Der Zen des Charlie Crews (2)

Kürzlich habe ich über die Wut geschrieben, und welch Weisheit in einem Zen-Spruch steckt, die die Figur des Charlie Crews (gespielt von Damian Lewis) in einer Szene der Pilotfolge von „Life“ einem provozierenden Gefängniswärter entgegnet. Der Wärter hat – wie zu erwarten war – nichts dafür übrig und fragt Charlie erbost:

„Wollen Sie sich über uns lustig machen?“

Daraufhin sagt Crews:

„Das Universum macht sich über uns alle lustig.“

Dani Reese, Crews‘ Partnerin, ist verwirrt und fragt ihn draußen vor der Gefängnismauer (an der witzigerweise steht: „No Re-Entry“„Kein Wiedereintritt“):

„Wieso sollte sich das Universum über uns lustig machen?“

Und Crews antwortet:

„Vielleicht ist es unsicher…“

Dani kommt sich veralbert vor und bleibt verdutzt stehen. Zurecht?

Um diese Frage zu klären und den Dialog zu verstehen, müssen wir erstmal eine Begrifflichkeit klären: Was ist das Universum?

Im Lateinischen steht dieses Wort tatsächlich für das Weltall. Sprachlich stammt das Wort vom lateinischen „universus“ ab, zu deutsch „sämtlich, gesamt, ganz“, aber auch „allgemein“. In ihm stecken die Vorsilbe „uni-“ bzw. deren Wortstamm „unus“ für „eins“ und „versus“ für „gegen“ bzw. dessen Verb „verto“ für „hinwenden“. Nun lässt sich diese Wortherkunft trefflich redefinieren. Zum Beispiel „gegen eins“ oder „in eins gekehrt“. Damit wird deutlich, was „das Universum“ eigentlich ist: Ein Sammelbegriff für alles, was in dieser Welt existiert, existiert hat und existieren wird. Also auch für uns selbst. Wir sind Teil dieses Universums, wie das Universum ein Teil von uns ist. Also machen wir uns über uns selbst lustig?

In gewisser Weise schon. Schließlich ist das, was wir für das Universum halten, lediglich der Teil des Ganzen, den wir wahrnehmen können. Woher wissen wir, dass das Universum eine für uns nicht sichtbare Ampel beinhaltet, die rechts hinter der nächsten Häuserecke steht? Woher wissen wir, dass da überhaupt eine steht? Wissen wir überhaupt, dass da eine steht? Ist es überhaupt eine Ampel? Und bezeichnen auch andere das als Ampel? Ist das, was ich eine Ampel zu sein meine, auch eine Ampel für einen anderen Menschen? Wie definiere ich überhaupt dieses Etwas, das ich Ampel nenne? Und wie definiert es ein anderer Mensch? Decken sich diese Definitionen?

Das alles sind Fragen, die wir uns nicht stellen. Entweder wissen wir aus Erfahrung, wie es ist bzw. wie unsere Wahrnehmung sein wird, oder wir wissen es schlicht nicht und verlassen uns auf unsere bisher gemachten Erfahrungen oder die Erfahrungen anderer –  also indirekte Wahrnehmung; die Wahrnehmung eines anderen, die wir uns zu eigen machen. Man kann auch noch einen Schritt weiter gehen: Kann ein Stern, der noch von niemandem entdeckt wurde, überhaupt existieren? Woher wissen wir überhaupt, dass nach dem zuletzt entdeckten Stern noch ein weiterer entdeckt werden wird?

Diese Fragen klingen verdächtig nach einer viel diskutierten Frage der Philosophie: „Wenn im Wald ein Baum umfällt, und niemand hört ihn, ist er dann umgefallen?“ Auf beide fraglichen Sachverhalte gibt es eine einfache Antwort: Dadurch, dass wir einen noch nicht entdeckten Stern denken, machen wir ihn zu einem Subjekt. Ebenso wie wir durch die Fragestellung den Baum umfallen lassen, denn nur, wenn tatsächlich der Baum umgefallen ist, kann diese Frage überhaupt zutreffen. Anders sieht es aus, wenn man fragt: „Wenn im Wald ein Baum am Boden liegt, und niemand hat gehört, dass er umgefallen ist, ist er dann umgefallen?“ Diese Frage kennt keine zuverlässige Antwort, denn wir müssen uns allein auf empirische Wahrnehmung verlassen, und die sagt uns zwar, dass Bäume in die Höhe wachsen und nur dann das feinere Wurzelwerk ans Tageslicht gelangt, wenn der Baum umgefallen ist. Aber sicher können wir uns nicht sein, dass nicht exakt dieser Baum ausgerechnet seine Nährstoffe aus der Luft anstatt aus dem Boden zieht und deshalb auch seitwärts wächst. Und nicht einmal sein darauf folgendes Absterben kann als sicheres Zeichen für das Umfallen gezählt werden, da wir nicht wissen, ob ein seitwärts wachsender Baum nicht genau jetzt aus anderen Gründen absterben musste… Subjektive Wahrnehmung kann uns trügen, denn das, was wir wahrnehmen, wird an dem gemessen, was wir schon einmal wahrgenommen haben.

Doch bevor wir eingehender zur Wahrnehmung kommen, die bei der Klärung dieser Aussagen Crews‘ eine entscheidende Rolle spielt, müssen wir noch etwas weiter beleuchten, was das Universum ist. Es stellt sich die Frage, ob das Universum sich überhaupt über jemanden lustig machen kann. Kann das Universum überhaupt irgend etwas tun?

Unser Detective Charlie Crews benutzt den Terminus jedenfalls in einer aktiven Rolle: Indem es sich angeblich über uns alle lustig macht, ist es kein Etwas, sondern ein Wer. Das deckt sich mit dem allgemeinen Sprachgebrauch: „Das Universum dehnt sich aus.“, um mal ein Beispiel zu nennen. Es ist also eine Person, etwas aktiv Handelndes, gleichzeitig aber nicht greifbar. Mono- und Polytheisten kennen dafür ein Wort: Gott. Ein Wort, das Charlie aber nicht verwendet, aus gutem Grund: Buddha ist kein Gott. Dennoch wird die Existenz einer übergeordneten Macht nicht verneint – nur die Form ist nicht festgelegt.

Was also ist das Universum? Und wie kann es etwas tun? Kann es einen eigenen Willen haben? Einen, der frei bestimmt, alle Menschen zu veralbern?

Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Es gibt weder den Beweis, dass Gott existiert, noch den, dass er nicht existiert. Es gibt zwar das Universum, aber ob es eine eigene Instanz ist, die selbst handeln kann, oder ob es sich dabei um die Summe aller Objekte handelt, die waren, sind und sein werden, gleicht der Frage nach dem Gottesbeweis. Solange können wir nur davon ausgehen, was wir wissen, und die Wahrscheinlichkeit, dass es keine überlegene Instanz gibt, ist nach dem empirischen Verhältnis der Phänomene, die einst als göttliche Taten galten und doch wissenschaftlich erforscht und erklärt wurden, größer als die, dass sie existiert. Sofern sich ihr Dasein in Existenz manifestiert. Und selbst in dem Falle ist diese Existenz für uns nicht wahrnehmbar – weshalb man es auch „Glaube“ nennt.

„Vielleicht ist es unsicher…“ Die Antwort Charlies auf Danis Nachfrage erscheint zunächst witzig, offenbart aber bei genauerem Nachdenken ungeahnte Interpretationsmöglichkeiten. Kann das Universum unsicher sein? Hier kommt es wieder darauf an, als was man das Universum begreift. Bezieht man sich auf ein gottgleiches Wesen, das nach eigenem Gutdünken lenkt und in der Lage ist, sich über alle Menschen lustig zu machen, warum sollte er dann mit den Menschen spielen? Und vor allem: Kann ein Wesen, von dem man annimmt, es sei perfekt, unsicher sein, also nicht perfekt? Oder ist es lediglich unsicher, dass es dieses Universum überhaupt gibt? Diese Frage gilt ja auch, wenn man sie auf das Universum als Alles bezieht. Ist es sicher, dass es das Universum gibt? Denn eigentlich ist es nur ein gedankliches Konstrukt als Stellvertreter einer schier unvorstellbaren Unendlichkeit, eines nicht erfassbaren Potenzials an Sein. Denn es umfasst ja auch Körper, von denen wir mangels Wahrnehmung nur annehmen können, dass es sie gibt, wie wir oben bereits angesprochen haben.

Will man es auf die Spitze treiben, lautet die eine Frage, die das Universum als Wesen betrifft, aber so: Kann das Universum unsicher sein über seine eigene Existenz bzw. Manifestation?

Dies alles sind Fragen, auf die wir keine Antwort finden können. Teils, weil hierfür unsere Wahrnehmung zu kurz greift. Teils aber auch, weil unser Verstand nicht in der Lage ist, alle für ihre Beantwortung nötigen Informationen zu verarbeiten und zu bewerten. Es wäre kaum verwunderlich, wenn die Antwort „42“ lautete.

Überhaupt ist – und damit greifen wir den Gedanken von oben, den wir zum am Boden liegenden Baum geäußert haben, wieder auf – die Wahrnehmung ein Faktor. Bei dem, was wir täglich erleben, fällt es vielen Menschen schwer zu glauben, dass das Leben einfach so ist. Wenn wir beispielsweise hören, dass jemand ein Flugzeugunglück überlebt hat und dann zuhause tot umgefallen ist, dann halten sich viele daran fest, dass es eine höhere Macht geben müsse, die solchen Dingen einen Sinn verleiht. Dies kann ein Gott sein oder ein Universum. Dabei fehlt uns manchmal nur die Wahrnehmung der „Schicksale“ anderer. Es gibt sicher in den Leben vieler Menschen Kuriositäten und Perversionen, die das Leben schreibt – nur: Wir wissen nichts von den anderen. Und darum kommt es uns so vor, als mache sich etwas über uns lustig. Insofern ist Crews‘ Ausspruch sehr weise:

„Das Universum macht sich über uns alle lustig.“

Aber wenn es sich über uns alle lustig macht, mach es sich dann überhaupt lustig, oder gehören solche Wendungen dann nicht einfach zum Leben?

In dieser Szene der Auftaktfolge gibt es gleich zwei Anlässe zu glauben, dass sich jemand über einen anderen lustig macht: Die Wärter denken, Charlie mache sich über sie lustig, weil er einen Schließer in Pelican Bay schwer verletzt hatte und nun einen Monolog über die zerstörerische Wirkung der Wut hielt. Und Charlie hatte einen Grund zu glauben, das Universum mache sich über ihn lustig, weil er, kaum in Freiheit, wieder im Gefängnis war – nur auf der anderen Seite der Gitterstäbe. Jedenfalls sieht es so aus, wenn man die anderen Kuriositäten in den Leben fremder Menschen nicht kennt. Und wenn es unsicher ist, ob es ihnen ebenso geht…

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