Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (5)

Kapitel 5

Erst vor ein paar Jahren hatten sie die Abzweigung nach Krohnkamp umgebaut. Nicht zum Besseren, jedenfalls nicht für den Öffentlichen Personennahverkehr, befand Pahl. Vorher bestand die Abzweigung aus einer schräg von der Bundesstraße abzweigenden Landstraße und einer einige Meter dahinter liegenden Extra-Biegung für den Verkehr, der aus beziehungsweise in Richtung Merten kam. Diese beiden wurden seinerzeit vereint. Das bedeutete nun eine enge 90-Grad-Rechtskurve, gefolgt von einem sofortigen Schwenk um etwa 60 Grad nach links, um Richtung Krohnkamp zu fahren. Das war schon für einen normalen Stadtbus mit 12 Metern Länge und 20 Metern Wendekreis eine Herausforderung, die fast zu einer Stillstandsbremsung führte. Für einen Gelenkbus, der manchmal auf dieser Strecke eingesetzt wurde – vor allem bei Störungen im Zugverkehr -, mit seinen 18 Metern Länge war es umso schwieriger, obwohl er nur zwei, drei Meter mehr Wendekreis benötigte. Aber das reichte, um dafür zu sorgen, dass der Schwanz noch die Rechtskurve beendete, während die Nase schon fast nach Krohnkamp zeigte. Auf dem Rückweg war es das gleiche Spiel. Ein Kreisverkehr wäre da noch die bessere Alternative gewesen.

Trotz Servolenkung mühte sich Pahl an dieser Stelle ab und hoffte, wie immer, dass ihm nicht ein Unaufmerksamer hinten ins Heck krachte. Es ging gut. Der restliche Weg nach Krohnkamp war fast schnurgerade und breit genug, dass zwei Busse aneinander vorbei passten. Eigentlich war es verwunderlich, dass Pahl seit dem Umbau der Abzweigung nie genau an der Ecke auf einen entgegenkommenden Bus traf. Ein komischer Zufall. Aber das war auch gut so, denn in beide Fahrtrichtungen orientierten sich die 2,55 Meter breiten Arbeitsgeräte an dieser Stelle doch sehr nah an der Mittellinie, deren abgewetzte Farbe verriet, wie oft dort mit den Reifen drüber geräubert wurde.

Pünktlich erreichte er die Haltestelle, an der zwei Frauen sich während der Wartezeit unterhielten. Die eine war etwas jünger, so etwa Mitte 40. Sie hatte ihre mittelblonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, trug eine hellbraune Lederjacke mit schwarzer Bluse darunter, dazu eine schwarze Jeans und flache Schuhe. Die andere war einen halben Kopf kleiner und mochte an die 70 Jahre alt sein, schätze Pahl. Er kannte beide vom Sehen. Besonders die Ältere war schon mehrmals mitgefahren, und immer nach Merten oder von Merten kommend. Sie trug einen beigen Mantel und Schuhe mit dicken Absätzen. Auf ihrer typischen Rentnerinnen-Frisur – dauergewellt, kurz, leicht rötlich gefärbt – thronte ein kleines Hütchen. Ihr klassisch-schwarzer Hackenporsche passte zum Outfit.

Die jüngere Frau stieg zuerst ein und zeigte ihre Monatskarte vor. Sie ging in den hinteren Teil des Busses und setzte sich in der Nähe der Tür in eine Reihe ans Fenster. Die Ältere strengte das Einsteigen ein wenig an. Sehr gut zu Fuß war sie nicht mehr. Freundlich lächelte sie Pahl an, grüßte im Gegensatz zur Jüngeren kurz und nannte erwartungsgemäß Merten als Fahrziel. Während er das Fahrziel eingab und das Ticket ausdruckte, legte sie das Geld auf den Sortierteller. Pahls prüfender Blick, das Auszahlen und die Übergabe der Fahrkarte waren eingeübte Mechanismen und liefen automatisch ab. Er wartete kurz, bis sie ihren Platz hinter ihm eingenommen und ihren Trolley fest im Griff hatte, bevor er abfuhr.

Bereits am Marktplatz in Beutin stieg die Lederjacke wieder aus, genau wie die meisten anderen Fahrgäste. Auch die Rollifahrerin ließ er hier aussteigen. Bis auf zwei Kinder im hinteren Teil und die Rentnerin, die nach Merten wollte. Der Markttag in Beutin war noch nicht vorbei. Durch das knapp geöffnete Fenster auf der Fahrerseite zog der Duft von Bratwurst zu Pahl heran. Hunger hatte er noch keinen – aber Appetit. Kein Wunder, wo doch sein Beruf nur wenig echte Aufregung bot, und wenn, dann waren es Momente, in denen verschwiegene Besonnenheit oberste Dienstpflicht eines Fahrzeugführers war…

Nachdem er die Türen geschlossen hatte, fuhr er an und rollte langsam über das Kopfsteinpflaster wieder zurück Richtung Hainhofstraße. In einer kleinen Linkskurve vernahm er hinter sich ein metallisches Poltern, gefolgt von einem leisen, hellen «Huch, Gott!». Im Innenspiegel sah er, dass sich der Hackenporsche der Rentnerin in der Kurve verselbständigt hatte. Nach einem kurzen Blick in die Außenspiegel entschied sich Bernd zum Halten, damit die alte Dame sicher ihren Rentner-Volvo wieder sichern konnte, ohne sich selbst zu gefährden. Sie entschuldigte sich für ihr Missgeschick. «Mir ist der Griff aus der Hand gerutscht – verzeihen Sie bitte…»

«Ach, ist doch nicht so schlimm!», entgegnete Bernd. «So viel Zeit muss sein!»
Die alte Dame lächelte. «Ja, in meinem Alter fällt das alles nicht mehr so leicht. Die Knochen werden müde… Aber ich muss ja einkaufen – ich kann ja nicht verhungern! Und so bleibe ich wenigstens in Bewegung.»
Bernd erinnerte sich an etwas. «Ja, das sagt meine Mutter auch immer. Die zwingt sich, in Bewegung zu bleiben. Sie meint, wenn sie dauernd im Sessel sitzt, steht sie nicht wieder auf, dann kann sie bald gar nicht mehr laufen.»
«Da hat Ihre Mutter vollkommen Recht!», pflichtete die Dame ihm bei.

Als sie wieder ihren Platz eingenommen und die Einkaufshilfe gesichert hatte, fuhr Bernd wieder an.
«Puh, da bin ich ganz schön außer Puste…», bemerkte die Dame. «Aber was soll man machen? Meine Kinder sind mir ja auch keine große Hilfe. Ich hab‘ meinen Sohn schon vor zwei Jahren gebeten, er möge mir doch mal beim Streichen im Wohnzimmer helfen. Aber der kommt ja bald auch nur an Feiertagen vorbei…» seufzte sie.
«Sowas ist doof. Ich würde meiner Mutter ja auch viel öfter helfen – wenn sie mich denn ließe! Aber sie ist stur und klettert dann gleich selbst auf die Leiter.», entgegnete Pahl, während er sein Gefährt in die Hainhofstraße Richtung Roter Hahn lenkte.
Die Frau lächelte. «Ich wäre froh, wenn ich das noch könnte, aber dafür bin ich viel zu unsicher geworden. Mir wackeln schon die Beine, wenn ich mich mal auf ’nen Tritt stellen muss, um die Friteuse vom Küchenschrank runterzuholen.»
«Das ist aber auch gefährlich!», mahnte Pahl.
«Tja», hob sie an, «aber ich hab‘ keinen Platz in der Küche. So ein großes Haus, aber die Küche hat gerade mal siebeneinhalb Quadratmeter! Da muss ich den Kram lassen, wo Platz ist… Aber», fuhr sie in bedächtigerem Ton fort, «ich benutze die ja sowieso so selten – gerade deshalb! Ich muss schon bei jeder Benutzung das Fett austauschen, weil das alte immer schon ranzig wird. Ich würd‘ die ja viel öfter benutzen, wenn ich die nicht immer oben runter und wieder rauf wuchten müsste. Gerade wo ich so gern Hähnchenschenkel esse…»
«Machen Sie die doch im Backofen auf dem Blech.»
Sie verzog verschmitzt das Gesicht, zog die Nasenspitze nach oben und antwortete im süßlichen Ton einer Sünderin, die weiß, dass sie sündigt, und es doch mit Wonne tut. «Da wird die Haut aber nicht so schön kross! Im Backofen wird sie labberig, aber in der Friteuse, da knackt sie dann so schön und lecker. Und die Haut ist doch das Beste am Gockel!»

Bernd musste grinsen. Da hatte sie allerdings recht: Hähnchenkeulen wurden nur in der Friteuse so richtig lecker. Eigentlich, dachte er, müsste ich die für Jonas mal wieder machen. Entweder mit Pommes oder mit Reis. Die Wahl wollte er dem Sohnemann überlassen.
«Früher, als die Kinder noch zuhause waren und mein Mann noch lebte, da hatte ich noch ’ne viel größere Friteuse. Vier hungrige Mäuler – besonders die Kinder! Die haben was weggeputzt! Da frage ich mich heute noch, wo die das bloß alles gelassen haben…» Ihre Fröhlichkeit verschwand wieder. «Heute wär’s denen am liebsten, ich würd‘ nach Neustadt in die Villa Hedwig ziehen. Dann hätten sie ihre Ruhe, könnten das Haus verkaufen, und ich dreh‘ dann im Altenheim Däumchen zusammen mit den anderen Scheintoten…» Sie seufzte. «Wissen Sie, mein Sohn ist da am schlimmsten! Der drängelt doch jedes Mal, wenn er da ist. Wenn er mal da ist! „Ach, Mama“, sagt er dann, „nu sei doch nicht so! Du brauchst Hilfe. Sonja und ich haben doch kaum Zeit. Wie lange liegst Du mir schon mit dem Wohnzimmer in den Ohren? Alleine das schaffe ich doch zeitlich nicht mal! Altenheim ist nicht mehr das Siechtum wie früher! Da kannst Du so aktiv sein, wie Deine Fitness es zulässt, und bei allem anderen helfen sie Dir da schon…“ Pah! Nich‘ mit mir! Solange ich nicht tot umfalle, mach‘ ich meinen Haushalt alleine!», erklärte sie trotzig. «Und für’s Wohnzimmer hol‘ ich mir jetzt ’nen Maler! Scheiß‘ auf das Geld – wenn’s gemacht ist, isses mir das wert! Meine Kinder tun ja nix für mich… Mein Schwiegersohn auch nicht. Also – entweder mach‘ ich das selber, oder ich bezahl‘ einen, der das macht. Fertig!»

Die alte Dame hatte sich richtig in Rage geredet. Pahl hatte aufmerksam zugehört und hätte ihr am liebsten selbst mit dem Wohnzimmer geholfen. Aber so einer fremden Frau sich einfach aufdrängen – das mochte er auch nicht. Außerdem war da ja noch Jonas. Inzwischen waren sie schon in Merten an der Schule angekommen. Am Kellerweg in Beutin, in Roter Hahn – wie passend beim Thema „Hähnchenschenkel“, wie er belustigt festgestellt hatte – und bei der ersten Haltestelle in Merten, dem Hainhof, wollte niemand aus- oder einsteigen. Hier an der Schule stiegen einige Kinder zu, die entweder zum Bahnhof mussten, der nächsten Station, oder zwischen Merten und Weißenthal ausstiegen. Viele Kinder aus Weißenthal, die in Merten zur Schule gingen, waren auf den Bus angewiesen, da der Zug zu dieser Zeit schon durch war und der nächste erst in gut einer Stunde wieder in Merten hielt. Aber es wäre auch sinnfrei gewesen, Zug und Bus parallel fahren zu lassen. Von Merten nach Weißenthal waren es auf der Schiene sechs, mit dem Bus gerade vierundzwanzig Minuten. So groß war der Unterschied also nicht, und für achtzehn Minuten Ersparnis lohnte es nicht, eine Dreiviertelstunde zu warten.

«Ach Gott…», bemerkte die alte Dame, «jetzt sabbel‘ ich Sie von hinten so zu, dabei soll man das ja nicht!» Sie zeigte auf das Hinweisschild neben dem Innenspiegel. „Bitte während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen!“ stand auf dem Aufkleber.
«Mir macht das nichts», entgegnete Bernd, «und ich verrate es auch niemandem…» Dabei lächelte er.

Tatsächlich stieg am Bahnhof nur ein Mädchen aus, das an der Schule zugestiegen war. Eine Handvoll Bahnreisende gesellte sich zu dem etwa ein Dutzend Kinder im hinteren Teil, das den gewohnten Lärmpegel erzeugte. Die ältere Dame verabschiedete sich höflich und verließ den Bus am Nordtorweg. Dort gab es zwei Discounter und ein paar kleinere Geschäfte, in denen sie wohl einkaufen wollte. Bernd setzte seine Fahrt Richtung Vollborn und Siebenacker fort.

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