Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (4)

Kapitel 4

Da fuhr er endlich. Darauf hatte er gewartet. Dafür hatte Jonas seit einer halben Stunde abwechselnd aus dem Fenster und auf die Uhr geguckt. Seine Hausarbeiten waren reine Nebensache. Er brauchte sich auch nicht groß anstrengen. Die Aufgaben fielen ihm leicht. Er war ein „plietscher Junge“, wie es sein Papa immer ausdrückte. Das war er wirklich, und seine Eltern brauchten es ihm nicht erst zu sagen. Schon mit fünf Jahren hatte Jonas aus Zeitungen abgeschrieben und las Mama und Papa am Frühstückstisch die Nachrichten vor. Natürlich las er am liebsten den Sportteil. Vor allem die Nachrichten über den HSV. Seinen HSV.

Wie die Spieler wollte er mal werden. Aber er konnte sich so schwer entscheiden, wem er nun nacheifern wollte. Auf dem Schulhof gab es viele Bayern-Fans, die mochte er nicht. Schweinsteiger, Müller, Gomez, Ribery, Robben… nein, das war nicht seine Welt. Er liebte den HSV, schon immer. Er hatte nur einfach keinen Star als Idol. David Jarolim war schon toll, wie er dagegenhielt und den Körper zwischen Ball und Gegner schob, Freistöße provozierte. Aber Mladen Petric war auch klasse, besonders wenn er mit links abzog. Heung-Min Son auch, der junge Südkoreaner, der so witzig aussah, wenn er Tore bejubelte. Und Eljero Elia hatte er früher auch gemocht, bis der anscheinend keine Lust mehr auf den HSV hatte und auch so spielte. Jonas konnte sich einfach nicht festlegen. Darum war sein Fantrikot auch nicht mit einem Namen und einer Nummer beflockt. Er liebte einfach den HSV.

Und er liebte seinen Papa. Deshalb starrte er auch so lange aus dem Fenster, anstatt seine Hausaufgaben zu machen. Immer, wenn ein Bus vorbei fuhr, hoffte er, seinen Papa erspähen zu können. So wie jetzt auch. Aber als dieser Bus aus Bördeling vorbei fuhr, konnte er den Fahrer nicht erkennen. Es ging zu schnell. Die Vorfreude wich der Ernüchterung, und Jonas fiel enttäuscht in seinen Drehstuhl zurück. Seine Lust auf die Hausaufgaben förderte das auch nicht. Aber wenn er sie nicht machte, würde Mama schimpfen und dafür sorgen wollen, dass er sie macht. Und das wollte er nicht. Er hatte keine Lust, dass sie neben oder hinter ihm saß und ihm über die Schulter guckte. Er wollte seine Ruhe, die Hausaufgaben alleine machen. Überhaupt war es ihm viel lieber, allein zu sein.

«Ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll…», klagte Mia. «Ich komme kaum noch an Jonas heran. Er will nicht auf den Spielplatz, nicht auf den Bolzplatz, nichts unternehmen. Er verbunkert sich in seinem Zimmer! Es ist schon ein Wunder, wenn ich ihn mal dazu bringen kann, mit dem Fahrrad eine Runde zu drehen…» Sie machte einen verzweifelten Gesichtsausdruck.
«Hast Du gedacht, an einem kleinen Jungen geht die Scheidung der Eltern spurlos vorüber? Der merkt doch ganz genau, was bei Euch los ist.», antwortete Caro, während sie an der Geschirrspülmaschine lehnte.
«Das weiß ich doch! Aber Du weißt auch, dass das mit Bernd einfach nicht mehr ging. Aber das kann ich doch Jonas nicht so sagen! Er liebt seinen Papa. Er braucht ihn. Das kann ich ihm doch nicht kaputt machen!»
«Aber für ihn bist Du die Böse. Immerhin hast Du Bernd ja recht schnell ersetzt, und für Jonas sieht das so aus, als sei Ben Schuld am Scheitern Eurer Ehe. Wenigstens denkt Jonas nicht, er selbst sei schuld, oder?»
Mia schnaufte theatralisch. «Keine Ahnung! Vielleicht ja, vielleicht nein. Ich kann ihn fragen – er redet nicht mit mir darüber.» Ihre Verzweiflung war nicht übertrieben. Kraftlos rührte sie in dem Topf mit Schokoladenpudding herum, den sie für Jonas machte. Sogar echte Vanilleschoten hatte sie gekauft, damit er so gut schmeckte, dass Jonas mal ein Lächeln zu entlocken war.

Doch es nützte alles nichts. «Hast Du es schon mal mit Sachen versucht, bei denen er garantiert Spaß hat? Er spielt doch gern Fußball – meld‘ ihn doch in Bördeling beim TSV an! Da gewinnt er dann neue Freunde und kommt mindestens zweimal pro Woche aus seinem Schneckenhaus!», meinte Caro.
«So schlau waren wir auch schon, aber er will partout nicht.»
«Und was ist mit dem HSV? Geht doch mal mit ihm ins Stadion! Das liebt er doch…»
«Waren wir schon mal. Schon auf dem Weg dahin hat er Terror gemacht. Und im Stadion hat er sich auch kein bisschen gefreut, überhaupt nicht mitgefiebert. Das war ein teurer Reinfall für drei Personen, dazu noch die Fahrtkosten und so. Da sind fast 200 Euro draufgegangen. Und dann hat der HSV auch noch verloren – da war seine Stimmung komplett im Arsch!» Mia schüttelte gedankenverloren den Kopf.
Auch Caro wirkte ernüchtert. «Oh je…»
«Ich hab schon darüber nachgedacht, mit ihm zum Psychologen zu gehen. Das geht so nicht weiter! Was ich auch mache, es hilft gar nichts… Und Ben ist mir auch keine Hilfe!» Bei diesen Worten wechselte Mias Verzweiflung in Ärger.
«Wieso, was macht er denn?»
«Ja, nichts! Das ist ja das Problem! Er lässt mich mit Jonas völlig allein. Ich sehe ihn immer seltener, und wenn wir wenigstens mal telefonieren, ist er immer kurz angebunden. Inzwischen kommt er fast nur noch her, wenn Jonas bei Bernd ist.»
Caro seufzte.
«Und ich glaube, er kommt auch nur noch dann her, wenn er ficken will. Ansonsten unternehmen wir nichts, auch und schon gar nicht mit Jonas, von dem HSV-Fiasko mal abgesehen.»
«Zu deutsch: Jonas ist für ihn ein Störfaktor.»
«So sieht es aus. Ja.»
«Und warum trennst Du Dich nicht von ihm?», fragte Caro.
Mia sah sie an. «Ich liebe ihn!»

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