Franz Josef Wagner begreift’s nicht

In seiner aktuellen „Post“ wendet sich Franz Josef Wagner, 66-jähriger Bild-Kolumnist, an die Castor-Demonstranten. Er stellt ihnen Fragen nach dem Warum ihres Tuns – allerdings bezweifle ich sowohl, dass die Demonstranten, die es Polizei und Castor-Transporteuren dieser Tage schwerstmöglich machen, ihm antworten werden, als auch dass er ihre Motive verstehen würde.

So argumentiert „FJW“, der Atomausstieg sei ja beschlossen, Deutschland setze auf Wind- und Sonnenenergie, und die, die da im Wendland demonstrierten, seien „Schauspieler-Demonstranten“, die aus Langeweile demonstrierten, gegen eine vergangene Welt. Sein letzter Absatz lautet:

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

Die Antwort lautet: Gegen einen Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg. Den bereiten Medien, Lobbyverbände und Bundesnetzagentur mit Hilfe der Presse, einschließlich BILD, ja gerade vor, so hat man den Eindruck. Ein paar Schlagzeilen aus den letzten Tagen:

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]
(BILD, 26. November 2011)

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]
(Focus Online, 24. November 2011)

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]
(Handelsblatt, 24. November 2011)

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]
(Spiegel Online, 16. November 2011)

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]
(rbb, 20. November 2011)

Oh mann, wir kriegen aber richtig Probleme! Wie sollen wir bloß abends noch Licht haben?
Dass die ganzen Schwierigkeiten in Sachen Netzausbau gerade jetzt kommen, wo das Thema Fukushima gerade erfolgreich vom Thema Nazi-Terror beerdigt wurde – schon komisch, oder? Ich mein, Schwarz-Geldb stand ja noch nie im Verdacht, so recht grün zu sein und den Ausstieg aus der Atomenergie zu wollen. Vor allem, da sie den von Rot-Grün ja 2010 noch gekippt hatten.
Ich darf das kurz skizzieren, ja?

2000: Am 14. Juni einigen sich die rot-grüne Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder und die vier Kraftwerksbetreiber, Viag, Veba, RWE und EnBW im sogenannten „Atomkonsens“ auf Reststrommengen für die 20 deutschen Atomkraftwerke mit rückwirkender Gültigkeit ab 1.1.2000. Dazu gehört auch ein Moratorium für den Salzstock Gorleben.
2010: Am 5. September verkündet die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass die Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke um acht (für sieben Meiler älter als 1980) und vierzehn Jahre (für zehn jüngere). Diese Laufzeitverlängerung tritt zum 14. Dezember inkraft.
2011: Am 11. März zerstören ein Erdbeben und daraus folgender Tsunami weite Teile der japanischen Ostküste rund um Sendai, darunter auch das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, in dem sich nacheinander in drei Reaktorblöcken Kernschmelzen und in drei Abklingbecken Feuer und Knallgasexplosionen ereigneten, wodurch großflächige radioaktive Kontaminationen in der Umgebung hervorgerufen wurden. Bis heute gibt es keine endgültige Strategie, wie der Austritt von Radioaktivität gestoppt werden soll, und mittlerweile leidet ein japanischer Fernsehmoderator, der kurz nach der Katastrophe demonstrativ in der Sendung Gemüse aus dem angeblich unbelasteten Teil des Landes gegessen hatte, an Leukämie. Nach der Katastrophe vollzog die schwarz-gelbe Bundesregierung eine 180-Grad-Wende und verkündete nun doch einen noch schnelleren Atomausstieg bis 2022, dessen Gesetz am 6. August inkrafttrat.

Und nun also gibt es mediale Panikmache wegen des Netzausbaus. Allein die BILD-Schlagzeile „Energie-Chaos wegen Atom-Ausstieg“ ist schon entlarvend und klingt nach der Forderung, aus dem Ausstieg vom Ausstieg vom Atomausstieg wieder auszusteigen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Lothar Lenz, Vorstand für Finanzen und Dienstleistungen des Axel-Springer-Verlages im Aufsichtsrat der esmt European School of Management and Technology GmbH sitzt, einer Berliner Schule, zu deren Kooperationspartnern der Bund der Deutsche Industrie (BDI) gehört, wie auch das europäische Energy Delta Institute, eine Business-Schule, an der auch Kraftwerksbetreiber RWE beteiligt ist. Und Dr. Gerhard Cromme, Aufsichtsrat des ASV, war einer der Unterzeichner des „Energiepolitischen Appells“ der vier Kraftwerksbetreiber, der für die Laufzeitverlängerung 2010 trommelte.

Wenn es also einen Grund dafür gibt, die Proteste auch nach dem Atomausstieg fortzuführen, dann liegt er darin begründet, dass man mit Ausstiegen aus Ausstiegen so seine Erfahrungen gemacht hat. Die Bundesregierung ändert ihre Meinung ja ständig nach Wetterlage. Also muss man sie immer wieder nachhaltig daran erinnern, dass der Ausstieg aus der Atomtechnologie vom deutschen Volk gewollt und als alternativlos – das Lieblingswort von Angela Merkel – angesehen wird. Und es den Betreibern so sauer und teuer wie möglich machen, damit sie es auch wirklich kapieren. Abgesehen davon, dass angesichts der faulen Erkundungsankündigung von Bundesumweltminister Röttgen, bei der 73 Millionen Euro für die Erkundung des Salzstocks Gorleben vorgesehen sind – und drei Millionen für bundesweite Alternativen.

Aber sowas ist Franz Josef Wagner (in seinem Alter) sicher zu hoch…

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