Damned

Teil 2

Timing war alles. Heute musste alles klappen. Wenn etwas schief ging, war alles umsonst. Und es musste heute sein. Viel Zeit hatte er nicht mehr. Den Anruf hatte er um neun Uhr gemacht. Um 13 oder 14 Uhr würden sie kommen. Bis dahin musste alles erledigt sein. Inklusive Ablenkungsmanöver. Also in den nächsten zwei Stunden…

Auf dem Weg zur Schanze montierte Jensen vor dem Beachclub an seiner Maschine das Kennzeichen ab. Es regnete nicht, also würde die schwarze Farbe halten. Bevor er vom Schulterblatt in die Susannenstraße einbog, sah er sich um, ob irgendwo Polizei lauerte. Als die nicht zu sehen war, zog er einen Molotowcocktail aus der Tasche, zündete die Lunte an, maskierte sich und fuhr einhändig auf den Treff zu. Ein Dutzend Bikes stand davor. Langsam rollte die Maschine auf den Treffpunkt der Angels zu. Keiner bewachte die Harleys. Warum auch? Jeder, der sie auch nur berührte, war dem Tode geweiht… Und doch: Jensen wagte das Undenkbare: Der „Molly“ flog in hohem Bogen, und als die Flasche zerbarst, ging ein Feuerregen auf die Angels-Maschinen nieder. Jensen bog um die Ecke in die Bartelsstraße, fuhr aber noch langsam genug, um im Rückspiegel zu beobachten, wie wütende Angels-Mitglieder ihm hinterher stürmten. Dann drehte er am Gashebel und brachte sich in Sicherheit. Nun gab es kein Zurück mehr.

Über die Max-Brauer-Allee ging es gen Südwesten, und kurz vor dem Altonaer Bahnhof bog er rechts in die Julius-Leber-Straße ab. Im Lessingtunnel unter der Bahnstrecke lenkte er seine Maschine zwischen zwei Pfeilern hindurch auf den Fußweg, atmete tief durch und machte sich daran, sein Motorrad wieder in ordnungsgemäßen Zustand zu bringen. Viel Zeit hatte er nicht. Er schraubte das Kennzeichen wieder an und wusch mit einer Wasserflasche die Farbe vom Lack. Dann stieg er wieder auf und fuhr zum Hell’s Hell zurück. Sicherheitshalber brachte er seine Maschine auf dem Parkplatz eines Baumarktes unter und rannte den letzten Kilometer zum Clubhaus.

Als er die Tür aufriss, hatte Skull nicht mal die Zeit zu reagieren. Laut fluchend stürmte Jensen rein, feuerte seinen Helm demonstrativ auf ein Sofa und rannte durch die dunkle Halle. Sein Ziel war Bulls Büro. Schon als die Treppe unter seinen Füßen erzitterte, schrie er nach dem Bandenchef und riss oben die Tür auf. Bull saß auf dem Sofa, Gina auf dem Schoß.
«Bull! Probleme!» Diese zwei Worte ließen seinen Gesichtsausdruck schlagartig verdüstern.
«Was is‘?»
«Bin eben von einer Horde Angels gejagt worden. Die kommen her!“ berichtete Jensen atemlos.
«FUCK! Wieso? Was war los?“ Bull war aufgeregt. In seinem Kopf schien die wiederhergestellte Blutzufuhr ein Rattern zu verursachen.
«Die wollten mich zum Kaffeekränzchen einladen…», giftete Jensen ironisch. «Mann, keine Ahnung! Ich war auf dem Weg hierher, und plötzlich hab ich diese Wichser vor mir!»
«Was hast du gemacht?»
«Ja, was wohl?! Abgehauen bin ich! Aber die ham’s gemerkt und sind mir hinterher! Bin erstmal nach Stellingen, rauf auf die A7, Eidelstedt wieder runter und Kieler Straße zurück. Ich sag’s dir: Die sind auf Zoff aus! Vielleicht haben die Wind bekommen von unserem „Ausflug“… FUCK!!» Jensen war aufgebracht  Das war auch gut so, denn sonst hätte Bull gemerkt, das was nicht stimmte.
Bull warf Gina zur Seite ab, rannte an Jensen vorbei und die Treppe runter. Er schrie die Leute zusammen. «Skull, halt vor der Tür Wache!»
Skull verschwand nickend.
Als sich alle versammelt hatten, bellte Bull in kurzen Sätzen, was er glaubte, das passiert sei. «Gunner – Waffenausgabe! Wenn diese Dreckschweine auftauchen und Stress wollen, gibt’s bleiversuchte Luft!»
«Ich geb‘ die Munition aus!», rief Jensen.
Bull nickte. «Zwei Magazine, und Rick und Jerry kriegen jeder zwei Granaten.»

Die Ausgabe von Waffen und Munition dauerte keine fünf Minuten. Vierzehn Mitglieder der Verdammten waren schwer bewaffnet und bereit, die Angels zu durchlöchern. Beim ersten Motorradknattern stürmten sie raus auf den Parkplatz und verschanzten sich. Die Mädchen waren abgehauen. Auch Gina. Jensen war allein. So, wie er es geplant hatte.

Zügig ging er auf die Toilette, versicherte sich, dass er allein war, und zog mit Handschuhen denBeutel mit weißem Pulver aus seinem Versteck. Er musste sich beeilen. Er ging in eine der Kabinen, stieg auf die Kloschüssel, stieß die Deckenverkleidung beiseite und förderte einen zweiten Beutel zutage. Mit beiden, verborgen in der Jacke, lief er zurück in die Halle. Er durchwühlte die Munitionskiste, aus der er eben noch Patronen ausgegeben hatte, und zog noch zwei Plastikbeutel hervor. Damit rannte er die Treppe zu Bulls Büro hoch. Dort nahm er saubere Beutel, schüttete den Inhalt seiner Tüten hinein, bis sie ein, zwei oder fünf Kilo wogen, und „versteckte“ sie in einem offenen Safe, von dem niemand einen Schlüssel besaß.

Er lächelte, als er die Treppe hinunter lief. Dann bemerkte er Geschrei vor der Tür. Er lief wieder ins Klo, versteckte die vier leeren Beutel unter der Fliese unterhalb des Waschbeckens und zog die Handschuhe aus. Schreie drangen von außen herein. Aber es wurde nicht geschossen. Noch nicht. Dann hörte er die Motoren aufheulen, und je näher er der Tür kam, desto deutlicher war zu hören, dass sie sich langsam entfernten. Die Angels rückten ab. Zeit, ebenfalls zu verschwinden.

Während die Augen der Damned noch den abfahrenden Angels hinterher blickten, lief Jensen aus der Tür und bog direkt nach links ab. Unbemerkt verschwand er hinter dem Haus, kletterte über einen Zaun und warf seine Weste mit dem Damned-Patch in einen Entwässerungsgraben. Und dann kamen sie auch schon: Drei Gruppen- und vier Streifenwagen und einige zivile Fahrzeuge: Die Polizei. Jensen brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass die auf den Hof der Damned fuhren, um eine Razzia durchzuführen. Jensen lächelte.

Noch am gleichen Abend klingelte es an seiner Tür. Es waren Hauptkommissar Haler und sein Kollege Schneider. Alte Bekannte. Sie traten ohne Gruß ein.
«Herr Jensen, würden Sie uns bitte auf die Wache begleiten? Wir hätten da einige Fragen zu klären…», begann Haler bestimmt.
«Oh, das passt mir aber momentan überhaupt nicht… worum geht es denn?» Jensen gab sich unwissend.
Haler lächelte. «Sind Sie noch Mitglied bei den Damned?»
«Ich bin kein Mitglied dieser dreckigen Rockergruppe.», antwortete Jensen wahrheitsgemäß.
«Dann wissen Sie auch nichts über die 21,5 Kilogramm Kokain, die wir heute bei einer Razzia im Hell’s Hell gefunden haben?»
Jensen bemühte sich um einen freudig-überraschten Gesichtsausdruck. «Nein…»
«Und die Waffen?», warf Schneider ein.
«Was für Waffen?»
«Die hatten Maschinenpistolen, automatische Gewehre, Handgranaten… alles wohl für einen Angriff auf die Angels in Dänemark…», führte Schneider aus.
Jensen blieb dabei. «Keine Ahnung. Aber das heißt dann wohl, dass Sie diese Schweine geschnappt haben!»
«Den größten Teil, ja.», gab Halen zu, «Allerdings…» Jensen reagierte nicht. «… wüssten wir zu gern, wer der anonyme Anrufer war, der uns das gesteckt hat. Sie wissen nicht ganz zufällig, wer das gewesen sein könnte?» Halens Tonfall verriet, dass er es wusste. Er war voll im Bilde. Nur beweisen konnte er das alles nicht.
Jensen schüttelte den Kopf und gab weiter das Unschuldslamm.
«Nun gut», sagte Halen, «dann sind wir hier fertig. Die Damned werden sehr lange einsitzen.»
«Unerlaubter Waffenbesitz, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Drogenbesitz zum Zwecke des Handels…», führte Schneider aus, «Und mit etwas Glück redet einer. Dann können wir so auch den oder die Mörder Ihrer Frau und Ihres Sohnes seiner gerechten Strafe zuführen.»
Jensens Gesicht versteinerte augenblicklich, und noch während Schneider sprach, rollte eine dicke Träne seine Wange hinunter.
«Ja, Herr Jensen, wir wollen Sie auch nicht länger aufhalten. Machen Sie es gut!» Damit wandten sich Halen und Schneider zum Gehen. Jensen nickte nur.

Die beiden Kriminalpolizisten waren schon lange gegangen, als Jensen seinen starren, tränenverquollenen Blick von der Tür abwendete. Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, ging ins Schlafzimmer, legte sich auf sein Bett und schloss die Augen. Und zum ersten Mal seit über einem Jahr schlief er einen entspannten, ruhigen, traumlosen und langen Schlaf…

ENDE

(Teil 1)

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