Verlogene Diskussion

Disclaimer: Ich bin kein Fan von „Wetten dass..?“ Auch nicht das Gegenteil. Mir ist die Sendung relativ egal. Ich gehöre offenbar nicht zur Zielgruppe: Ich interessiere mich nicht für GNTM und somit auch nicht für Sara Nuru; ich schmunzle über die verschiedenen Verarschungen der Freuchttraumidole 13- bis 16-jähriger Mädchen – also Justin Bieber, Bill Kaulitz und Co. -, aber auch der Pubertierendenträume wie Lena Meyer-Landrut oder Schlampe-To-Be Miley Cyrus; trotz fortgeschrittenen Alters ist Take That völlig an mir vorbei gegangen bzw. an meinen Ohrenstöpseln. Die aufgesetzte Witzigkeit von Thomas Gottschalk hat sich bei mir schon lange abgenutzt, und sein Sidekick Michelle Hunziker, die – da bin ich mir sicher – garantiert nur deswegen verpflichtet wurde, damit sich in ZDF-Seher-Haushalten der Mann nicht gegen das Einschalten von „Wetten dass..?“ wehrt, ist für mich die perfekte Ergänzung zu Thommy, weil genauso unerträglich. Insgesamt bin ich nicht die Zielgruppe des Zweiten Deutschen Fernsehens, und daher kriege ich von der Sendung immer nur beim Zappen etwas mit, wenn woanders gerade Werbepause ist.

Das vorausgeschickt, möchte ich doch was loswerden zum Gejaule rund um den Unfall vom vergangenen Samstag. Auch diese Sendung habe ich nicht gesehen. Aber allein die Berichterstattung reicht mir. Da liegt also ein 23-jähriger Stuntman im künstlichen Koma, weil es bei seiner Wette zu einem Unfall kam.

Nicht, dass mir der Mann nicht leid täte. Es tut mir leid, dass er im Krankenhaus liegt und so schwer verletzt wurde, dass er ins künstliche Koma versetzt wurde. Es tut mir auch leid, dass die Familie das durchstehen muss. Wünschen tue ich das keinem. Obwohl… Nein, eigentlich wünsche ich das keinem.

Aber mein Mitleid hat auch Grenzen. Beispielsweise tut es mir nicht leid, dass es durch diese Wette dazu kam. Denn seien wir doch mal ganz ehrlich: Jeder Erwachsene muss mit den Konsequenzen seines Handelns leben. Samuel K. hat sich entschieden, sich mit dieser Wette bei „Wetten dass..?“ zu bewerben. Seine Eltern haben sich entschieden, ihn dabei (tatkräftig) zu unterstützen. Und von einem Stuntman kann man erwarten, dass er die Folgen seiner Stunts beziehungsweise die Folgen eines Schieflaufens eines Stunts abschätzen kann. Ich gehe davon aus, dass er das konnte, und auch davon, dass er ernsthaft erwogen hat, ob die Vorteile – Bekanntheitsgrad, Werbeeffekt etc. – die Risiken überwiegen. Ich bezweifle, dass er trotz aller Rückschläge beim Training nicht den ganzen Stunt abgesagt bzw. die Bewerbung nicht verworfen hätte, wenn er nicht davon überzeugt gewesen wäre, dass das Risiko im Rahmen bleibt. Es war seine freie Entscheidung, niemand hat ihn dazu gezwungen. Und nun ist es eben schief gegangen.

Auch die Diskussion darüber, welche Verantwortung die Sendung bzw. ihre Reaktion trägt, kann ich nicht nachvollziehen. Es gab schon immer Wetten, die gefährlicher waren als andere. Die Rampenwette vom November beispielsweise war für den Wettkandidaten auch nicht ungefährlich. Die Sprungwette vom Oktober beinhaltete auch ein Sturzrisiko, Lukas Steiner hätte auch aus fast fünf Metern Höhe so abstürzen können, dass er aufs Genick gefallen wäre. Das gleiche Risiko gab es auch bei der Klopapier-Kletterwette im Münchener Olympiabad. Und bei der Stadionwurst-Wette aus der Mallorca-Sendung konnten sie sich eine Lebensmittelvergiftung holen oder die Geschmacksnerven veröden…

Natürlich ist auch die Redaktion der Sendung in der Pflicht, genau abzuwägen, welche Wetten man in die Show nimmt und welche nicht. Die losen das auch nicht mit „Ja“-„Nein“-Zettelchen aus, die eine Glücksfee aus dem Hut zieht. Und die Redaktion wird genauso schockiert über den Ausgang dieses Stunts gewesen sein wie alle anderen. Wenn sie also daraus die Lehre zieht, das Verletzungsrisiko noch genauer abzuwägen und gegebenenfalls auf solche Wetten zu verzichten oder noch bessere Absicherung zu betreiben, dann ist das gut. Das ganze Format braucht man deshalb aber nicht in Frage zu stellen. Nach der Logik dürfte in Deutschland nämlich kein Auto und kein Zug mehr fahren, kein Flugzeug fliegen, keine Kerze mehr verkauft und kein Chemieprodukt mehr produziert werden. „Wetten dass..?“ gibt es seit 14. Februar 1981, also beinahe 30 Jahre, und dieser Unfall ist der Schlimmste, den es bislang gab. Was nicht heißt, dass nicht andere Wetten genauso schlimm oder schlimmer hätten ausgehen können – sie sind lediglich gut gegangen, und daher wissen wir nicht, was alles hätte passieren können. 1989 beispielsweise, als ein Kandidat in 4.500 Metern Höhe mit einem Fallschirm aus einem Heißluftballon sprang und in 1.500 Metern Höhe in einen anderen einstieg. Hätten Fallschirm und Reserveschirm versagt, zum Beispiel durch einen Pack- oder Materialfehler, wäre er Jürgen Möllemann vorausgegangen. Oder denken wir an den Motocross-Sprung von der Olympiaschanze in Garmisch 1999. Kein Grund also, „Wetten dass..?“ nur deswegen einzustellen.

Dass der Boulevard das Thema jetzt die nächsten drei Tage noch hochkocht, verwundert mich aber gar nicht: Schließlich bringt das jetzt Auflage und viele, viele Klicks ein. Vielleicht sollte man das mal in Frage stellen…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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