So sind sie, unsere Sicherheitsterroristen …

Politik und Polizei fordern zum Handeln auf„, titelt heute Mopo Online. Es geht, wie könnte es anders sein, um das Skandalspiel vom Dienstag zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin. Zur Erinnerung: Nach dem 2:1 durch Jovanovic schmiss der Gästeblock ein gutes Dutzend Bengalos auf den Rasen, zündete Knallkörper und sorgte für eine minutenlange Spielunterbrechung. Dem Vernehmen nach – es wurde nicht genau genug gezeigt, aber auch Fortuna-Spieler und ihr Trainer Norbert Meier waren in der gegenüberliegenden Ecke beschwichtigend aktiv – sind zeitgleich wohl auch Düsseldorfer „Fans“ ausgetickt. Später flogen aus dem Hertha-Block erneut vereinzelte Bengalos. Und dann, nach fünfeinhalb von sieben Minuten Nachspielzeit, wähnten die Fortuna-Fans ihr Team aufgestiegen und stürmten den Rasen, wodurch die restlichen 90 Sekunden erst 20 Minuten später nachgeholt wurden. Hertha BSC protestiert gegen die Spielwertung. Und was tun die Gewerkschaft der Polizei und Bundesinnenminister Friedrich? Sie fordern – tatsächlich – härtere Strafen…

Hatten wir sowas nicht schon mal? Jo. Und die Worte von Volker Pispers aus dem Jahre 2004 haben an Gültigkeit nichts eingebüßt:

„Sie wissen, schärfere Strafen schrecken unglaublich ab. Die Amerikaner haben ja nur deshalb so friedliche Großstädte … weil die Todesstrafe alle abschreckt. […] Aber so isser, der Konservative! Er kann nicht denken, das sind Reflexe! Schärfere Strafen schrecken nicht ab, ich muss Sie da enttäuschen. Gewalttäter kann man überhaupt nicht abschrecken. Das ist weltweit untersucht. Jemand, der Sie erschießen will, überlegt nicht: Für acht Jahre mach ich’s, für sechzehn Jahre mach ich’s nicht…

Aber sie können es eben nicht lassen. Es sind die Reflexe von Polizei und Law-and-Order-Ministern. Wobei Bernhard Witthaut, der GdP-Vorsitzende, schon noch fast rational bleibt: Er fordert Punktstrafen für die Vereine. Um die „Fans“ zu „disziplinieren“.

Das ist beinahe eine gute Idee. Vielleicht klappt das auch bei der Polizei? Vielleicht lassen sich widerrechtliche Übergriffe von Polizisten auf unbescholtene Bürger und Demonstranten wie bei der „Freiheit statt Angst“-Demo ja auch unterbinden und die Polizisten disziplinieren, wenn man, sagen wir, für jeden solchen Übergriff dem Polizeietat pauschal eine Million Euro abzieht, oder noch besser gleich allen Polizisten pauschal 50 Euro vom Monatsgehalt…? Immerhin: Die beiden (mutmaßlichen) Straftäter in diesem Falle wurden zu je 120 Tagessätzen á 50 Euro verurteilt, wenngleich noch nicht rechtskräftig nach meinem Wissensstand.

Ich stimme ja in gewisser Weise zu, dass Vereine im Stadion die Verantwortung für das Verhalten ihrer Zuschauer haben, und dass sie gefragt sind zu reagieren. Der HSV hat das im Falle Block 25A getan – durchaus wirkungsvoll. Und die Vereine haben weitere Möglichkeiten, derlei Pöbel entweder direkt über die Preis- und Platzpolitik aus dem Stadion zu ekeln, oder indirekt dafür zu sorgen, dass sie bei den Unbescholtenen, die beispielsweise durch die Abschaffung von Stehplätzen und höhere Preise betroffen werden, so schlecht gelitten sind, dass sie gnadenlos aus dem Block geschmissen oder den Ordnern übergeben werden. Aber dafür kommt ein Punktabzug erst infrage, wenn ein Verein es schuldhaft unterlässt, geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Die DPolG hingegen will weiterhin von den Vereinen eine „Sicherheitsgebühr“ eintreiben. Wetten, dass die zu allererst den leitenden Beamten zugute kommt? Dabei stellt sich die Frage, was die Polizei eigentlich im Stadion zu suchen hat. Denn in den meisten Fällen handelt es sich bei den Stadien um Privatgelände, das die Polizei nur auf Strafanzeige oder mit Erlaubnis des Eigentümers betreten darf. Wenn sich also ein Verein entschließe, mehr Ordnungspersonal zu stellen und die Polizei erst ins Stadion zu lassen, wenn dort Strafbares angezeigt wird, bräuchten die Vereine keine „Sicherheitsgebühr“ mehr bezahlen. Ob das allerdings im Sinne des Erfinders ist, mag ich bezweifeln. Abgesehen davon, dass die Vereine allein an einem einzigen Spieltag kräftig Steuern zahlen – allein für die schätzungsweise 150.000 Getränke mit einem Durchschnittspreis von 4 Euro pro halbem Liter, die die Zuschauer eines HSV-Spiels konsumieren, fällt Umsatzsteuer in Höhe von fast 100.000 Euro an, dazu dann noch Würste, Brezeln, Fanartikel… und nicht zu vergessen: Die Tickets selbst. Bei einer Spieltagseinnahme von rund 1 Million Euro (entspricht einem Durchschnittspreis von 20 Euro pro Ticket und Spiel) sind das nochmal zusätzlich 160.000 Euro. Von den Ausgaben vor und nach dem Spiel mal ganz abgesehen.

Das Hauptaufgabengebiet der Hundertschaften der Polizei liegt aber ohnehin außerhalb der Stadien. Das ist öffentlicher Raum. Und da zahlt nun einmal die Allgemeinheit. Genau wie bei einer Demo. Aber vielleicht ist das ja auch das Ansinnen der DPolG? Endlich den Einstieg schaffen, dass die Veranstalter einer Versammlung (sei es Fußballspiel oder Demonstration), bei der die Polizeiführung meint, sie werde benötigt, dafür zahlen müssen – damit endlich dieses lästigen Demos und dieses widerliche antipolizeistaatliche Demokratiegehabe aufhört…?

Am lustigsten ist aber die folgende Passage als Zitat von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, CSU:

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

Bei den gewaltbereiten Ultras wage ich mal vorsichtig in den Raum zu werfen: Geht es dabei um „Ultras“ im Allgemeinen, oder geht es um Gewaltbereitschaft, und wenn Letzteres, geht es dann um die, die grundsätzlich gewalttätig werden könnten, oder um die, die tatsächlich gewalttätig sind?

Ich frage deshalb, weil Friedrich wieder was ganz Perfides tut: Er ersetzt das Wort „Hooligans“ – das eigentlich Anhänger eines Vereines kennzeichnet, für die das Prügeln im Vordergrund steht – durch „Ultras“, also per definitionem sehr fanatische (aber damit nicht explizit gewaltbereite oder gewalttätige) Anhänger und zieht somit auch alle friedlichen Ultras mit hinein. Er erklärt also pauschal jeden „Hardcore-Fan“ zur tickenden Zeitbombe. Das ist ungefähr so, als würde man jeden Politiker pauschal für käuflich halten… Abgesehen davon muss man kein Ultra sein, um Bengalos und Kanonenschläge im Stadion zu zünden. Es reicht schon vollkommen aus, eine einfache Blitzbirne ohne lebenswerte Existenz zu sein…

Zudem ist es auch wichtig, auf das Thema „Gewaltbereitschaft“ abzuzielen. Meint er das wirklich? Denn ich bin sicher, dass fast jeder der 7 Millarden Menschen auf dieser Erde die Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt hat. Es kommt nur auf den Anlass an. Ich gehe jede Wette ein, dass man auch Hans-Peter Friedrich zur Gewaltanwendung bringen kann. Nehmen wir an, jemand würde seiner Frau oder einem seiner Kinder ein Messer an den Hals halten, und er hätte eine Pistole in der Hand – wer glaubt, dass Friedrich da nicht schießen würde? Es wäre Notwehr, ganz klar, aber es wäre die Anwendung von Gewalt nach Friedrichs Definition. Vielleicht würde es auch schon reichen, ihn entsprechend zu beleidigen, dass er selbst die Faust ballt und zuschlägt…

Würde er alle Fans ausschließen wollen, die gewaltbereit sind, wären selbst die VIP-Logen leer. Und der Rasen natürlich auch – denn jedes Foul ist eine Anwendung von Gewalt… Der einzigen Position, der ich da zustimmen könnte, wäre der, dass gewalttätige Zuschauer nicht ins Stadion gehören. Nur: Das Problem gibt es in deutschen Stadien, gemessen an der Anzahl der Zuschauer, sehr selten. Viel eher äußert sich das außerhalb der Stadiontore. Und da haben die Vereine keinerlei Handhabe. Da ist die Polizei zuständig. Und nicht zuletzt äußern sich da vor allem soziale Spaltungen, die die deutsche Politik der letzten 30 Jahre zu verantworten hat. Diese Konflikte sind die eigentliche Ursache für gewalttätige Auseinandersetzungen: Das Auslassen des Frusts auf die Ungerechtigkeit des Lebens. Die einen prügeln sich auf Nazi-Demos, die anderen am Rande von Fußballspielen. Mit dem Fußball selbst hat das nur am Rande zu tun.

Und was das Verbot von Pyrotechnik angeht: Das ungenehmigte Abbrennen von Pyrotechnik durch nicht ausgebildetes Personal steht bereits unter Strafe. Das regelt nämlich das Sprengstoffgesetz, genauer: Die §§ 40 ff. SprengG. Eigentlich sollte ein Bundesminister so etwas wissen…

Hierzu sei noch einmal Volker Pispers zu Rate gezogen, der sagte:

„Ich dachte immer, blöder als Ulla Schmidt geht nicht… aber eine sehr schöne Einzelleistung, das muss man mal sagen!“

Was nun die Geschehnisse von Düsseldorf betrifft, müssen sich DFB, DFL und Polizei gleichermaßen an die eigene Nase fassen lassen. DFB und DFL haben diese Ausnahmesituation durch die Wiedereinführung der Relegation erst geschaffen. Im Gegenteil: Gerade diese Relegation und die damit verbundene Dramatik sollte ja Einschaltquoten und in der Konsequenz Geld bringen! Dass damit wieder existenzbedrohende Ausnahmesituationen geschaffen werden, deren logische Folge ist, dass einigen die Nerven durchgehen – im Gutmütigen (wie der verfrühten Aufstiegsfeier der Düsseldorfer, die ja nicht per se böse gemeint war) wie im Böswilligen (wie den Ausscheitungen der Berliner Mitgereisten oder auch der Karlsruher Anhänger nach dem Abstieg).

Letztlich wäre die richtige Konsequenz aus den Geschehnissen gewesen, das Spiel bei den zweiten Bengalo-Würfen bereits abzubrechen, spätestens aber die eineinhalb Minuten vor Abpfiff. Dann hätte das Sportgericht entscheiden sollen, dass die Partie auf neutralem Boden unter Ausschluss der Stadionbesucher wiederholt wird, nur übertragen vom TV. So wären beide Fangruppen gleichermaßen für ihr Fehlverhalten bestraft worden, und eine Wettbewerbsverzerrung durch die Unterbrechungssituationen wäre ausgeschlossen. Aber dafür hatten weder Schiedsrichter Wolfgang Stark noch die Polizei, die das Schiedsrichtergespann darum bat, die Partie zuende zu bringen, den Schneid. Sie hatten Angst vor den Konsequenzen.

Wenn aber Ausschreitungen ohne wirkliche Konsequenzen bleiben, wie soll man dann über die Stränge schlagende Anhänger abschrecken und zu sozialem Verhalten ermahnen? Das dürften mir Bernhard Witthaut und Hans-Peter Friedrich gern mal näher erläutern …

Herzlichst,
Euer Fuxi

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: