Die Nichtversteher bei Spiegel Online

Zunächst will ich mal einen Sachverhalt schildern. Am 2. Juni 2007 sorgte ein dänischer Fan beim EM-Qualifikationsspiel zwischen Dänemark und Schweden beim Stand von 3:3 für einen Spielabbruch, als er aufs Feld rannte und den deutschen Schiedsrichter Herbert Fandel, der gerade in der 88. Minute Christian Poulsen vom Platz gestellt und Strafstoß gegen Dänemark verhängt hatte, tätlich angriff. Fandel brach den Statuten entsprechend ab. Die UEFA wertete das Spiel 3:0 zugunsten von Schweden, verhängte zunächst 61.000 Euro Geldstrafe gegen den dänischen Verband DBU, sowie die Austragung des Spiels gegen Liechtenstein unter Ausschluss der Öffentlichkeit und vier weitere Heimspiele in wenigstens 250 Kilometer Entfernung von Kopenhagen. Später wurde das Urteil dahingehend reduziert, dass nur 30.000 Euro Geldstrafe zu zahlen war und die Entfernung mindestens 140 Kilometer betragen musste, so dass sie zumindest in Aarhus spielen konnten und nicht nach Deutschland, Schweden, Norwegen oder Grönland ausweichen mussten. Der Verursacher wurde im Strafprozess zu 20 Tagen Gefängnis verurteilt. Danach gab es einen Zivilprozess, in dem er zunächst zur Zahlung von 121.000 Euro Schadenersatz an die DBU verurteilt wurde, in der Berufung erhöhte das Gericht die Summe auf knapp 250.000 Euro.

Und jetzt die Frage: Wie viele bei Spiegel Online haben das verstanden?

Der zuständige Autor der Deutschen Presse-Agentur (dpa) jedenfalls nicht. In einer ersten Version war von „Strafe“ die Rede, ehe es zu „Schadenersatz“ verbessert wurde – nur die Überschrift zeugt noch davon: „Attacke auf Schiedsrichter Fandel: Dänischer Fan muss 250.000 Euro Strafe zahlen“

Im SpOn-Forum sieht das nicht besser aus. Zu diesem Zeitpunkt, da ich den Eintrag verfasse, gibt es 30 freigeschaltete Kommentare dazu von insgesamt 26 Usern. Die „Deppenquote“, also die Zahl derer, die es nicht kapiert haben, liegt bei satten 42,3 Prozent. Elf Menschen, die nicht begriffen haben, was der Unterschied zwischen Strafe und Schadenersatz ist. Der erste, der darauf hinweist, ist „BanchevMedon“ (eine Anspielung auf „Bahnchef Mehdorn“, der mittlerweile aber bei Air Berlin regiert, so dass der User korrekt eigentlich „EhrbellinchevMedon“ heißen müsste), und er bezieht sich offenbar (das geht aus seinem Betreff „Praktikantenschreibe?“ hervor) auf den falschen Artikel selbst. Doch was nutzt es, wenn er ignoriert wird oder der Moderator spät freischaltet? Denn auch nach ihm finden sich reichlich Kommentare wie dieser:

„Warum sollte diese Strafe angemessen sein?. Ist jemand so schwer verletzt worden?. Ging hier eine Gefahr für Laib und Seele hervor??.“
(sara100)

Oder auch dieser:

„Nichtsdestotrotz kann die Sinnhaftigkeit dieses Urteils durchaus hinterfragt werden. Denn wem ist denn letztendlich mit einer Strafe geholfen die der betroffene ‚Fan‘ vermutlich in seinem Leben nicht wird abzahlen können? Eine Strafe in einer Größenordnung wie sie sonst teilweise bei fahrlässiger Tötung verhängt wird, sehe ich hier auf jeden Fall als eher fehl am Platze an… „
(manuelbaghorn)

Für solche Leute liebe ich das Forum von SpOn – die Merkresistenz belustigt mich immer wieder.
Also nochmal zum Mitschreiben:

1. Der Fan wurde für seine Tat von einem Strafgericht zu 20 Tagen Haft verurteilt.

2. Der Fan wurde von einem Zivilgericht zu 121.000 Euro Schadenersatz verurteilt.

3. Mindestens eine der beiden Parteien der Zivilsache war mit dem Urteil nicht zufrieden und legte Berufung ein. Im Artikel ist die Rede davon, dass der Beklagte Berufung beantragte, weil die Schadenersatzsumme zu hoch gewesen sei.

4. Das Berufungsgericht entschied, dass die der DBU zugesprochene Schadenersatzsumme zu gering angesetzt war und entschied, dass der Beklagte der Klägerin rund 250.000 Euro Schadenersatz zu zahlen habe.

Was aus dem dpa-Artikel nicht hervor geht, ist eine rechtliche Frage, die User „Fion“ berechtigterweise aufwirft:

„Ich wüsste gern, ob die Schadensersatzgläubiger ebenfalls Berufung eingelegt hatten. Der Artikel erweckt den Eindruck, als gälte das Verbot der reforamtio in peius im dänischen Zivilprozess nicht.“

Gemeint ist das Verbot der „reformatio in peius“. Wörtlich aus dem Lateinischen heißt es etwa „Verbesserung ins Schlechtere“, also dass auf einen Widerspruch der verurteilten Partei hin das Urteil nicht gleichbleibt oder vermindert, sondern erhöht wird. In Deutschland ist dies im Zivilprozess nicht zulässig, sofern nicht beide Parteien Rechtsmittel beantragt haben. Und auch in Dänemark gibt es in Zivilsachen durchaus dieses Verbot, wie eine kurze Recherche zeigte. Eine genauere Beschreibung hierzu konnte ich bisher jedoch nicht finden. So scheint es denn zu sein, als habe auch die DBU Rechtsmittel eingelegt – verständlich, denn neben der Geldstrafe von 30.000 Euro hatte sie auch Einnahmeausfälle durch das Geisterspiel gegen Liechtenstein und den viermaligen Umzug vom Parken-Stadion in Kopenhagen (38.076 Zuschauer Kapazität) in den NRGi Park nach Aarhus (20.032 Plätze), unter anderem gegen den späteren Europameister Spanien. Von Nebenkosten wie erhöhtem Ordnerbedarf, Reise- und Unterbringungskosten sowie anderen erhöhten Aufwendungen wie zusätzlicher Stadionmiete (ich gehe davon aus, dass die Stadionmiete für den Parken wegen langfristiger Verträge dennoch gezahlt werden musste, zusätzlich zur Miete für Aarhus) ganz zu schweigen.

Nicht aufzulösen ist der sportliche Schaden. Das Spiel gegen Schweden fand recht früh in der Qualifikationsphase statt. Man stelle sich vor, der zum Strafstoß antretende schwedische Spieler, wahrscheinlich Freddie Ljungberg oder Christian Wilhelmsson, hätte verschossen. Dann wäre rein tabellarisch Schweden zwar immer noch mit 24 Punkten gegenüber 21 bei den Dänen im Vorteil gewesen. Aber wer weiß, ob die Dänen dann angesichts dieser Chance am vorletzten Spieltag 1:2 in Nordirland verloren hätten, während Schweden in Spanien 0:3 unterging? Und ob Schweden am letzten Spieltag gegen Lettland (2:1) nicht doch noch das Flattern bekommen hätte? Fest steht, dass Dänemark allein in der Tordifferenz durch die 0:3-Wertung gegen Schweden im Nachteil waren – bei 3:3 wären sie da im Vorteil gewesen. Das Rückspiel in Schweden endete übrigens 0:0. Schon da hätten die Dänen selbst eine sportliche 3:4-Niederlage noch korrigieren und sich für die EM qualifizieren können. Psychologisch war die Umwertung hingegen eine Hypothek.

Übrigens droht in Deutschland einem St. Pauli-Fan ein ebensolches Urteil: Dem Becherwerfer von St. Pauli, der ebenfalls einen Spielabbruch herbeiführte und eine Platzsperre mit verminderter Zuschauerzahl hervorrief. Der FC St. Pauli kündigte an, ihn für den Schaden  – rund 400.000 Euro – in Regress zu nehmen. Daher wurde seine Geldstrafe im Strafprozess, 12.000 Euro (150 Tagessätze zu 80 Euro), auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Und auch die randalierenden Vollidioten vom vergangenen Freitag in der Alsterdorfer Sporthalle können sich warm anziehen, wenn der Ausrichter des abgebrochene Hallenturniers sie in Regress nimmt – was ich sehr hoffe. Auf dass sie sich nie wieder Fußballkarten leisten können!

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