Die Geschichtsvergesser

Ich liebe ja in gewisser Weise doch dieses großformatige Fischabfalleinwickelpapier aus dem Hause Axel Springer. Würde man BILD abschaffen oder verbieten, würde mir irgend etwas fehlen. Und sei es das Amüsement über kognitive und logische Dissonanzen. Ulrich Becker macht das in einem aktuellen Kommentar ganz deutlich, der da lautet: „Geld drucken löst keine Probleme“. Ach, echt nicht?

Da frage ich mich doch, warum dann das gleiche Blatt nicht müde wird, wahlweise den Rausschmiss Griechenlands aus dem Euro zu fordern oder den Austritt zu propagieren, wie sich mit

– der Frage [Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.] an Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (7.11.11),

– dem „Artikel“ [Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.] (5.11.11) oder

– der Frage [Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.] (3.11.11)

auch nur ansatzweise beweisen lässt. Denn so schön sie auch erklären, dass durch ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone die Drachme gegen Euro und Dollar massiv absackt und sich dadurch die Importgüter extrem verteuern (wie zum Beispiel Öl, das für Griechenland überlebenswichtig ist), so wenig müde werden sie zu behaupten, Griechenland würde dadurch die Chance erhalten, die Wirtschaft zu stärken (wie Griechenland allerdings für Touristen attraktiver werden soll, wenn die Hotels nicht genug Strom kriegen, um die Pools zu filtern oder die Zimmer mit Staubsaugern reinigen zu lassen, oder wie die Touristen zum Hotel kommen sollen, wenn das Benzin dort unbezahlbar ist, erklärt BILD nicht…).

Genauso wenig hat BILD bisher auch nur ein Wort über Verpflichtungen Deutschlands gegenüber einem griechischen Viertweltstaat nach der Währungsreform verloren, der quasi „vor der Haustür“ liegt, oder über die Zukunft des griechischen Staates – außer die Mantras von Leuten wie Hans-Werner (Un)Sinn nachzuplappern. Der hat immerhin im Mai schon vorausgesehen, welche Unruhen es dort im Süden sechs Monate später gibt. Allerdings wäre er nicht Hans-Werner Sinn, wenn da nicht gravierende Fehleinschätzungen passierten… Den möglichen Aufschwung würde er daran festmachen, dass zwar viele Banken durch einen Bank-Run pleite gingen, die Firmenschulden würden aber in Drachme umgewandelt und die Firmen blieben dadurch gesund. Schulden bei ausländischen Banken blieben jedoch in Euro und würden sich umso mehr auftürmen, je schwächer die Drachme stünde. Und es gibt noch einen Denkfehler: Die Firmen könnten nur profitieren, wenn die Drachme massiv abwertet, also durch Inflation wie etwa in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, als man die Staatsschulden und Reparationen damit zu tilgen versuchte. Die Folge war ein massiver Wirtschaftszusammenbruch nebst weit um sich greifender Arbeitslosigkeit. Opfer der Verarmung waren vor allem die Mittelschichten.

Gegen dies jedoch wendet sich gerade – allerdings nur im Zusammenhang mit dem Euro – der Kommentator Ulrich Becker. Zitat:

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

Kein Problem verschwindet durch billiges Geld? Echt nicht? Nicht etwa die Schulden? Auch nicht die Schulden von Grundbesitzern (wie 1923)? Warum dann erzählt Hans-Werner (Un)Sinn dann was anderes? Und warum glaubt das Fischabfalleinwickelpapier, für das Becker da kommentiert, dass für den Euro andere Regeln gelten als für eine Drachme? Ist die Drachme für BILD eine magische Währung, die ganz anders ist als alle anderen Währungen auf der Welt?

Und auch für das „Rezept“, das Becker da postuliert, gibt es ein passendes, ein deutsches Beispiel, verbunden mit einem Mann: Heinrich Brüning. Der sah das damals in der Weimarer Republik von 1929/30, als auch Deutschland nach dem Schwarzen Donnerstag von der Weltwirtschaftskrise gebeutelt wurde, nicht anders. Dabei waren die Voraussetzungen nicht viel anders als für Griechenland heute, denn wegen des Young-Plans waren Abwertung der Reichsmark (heute: Abwertung der Gemeinschaftswährung Euro) und Wirtschaftsprogramme (bisher stützt die EU Griechenland kalkuliert nur mit Bürgschaften) nicht möglich. In der Folge sorgte die Depression für absackende Wirtschaft, die Haushalte waren trotz Sparens nicht ausgeglichen, denn durch sinkende Wirtschaftskraft fehlte es auf der Einnahmenseite ebenso. Steuern wurden erhöht, staatliche Leistungen gesenkt, Löhne und Gehälter fielen. Doch dadurch wurde der Export nicht gestärkt, sondern die Wirtschaftskrise nur vergrößert. Zudem wurden die deutschen Banken durch Suggestionen, Deutschland könne Reparationsleistungen bald nicht mehr zahlen – und sei damit faktisch bankrott -, geschwächt, und es entstand eine Kreditpanik. Am Ende vom Lied hatte Deutschland 1932 6 Millionen Arbeitslose – bei gerade einmal 64 bis 65 Millionen Einwohnern insgesamt. Die Wirtschaft war am Boden, Frankreich torpedierte die Beruhigung der Panik durch ein Moratorium für deutsche Reparationszahlungen, das US-Präsident Hoover initiiert hatte, und letztlich mussten die Alliierten Deutschland die Restschuld erlassen, weil das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit gegen null tendierte.

Kommt das irgend jemandem bekannt vor? Mir schon – denn exakt das passiert derzeit in Griechenland. Exakt dieses Schema, von Spar- und Deflationspolitik über Wirtschaftszusammenbruch, Massenarbeitslosigkeit, Kreditpanik – selbst den torpedierten und zerredeten Versuch der Beruhigung der Panik durch entschlossenes und großzügiges Handeln und den weitreichenden Schuldenerlass gab es damals. Und wo das endete, wissen wir heute auch: Vertrauensverlust in die Demokratie, eine nicht demokratisch legitimierte Regierung mit Notverordnungen, Radikalisierung (alles drei Punkte lassen sich schon heute in und um Athen beobachten), die Wahl Hitlers und der 2. Weltkrieg mit der fast völligen Zerstörung Deutschlands. Im Schulfach Geschichte scheint BILD-Politikchef Becker also wohl damals mehr Zettelchen an Banknachbarn herumgereicht als aufgepasst zu haben – oder es wurde damals nicht gelehrt, denn immerhin ging der 48-jährige Becker zur Schule, als in Deutschland noch der Klassenkampf zwischen etablierten Altnazis in den Institutionen und der Studentenbewegung brannte.

Nun steht nicht zu befürchten, dass Griechenland durch die derzeitige Politik so stark radikalisiert, dass es 2017 die Türkei überfällt, vielmehr droht aber durch die gravierende Destabilisierung eher ein Schicksal wie Somalia, und dabei ist die drohende Piraterie gegen Schiffe aus reichen Euroländern noch das kleinste Problem. Natürlich wirkt sich das auch auf Deutschland aus, wo ja auch nicht wenige Griechen leben. Menschen, die zum neuen Ziel von Fremdenfeindlichkeit werden könnten – in Zeiten von Neonaziterror und No-Go-Areas in Sachsen und Thüringen wäre das keine gute Nachricht für Deutschland.

Ist es denkbar, dass die latente Fremdenfeindlichkeit des Blattes im Verlag, dessen Gründer Chef vom Dienst in der von den Nazis übernommenden und gegen Juden hetzende „Altonaer Nachrichten“ bzw. später „Hamburger Neueste Zeitung“ war, trotz der aktuell zur Schau gestellten Abscheu gegen den Neonaziterror (der natürlich für die Auflage ausgeweidet wird) und der immer wieder opportun plakatierten Freundschaft zur türkischen Zeitung Hürriyet auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitet? Immerhin hat BILD immer wieder ein „Volks-„Produkt wie das „Volks-DSL“, das „Volks-Notebook“, den „Volks-PC“ oder das „Volks-Handy“ zu vergünstigten Konditionen, so wie es damals den billigen „Volksempfänger“ gab, der dann eher verächtlich als „Goebbelsschnauze“ bekannt wurde. Liebe BILD, wenn Ihr in Bezug auf Sarrazin eine „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Haltung einnehmt, dann werde ich das doch wohl noch fragen dürfen, oder???

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: