EM beim ZDF – oder: Mit dem Zweiten schläft man besser

So, vier EM-Spieltage sind vorbei (und ich lag nur bei den Siegen für Kroatien und Russland richtig – ich sollte doch beim ESC bleiben ^.^), und irgendwie komme ich mir als „Kunde“ des künftigen „ARD-ZDF-Deutschlandfunk-Beitragsservice“ (Abkürzung für mich: „AZDefuBeis“) – heute und in Zukunft GEZ genannt – ziemlich verarscht vor. Okay, das Setting für die Berichterstattung ist ja nett gewählt: Auf Usedom am Strand, Großbildleinwand (aus geschätzten 50 Metern Entfernung sieht das so aus, als hätte man aus der hintersten Reihe schon auf dem Smartphone ein größeres Bild, aber da zählt ja der Herdentrieb) und eine Bühne im Wasser. Ja, da könnte man doch gut die EM-Berichterstattung drin versenken …

Jedenfalls ist das Geschwafel einer Katrin Müller-Hohenstein und ihres Sekundanten Oliver Kahn, dem man wohl Fußballsachverstand nachsagt, weil er mal bei Bayern war,  recht unerträglich. Was das ZDF mit der Analyse (Link geht zur Mediathek, d. h. in einer Woche ist der Beitrag „depubliziert“) wunderbar richtig macht, indem es die Spiele taktisch und grafisch aufbereitet und erklärt, warum beispielsweise das Spiel zwischen Frankreich und England so richtig scheiße war, macht dieser „Fußball-Sommergarten“ fürchterlich falsch. Glaubt man beim Zweiten ernsthaft, dass Euphorie beim – zahlenden – Zuschauer aufkommt, nur weil man die schwedische ESC-Gewinnerin Loreen ihr Liedchen „Euphoria“ vom Band trällern lässt, während sie dazu Lippenbewegungen macht?

Immerhin ist die Musik noch besser als das Geschwafel auf der Bühne, mit dem sich KHM und Kahn seit Jahren ein Geplänkel liefern, das wohl an Delling/Netzer angelegt ist – nur mit dem Unterschied, dass da tatsächlich Fußballsachverstand vorhanden war und vor allem Günter Netzer nicht mit Kritik sparte. So, wie es überraschenderweise auch Mehmet Scholl tut, der ja den Bewegungsdrang von Mario Gomez im Spiel gegen Portugal nicht zu Unrecht ironisch mit dem Satz kommentierte: „Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wundliegt und mal gewendet werden muss.“ Aber sowas geht natürlich nicht mit der deutschen Presse, die um – berechtigte – Kritik an einem an diesem Tage blinden Huhn, das eine Viertelstunde vor Schluss doch noch ein kopfballtorförmiges Korn fand, ein Riesen-Bohei machte. Die gute Nachricht dabei ist allerdings, dass man keine sechs oder sieben Millionen Euro im Jahr verdienen muss, um für die Journaille zum Helden zu werden: Man muss nur 75 Minuten lang blöd in der Gegend rum und dann einmal richtig stehen, und schon wird man zum unantastbaren Helden. Das sollte doch zu schaffen sein – das sollte jeder können, bis hin zu Ottfried Fischer.

Aber solche kritischen Betrachtungen oder gar Substanz darf man vom ZDF nicht erwarten. Eigentlich darf man vom Zweiten gar nichts erwarten – immerhin ist ein beliebter Beitrag in der ZDF-Mediathek: „Oliver Kahn gibt Twitter-Versprechen ab“. Ja, das sind die wichtigen Themen beim zwangsgeldfinanzierten Ostseeurlaub von KMH und Oli Kahn. Aber erwarten wir nicht auch zu viel von den beiden? Immerhin ist KMH eine Studienabbrecherin – und Anhängerin des 1. FC Nürnberg. Und Oli Kahn hat zwar früher schon mal entfernt was mit Fußball zu tun gehabt, aber auch eher nur dann, wenn es galt, den Ball möglichst weit vom eigenen Strafraum wegzudreschen. Von Taktik war er als Torwart ja nie betroffen. Mit Ball am Fuß war er ja hauptsächlich für den KSC, die Bayern und die Nationalelf selbst gefährlich – wenn er für sie spielte.

Aber die Kommentatoren machen es ja auch nicht besser. Es ist schon lustig, dass Thomas Wark beim Spiel zwischen Frankreich und England meinte, der französische Torwart Hugo Lloris habe eine Chance des französischen Verteidigers Alou Diarra vereitelt (in Wahrheit war es der englische Keeper Joe Hart – hach, es ist aber auch schwierig, aus zwei Torhütern den jeweils richtigen auszuknobeln…). Viel schlimmer ist es allerdings, wenn der Kommentator nicht in der Lage ist, eine Spielsituation richtig zu analysieren, beispielsweise wenn es an der Torauslinie einen Zweikampf gibt, der Ball ins Aus geht und der Kommentator behauptet, es gebe Eckball, wo die Bilder eindeutig zurücklaufende Angreifer zeigen und auch für den Fernsehzuschauer klar zu sehen war, dass der Schiedsrichterassistent mit seiner Fahne zum Fünfmeterraum wedelte. Wie in der 59. Minute des Spiels zwischen Frankreich und England, als Debuchy rechts Cole mit einem Ball zu eben jener Grundlinie überspielte und der Franzose dann den Zweikampf mit Lescott entsprechend verlor (Szene ab Spielminute 58:32, Video-Zeitindex 59:52). Dass Wark diese Szene auch noch mit dem Satz einleitet

„Es bleibt vieles Stückwerk, auch in dieser zweiten Halbzeit.“

kommt beinahe einer Vorahnung seiner darauffolgenden Kommentatorenleistung gleich. Das Schlimme ist, dass das nicht nur einmal passierte. Mindestens ebenso lustig ist dann die Erklärung von Wark, als er erkennt, dass es keinen Eckball für Frankreich geben werde: Weil der englische Verteidiger zweimal am Ball war… (sic!) Ich transskribiere mal die Äußerungen – fett markiert sind die Geschehnisse auf dem Platz:

(Querpass auf Malouda- Ballannahme, dann Doppelpass mit Nasri über zwei Meter)
„Es bleibt vieles Stückwerk, auch in dieser zweiten Halbzeit.“
(Querpass nach links auf Evra, Ballannahme und zurück zu Malouda, der wieder zu Nasri spielt)
„Nasri …“
(Nasri spielt rechts auf den Flügel auf Debuchy, der ungedeckt ist)
„Debuchy, nach langer Zeit mal wieder auf Rechtsaußen-Position …“
(Debuchy dribbelt gegen Englands Linksverteidiger Cole, schlägt vier Haken und einen Übersteiger Richtung Seitenlinie und …)
„Gestellt von Cole.“
(Debuchy spielt den Ball hinter Cole Richtung Torauslinie; Englands Verteidiger Lescott löst sich auf gleicher Höhe von seiner Position innerhalb des Strafraums, läuft zur Torauslinie und begibt sich in den Zweikampf mit dem Franzosen; der Ball landet nach einem Pressschlag im Toraus; beide Spieler heben den Arm, Lescott sieht zum Schiedsrichter-Assistenten, Debuchy zum Torlinien-Schiedsrichter, der drei Meter vom Geschehen entfernt ist)
„Und geklärt von Lescott.“
(Der Schiedsrichter-Assistent zeigt mit der Fahne zum Fünfmeterraum und damit Abstoß an, der Schiedsrichter deutet ebenfalls flach mit dem Arm dorthin, die Spieler orientieren sich Richtung Mittellinie und laufen auf die französische Hälfte zu)
„Immerhin: Ecke Frankreich.“
(Lescott im Bild, es folgt die einleitende Animation einer Zeitlupe)
„Auch nicht !?“
(Die Wiederholung zeigt eine Großaufnahme von Debuchy, wie er zur Torauslinie dem Ball hinterher eilt; Lescott kommt links im Bild hinzu, spielt den Ball mit dem linken Fuß nach rechts, trifft Debuchy, von dem der Ball wieder gegen den Fuß von Lescott abprallt; es ist nicht zu sehen, ob der Ball dann wieder Debuchy trifft, die Flugrichtung lässt dies jedoch zumindest erahnen)
„Da war Lescott zweimal am Ball, und da er als Letzter am Ball war, gibt’s keine Ecke.“
(Nun folgt eine Kamerafahrt vom dicken Bauch eines französischen Fans nach oben zum Gesicht, und man sieht, dass er die Augen geschlossen hat, zu schlafen scheint)

Ich bin mir fast sicher: Der französische Fan, der abschließend im Bild war, war der deutschen Sprache zumindest mächtig, saß direkt vor dem Reporterplatz von Thomas Wark und ist wegen dessen „Berichterstattung“ schlichtweg weggenickt

Andererseits: Kommt es beim ZDF wirklich auf das gesprochene Wort an? Eigentlich doch nicht. Bilder sind viel wichtiger und aussagekräftiger. Schließlich wird der Ton doch bei den meisten ZDF-Zuschauern ohnehin übertönt – vom Pfeifen des Hörgerätes…

Herzlichst,
Euer Fuxi

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: