Damned

Teil 1

Als Jensen den Club betrat, stellte sich ihm Skull in den Weg. «Ey, Jake, Du siehst total scheiße aus!»
Jensen, der sich selbst Jake genannt hatte, musterte eine Weile lang müde seinen Gegenüber. «Dir auch.», sagte er dann und trat vorbei. Der Eingangsbereich des Clubhauses war großzügig bemessen, dennoch musste man sich schon dünn machen, wenn Skull vor einem stand. Eigentlich hieß der riesige Glatzkopf Norbert, war Mitte vierzig, über zwei Meter groß und mit geschätzten 150 Kilo Lebendmasse nicht nur fast so breit wie lang, sondern für jedes Bike eine echte Belastung. Es ging das Gerücht über ihn – das Skull weder dementierte noch bestätigte -, dass ihm mal eine Harley unter dem Arsch in der Mitte durchgebrochen war. Er gehörte zu den Redseligeren im Club. Jensen konnte sich diesen Riesen mit dem miesen cw-Wert durchaus als liebenden Familienvater vorstellen. Doch das war Teil von Skulls Vergangenheit: Seine Frau hatte sich seinen zweijährigen Sohn und zwei Koffer geschnappt, weil sie nicht mit seiner Rolle und Mitgliedschaft bei den Damned leben konnte und wollte. So waren also die Damned seine Familie.

Hell’s Hell erfüllte alle Klischees eines Rocker-Treffs: Von außen ein kleiner Backsteinbau am Rande eines Industriegebietes, das auch schon bessere Zeiten gesehen hatte, und drinnen eine dunkle Spelunke mit abgewetzten Sofas aller Coleur, Rocker-Devotionalien an den Wänden, schwer verrauchter Luft und leeren Whiskey- und Wodkaflaschen auf den Tischen. Allein von der Luft hier drinnen konnte man einen Kater bekommen. Oder high werden. Kurzum: Das Hell’s Hell war weit davon entfernt, in Reiseführern über die Stadt Erwähnung zu finden. Aber den Mitgliedern der Damned war das auch ganz recht. Sonst hätten sie nämlich aufräumen und putzen müssen.

Jensen ging durch den Clubraum und trat durch eine Tür. Auf seinem Weg durch die angrenzende Halle, die, wenn sie nicht gerade als Do-it-yourself-Werkstatt benutzt wurde, auch allerlei Illegales beherbergte, kam ihm Gina entgegen. Sie blieb vor ihm stehen und raunte ihm durch den mäßigen Lärm provozierend zu: «Hey, Jake, Du siehst aus wie der Tod höchstpersönlich…»
Jensen sah sie einen Augenblick lang an, holte dann mit der rechten Hand weit über seine linke Schulter aus, schlug aber nicht zu. Gina ging nicht in Deckung. Sie zuckte nicht einmal. Wortlos ging er an ihr vorbei.
Jones kam auf ihn zu und schnauzte ihn an: «Ey, wirst Du weich, oder was?!»
Jensen antwortete: «Die ist so dicht, die merkt das gar nicht.»
Jones wurde freundlicher. «Du weißt schon, dass sie recht hat?»
«Dann nennt mich doch in Zukunft Reaper…“ sagte Jensen, ohne eine Miene zu verziehen.

Gina war ein Groupie; ein Mädchen ohne Heimat, ohne Geld, ohne Zukunft. Was sie von den anderen Schlampen und Huren hier unterschied: Sie wollte dazugehören. Sie war eines Tages mit einer 95er Kawasaki VN 800 aufgetaucht. Sie glaubte auch, sie sei akzeptiert. Warum sie das glaubte, hätte niemand verstanden, der sich das je gefragt hätte. Vielleicht lag es daran, dass sie ab und zu mal Botengänge machen durfte, wenn sie nicht gerade kokste oder sich von einem Gangmitglied ficken ließ. Oder verprügeln. Das kam nicht selten vor, doch trotz dieser eindeutigen Zeichen für ihre Rolle im Club kam sie immer wieder. Die Schlampen, die Bitches hingegen verschwanden irgendwann, manche auf ungeklärte Weise und auf Nimmerwiedersehen. Und die Huren nahmen ihr Geld und gingen, wie es ihr Job war. Gina blieb.

Jensens Blick schweifte herum und verfing sich schließlich beim damaligen Lagerleiter-Büro, das über der Halle an der Wand thronte. Hinter der Scheibe stand ein ihm Unbekannter, der aber die klassische Kluft der Damned trug: Schwarze Lederweste mit dem schwarz-roten Patch auf dem Rücken, der ihn als Damned-Mitglied auswies. Nur das Logo, das aus Hörnern bestehende Rad, sah etwas anders aus. Jensen nickte Richtung Büro: «Besuch?»
«Wikinger.», erklärte Jones, «Viborger Chapter, glaub‘ ich. Die haben da ein wenig Ärger, soweit ich gehört hab‘.»
«Wegen Wardog?», fragte Jensen. Jones zuckte mit den Schultern.
Jensen ahnte, worauf das hinaus lief. «Wenn die deswegen hier sind, ist nicht nur Sørensen fällig. Dann ziehen die so viele Chapter zusammen, dass es für einen Vernichtungsschlag reicht. Mögen uns die Götter gnädig sein, wenn Bull zustimmt…»
Jones wirkte eher belustigt. «Glaubst Du, wir werden mit einem Chapter der Angels nicht fertig?»
Jensen machte eine wegwerfende Handbewegung. «Als ob die unsere größte Sorge wären… Um Sørensen und seine Truppe auszuknipsen, brauchen wir Feuerkraft! Glaubst Du, die Bullen kriegen nicht mit, wenn plötzlich die Nachfrage steigt? Wir kämpfen dann an zwei Fronten – die Angels werden diese Kriegserklärung kaum auf sich beruhen lassen! Wenn Bull „ja“ sagt, dann werden im Hell’s Hell in absehbarer Zeit viele, viele Löcher zuzuspachteln sein!»
«Das weiß er doch! Hoffentlich…» Jones klang nicht überzeugend.
«Wenn nicht, dann sollte er besser ins Exil gehen. Dann hat er ’ne Zielscheibe auf der Stirn.»
«Und warum machst Du Dir dann Sorgen um die Bullen?» Jones war manchmal wirklich begriffsstutzig.
«Was glaubst Du?! Weil die an mir einen Narren gefressen haben! Warum wohl seh ich so aus? Die Augenringe hab‘ ich nicht, weil mir die Wimperntusche verlaufen ist, und ich schlaf‘ auch nicht auf einem Stempelkissen!» Jones Dummheit brachte Jensen in Rage.
«Und Du kannst nicht pennen, wenn die vor Deinem Haus warten und Dich beobachten?»
Jensen fuhr aus der Haut. «Ich kann vor allem nicht pennen, wenn die Bullen zweimal pro Nacht an meiner Tür sturmklingeln!»
Jones entfuhr nur ein verständnisvolles «Oh.»
Jensen hatte für Jones nur einen verärgerten Na-endlich-kapierst-du-es-Blick übrig. «So, ich geh‘ pissen.» Sprach’s und ging ohne weiteren Blick an Jones vorbei, schnurstraks auf’s Klo zu.

Den Gestank von Pisse und Kacke nahm er schon lange nicht mehr wahr. Er achtete auf etwas anderes, während er ans Pissbecken trat: In einer Kabine war ein Rockerkollege mit ’ner Hure, Schlampe oder einem Groupie zugange. Er stöhnte laut atmend wie ein brünftiger Elefantenbulle, ihr leises Hauchen war kaum zu hören. Sekunden später war er fertig, und als die Tür aufging, machte er gerade die Lederhose zu. Hinter ihm kam Maren, eine der Schlampen, zum Vorschein: Eine, die keine von den Damned sein will und sich für etwas Koks willig von jedem ficken ließ. Don nickte Jensen zur Begrüßung zu, ohne eine Miene zu verziehen, und verließ das Klo.
Maren sprach ihn an. «Oh, hi Jake! Willst Du auch? Er hat mir nur in den Arsch gespritzt, also…»
Jensen lehnte dankens ab.
«Ich kann Dir auch einen blasen…», bot sie an. Wieder verneinte er.
«Okay.» Lächelnd verließ auch sie das Klo. Aber ihr Lächeln hatte etwas Leeres. Sie war unzweifelhaft high.

Jake packte sein Ding wieder ein, ließ das Pissoir spülen und sah dann genau nach, ob er auch wirklich allein war. Dann ging er vor dem Waschbecken auf die Knie, holte ein Messer aus dem Stiefel und hebelte damit eine graue Bodenfliese hoch. Darunter kam ein Plastikbeutel zum Vorschein. Jensen zog nacheinander elf kleine Tütchen aus der Kluft. Er riss sie nacheinander auf und entleerte sie zügig in den Beutel, den er sorgfältig wieder verschloss. Dann versteckte er ihn wieder unter der Fliese. Als er fertig war, wusch er sich die Hände und verließ die Toilette. Es war Zeit für den Anruf…

(Teil 2)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: