG war vom Bundesverkehrsminister gegründet worden, nachdem binnen eines Jahres acht schwere Unfälle passiert waren. Vierundsiebzig Menschen waren dabei ums Leben gekommen, mehr als die Hälfte der jährlichen Verkehrstoten überhaupt. Vor allem waren so signifikante Unfälle geschehen, die gar nicht vorkommen durften: Massenkarambolagen auf Autobahnen. Das hatte es seit 2029 nicht mehr gegeben. Die eine oder andere Kapsel blieb mal liegen, wegen eines Kurzschlusses oder eines Wartungsfehlers, ja. Und trotz der Bremsautomatik kam es durch Fehlverhalten Nichtmotorisierter immer wieder mal zu Karambolagen, auch zu tödlichen. Aber diese ereigneten sich fast immer innerorts. Aber seitdem Anfang des 21. Jahrhunderts autonome Fahrsysteme auf der einen und im Rahmen des EU-Projekts SARTRE vernetzte Fahrzeugkolonnen auf der anderen Seite entwickelt und ein Jahrzehnt später eingeführt worden waren, war die Zahl der tödlichen Autounfälle kontinuierlich gesunken, bis auf null im Jahr 2031. Bis vor einem Jahr.

Die ersten beiden Unfälle, die jeweils von STT Kidds ausgelöst worden waren und sechs Todesopfer forderten, waren noch auf Bedienfehler zurückgeführt worden, aber nach einem dritten Crash mit Beteiligung des Modularsitzers hatte man einen unbekannten Serienfehler angenommen und nach und nach alle Fahrzeuge mitsamt aller ihrer Module – Beifahrerplatz, Rückbank- und Laderaummodulen – in die Werkstätten zurückgerufen. In den Blackboxen gab es keinen Hinweis auf Fehlfunktionen der Steuer-, Abstands- und Geschwindigkeitskontrolle, und die Protokolle wiesen auch nicht auf Fehler in der ASC, der Fahrsituationserkennung hin, die bei koordinierter Fahrt im Konvoi auf sämtliche Abweichungen reagierte. Auch auf fehlerhafte Signale der RTLs wies nichts hin. Selbst bei einer Signalstörung von mehr als einer halben Sekunde steuerte das Fahrzeug noch mindestens zehn Sekunden lang autonom nach Verkehrslage und warnte den Fahrer, dass er übernehmen müsse. Doch auch das war nicht passiert – sagten die Logdateien. Aber was war der Grund für die acht Unfälle mit so vielen Todesopfern?

«Hacker – das ist genauso Bullshit!» Wolfman beharrte auf seinem Standpunkt. «Wie soll das gehen?»
«Da kommt doch keiner rein.», pflichtete ihm Jaylo bei.
Patrik sah sie fassungslos an. «Na, über RTN zum Beispiel! Da implementiert jeder Hersteller autonom ohne Standardkomponenten das RTN-Protokoll. Eine Lücke in der Firmware, und das Ding ist offen wie Polen!»
RTN, damit meinte Patrik das Road Train Network, mit dem sich hintereinander positionierte Kapseln vernetzten und dann computergesteuert dem Master-Fahrzeug folgten. Durch die Kommunikation untereinander hielten alle konstante Geschwindigkeit und Abstände und reagierten auch zeitgleich auf Ereignisse, so dass sie Unfälle verhindern konnten. Scherte ein Fahrzeug aus, verkürzten sie dank Schwarmintelligenz automatisch wieder die Abstände. Ein geniales System – eigentlich. Aber auch schon vom Reißbrett her eine potenzielle Schwachstelle.

«Ach, und wie sollte man das kompromittieren? RTN vernetzt nur untereinander. Und an das NC-Modul kommt keiner ran, weder per Hardware noch softwareseitig.» Wolfman ließ sich nicht überzeugen.
«Wolf hat recht: Das NC-Modul ist so gut gesichert, das kann man nicht mal bei seiner eigenen Kapsel kompromittieren.» Jaylo war ebenso störrisch, doch Patrik ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
«Aber die Leiterbahnen sind nicht abgeschottet. Die gehen aus der NC raus – und rein. Pack ein Steuergerät dazwischen, das illegale Signale sendet, und du kannst Lücken im RTN anderer Fahrzeuge knacken.»
«Da würden aber andere Fahrzeuge den Broadcast aufzeichnen. Dann hätten die Blackboxen im Ford Dynamo oder Tesla Whiz was protokolliert. Da war nichts!» Dieser Einwand von Wolfman war stichhaltig.
«Dann eben über ICN! Das hat auch eine Schnittstelle, und die wird vielleicht nicht protokolliert, wenn es ein Hacker darauf anlegt…»
«Ja gut, aber…» Wolfman musste nachdenken und verstummte. «Wie realistisch ist das?»
Patrik wollte antworten, da fuhr Jaylo dazwischen. «Da wir keine anderen Arbeitsthesen haben… oder hast Du eine andere Idee, Wolfman?»

Hatte er nicht. So ging Patrik zum zuständigen Staatsanwalt. «Herr Avari, ich brauche einige Verfügungen.»
«Gleich einige??» Avari sah ihn entgeistert an. «Geht es um die SEG?» Patrik nickte. Der Staatsanwalt nahm sein Pad und seufzte: «Schießen Sie los…»
«Also, ich brauche zunächst mal einen STT Kidd vom Hersteller. Dann brauche ich einen STT-FE zum Aufspielen mehrerer Firmwareversionen auf den besagten Kidd sowie Zugang zu den Quelltexten der bei den Unfallkapseln verwendeten Firmware. Das sind die Versionsnummern WB acht Strich zwoundzwanzig siebenundvierzig Strich eins, WB acht Strich zwanzig zweiunddreißig Strich vier und WB sieben Strich achtundfünfzig zwoundzwanzig Strich drei.»
Avari verzog den Mund, nickte aber schweigend.
«Dann brauche ich eine Sperrverfügung für den alten Nürburgring. Zwei Wochen sollten ausreichen.»
Avari blickte stirnrunzelnd auf, sagte aber wieder nichts.
Fast beiläufig sagte Patrik daraufhin: «Ach, und ich benötige noch Seeko und Geale… Die nötige Hard- und Software besorge ich aus dem Ermittlungsetat.»

Über Avaris Gesichtsausdruck hätte Patrik fast lachen müssen: Stirn in Falten, ein Auge geschlossen, das andere fixierend auf ihn gerichtet und den Mund verzogen schien der Staatsanwalt nachzudenken, ob ihm die beiden Namen geläufig waren.
«Wen?»
«Yavuz Kartal und Kevin Martin.»
Beim Staatsanwalt machte es klick. «Die beiden Terroristen ?!?»
Patrik nickte. «Die beiden Hacker
«Die sitzen in Sicherungsverwahrung.» Es klang nüchtern.
Patrik lächelte süffisant. «Ich weiß…»
Es dauerte ein paar Sekunden, dann antwortete Avari. «Vergessen Sie’s!» In seiner Stimme lag wieder die gewohnte Souveränität. «Die sind nicht ohne Grund nicht in Freiheit. Die haben Datenbanken der Sparkasse und der DPB geknackt -»
«… und dem Roten Kreuz 250.000 Mark überwiesen, ich weiß. Darum brauche ich sie.»
Avari verstand nicht. Also erklärte Patrik ihm, welchen Verdacht die SEG verfolgte.

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