Nänänänänäänäää

Ach, ich kann mich immer noch herrlich über das Gewese um Google Street View amüsieren. Da lassen Leute Ansichten ihres Wohnhauses verpixeln – und machen so das Haus erst recht für Einbrecher interessant. Da machen sie sich Sorgen um ihre Datensicherheit – und liefern Google ihre Adresse frei Haus. Und der größte Witz: Google darf – entgegen der moralinsauren Empörung – Street View machen. Und zwar uneingeschränkt. Sie sind nicht mal zum Verpixeln verpflichtet. Sogar Gesichter und Autokennzeichen müssten sie nicht unkenntlich machen. Das, was es Google erlaubt, nennt sich „Panoramafreiheit“ – und es garantiert jedem anderen, überhaupt eigene Bilder in Verkehr bringen zu können, und sei es nur die Verteilung unter Familienmitgliedern und Freunden. Einziges Kriterium: Wenn eine Person erkennbar Ziel des Motivs ist, muss die Einwilligung zur Veröffentlichung vorliegen. Es ist also nicht erlaubt, vor einer hübschen Frau auf der Straße herzulaufen, sie hemmungslos abzulichten und ihr Bild dann ins Internet zu stellen. Nicht, ohne ihre Erlaubnis zu haben. Die gängigen Voyeur-Fotos auf einschlägigen Websites sind ebenfalls unter diesem Kriterium vorwiegend illegal veröffentlicht. Gehört die abgelichtete Dame allerdings zum Bild eines Straßenzuges, und sie ist nur ein Mensch, der zufällig ins Bild geriet, wie andere auch, dann kann sie sich nicht gegen die Veröffentlichung verwahren.

Google ist in diesem Punkt sogar freundlich: Wenn es auch nur eine Mietpartei wünscht, wird das gesamte Haus – mit Ausnahme von Gewerbebetrieben – verpixelt bzw. stark unscharf maskiert. Andere sind nicht so nett, und die kümmern sich einen Scheißdreck darum. „Sightwalk.de“ jedenfalls verpixelt bisher nicht. Darum wirkt der Aktionismus durchaus grotesk. Eine kleine Auswahl von nutzlosen Verpixelungen:

Hamburg, Heinickestraße:
Google Street View
Sightwalk.de

Hamburg, Oderfelder Straße / Ecke Klosterstern:
Google Street View
Sightwalk.de

Hamburg, Sierichstraße / Ecke Andreasstraße:
Google Street View
Sightwalk.de

Hamburg, Rothenbaumchaussee:
Google Street View
Sightwalk.de

Hamburg, Kirchenweg:
Google Street View
Sightwalk.de

Berlin, Jägerstraße:
Google Street View
Sightwalk.de

Bonn, Argelanderstraße:
Google Street View
Sightwalk.de

Düsseldorf, Suitbertusstraße:
Google Street View
Sightwalk.de

München, Fallmerayerstraße:
Google Street View
Sightwalk.de

Stuttgart, Gutenbergstraße / Ecke Hasenbergstraße:
Google Street View
Sightwalk.de

Das sind nur ein paar wenige Beispiele, aber aus jeder Stadt, die in Sightwalk erfasst ist, wenigstens eine. Ich denke, damit wird deutlich, wie aberwitzig dieser Verfolgungswahn ist. Ich vermute, die gleichen Leute, die ihre Wohnhäuser haben verpixeln lassen, haben entweder keine Ahnung oder kein Problem damit, dass die Bundesregierung 2011 im Rahmen einer EU-weiten Erfassung eine komplette Volks-, Gebäude- und Wohnungszählung durchführt, die man nicht umgehen kann. Stichtag: 9. Mai 2011. Gleiche Annahme darf wohl auch dafür gelten, dass im Rahmen von SWIFT seit dem 11. September 2001 jährlich über 20 Millionen Finanztransaktionsdaten an die USA übermittelt wurden und US-Geheimdienste seit Ende Juni dieses Jahres einen (wohl höchstens pro forma) überwachten Zugriff auf europäische Kontodaten erhalten. Und wohl auch dafür, dass die US-Behörden die sogenannten Passenger Name Records (PNR, Passagierdaten) aus Europa erhalten, selbst wenn der Flug innereuropäisch stattfindet. Und die PNR enthalten neben Vor- und Zuname und kompletten Reisedaten auch Rechnungsanschrift, Sitzplatznummern, Informationen über Essenswahl (z. B. koscher, vegetarisch/vegan, ohne Schweine- oder Rindfleisch), sowie Daten über Hotel- und Mietwagenbuchungen.

Wie, das ist was anderes? Das macht ja der Staat und kein Unternehmen? Ich frage mich, ob hierzulande zwischen 1933 und 1945 über den Informationswust im Reichssicherheitshauptamt oder in der DDR über die Stasi-Akten genau so gedacht wurde? Oder wie die Nordkoreaner, Chinesen, Iraner und Kubaner darüber denken, was der jeweilige Staatsapparat über sie weiß? Deutschland war schon mal Schurkenstaat, mehr als einmal. Nur, weil man 1949 die Demokratie ausgerufen hat, heißt das nicht, dass alles, was geschieht, auch demokratisch ist. Das, was in der SPD seit 10 Jahren geschieht, hat auch mit den Idealen und traditionellen Werten der Sozialdemokratie nicht mehr viel gemein. Aber das beste Beispiel für demokratische Augenwischerei ist wohl die DDR selbst gewesen: Deutsche Demokratische Republik – wer würde heute behaupten wollen, dass die DDR eine lupenreine Demokratie war?

Nein, der Name hat wenig mit dem zu tun, was etwas ist. Nur, weil man etwas demokratisch nennt, muss es nicht demokratisch sein. Openthesaurus.de kennt ja auch viele blumige Synonyme wie „Wurst“, „Stuhl“, „Haufen“ oder „Exkrement“ für etwas, was doch nichts anderes als Scheiße ist…

Ich bin da grundehrlich: Google Street View ist nichts Schlimmes. Das Bildmaterial ist ein halbes Jahr alt, und es altert beständig. Die Google-Fahrzeuge werden in absehbarer Zeit nicht mehr fahren. Street View kostet niemanden etwas, außer Google. Vielleicht steigen die Anzeigenpreise für Unternehmen, die in Street View prominent mit einem Link zum CSS-Popup angezeigt werden und damit einen Werbewert haben. So what? Wann hat man schon mal die Chance, sich das Restaurant, wo man feiern will, vorher von außen anzusehen? Besonders, wenn die Feier im Biergarten vorn stattfinden soll. Ich musste gestern einen PC bei einer Kundin ausliefern und habe mir vorher die Strecke angesehen, wo ich abbiegen muss und wo sich die Einfahrt befindet etc. So wusste ich vorher, dass ich dort nicht direkt in die Einfahrt einbiegen kann, sondern an der nächsten Ampel wenden muss. Und dass nebenan ein McDonald’s ist…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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