Der PC-Fußball-Dreikampf

Ich verrate mal wieder etwas über mich: Ich spiele gern Computerspiele. Und ja, ich bin ein Killerspielespieler! Ich gebe es zu, obwohl ich damit pauschal von mindestens 500 wissensfreien Bundestagsabgeordneten und ungefähr 50 Prozent der deutschen Polizisten zum potenziellen Massenmörder abgeurteilt werde. Und Dr. Christian Pfeiffer, den niedersächsichen Chefgedankenverbrechenverboteforderer nicht zu vergessen (bei dessen Nachname zwei bestimmte Buchstaben für mich merkwürdig schwer zu tippen sind…). Natürlich fröne ich meinem gewalttätigen Hobby auch etwas verborgener: Mit diesen unglaublich leicht zu erstehenden und pixelmordenden Fußballgames! Wer schon mal mit seinem Pixelkicker eine Blutgrätsche gegen einen gegnerischen Pixelkicker angesetzt hat, wird wissen, was ich meine. Wobei ich sagen muss, dass da noch was fehlt: Weder EA noch Konami haben bisher die immer wieder stattfindenden Schlägereien, vornehmlich von Amateurplätzen, und Ausschreitungen implementiert. Nachbessern, Freunde der Sonne!

Eines meiner aktuellen Lieblingsspiele ist Pro Evolution Soccer 2011. Durch Modifizierungen aus dem Internet kann ich damit mittlerweile auch Bundesliga spielen – die einzige Möglichkeit derzeit, mal einen erfolgreichen HSV zu erleben… Ich bin auch relativ gut darin, zumindest im Kampf mit der KI. Online, was ich sehr, sehr selten mache, bin ich ziemlich schlecht. Naja, egal. Nun sind gerade FIFA 12 und Pro Evolution Soccer 2012 erschienen, und da stellt sich mir alljährlich die Frage, ob ich mal 50 Euro ausgebe für ein neues Spiel. Der Fussball-Manager 12 von EA ist bereits fest eingeplant, da ich bisher noch mit der 08er-Version spiele, die schon sehr, sehr alt ist und im Livemodus auch nicht wirklich rockt. Aber soll ich ein Jahr nach PES 2011 schon wieder Kohle für die aktuelle Version locker machen? Ich weiß es nicht. Und wie findet man es heraus? Klar: Demo!

Nein, ich ziehe nicht mit Gleichgesinnten vor die Firmenzentralen, mit schicken Plakaten oder so – ich meine die zu Testzwecken herausgegebenen Demoversionen der Spiele zum Ausprobieren. Beide sind nach etwas längerer Suche besorgt (gerade Konami entfernte die Demo-Downloads nach Veröffentlichung der Vollversion). Und da ich ein Sendungsbewusstsein zu befriedigen habe, vergleiche ich beide Demos hier im Blog miteinander und mit PES 2011 als Referenz.

PES 2012 vs. PES 2011

Als erstes teste ich das „Upgrade“. Was hat sich bei PES 2012 im Vergleich zum Vorgänger getan? Vor Programmstart stelle ich erstmal über die settings.exe alle Umgebungsoptionen genau so ein wie bei der 2011er und entferne danach die beiden Videodateien aus dem img-Verzeichnis, damit mir das Introvideo erspart bleibt: pes12ci.sfd und pes12pv.sfd. Das Gute ist: Die neue Version unterscheidet sich in den Systemvoraussetzungen höchstens marginal, und daher läuft sie selbst auf einem älteren Clevo M570-Notebook noch, auch unter Windows 7 und mit DirectX 9.0c.

Als erstes fällt auf: Das Hauptmenü hat sich praktisch kaum verändert, die Piktogramme sind praktisch gleich, nur in der Darstellung etwas moderner, metallener. Die Spielmenüs sehen hingegen aus wie 1:1 aus der Vorversion übernommen.

Ich spiele ein Freundschaftsspiel zwischen Tottenham Hotspur (mit Ex-HSVer Rafael van der Vaart, den ich wegen Formschwäche aber auf die Bank verbanne) und dem FC Bayern München. 10 Minuten dauert der Spaß, auf Stufe „Profi“. Neu in der Auswahl der Gegner sind Stärkeanzeigen für einzelne Werte wie Angriff, Verteidigung, Taktik etc., mit entweder A, B oder C daneben als kleine Einstufungshilfe. Der Einstieg ins Spiel verwundert mich etwas: Obwohl auf höchste Qualität und Displayauflösung gestellt, wirkt die Grafik reichlich verwaschen, als ob die Spielauflösung gar nicht der des Displays entspräche. Zumindest Screenshot-Versuche behaupten das Gegenteil. Das kenne ich aus dem Vorgänger anders, dort sind die Konturen knackiger. Der Grund ist mir bisher verborgen geblieben. (Vielleicht liegt es nur am Grafiktreiber, denn auch Screenshots sind mir nicht möglich. Einen Test von meinem jüngeren PC mit ATI-Karte werde ich nachschieben.)

Eine kleine, aber wichtige Verbesserung ist der Spielbeginn: Im 2011er pfiff der Schiedsrichter an, und der Anstoßende spielte sofort los. Nun löst man selbst mit der Passtaste den Anstoß aus – das erspart Unfälle. Im Spiel selbst ist die auffälligste Neuerung die geschmeidigere Bewegung der Spieler. Es wirkt deutlich runder, die 2011er-Kicker waren da merklich hüftsteifer. Auch die Steuerung wirkt nun etwas direkter als bei PES 2011. Insgesamt wird die Präsentation des Geschehens dadurch dynamischer. Auch die KI ist intelligenter geworden. So versuchen die Verteidigenden nun häufiger, die Aktion des Angreifers mit Ausfallschritt zu blocken. Angreifer können hingegen auch mal durch zwei Abwehrspieler hindurch marschieren. Auch bei Zweikämpfen am Mann hat sich was getan. Kleine Zusammenstöße bringen einerseits nun nicht mehr generell einen Angreifer aus dem Tritt, sondern sorgen meist dafür, dass er mit ein wenig Verzögerung weiter am Ball bleiben kann, wenn er den nötigen Platz hat. Andererseits werden solche Zusammenstöße auch ohne Tastendruck eher geahndet, wenn sie zum Ballverlust führen. An den zur Verfügung stehenden Aktionen per Knopfdruck hat sich nichts geändert, das bleibt recht simpel und einsteigerfreundlich.

Ein Ärgernis in der Animation, das Detailverliebte wie mich nervte, wurde weitestgehend verbessert: Die Schiedsrichterassistenten geben ihre Signale nicht mehr so träge, aber noch immer kommt der Abseitspfiff des Schiedsrichters einen Hauch vor der gehobenen Fahne. Die Pässe im Spiel sind ebenfalls etwas intelligenter, gehen mehr in den Raum, den sich die Mitspieler auch durch Frei- und das gerade auf dem Flügel oft praktizierte Hinterlaufen schaffen. Natürlich können solche Pässe auch abgefangen werden – da hat die KI inzwischen durchaus einen kleinen Vorteil, denn sie macht das „intuitiver“ als der steuernde Mensch und damit auch häufiger. Insgesamt also machen die Verbesserungen die 2012er-Version im Vergleich zu 2011 realistischer. Quantensprünge sehe ich aber nicht, weder optisch noch spielerisch. Das ist auch schwer, wenn man in einem Zweikampf Führender ist. Ob das aber auch so bleibt, ist erst im Vergleich mit FIFA 12 klar.

Übrigens: Das Spiel habe ich mit den Spurs 3:2 gewonnen. Zwar traf Mario Gomez zum 0:1 und 2:2, aber ein Schlenzer von Bale, der Führungstreffer durch Crouch und ein Kopfballtor vom 165 Zentimeter kleinen Lennon reichten zum Sieg.

FIFA 12 vs. PES 2011

Okay, jetzt wird’s unfair. Denn hier werden beinahe Äpfel mit Pfirsichen verglichen: Der aktuelle Konkurrent, der sich abschauen konnte, was die Fans des anderen so lieben, gegen die Vorjahresversion. Das ist, als wollte man im Vergleich den 2012er Hyundai i30, der gerade auf der IAA vorgestellt wurde, gegen den VW Golf V stellen. Wer allerdings einen 5er-Serie-Golf fährt und überlegt, ob er sich den neuen i30 kauft, wird vor der gleichen Baustelle stehen wie ich: Welchen Nutzen gewinne ich dabei?

Die grundlegendste Änderung hat EA in der Defensivarbeit vorgenommen und weist eingangs im Tutorial explizit darauf hin. In sieben Schritten durchläuft man als Spieler die neuen Verteidigungsoptionen einschließlich Zustellen, Zustellen (Mitspieler) und Ziehen/Zerren. Die neuen Möglichkeiten, die sich dem Spieler bieten, muss dieser erstmal erlernen und richtig einzusetzen wissen, sie sind aber ein großer Schritt Richtung Realismus. Ansonsten geht es mir dabei im Spiel wie auch im Versionssprung-Test vorher gegen PES 2012.

Das Menü basiert auf Text, was ebenso klar ist wie Piktogramme, wirkt aber weniger verspielt, und ein wenig Verspieltes gilt ja als kreativ. Die Navigation in FIFA 12 macht einen eher hausbackeneren Eindruck auf mich. Positiv hingegen ist für mich, dass man auch mit der Maus navigieren kann. Pluspunkt für EA.

Mein Referenzspiel gab es kürzlich tatsächlich in der Champions League: Olympique Marseille gegen Borussia Dortmund. Ich steuere den BVB, ausnahmsweise. Generell muss man sagen, dass bei FIFA die Schwierigkeitsgrade – zumindest für einen Umsteiger – eine Nummer höher anzusetzen sind, d. h. „Profi“ ist bei EA schwerer als bei Konami. Und es gibt noch einen gravierenden Unterschied: Gerade in der Ballverarbeitung – Passen und Schießen – ist die Steuerung von FIFA 12 merklich träger. Wird bei PES ein Pass mit Druck gespielt und sofort weitergeleitet, behält er seine Geschwindigkeit weitestgehend bei, während man bei FIFA etwa eine Sekunde lang eine Passtaste drücken muss, um einen halbwegs schnellen Ball zu spielen. Insgesamt wirkt FIFA 12 damit träger als PES 11, das ein zügigeres Spiel erlaubt. Zwar muss man auch dort die Pass- oder Schusstaste für einen kraftvolleren Schuss etwas länger drücken, der hat es dann letztlich aber auch in sich, so dass man tatsächlich einen Flankenwechsel mit einer realistischen Flugkurve und -geschwindigkeit vollziehen kann, während die Kugel im Hause EA flacher fliegt und nicht so weit. Schade eigentlich, denn das macht raumgreifendes Spiel über wenige Stationen sehr mühsam.

Ansonsten wirkt FIFA 12 ansehnlicher, flüssiger. Während ein Spieler bei PES 2011 auf einen anderen aufläuft und an ihm abprallt, versucht der Angreifer bei FIFA 12, sich an seinem Gegenspieler vorbeizuwinden – wie im richtigen Spiel. Auch die Aktionen selbst sind durchaus unterschiedlich, so dass eine Grätsche beispielsweise nicht immer komplett über den Boden zu rutschen bedeutet, sondern sich auch in einem langen Ausfallschritt äußern kann. Auch die Drehungen und Wendungen im Lauf sehen aus wie im Fernsehen. Und die Assistenten zeigen dem Schiedsrichter sofort eine Abseitsstellung an, noch ehe er pfeift! Grafisch gesehen und auf den Ablauf bezogen ist der Realismuslevel sehr hoch anzusetzen, da hat FIFA gut gearbeitet. Spielerisch dagegen macht das ermüdende Angriffsspiel, das eher auf Tricks und Finessen ausgelegt ist und weniger taktische Möglichkeiten bietet, vieles von dem guten Eindruck wieder zunichte.

Im Spiel war ich allerdings erfolgreicher als die Borussen. Verloren die echten Gelb-Schwarzen trotz guter Leistung mit 0:3, gewannen meine BVBler in Marseille mit 4:1 – 3 Tore erzielte Lucas Barrios, den zwischenzeitlichen zweiten Treffer Marcel Schmelzer, und für OM netzte Loic Remy zum 1:2.

FIFA 12 vs. PES 2012

Im direkten Duell erfährt man schon deutlich Unterschiede. Das Passspiel bei PES 2012 ist in der Tat etwas schneller und verzeiht mehr Ungenauigkeiten. Das wird bei einer Angriffslängenmessung klar. FIFA 12 teste ich mit einem Freundschaftsspiel zwischen dem AC Mailand und dem FC Arsenal, PES 2012 mit der Partie Inter Mailand gegen Bayern München. Bei sämtlichen Angriffen in Pro Evolution Soccer, die beim Torwart mit einem Kurzpass zu einem Verteidiger beginnen und mit einem Torabschluss innerhalb des Strafraums enden, liegt die Angriffsdauer zwischen 18 und 23 Sekunden. Natürlich habe ich mich in allen Versuchen um schnelles Spiel bemüht. Messversuche, bei denen ich den Ball erst vom Gegner wieder zurückerobern muss, werden abgebrochen. Unter der gleiche Prämisse teste ich FIFA 12. Das Paradoxe: Der schnellste Angriff dauert im träger wirkenden Produkt aus dem Hause EA gerade einmal 16 Sekunden, ist also zwei Sekunden schneller als der Versuch beim Konkurrenten! Allerdings: Mir gelingt auch nur ein einziger gültiger Spielzug. Bei allen anderen geht der Ball irgendwann verloren bzw. klappt kein Torschuss. So kann der Eindruck täuschen…

Spielerisch nehmen sich beide wenig. Die KI in PES 2012 macht allerdings etwas mehr Fehler, während die gegnerischen Kicker in FIFA 12 mehr dribbeln, mehr passen und sich so – symbolisch für das ganze Spiel – zum Torerfolg durchspielen. Auch hier sind die Angriffe des Konami-Sprosses zügiger, und man hat weniger Zeit zum Denken, muss mehr intuitiv spielen. Will man einen Vergleich ziehen, dann erinnert mich der Unterschied im Spieltempo der beiden an den Unterschied zwischen Call of Duty 4 und Ghost Recon: Advanced Warfighter. Oder, um um Genre Fußball zu bleiben: FIFA 12 ist mehr was für Huub Stevens, PES 2012 eher für Ralf Rangnick. Auch das ist Teil der Paradoxie des Vergleiches. Optisch ansprechender ist jedoch, das muss ich zugestehen, FIFA 12, wo die Aktionen der Pixelballtreter runder, vor allem aber vielfältiger wirken. Die Animationen scheinen also bei EA etwas umfangreicher gemacht worden zu sein.

Mein Urteil über dieses Duell hat übrigens nichts mit dem Ausgang der Testspiele zu tun, auch wenn ich bei FIFA 12 mit Milan gegen Arsenal 0:2 unterliege (Tore durch Walcott und Song) und bei PES 2012 mit Inter die Bayern 2:0 schlage (Thiago Motta per Distanzschuss, Eto’o als Abschluss eines Konters über drei Stationen und aus der eigenen Hälfte von Cambiasso unaufhaltbar steil geschickt).

Fazit

Beide sind im Vergleich zu PES 2011 ein Schritt nach vorn zu mehr Realismus. Mir aber reichen die Verbesserungen nicht aus, um einen Kauf zu rechtfertigen. Nach vielen Jahren Pro Evolution Soccer-Serie bevorzuge ich weiterhin die asiatische Weise des Fußballs, denn sie wirkt insgesamt dynamischer und liegt mir deshalb eher. FIFA hat seine Stärken dort, wo der Spieler ein längeres Aufbauspiel aufzieht, wie man es auch aus den meisten Stadien kennt. Es entspricht der Realität am ehesten. Sehenswerter hingegen ist Tempofußball – zumindest für einen leidgeplagten HSV-Fan wie mich. Den habe ich aber auch in der 2011er-Version, und die Unterschiede zwischen 2011 und 2012 sind bei Pro Evolution Soccer nicht so gravierend, dass ich schnellstmöglich ins Geschäft renne, auf dass Ware und Geldschein die Besitzer wechseln. Plus: Die Modifikationen, die es derzeit bei PES 2011 gibt, werden bei 2012 noch auf sich warten lassen. Und wenn ich schon HSV-Niederlagen im Stadion sehen muss, will ich doch wenigstens am Computer sehen, wie er gewinnt…

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