Der Zen des Charlie Crews (1)

Ich bin ein Fan der leider viel zu früh abgedrehten Krimiserie „Life“. Wer sie nicht kennt: Detective Charlie Crews saß 12 Jahre lang unschuldig im kalifornischen Staatsgefängnis Pelican Bay und wurde dort mehrfach brutal misshandelt, bis seine Anwältin seine Unschuld beweisen konnte und ihn da rausholte. Crews wurden per Absprache mit der Gegenseite 50 Millionen Dollar Entschädigung zugesprochen und die Rückkehr in den Polizeidienst. Und neben den alltäglichen Fällen wie einem aus dem Fenster gefallenen Engel, einem halbierten Mann oder Leichen, die erstickt in Kisten über das Stadtgebiet verteilt gefunden werden, versucht er auf eigene Faust, den wahren Mörder seines Freundes Tom Seybolt und dessen Familie zu finden, dazu die überlebende Tochter Rachel und die Verschwörer der Ermordung. Im Gefängnis wendete sich Crews dem Zen-Buddhismus zu, und Einflüsse dessen finden sich in seiner täglichen Arbeit wieder. Einige Weisheiten sind es wert, dass man über sie nachdenkt, sich mit ihnen auseinandersetzt und sie gegebenenfalls widerlegt. Bei mir als philosophisch angehauchtem Menschen fällt so etwas natürlich auf fruchtbaren Boden.

Folge 1: Dienstbeginn (Merit Badge)

Für den Fall eines toten Jungen kehrt Crews mit seiner Partnerin Dani Reese als Besucher hinter Gitter zurück, um im Stadtgefängnis den Vater des ermordeten Jungen, Mark Rawls, zu befragen. Der Vater ist Insasse des Gefängnisses. Auf dem Weg zurück nach draußen provozieren die beiden Wärter Crews, und ehe Crews auf einen der Wärter einschlägt, der ihn hasst, weil Crews in Pelican Bay einen Wärter zusammengeschlagen hatte, der ihn wiederum wohl misshandelt hatte, erinnert sich der Protagonist der Serie an eine Zen-Weisheit. Diese sagt er dem sichtlich irritierten Wärter ins Gesicht.

„Die Wut zerstört die Freude. Sie drängt die Güte in mir zurück. Wut zwingt mich, die furchtbarsten Dinge zu sagen. Die Wut zu überwinden, schafft Seelenfrieden. Es gibt nichts mehr zu bereuen, wenn ich die Wut überwinde. Dann werde ich freundlich sein und von allen geliebt werden.“

Pazifistengewäsch? Vielleicht. Doch ehe man es abtut, sollte man sich diese Weisheit einmal Satz für Satz zu Gemüte führen und den gesamten Kontext erfassen.

„Die Wut zerstört die Freude.“

Zunächst einmal wäre zu klären: Was ist Wut?

Wut ist allem voran eine Empfindung. Eigentlich kennt sie fast jeder. Aber was ist sie? Wodurch wird sie hervorgerufen? Wo kommt sie her, und was wird aus ihr? Ich habe darüber lange nachgedacht, und mir kamen dabei Neffe und Nichte meiner Freundin in den Sinn. Und natürlich auch mein eigenes Verhalten als Kind. Wenn man etwas über menschliche Emotionen erfahren will, sollte man Menschen betrachten, die ihre Emotionen eher wenig unter Kontrolle haben. Kleinkinder sind da perfekt: Sie können ihre Gemütszustände fast sekündlich völlig umkehren. Es ist alles nur eine Sache des richtigen Reizes.

Und da sind wir schon beim ersten Punkt: Reize. Menschliche Emotionen sind zumeist Reaktionen auf Reize unserer Umwelt. Ein Mann sieht eine hübsche Frau, und schon verändert sich seine Gemütslage. Ein Kind isst Schokolade und ist zufrieden. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewinnt ein WM- oder EM-Spiel, und auf der Straße liegen sich einander völlig fremde Menschen in den Armen. Wir reagieren auf unsere Umwelt. Was aber ist mit Menschen, die keine Umwelt haben? Zu den gemeinsten Formen von Strafen gehören die Isolationszellen in Gefängnissen. Warum? Weil der Mensch auf Interaktion mit anderen Menschen angewiesen ist. Wenn jemand in eine Isolationszelle gesperrt wird, dann ist er zwar völlig reizlos – bis auf die Essensausgabe -, aber nicht emotionslos. Menschen, die nicht mit anderen interagieren, können negative Emotionen ausbilden, obwohl sie eigentlich nicht direkt gereizt werden. In diesem Fall wird die permanente Reizlosigkeit zum Reiz, der die Emotionen auslöst. Darum lässt sich auch die Lebensqualität allein lebender Senioren deutlich durch ein Haustier verbessern: Sie können Liebe geben, und das Tier reagiert, und das lässt den Spiegel des Glückshormons steigen. Das sieht man auch bei Erlebnis- und vor allem Delfintherapien mit geistig behinderten Kindern. Das Gehirn kann jedoch auch mit Reizen überfordert werden. Vor allem Babies fangen schnell an zu weinen und quengelig zu werden, wenn ihnen die Eindrücke zuviel werden, auch wenn sie gar nicht müde sind. Bei Neffe und Nichte meiner Freundin war das bei Familienfeiern zu beobachten, wenn viele Menschen anwesend waren.

Die beiden waren auch Inspiration für mich, ein Schema zu erdenken, woraus Wut entsteht und wie sie weiter eskaliert. Eskalationsstufen kennt man zumeist im Kontext von Konflikten zwischen Menschen. Am bekanntesten sind die Schemata von Friedrich Glasl und Kurt Spillmann. Ich möchte diesen Begriff jedoch für die Einteilung negativer Emotionen benutzen, um damit die Wut etwas näher zu betrachten. Denn das Wort „Eskalation“ (von lateinisch „ex scalas“ = „den Stufen zufolge“) beinhaltet einen inkrementellen Aufbau, und der passt nach einigem Nachdenken sehr gut auf diesen Bereich der Empfindungen. Als Beispiel soll uns Politik dienen.

Die erste, unterste Eskalationsstufe ist das Unverständnis. Es beschreibt einen Einzelfall, eine einzelne Entscheidung, einen einzelnen Reiz, den wir nicht nachvollziehen können. Ein Mensch, der das erste Mal mit Politik in Berührung kommt, über eine politische Entscheidung nachdenkt und mit seinem Verstand erfasst, dass die negativen Folgen überwiegen werden, wird dieser Entscheidung, zum Beispiel der Senkung der Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen, mit Unverständnis gegenüber stehen. Er wird nicht nachvollziehen können, warum gerade diese Entscheidung einen Vorteil für eine Mehrheit bringen soll. Er versteht es schlicht und einfach nicht. Da die Welt für ihn ansonsten aber in Ordnung ist, wird es dabei bleiben.

Die zweite Eskalationsstufe braucht da schon etwas mehr. Und zwar mehr Einzelfälle. Denn diese summieren sich zu einem bestimmten Bild. Eine Ungerechtigkeit macht nicht viel aus, aber viele kleine Ungerechtigkeiten hinterlassen bei Betroffenen – und denen, die mit ihnen mitfühlen – das Gefühl, dass es gerade immer sie trifft. Das ist eine subjektive Sichtweise, geschuldet dem Umstand, dass wir nicht alles wissen und folglich auch nicht wissen können, wen es noch trifft. Dann tritt die zweite Eskalationsstufe ein: Die Enttäuschung. Sie entsteht dann, wenn Vertrauen erschüttert wird, wenn man sich also die Welt bunter gemalt hat, als sie es in Wahrheit ist. Eine Partei spricht sich im Wahlkampf gegen eine Mehrwertsteuererhöhung aus, eine andere fordert zwei Prozent, und als beide nach der Wahl koalieren, beschließen sie eine Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozentpunkte. Das Wort trägt seine Bedeutung schon in sich: Ent-täuschung, also das Zurücktreten der Täuschung gegenüber der Realität.

Summieren sich die Enttäuschungen, tritt die dritte Eskalationsstufe ein: Desillusionierung. Je mehr Enttäuschungen es gibt, desto eher wird das feste Grundbild eines Menschen angegriffen. Er verliert dadurch seinen tiefen Glauben an die Grundfesten seiner Moralvorstellungen. Sie stellen sich mit zunehmenden Enttäuschungen als Illusion dar, und jetzt die (vermeintliche) unverborgene Wahrheit präsentiert zu bekommen, wirkt, als würde eine Illusion in sich zusammenbrechen.

Stellt sich dieses Gefühl dauerhaft ein, nennt man es Frustration, die vierte der Eskalationsstufen. Sie ist bei nicht in ihren Emotionen gestörten Menschen Zeichen einer Dauerhaftigkeit der Desillusionierung. Es ist eine tief verwurzelte Missstimmung, die sich nicht auf dieses eine Thema speziell beschränkt, sondern sich auf den gesamten Gemütszustand auswirkt. Die ersten drei Stufen sind stark anlassbezogen. Wird in einer Gesprächsrunde über Babies gesprochen und wie schnell sie groß werden, wirkt sich das Erlebnis der x-ten Niederlage eines Fußballvereins auf den mit diskutierenden Fan recht wenig aus. Eher lenkt ihn das Gespräch ab. Fragt dann aber jemand, wie denn sein Verein gespielt habe, ändert sich die Gemütslage schnell. Frustration hingegen als Steigerungsform der Desillusionierung greift den Gemütszustand insgesamt an und sorgt dafür, dass sich der Fußballfan nach dem erneuten verlorenen Spiel der Gesprächsteilnahme verweigert und lieber griesgrämig in der Ecke sitzt.

An dieser Stelle befindet sich ein entscheidender Wendepunkt. Denn die weitere Entwicklung hängt davon ab, welchen Charakter diese Eskalation negativer Einflüsse betrifft. Für die fünfte Eskalationsstufe, der Steigerung der Frustration, kommt Ohnmacht hinzu. Jeder, der engagiert für eine Sache arbeitet und immer nur Rückschläge wegstecken muss, wird es kennen: Dieses Gefühl, egal was er macht, es geht ja ohnehin schief. Der Betroffene meint, auf den Ausgang des Schicksals gar keinen Einfluss zu haben, überhaupt keine Macht zu besitzen. Eben ohn-mächtig, ohne Macht zu sein. Das ist ein Schlüsselimpuls für die Eskalation negativer Gefühle und betrifft, um auf das anfängliche Bild des Isolationshäftlings zurück zu kommen, auch solche, denen Reize durch die Umwelt vorenthalten werden. Wie lässt sich Machtlosigkeit deutlicher zeigen als in einer Isolationszelle? Nichts, womit man irgend einen Einfluss auf andere ausüben kann. Keine Möglichkeit, sich gegen die Isolation zu wehren oder aus ihr zu entkommen.

Je nachdem, welchen Charakter diese nächste Stufe trifft, wie der Betroffene geprägt und erzogen wurde oder wie weit er von seinen Hormonen beeinflusst wird, gibt es zwei Möglichkeiten, wie er reagiert: Nämlich extrovertiert, also nach außen gekehrt, oder introvertiert, nach innen. Während der eine seinen Frust wahrlich in sich hinein frisst, lässt der andere seinen Ärger heraus. Waren die ersten drei Stufen noch reine selbstbezogene Phänomene und die vierte Stufe der Übergang zu dieser fünften, kommt nun also die Umwelt wieder ins Spiel. Jemand, der darauf geprägt ist, seine Gefühle und seine Verletzlichkeit vor anderen zu verstecken, droht, in die Depression hinabzusinken. Er wendet sich so sehr nach innen, dass die Veränderung seines Gemütszustandes kaum mehr möglich ist. Seine Beurteilung von guten und schlechten Einflüssen wird einseitig: Die schlechten überwiegen, die guten gibt es kaum. Die Psychologie kennt viele Symptome und verschiedenste Ausprägungen. Allen gemein ist, dass sie eine Abkehr nach innen beschreiben. Das offenbare Auftreten von geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Symptomatik von Depressionen, wie Mutlosigkeit und übersteigertes Denk- und Analyseverhalten bei Frauen, während Männer eher ungehalten und reizbar reagieren, scheint jedoch nur auf den ersten Blick ein deutliches Unterscheidungsmerkmal zwischen den Geschlechtern zu sein.

Aggressionen können zwei verschiedene Ursachen haben: Zum einen Aggressionen aus der Depression heraus, zum anderen die reinere Aggression, die direkt aus der Frustration entsteht. Der Unterschied besteht in Hoffnungslosigkeit. Jemand, der aus Frustration aggressiv wird, hegt insgeheim noch die Hoffnung, dass sich durch seinen Einsatz durch Verschärfung der Mittel oder den Verzicht auf deren Begrenzung doch noch etwas ändern kann. Die Ohn-macht erscheint heil- und abschaffbar. Aggressionen, die aus der Depression entstehen, entstammen einer sich manifestierenden Egalitätshaltung: Es ist egal, was ich mache, mein Leben ist ohnehin nichts mehr wert. Folglich werden – bevorzugt von Männern – Risiken eingegangen, die sie bei klarem Verstand nicht eingehen würden, weil sie zu viel zu verlieren hätten. Ein Depressiver hat nach seiner eigenen Ansicht nichts zu verlieren, und wenn er dabei draufgeht, würde ja ohnehin niemand um ihn weinen.

Auf der anderen Seite steigert sich die Aggression sukzessive in einen Ragezustand, sofern noch Kampfeswille vorhanden ist. Wir geraten in Wut, verlieren die Kontrolle über unsere Emotionen, dies jedoch erst im Anfangsstadium. Diese Wut staut sich auf, und mit steigendem Druck bekommen wir den Wunsch, ihr extrovertiert Ausdruck zu geben. Wir haben diese Gewaltbereitschaft jedoch noch unter Kontrolle. Aber auch hier unterscheiden sich die Charaktere. Wie sich die Wut steigert, hängt davon ab, worauf sie beruht. Gibt es nachhaltig den Eindruck, dass sich an der Machtlosigkeit etwas ändern lässt, und beruhen unsere negativen Gefühle auf einem Wissen um die wahren Verhältnisse oder auf Vorurteilen? Beide Aspekte sind entscheidend dafür, ob sich die Wut friedlich oder mit Fäusten äußert.

Steigert sich die Wut in dem Wissen, dass sich der auslösende Umstand negativ auswirken wird (also vorurteilsfrei), und sieht derjenige noch eine Perspektive, dies durch vernünftiges, aber entschiedenes Handeln abzuwenden, sprechen wir von Protest. Beruht die Äußerung auf einer generellen Haltung, die durch diesen Auslöser noch gestützt wird, spielen also Vorurteile eine Rolle, handelt es sich eher um eine generelle Aversion, eine ablehnende Haltung. Beides kann immerhin noch in hohem Maße eine rationale Reaktion bedeuten, die das Endergebnis nachhaltig und positiv beeinflussen kann. Weniger wahrscheinlich hingegen ist dies, wenn bei den Beteiligten eine Hoffnungslosigkeit eingetreten ist. Ohne Vorurteile kanalisiert sich die Wut dann in Zorn, in den momentanen Kontrollverlust also, der die Faust in der Tasche ballt. Wurzelt die Wut jedoch in einem Glauben an ein generelles Versagen von Vernunft und natürlicher Ordnung, entsteht ein systematisches Gebilde: Purer, blinder Hass. Die ganze Welt ist schlecht, und keiner tut etwas dagegen – aber irgend jemand muss ja schuld sein…

Letztlich führen beide Pfade zu einem gemeinsamen Ziel, der letzten Eskalationsstufe: Gewalt. Es besteht jedoch ein Unterschied, gegen wen sich diese richtet. Zum einen gibt es die autodestruktive Gewalt. Diese richtet sich gegen denjenigen, der sie durchlebt, selbst und bildet die konsequente Steigerung der Depression. Zum anderen gibt es die allodestruktive Gewalt, also jene, die sich gegen andere oder gegen Sachen richtet. Alle vier genannten Ausprägungen der gesteigerten Wut richten sich gegen ein bestimmtes Ziel und gegen die Beseitigung des Missstandes. Doch auch hier gibt es eine Unterscheidung in der Art, in der gegen andere oder gegen Dinge Gewalt ausgeübt wird. Protest und Aversion sind Formen einer verbalen Gewalt. Wenn gegen NPD-Aufmärsche demonstiert wird, tut dies der Großteil friedlich. Wobei gerade bei diesem Beispiel schwer zu unterscheiden ist, ob die Motivation dazu eher der faktengestützen Kontraposition zuzurechnen ist, also dem Protest, oder ob es sich dabei um eine generelle Abneigung und Intoleranz gegenüber dem nicht mit der eigenen Moral in Einklang zu bringenden Weltbild handelt, die eine systematische Aversion darstellt. Dieser verbalen Gewalt steht die physische gegenüber. Wenn wir mit der Faust auf den Tisch schlagen, weil etwas nicht so funktioniert, wie es soll, und wir kaum hoffen können, dass das anders wird, entspringt diese Gewalt dem physischen Verlangen, eine Reaktion auf das Herauslassen unserer Wut zu erlangen. Wir erleben Zorn. Einem systematisch ungerecht behandelten Menschen wird eher die Hand ausrutschten, und wenn er glaubt, das geschehe mit voller Absicht und richte sich explizit gegen ihn, dann steigert sich der blanke Hass in die physische Form der Gewalt.

Die Eskalationsstufen habe ich im Folgenden aufgeführt.

Dies vorausgeschickt, erhalten wir ein tieferes Verständnis von Wut. Sie ist also die sechste Stufe einer Eskalationsskala negativer Emotionen, noch unter Verschluss gehalten von einem Rest Vernunft und frei von Vorurteilen, vom Verdacht systemischen Versagens, aber eine Vorstufe von Gewalt. Bis zu dieser Stufe ist es bereits ein langer Weg, zur Gewalt hingegen merklich kürzer. Da ist für die Freude aus dem Zitat von Charlie Crews schon lange kein Platz mehr. Oder hat jemand schon mal Freude an der Wut verspürt? Freude an der Gewalt, ja, die gibt es. Denn Gewalt hat etwas Lösendes: Es löst sich der aufgestaute Druck aus Protest oder Aversion, Zorn oder Hass. Es löst sich die Wut, die Aggression. Die Ohn-Macht wird zur Macht, der Macht, Dinge zu ändern, zu zerstören, der Macht, andere zu verletzen. Man denke an die alljährlichen Ausschreitungen zum 1. Mai oder nach dem Schanzenfest. Ein freudloses, ohn-mächtiges Leben wird individuell „bereichert“ dadurch, dass man es schafft, Autos umzukippen und Müllcontainer in Brand zu setzen – und durch das Gefühl der Macht, die Polizei daran zu hindern, ihre Aufgaben wahrzunehmen. Moral, gesellschaftlicher Konsens (dem sich die entsprechenden Gruppen in diesem Beispiel ohnehin per eigener Definition entziehen) und Gesetze spielen zu diesem Zeitpunkt keine Rolle mehr. Auch nicht die Gefahr für die eigene Gesundheit. Die Vernunft, die im Stadium der Wut noch Kontrollfunktion hatte und das Ventil schloss, ist längst ausgeschaltet. Doch einer der heutigen Hauptassoziationspunkte des Zen-Buddhismus ist Gewaltlosigkeit, und hierfür sind Vernunft und Verstand notwendig.

Aus diesem Verständnis heraus löst sich die genannte Zen-Weisheit zum Verständnis auf:

„Die Wut zerstört die Freude.“ Es gibt sie noch, die Freude. Irgendwo tief drinnen steckt sie und will gelebt werden, denn nur aus der Motivation zur Verbesserung, zur Freude kann Wut entstehen. Aber dieser Freude wird in der Wut kein Platz eingeräumt. Sie wird durch die Wut zerstört.

„Sie drängt die Güte in mir zurück.“ Auch die Güte ist noch da, wie die Freude. Tief innen drin. Güte ist notwendig, damit der Verstand und die Vernunft die Wut kontrollieren und den Ausbruch in Gewalt verhindern können. Doch auch sie wird durch anwachsende Wut zurückgedrängt, die schließlich in Gewalt eskaliert.

„Wut zwingt mich, die furchtbarsten Dinge zu sagen.“ Wut ist ein Kontrollverlust. Die Vernunft vermag den Ausbruch von Gewalt noch zu unterdrücken, nicht aber die verbale „Gewalt“, deren Folgen nur im sozialen Kontext zu spüren sind. Daher besteht gegenüber Worten eine geringere Hemmschwelle als gegenüber Taten.

„Die Wut zu überwinden, schafft Seelenfrieden. Es gibt nichts mehr zu bereuen, wenn ich die Wut überwinde.“ Das bedeutet nichts anderes als das Verlassen der Eskalationsstufen. Man könnte auch sagen: „Mit sich ins Reine kommen“. Die Seele als inneres Spiegelbild des Denkens und des Tuns wird zum Zentrum der Emotionen gemacht. Jemand, der die Wut überwindet, entzieht sich der Gewalt und der Gefahr, irgendwann seine Taten zu bereuen. Bereuen, dass er seine Kraft und seine Freude für einen aussichtslosen Kampf verschwendet hat, der völlig wirkungslos war. Wer die Wut überwindet und seiner Seele Frieden schafft, wird viel eher erkennen, welche Dinge er nicht ändern kann – vor allem aber, welche er tatsächlich ändern kann. Die Mitglieder der „Weißen Rose“, einer Widerstandsbewegung in der Zeit des Nationalsozialismus, sind ein gutes Beispiel dafür, wenngleich ihre Motivation keine buddhistische, sondern christliche war. Sie hätten gegen die Nationalsozialisten mit Waffen wüten und mit deren Anhängern streiten können und hätten doch nichts ausgerichtet. Statt dessen verteilten sie Flugblätter und beschmierten Wände mit antinationalsozialistischen Parolen, wandten sich an das Volk. Das sechste Flugblatt wurde 1943 von den Engländern schließlich zu hunderttausenden über Deutschland abgeworfen. Die „Weiße Rose“ versuchte, Dinge zu ändern, die in ihrer Macht standen, mit klarem Verstand und reiner Seele. Auch deshalb sind sie heute noch als Symbol des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus unvergessen.

„Dann werde ich freundlich sein und von allen geliebt werden.“ Die Abkehr von der Wut bedeutet auch die Wiedergewinnung von Kontrolle. Und wer Kontrolle über sich selbst hat, hat auch die Macht, freundlich zu sein, Freundlichkeit zu empfangen – und sich daran zu freuen. Wer das kann, verhindert dadurch auch, dass er selbst für negative Emotionen bei seinen Mitmenschen verantwortlich ist. Auf Dauer entsteht daraus die Freude der anderen, mit einem zusammenzutreffen. Dies kann – in positivem Sinne – ebenfalls eskalieren bis ins höchste der Gefühle: Die Liebe.

Aber das ergibt eine gänzlich andere Eskalationsskala…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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