Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (6)

Kapitel 6

Kommissarin Vivien Banser sprach in ein Diktiergerät. «Vernehmung des Beschuldigten wegen des Tatvorwurfs des Raubes mit schwerer Körperverletzung. Anwesend sind Kommissarin Banser, Herr Polizeimeister Seidel, sowie der Beschuldigte Dennis Matzke, vertreten durch Herrn Rechtsanwalt Domrös.»
«Ganz schönes Brimborium für nichts…» kommentierte der Rechtsanwalt, der entspannt auf seinem unbequemen Stuhl lag und die Arme vor der Brust verschränkt hielt. Vivien blieb gelassen. Sie kannte Domrös, und sie kannte diese Situation schon genügend. «Setzen Sie es Ihrem Mandanten auf die Rechnung…», erwiderte sie trocken. «Gehen wir nochmal die Personalien durch. Sie heißen Dennis Matzke, wohnhaft in der Eichenstraße 4a in Bördeling, ist das richtig?» Matzke sah zu seinem Anwalt, und als der nicht reagierte, nickte er. Vivien fuhr fort. «Geboren am 13. November 1982 in Neustadt?» Dieses Mal nickte Matzke ohne Blickkontakt mit dem Anwalt.

«Ihnen wird vorgeworfen, einer älteren Dame die Handtasche entwendet und den Sturz der Frau verursacht zu haben, durch den sie sich ernsthaft verletzte. Sie fuhren mit dem Fahrrad, das wir in Ihrem Besitz sichergestellt haben, in der Köhlergasse in Bördeling auf dem Bürgersteig stadtauswärts und raubten der Frau im Vorbeifahren die Handtasche, wobei sie stürzte. Dann flüchteten Sie in Richtung Industriegebiet und versuchten sich der Festnahme durch die Polizei zu entziehen. Wollen Sie sich zur Sache einlassen?»

Vivien wusste, wie die Antwort lauten würde. Es würde nichts dabei herauskommen. Der Rechtsanwalt würde gleich auf den Blick seines Mandanten hin leicht den Kopf schütteln, und Matzke würde verneinen. Vivien würde die Aussageverweigerung aufnehmen, das Protokoll anfertigen, dem Beschuldigten zur Unterschrift vorlegen und es dann zur Akte nehmen. Nur eines würde etwas anders laufen…

Es kam, wie sie es erwartete. Der Strafverteidiger hätte auch im Namen seines Mandanten antworten können, wie man es so oft in Krimis sieht, aber selbst dafür war er zu faul – oder zu cool. Ein Eindruck, den Domrös häufig zu vermitteln versuchte. Allein: Das funktionierte nicht. Die Kommissarin fertigte das Vernehmungsprotokoll an und legte es Matzke und dessen Anwalt vor. Letzterer hatte keine Bedenken, und Matzke unterschrieb. «Tja, dann können wir ja gehen…», meinte Domrös und nahm seinen Koffer. Banser sah ihn ungerührt an und ließ sich ihre Vorfreude auf sein dummes Gesicht nicht anmerken. «Sprechen Sie immer von sich selbst im Plural? Ist mir noch gar nicht aufgefallen…»

Da war es. Der Rechtsanwalt blickte sie fragend an. «Ihr Mandant jedenfalls geht nur ein Stockwerk tiefer in die Verwahrzelle zurück, bis der Ermittlungsrichter über den Antrag auf U-Haft entschieden hat.» Domrös war die Verärgerung anzusehen, dennoch versuchte er, die Fassade zu wahren. «Ach, kommen Sie! Sie wissen doch selbst, dass der keinen Haftbefehl ausstellen wird.» Vivien beeindruckte das nicht. «Raub mit Körperverletzung, einschlägige Vorstrafen – ich bin mir sicher, das reicht, um Wiederholungsgefahr zu begründen. Sieht Staatsanwalt Glade nicht anders. Sobald die Akte drüben ist, wird Glade einen Antrag auf Untersuchungshaftbefehl stellen, und sobald wir den haben, kommt Ihr Mandant nach Lauerhof.»

Als „Lauerhof“ bezeichneten vor allem die Lübecker, aber auch die Polizisten in Süd- und Ostholstein die Justizvollzugsanstalt Lübeck im Stadtteil Marli auf dem Lauerhöfer Felde. Die JVA gehörte zu den alten Einrichtungen und war schon über einhundert Jahre alt. 126 der knapp 500 Plätze waren für Untersuchungshäftlinge vorgesehen, und Lauerhof litt nicht unter freien Kapazitäten. Manchmal scheiterten Untersuchungshaftbefehle schlicht an voller Auslastung in Lübeck, oder der Beschuldigte wurde ausnahmsweise nach Neumünster verschubt, die auch nicht gerade über Unterforderung klagte – und noch älter war.

Rechtsanwalt Domrös zuckte nur mit den Schultern, murmelte ein «Das werden wir ja sehen…» und verabschiedete sich. Polizeimeister Seidel verbrachte Matzke wieder in die Zelle im Keller. Nachdem die Kommissarin den Papierkram erledigt hatte, wendete sie sich ihrem Kollegen zu. «Sag mal, Dieter, liegt noch was an?» Hauptkommissar Dieter Holtkamp sah von seiner Lektüre auf und schüttelte den Kopf. «Wie sieht’s mit Deinem Fang aus?» Vivien verzog kurz den Mund. «Ein klarer Fall. Ich geh‘ davon aus, dass Glade mit dem Antrag durchkommt und Matzke in U-Haft geht. Ich muss nur nochmal prüfen, ob das Rad vielleicht geklaut ist, aber das kann ich auch morgen noch machen.» Holtkamp schmunzelte. «Das Ding ist hundertpro irgendwo gezockt! Vielleicht gibt’s darüber ja ’ne Anzeige, aber vergiss nicht nachzusehen, ob das Rad registriert ist.»

Ein wenig genervt verzog Banser das Gesicht. «Ach, Calli, das brauchste mir nicht erzählen. Ich mach‘ den Job nu‘ auch schon ein paar Tage, weißte?» „Calli“, das war der Spitzname, den sich Vivien als Retourkutsche für ihren Spitznamen „Kleine“ ausgedacht hatte – in Anspielung auf die Körperfülle des ehemaligen Fußball-Managers Reiner Calmund. Holtkamps Augen verengten sich, aber mehr als ein scherzhaftes „Grrrr“ entfuhr ihm nicht. Vivien lächelte. «Ich nehme an, Du willst jetzt abhauen…», riet er. Sie nickte. Er nickte ebenfalls. «Schönen Feierabend!» Bis zum Anruf…

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