Wiesenhof und der Bremer Hühnerhaufen

Hahn im Werder-Bremen-Trikot (Thema: Wiesenhof)Noch ist Sommerloch. Zwar wird in der 2. Bundesliga schon wieder gespielt, aber die 1. Liga steckt noch mitten in der Vorbereitung. Da wird in den Sportredaktionen nach jedem Thema gelechzt, das sich aufzutun vermag. Und sie haben eins gefunden!
Der SV Werder Bremen, dessen Fantrikots mit blanker Brust weggingen wie warme Semmeln, hat einen neuen Trikotsponsor gefunden. Dumm nur: Der hat ein äußerst schlechtes Image, das nun auf die Bremer abfärbt. Es handelt sich um die Marke „Wiesenhof“, genauer: Um die Wiesenhof Geflügel-Kontor GmbH aus dem oldenburgischen Visbek. Und das treibt selbst die Werder-Fans auf die Barrikaden.

Woher das schlechte Image von Wiesenhof kommt, ist eindeutig zu benennen. Als eines von vielen in der massenhaften Tierverarbeitung tätigen Unternehmen scheint es Wiesenhof Medienberichten zufolge mit Hygiene- und Tierschutzvorschriften nicht so genau zu nehmen, wie es die offen propagierten Vorschriften des Unternehmens für sich und seine Zulieferer den Anschein zu erwecken versuchen. Eine Mastelternfarm aus Twistringen wurde Anfang 2010 erwischt, wie Mitarbeiter massenhaft gegen Tierschutzrecht verstießen – Vorwürfe, die Wiesenhof einräumte. Die ARD-Sendung „Report Mainz“ berichtete darüber mehrfach, ebenso die Tierrechtsorganisation PeTA, deren Veröffentlichungen die PHW-Gruppe mittels einer Einstweiligen Verfügung am LG Hamburg zu stoppen versuchte. Auch darüber, dass Wiesenhof das als Einzelfall zu verkaufen und Schilderungen, dass die Abläufe in Twistringen System hätten, mittels Strafanzeigen unter den Teppich zu kehren versuchte. Die ARD widmete Wiesenhof 2011 noch eine weitere Sendung der Reihe „ARD Exclusiv“.

In diesem Jahr berichtet PeTA erneut, dieses Mal über die Entenmast im PHW-Tochterunternehmen Duck-Tec. Und es gibt weitere Vorwürfe ehemaliger Mitarbeiter bezüglich Hygienemängeln. So sollen in Möckern bei Magdeburg Hühnerbrustteile bei der Verpackung durch zu schnellen Takt auf dem Boden gelandet – und dennoch weiterverarbeitet worden sein. Im März legten Aufsichtsbehörden den Betrieb in Möckern still – nicht Wiesenhof selbst, wohlgemerkt! -, weil bei Umbauarbeiten offenbar Verschmutzungen in den Produktionsbetrieb gelangten.

Werder Bremen ficht das nicht an. Kolportierte sechs Millionen Euro im Jahr, garantiert von Vermarkter Infront Sports & Media (Präsident ist Philipp Blatter, der Neffe von FIFA-Boss Sepp Blatter – ein Schelm, der Böses dabei denkt…), scheinen ein ausreichendes Schmerzensgeld zu sein für ausbleibende Trikotverkäufe und den Imageverlust. Spannend wird es zu beobachten sein, wie andere Werder-Sponsoren reagieren werden, wenn ihre Namen im gleichen Atemzug genannt werden. Nike als Ausrüster beispielsweise, oder die Targo Bank (ehemals Citibank – die werden schlechte PR allerdings gewohnt sein), der Volkswagen-Konzern, der Lebensmittelkonzern Kraft Foods, dodenhof aus Kaltenkirchen oder die österreichische Zillertal Tourismus GmbH. Geschäftsführer Klaus Filbry und Manager Klaus Allofs stören nicht einmal Vereinsaustritte. Schließlich geht es um die Fußball-Bundesliga, also um knallhartes Geschäft, um Geld. Da muss man notfalls auch mal die Hure spielen.

Interessant wird es allerdings, wenn man sich mal die Äußerungen von Herrn Allofs so ansieht. Er nimmt nämlich Wiesenhof in Schutz, trotz der vielfältigen Presseberichte der vergangenen zwei Jahre. Er wird zitiert:

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

Ja, der Herr Allofs ist trotz seiner honorigen Erstlebenlaufbahn als Fußballer doch nicht so doof, wie man Fußballern vor allem seiner Altersklasse (dazu gehören auch Hirnakrobaten wie Lothar Matthäus, Kalle Rummenigge, Andi Brehme oder Norbert Meier – oder eben Klaus Allofs) gerne nachsagt. Aber offenbar scheint er die deutschen Fußballfans und vor allem die eigenen für so blöd zu halten. Dass er sowas sagen muss, ist klar. Kein Vereinsmanager kann es sich erlauben, seinem gerade neu erworbenen Sponsor schon bei der Präsentation ins Hemd zu kacken.

Man mag Allofs vieles vorwerfen können, aber er ist weder dumm noch ignorant. Allofs kennt die Berichterstattung über den Sponsor. Aber er sitzt zwischen Baum und Borke: Würde Werder gegen Wiesenhof ein Veto einlegen, könnte Infront – zu dessen Executive Directors auch Günter Netzer gehört, den Garantiebetrag kürzen, und das würde Werder Millionen kosten. Was auf lange Sicht teurer kommt – der Imageverlust oder die Kürzung des Garantiebetrages -, wird sich zeigen. Es wäre nicht die erste Fehleinschätzung von Allofs, der schon meinte, Mertesacker würde nicht zum FC Arsenal wechseln, bei Denni Avdic passe das Preis-Leistungs-Verhältnis, es sei Blödsinn, dass Mesut Özil den Bremern fehlen werde, und Marko Arnautovic sei ein guter Spieler, der zu Werder Bremen passe.

Trotzdem: Seine Aussage, sie hätten sich vor Ort überzeugt, ist so aus der Not geboren wie inhaltsleer. Keiner kann ernsthaft erwarten, die Bremer würden in einen Betrieb mitgenommen, in dem lauter tote Hühner auf ihrer eigenen Kacke verreckt sind und die Mitarbeiter die Tiere durch die Gegend treten und werfen würden. Entweder wurde in dem besichtigten Betrieb mal ausnahmsweise blitzsauber gearbeitet, bis die Werder-Delegation wieder verschwunden war, oder es handelte sich gleich um Lagerstätten und ähnliche Anlagen, die ohnehin mit Aufzucht, Haltung und Schlachtung von Tieren nichts zu tun hatten. Und selbst wenn Klaus Allofs Zeuge von Verstößen gegen das Tierschutzgesetz geworden wäre – wobei zu bezweifeln ist, ob er als gelernter Versicherungskaufmann überhaupt genug Kompetenz besitzt, das zu beurteilen -, hätte er das wohl kaum bei der Sponsorenvorstellung sagen können, ohne für einen Eklat zu sorgen.

Wiesenhof selbst kratzt das ohnehin nicht. Jedenfalls nicht öffentlich, dort wird der Schulterschluss geübt. Im Gegenteil: Nach der schlechten Presse der letzten Jahre brauchen sie dringend gute PR, und die erhoffen sie sich von Werder Bremen, nachdem Dieter Bohlen seinerzeit als Bruzzzler-Ikone absprang und auch die aktuelle Werbeikone Oliver Kahn von den eigenen Fans kritisiert wird. Das lässt sich die PHW-Gruppe gehörig was kosten. Auch wenn von 1.050 Teilnehmern einer Umfrage im Werder-Forum satte 73,81 Prozent der Meinung sind, Werder solle sich schämen.

Aber so ist es eben, das Business. Und Werder hatte schon früher unpopuläre Sponsoren, wie etwa kik. Schalke hat Gazprom, der VfL Bochum (ebenfalls früher kik) hat Netto, Frauen-Bundesligist 1.FFC Frankfurt trägt die teilverstaatlichte Commerzbank auf der Brust und Werder nun eben Wiesenhof. Irgendwann wird es noch weitere Sponsoren dieser Kategorie in der Bundesliga geben. Krauss-Maffei Wegmann wäre ein Kandidat mit dringendem Bedarf an positiver PR (man erinnere sich an den Leopard-2-Deal mit Saudi-Arabien). Denkbar wäre auch Heckler & Koch oder auch Monsanto. Die Geschäftsführung von Werder Bremen hat lediglich das Tor dafür etwas weiter aufgestoßen. Und die Zeiten, als die Trikotwerbung für eine Kondommarke wie „London“ noch ein Skandal war, sind lange her.

Herzlichst,
Euer Fuxi

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