Peinlich, peinlich…

Vorgestern fand im „Haus der Jugend“ in Winterhude eine Veranstaltung der SPD statt. Hamburgs Stadtentwicklungssenatorin Jutta Blankau-Rosenfeldt, zu deren Ressort auch das Thema Umwelt gehört, hatte geladen, um mit den Anwesenden über die Energiewende in Hamburg seit der AKW-Katastrophe in Fukushima zu diskutieren. Vor ihrem Amtsantritt war sie Rechtsschutzsekretärin beim Deutschen Gewerkschaftsbund und für die IG Metall Küste Mitglied in mehreren Aufsichtsräten, unter anderem bei Airbus. Man sollte also meinen, beim Aufruf einer Frau, die auch noch im angrenzenden Stadtteil Alsterdorf wohnt, zu einer Informationsveranstaltung dürfte kein peinlicher Fehler vorkommen.

Tja, aber was ist dann das?

"Babelallee"

"Babelallee"

„Und wo ist jetzt die Peinlichkeit?“, mag man fragen. Die Antwort lautet: In der Adresse.

Ich weiß, es ist äußerst unwahrscheinlich, dass dieses Plakat von Frau Blankau selbst vorbereitet und betextet wurde. Dennoch hätte der Fehler bei der Produktionskontrolle auffallen müssen. Denn man könnte in ihm eine weitere Verleugnung der SPD-Vergangenheit und der traditionellen Werte herauslesen, wenn man denn will.

Die Straße, in der das Haus der Jugend Lattenkamp liegt, heißt nämlich seit 1945 Bebelallee, benannt nach August Bebel (geboren am 22.2.1840 in Deutz bei Köln, gestorben am 13.8.1913 in Passugg/Schweiz). Der ist nicht nur irgendjemand, nach dem in Hamburg mal eine Straße benannt wurde, die von der Kreuzung Alsterdorfer Straße/Hindenburgstraße bis zur Kreuzung Hudtwalckerstraße/Sierichstraße die Stadtteile Alsterdorf und Winterhude parallel zur Alster durchschneidet. Es handelt sich dabei „nur“ um einen Mann, der zusammen mit Wilhelm Liebknecht die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) gründete, die sich sechs Jahre später, im Jahr 1875, mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Verein (ADAV) zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) vereinigte. Und die SAP wiederum benannte sich 1890 nach dem Außerkrafttreten der Sozialistengesetze um in… Sozialdemokratische Partei Deutschlands – SPD.

Somit war August Bebel also, wie Wilhelm Liebknecht auch, sozusagen Gründervater der SPD. Zudem setzte er sich früh für die Emanziaption der Frau und gegen die Diskriminierung von Homosexuellen ein, vertrat demokratische Ansichten hinsichtlich des heutigen Republikverständnisses, prangerte Menschenrechtsverletzungen in den deutschen Kolonien an und war gewissermaßen „antipreußisch“. Nicht umsonst wurde er auf der Straße auch „Arbeiterkaiser“ und „Kaiser Bebel“ genannt und wurde im Reichstag, in dem er den Wahlkreis Hamburg I vertrat, als Parlamentarier sehr respektiert. Wohlgemerkt zu Zeiten, da „Sozialist“ mehr als nur ein Schimpfwort war und Bebel selbst wegen seiner politischen Ansichten und seines sozialistischen Arbeitens mehrere Jahre in Haft verbrachte. Kaiser Wilhelm II. warf er beispielsweise vor, Deutschland zu einer der führenden Kriegsmächte der Welt machen zu wollen. Das sollte sich 1914, ein Jahr nach dem Tod Bebels bewahrheiten, als Kaiser Wilhelm II. Deutschland als Bündnispartner Österreich-Ungarns in den Krieg mit Serbien trieb, deren Verbündete Frankreich, Russland und Großbritannien ebenfalls mobilmachten. Es entstand der Erste Weltkrieg, in den 1917 auch die USA und China eintraten und der wegweisend war für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg.

Der ungewollte Hinweis auf die antike Stadt Babel hat auch einen unterhaltsamen Aspekt: Im Neuen Testament wird Babylon als Ort des Unglaubens, der Unzucht, der Unterdrückung und Sklaverei dargestellt, nachdem Nebukadnezar II. Jerusalem erobert und die Oberschicht zwangsweise nach Babylon umgesiedelt hatte. Tatsächlich aber soll es den Hebräern in Babylon recht gut ergangen sein. Folgt man diesem Mythos als Ort des Bösen, ist die Bezeichnung für Ort des iranischen Generalkonsulats genauso wie für den Veranstaltungsort einer Partei, die mit Hartz IV und der Liberalisierung der Arbeitnehmerüberlassung die Zunahme der Armut und prekärer Arbeitsverhältnisse in Deutschland bedeutend vorangetrieben hat, doch sehr treffend.

Lustig an diesem Schreibfehler ist noch etwas: Wikipedia kennt zwei deutsche Politiker des Namens Babel. Dr. jur. Gisela Babel, geborene Blomeyer, gehörte bis 2005 dem Bundesvorstand der FDP an und war sozialpolitische Sprecherin der Liberalen im Bundestag. Günter Babel saß von 2003 bis 2008 im bayerischen Landtag – für die CSU. Und in diesem Kontext ergibt der Vertipper hinsichtlich der geschröderten und verseeheimerten SPD-Politik seit 1998 doch wieder einen Sinn…

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