Eigentor

Peter Hahne ist Fernsehmoderator und Autor. Er ist Kolumnist bei der „BILD am Sonntag“. Er ist Diplomtheologe, Evangelikalchrist und erz- bis fundamentalkonservativ. Damit ist eigentlich zu seiner Person schon fast alles aufgeführt, was erklärt, warum er so denkt, wie er denkt, und warum man eigentlich nicht möchte, dass das eigene Kind so denkt, wenn man noch einen Funken Hirn in der Birne hat.

Nunja, aktuell hat Peter Hahne gerade ein Eigentor geschossen. Ein kurioses noch dazu. Eigentore hat es schon viele in der Geschichte der Menschheit gegeben. Dieses hier zum Beispiel, von Bayerns Winkelhofer anno 1987. Oder dieses in England. Die Hamburg Freezers können’s auch – obwohl das bei denen kaum verwundert. Auch Basketballer können das. Wie gesagt: Die Geschichte kennt viele Eigentore. Das von Peter Hahne ist besonders schön.

Eigentlich hat er das Gleiche getan, was viele andere auch tun, wenn sie für den Axel-Springer-Verlag arbeiten: Er hat nicht nachgedacht. BILD lässt ja derzeit mal wieder in seiner Eigenschaft als Donnergroll der Stammtisch-Deutschtümelei eine Kampagne laufen, dass Deutsch als Sprache im Grundgesetz verankert wird. Ich mein, ist ja auch logisch, dass man deswegen eine Verfassung ändert. Schließlich sprechen in den USA ja auch alle Amerikanisch, in Israel alle Israelisch, und in Argentinien alle Argentinisch… Und das hat es ja auch noch nie gegeben, dass sich eine Sprache lebendig ändert, gelle? Wir spechen ja auch alle vom „Gesichtserker“ oder „Riechorgan“, wenn wir uns die Nase schneufzen („Nase“ vom Lateinischen „nasus“). Und vom „Abspielgerät für auf Lichtbündelung beruhende Datenträger mit großer Speicherdichte – oder benutzt tatsächlich jemand das zusammengesetzte Hauptwort „DVD-Player“? Es ist also völlig nachvollziehbar, dass man im „Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland“, in dessen Präambel nur vier Male das Wort „deutsch“ in verschiedenen Verwendungen vorkommt und deren Kernartikel dieses Wort und seine Formen auch lediglich sieben Mal in den Grundrechten (Artikel 1 – 19 des Grundgesetzes) erwähnt, die deutsche Sprache verankert. Überhaupt: Wozu sollen Kinder in der Schule eigentlich Sprachen lernen? Wozu Englisch? Wozu Latein oder Französisch? Das versaut doch nur die schöne, deutsche Sprache, die wir ja einstmals bis nach Stalingrad trugen, und die dort mit dermaßen Begeisterung aufgenommen wurde, dass man uns gar nicht mehr gehen lassen wollte…

Tja, Peter Hahne springt auf diesen Zug natürlich auf. Was würde man von ihm auch anderes erwarten? Von einem „Moderator“ (von lat. für „Lenker“) und Autor (von lat. „auctor“ = „Urheber“)… In seinen „Gedanken am Sonntag“ labert er mal wieder gegen „Denglish“. Okay, ich gebe zu, dass es oftmals nervend oder lächerlich ist. Aber wie soll der Schutz der Muttersprache (übrigens: „Mutter“ von lat. „mater“…) durch den Verfassungsrang wohl aussehen? Soll der Verfassungsschutz jeden Laden beobachten, bei dem „Sale“ statt „Schlussverkauf“ (was in der Plakatgestaltung dreieinhalb Mal teurer ist) am Schaufenster klebt, oder Verbotsverfahren einleiten, wenn statt eines Hausmeisters ein „Facility Manager“ gesucht wird? Oder ist das letztlich doch nur ein aktionistisches Feigenblatt zur Abgrenzung des „guten Deutschen“ zum „bösen muselmanischen Ungläubigen“, der von Hahne und den anderen ProChristen bekehrt werden muss?

Meinetwegen. Die Gedanken sind frei, und dank Artikel 5 eben jenes Grundgesetzes darf er seine Meinung frei in Wort und Bild äußern, sofern er dadurch nicht die Grundrechte anderer einschränkt. Sei’s drum. Will man damit allerdings nicht wie ein von Scheuklappen begleiteter Fundamentalist wirken oder wie ein „Hassprediger des Christentums“, sollte man Worte und Veröffentlichungsmedium doch mit Bedacht wählen. In der Hinsicht dürfte Hahne grandios versagt haben. Warum?

Abgesehen davon, dass er selbst sich Worten wie „Appelle“ (vom lateinischen Verb „appello“ für „ansprechen“), „Autorin“ (hatte ich ja schon erklärt), „Moderator“ (auch das hatten wir schon), „simpel“ (lat. „simplex“ für „einfach“) oder „Aktion“ (von „actio“ = „Handeln“) bedient, ist allein das gewählte Medium selbst schon ein Lacher. BILD als der Retter der deutschen Sprache? Gucken wir mal genauer auf BILD-Online:

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]
(Titel eines Artikels über Silvio Berlusconis Lotterleben)

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]
(Alle aus dem gleichen Artikel)

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]
(In einem Artikel über eine Sendung des „Supertalents“ bei RTL)

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]
(Alle ebenda.)

Das sind ziemlich viele Worte, die ihren Ursprung nicht im Teutonischen haben, für eine Zeitung, die sich für die deutsche Sprache „engagiert“. Ich entdecke da Worte aus dem Italienischen, Englischen, Französischen… Andererseits: Mit Deutsch als in der Verfassung vorgesehenen Sprache (die in der Verfassung vorgesehene Landessprache gilt in Österreich und Frankreich als Amtssprache, also als Umgangssprache bei behördlichen Angelegenheiten, doch auch dort weicht man davon ab, wenn der Gegenüber des Französischen nicht mächtig ist – zähneknirschend, aber doch…) wäre angesichts obiger Negativbeispiele ein Verbot der BILD wegen nicht verfassungsgemäßer Sprachverwendung in Reichweite – das wäre wahrlich ein Argument für dieses Ansinnen…

Auch schön ist folgender Artikeltitel:

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

Ebenfalls nicht schlecht:

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

„Busenmacherwitwe“, „Mörder-Klatsche“, „Mega-Krise“ – das soll keine Verblödung sein und keine Verhunzung der deutschen Sprache? Herr Hahne, ich bitte Sie … !

Herzlichst,
Euer Fuxi

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: