Meine ESC-Prognose – 1. Halbfinale

Eigentlich bin ich ja kein großer Fan des Eurovision Song Contest. Allerdings befinden sich auch auf meinem MP3-Player einige Lieder, die in den letzten beiden Jahren dort aufgeführt wurden. Auch welche, die im Halbfinale ausgeschieden sind, wie beispielsweise „Ik ben verliefd (Sha-la-lie Sha-la-la)“ der Niederländerin Sieneke aus dem Jahr 2010. Denn so fürchterlich einige Auftritte auch im ersten Moment sein mögen, entpuppen sich viele davon auf das zweite oder dritte Hinhören durchaus als Perlen. Auch in diesem Jahr deuten sich durchaus interessante Dinge an – wobei ich am besten am ganzen ESC-Zirkus immer noch die unterhaltsame Berichterstattung der wackeren Journalisten Stefan Niggemeier und Lukas Heinser (BILDblog, oslog.tv, duslog.tv, bakublog.tv) finde. Darum habe ich mich entschlossen, mal vorzuhören und mal Tipps abzugeben, zunächst für das erste Halbfinale am Dienstag. Von 18 Teilnehmern erreichen zehn das Finale.

(1) Montenegro – Rambo Amadeus mit „Euro-Neuro“
Ziemlich gaga, aber geplant. Musikalisch schwer verdaulich trotz heimatlicher Klänge, stimmlich erinnert es sehr an Hape Kerkelings Verarsche von Milka Loff Fernandes damals bei VIVA in der R.I.P.Uli-Rolle. In einem getrieben wirkenden Synthisound übersteigt es den Ballaballa-Faktor selbst von Beiträgen wie Stefan Raabs „Wadde-hadde-dudde-da“ um Längen. Dazu dann noch das Motto „Reim Dich, oder ich fress Dich“… Beispiel?
„Don’t be sceptic, hermetic, pathetic, analphabetic“ Alles klaric?
Fazit: Ganz schwer einzuschätzen. Gerade durch den Gaga-Faktor kann das Ding der Totalflop werden oder auch bis in die Top-10 des Finales vorstoßen. Hört man’s 3-4 Male, wird’s zum Ohrwürmchen.
Tipp: Scheitert im Halbfinale.

(2) Island – Greta Salomé und Jónsi mit „Never Forget“
Greta Salomé und Jónsi sangen „Never Forget“ zuhause auf Isländisch, „Mundu Eftir Mér“. Im Original (http://www.youtube.com/watch?v=-DnNN2iIARE) hat es mehr Ecken und Kanten, englisch klingt es eher weichgespült. Die beiden Stimmen harmonieren gut, die Musik ist fast ein typischer moderner ESC-Song mit klassischen Elementen im zeitgenössischen Setting.
Fazit: Nichts Besonderes, aber von der Art her ein Finalkandidat – wenn sich der abstimmungsberechtigte Zuschauer nicht am Weichspüler stört.
Tipp: Finale, aber für die Top-10 reicht’s nicht. Platz 12-15.

(3) Griechenland – Eleftheria Eleftheriou mit „Aphrodisiac“
Optisch erinnert Eleftheria Eleftheriou ein wenig an einen Mix aus Dieter Bohlens „Teppich-Luder“ Janina und einer gesangsfähigen Gülcan Kamps. Das Lied ist solider Pop im griechischen Gewand, tanzbar, aber auch kein absoluter Gassenhauer. Dass die Sängerin ziemlich niedlich ist, wird für den Marsch ins Finale sicher nicht hinderlich sein.
Fazit: Kein Siegertitel, aber eine schöne Erinnerung daran, dass in Griechenland nicht alles schlecht ist.
Tipp: Finale, Platz 5-8.

(4) Lettland – Anmary mit „Beautiful Song“
Blond und ein Wetterfee-Lächeln – das ist Lina Amantova alias Anmary. Die Stimme ist durchschnittlich. Die Musik ist durchschnittlich. Ob die Zuschauer und Zuhörer sich mit dem Inhalt des Liedes beschäftigen, das sich um den Ruhm und Trubel eines musikalischen Hits dreht, darf bezweifelt werden.
Fazit: Anmary muss sich in dem Lied mehr um den ESC-Sieg Gedanken machen als mit diesem Lied.
Tipp: Bleibt im Halbfinale mangels Besonderheiten hängen.

(5) Albanien – Rona Nishliu mit „Suus“
Eine klassische Ballade auf Albanisch mit Klavier und Streichern. Stimmlich muss sich Nishliu etwas unterhalb von Celiné Dion einsortieren lassen, ansonsten ist es ein Lied, das man auch in den vergangenen Jahren so oder so ähnlich schon mal gehört hat, wie 2011 bei Evelina Sašenkos „C’est Ma Vie“, nur eben etwas klagender.
Fazit: Keine Besonderheit, aber wenn die Ballade entsprechend inszeniert wird, könnte es für das Finale sogar reichen.
Tipp: Im Halbfinale ist Feierabend.

(6) Rumänien – Mandinga mit „Zaleilah“
Man staunt schon manchmal, was da aus dem Osten kommt. Rumänien kommt mit einer Sommernummer um die Ecke, die auf Spanisch und Englisch gesungen ist, lateinamerikanische Rhythmen, Dudelsack und Akkordeon zu einem Popsong kocht. Zuhause kam der Song bei den Zuschauern besser an als bei der Fachjury. Elena Ionescu ist als schwarzhaarige Schönheit zudem durchaus ein Hingucker.
Fazit: Schwer zu sagen, ob es als Durchschnittspop abgewatscht oder als fröhlicher Sommerhin geliebt werden wird. Ich glaube, Mandinga kommt in Baku gut an.
Tipp: Platz 4-6 im Finale!

(7) Schweiz – Sinplus mit „Unbreakable“
Poprock aus der italienischen Schweiz. Irgendwie hat man immer das Gefühl, das schon mal gehört zu haben. Und irgendwie ist es auch so, denn in den Charts hat es dieses Setting schon millionenfach gegeben. Stimmlich ist es in der Muse-Kategorie („Undisclosed Desires“), musikalisch gibt es Nähe zu „Where The Streets Have No Name“ von U2, nur schneller, fröhlicher und poppiger.
Fazit: Dürfte durchaus gute Chancen haben, auch im Finale nicht im Tabellenkeller zu landen. Ob es für eine Top-Platzierung reicht, ist schwer zu sagen.
Tipp: Finale, Platz 8-12

(8) Belgien – Iris mit „Would You?“
Was für eine Frage! Natürlich würde ich mit ihr… zu „Would You?“ kuscheln. Sie bringt mit ihren 17 Jahren eine typische Kuschelrock-Ballade auf die Bühne, die gut zu ihrer doch knackigen Stimme passt. Nur die Performance wirkt etwas staksig…
Fazit: Solider Finaltitel, der eine Überraschung schaffen kann.
Tipp: Zwischen Platz 1 und 15 ist alles drin, wenn sich das Publikum dafür erwärmen kann

(9) Finnland – Pernilla Karlsson mit „När Jag Blundar“
Der Titel ist durchaus eine Besonderheit, denn Pernilla Karlsson vertritt ihr Land als Finnlandschwedin und gehört als solche zu einer fünf- bis sechsprozentigen Minderheit. Insofern scheint ein schwedischer Titel durchaus mutig, auch wenn Schwedisch offiziell zweite Amtssprache ist. Aber Frau Karlsson gewann damit den finnischen Nachwuchs-Wettbewerb, ein ähnliches Format wie „Unser Star für Baku“.
Fazit: Die Walzerballade hört sich ganz nett an, ist aber nix Herausragendes.
Tipp: Scheitert im Halbfinale.

(10) Israel – Izabo mit „Time“
Eine ganz bunte Crossover-Nummer kommt aus Tel Aviv: Nach deutschem Befinden charakterisiert sich „Time“ wohl beinahe als Indiepop-Schlager auf Englisch und Hebräisch! Wer schlampig hinhört, mag sogar „Hip Teens“-Anleihen an das Frank Popp Ensemble wiederfinden. Dass ein Front-MANN davon singt „Du bist der Mann auf meinem Spielplatz“ und „Was Du sagst, werde ich befolgen – Nacht und Tag“, klingt nach gezielter Provokation des irsaelischen Nominierungskommitees, wie damals bei Dana International.
Fazit: Auf beinahe perverse Weise eingängig.
Tipp: Schafft die Halbfinalhürde knapp nicht

(11) San Marino – Valentina Monetta mit „The Social Network oh oh uh oh oh“
Ursprünglich sollte es auf Facebook getitelt sein, aber da schritt die EBU wegen unerlaubter Werbung ein. Nun heißt es allgemeiner „Social Network“. Aber auch so muss man nicht mehr über dieses Machwerk sein, als dass es von Ralph Siegel kommt. San Marino ist die älteste Republik der Welt, aber Nationalstolz scheint die Enklave nicht mehr zu besitzen.
Fazit: 0 People like this.
Tipp: Halbfinale ist schon mehr als überflüssig!

(12) Zypern – Ivi Adamou mit „La La Love“
Ein Song, der durchaus auch in Clubs laufen kann, denn „La La Love“ ist eine solide Dancenummer mit gut durchdringender Stimme von Ivi Adamou. Der Sound ist zeitgemäß, die Stimme nicht gepitcht. Kann man so durchgehen lassen.
Fazit: Kann im Finale hinter der Spitze landen oder auch vor den Kellerkindern.
Tipp: Platz 6-13 in der großen Show

(13) Dänemark – Soluna Samay mit „Should’ve Known Better“
Dänische Sängerin mit deutschem Vater und schweizer Mutter, geboren in Guatemala. Das ist schon mal eine interessante Story. Aber die Pop-Ballade selbst erinnert sehr an Marit Larsen und Lene Marlin. Der unbestreitbar amerikanische Einschlag tut sein Übriges.
Fazit: Siegfavorit!
Tipp: Platz 1-3

(14) Russland – Buranovskiye Babushki mit „Party For Everybody“
Sprachlos. Wenn ich das sehe, fällt mir praktisch nichts ein. Sechs russische „Großmütter aus Buranovo“ (so heißen sie auf Deutsch) stehen auf der Bühne, singen zu einer Dancepop-Nummer und begeistern die Massen. Und das nicht zum ersten Mal, bereits 2010 waren sie beim Vorentscheid dabei, und sie singen zusammen schon seit 40 Jahren.
Fazit: Musikalisch eigentlich Schrott, aber die Babushki haben einen Kuriositäten- und Niedlichkeitsfaktor, der sie ins Finale bringen könnte.
Tipp: Finale auf Platz 20-26.

(15) Ungarn – Compact Disco mit „Sound Of Our Hearts“
Eindeutig angelehnt an Depeche Mode ist dieser Beitrag aus Ungarn, und das ist seine große Stärke. Er ist nicht ganz so düster wie das Original, und ein gewisser eigener Stil lässt sich den Ungarn nicht absprechen.
Fazit: Könnte gut ankommen.
Tipp: Finale auf Platz 13-18

(16) Österreich – Trackshittaz mit „Woki mit dem Popo“
Oh Gott! Der Schmäh aus dem Land des südlichen Nachbarn ist ja ohnehin eigen. Aber was die Trackshittaz da rausgehaun haben, ist Witz-Rap auf dem Niveau vom DJ Ötzi.
Fazit: Wohl nur die Bierbrauer und Spirituosenhersteller hoffen auf eine Finalteilnahe der Ösis – damit sich viele Zuschauer betäuben müssen.
Tipp: Raus ohne Applaus im Halbfinale

(17) Moldau – Pasha Parfeny mit „Lautar“
Nein, das ist NICHT Rick Kavanian! Auch wenn Pasha Parfeny so rüberkommt. Eigentlich ist das Lied eine schmissige Nummer mit klassischen wie poppigen Elementen, gemixt mit Einflüssen vom Balkan. Allerdings hat man das so auch schon oft genug gehört – und im Halbfinale scheitern sehen.
Fazit: Reicht nicht ganz.
Tipp: Erhobenen Hauptes aus dem Halbfinale

(18) Irland – Jedward mit „Waterline“
Letztes Jahr waren sie mit Trash namens „Lipstick“ dabei und schnitten sensationell ab. Dieses Jahr ist es eher eine Justin-Bieber-Nummer mit dem gleichen optischen Rezept.
Fazit: Eigentlich eine billige Dancepop-Nummer, aber ich fürchte, die Effekte aus Düsseldorf ziehen erneut.
Tipp: Finale mit Platz 14 bis 20.

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