Meine Mail an Antje Blumenthal

Ich habe gerade mal eine Mail an Antje Blumenthal (CDU), „Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen in der Freien und Hansestadt Hamburg“ (offizieller Titel), geschickt. Anlass ist der jüngste Blogeintrag von Jule (im Text verlinkt), der bewirkte, dass ich mal wieder mit offenem Mund den Kopf schüttelte und mich gefragt habe, in was für einem Land wir eigentlich leben. Meine Motivation für diese Mail ist keine Anbiederung, sondern ein Bedürfnis. Mag sein, dass mir da der eine oder andere Gutmenschentum vorwerfen mag. Nur: Wer das tut, kennt mich nicht, und daher können mir solche Leute herzlich egal sein. Und wenn die Welt dadurch ein kleines Bisschen besser wird, schlafe ich mit einem Lächeln ein. Meine Email im Wortlaut (leicht entschärft und anonymisiert):

Sehr geehrte Frau Blumenthal,

eins vorweg: Ich bin nicht behindert. Ich bin lediglich treuer Leser des Blogs einer Rollstuhlfahrerin, seit sie vor 1 3/4 Jahren in einem Forum auftauchte und während ihres langfristigen Krankenhausaufenthaltes zu Weihnachten etwas Zuspruch brauchte. Vielfach sind es von ihr beschriebene Menschen, die eine fundamentale Eigenschaft ihres Daseins vergessen und ihr das Leben schwer machen. In diesem Fall ist es allerdings offenbar eine Vorschrift.

Es geht um folgenden Blogeintrag: http://jule-stinkesocke.blogspot.com/2010/09/not-und-gefahrenvorschrift.html
Jule beschreibt darin, dass offenbar Toiletten für Behinderte nicht abschließbar sein dürfen, weder auf einem Bahnhof (laut Beschreibung vermute ich, es handelt sich bei dem im Blogeintrag beschriebenen Bahnhof um [Stationsname entfernt – Fuxi]) noch in einer Schwimmhalle. Nicht einmal die Umkleidekabine darf anscheinend abschließbar sein.

Ich bin, weiß Gott, weder prüde noch verklemmt. Und mich betrifft diese Vorschrift ja auch nicht. Und dennoch bin ich fassungslos, wie so etwas sein kann. Nicht irgendwo, wo ein Behinderter ein Mensch zweiter oder dritter Klasse ist, sondern hier, in diesem Land, in der Bundesrepublik Deutschland, deren alleroberstes Grundrecht – und als solches kann man nur ein Grundrecht bezeichnen, wenn es in Artikel 1, Absatz 1, Satz 1 der Verfassung steht – die unantastbare Menschenwürde ist!

Natürlich kann ich verstehen, dass Helfern ein schneller Zugriff gewährleistet sein muss, wenn ein Behinderter Hilfe benötigt. Aber das kann doch nicht dazu führen, dass ein Betroffener nur die Abwägung hat zwischen der eigenen Würde (insofern ist die beinahe gleichgültige Reaktion der betroffenen E-Rolli-Fahrerin umso erschreckender) und der Sicherheit hat. Und vor allem stellt dieser Umstand doch ein eklatantes Sicherheitsrisiko dar. Es ist geradezu ein Hohn, dass Law-and-Order-Politiker wie Wolfgang Bosbach und Polizeifunktionäre wie Rainer Wendt vehement für den Kinderporno-Sichtschutz trommeln (der ja garantiert noch anderweitig zweckentfremdet werden soll, wie es in anderen Ländern der Fall ist), man aber offenbar in der Politik kein Problem damit hat, wenn Behinderte einem Vergewaltigungsrisiko ausgesetzt sind. Und die können sich noch weniger wehren als Kinder, schließlich können Rollifahrer nicht „einfach“ weglaufen, evtl. nicht mal schreien!

Dabei gibt es vielfache Lösungsmöglichkeiten. Man könnte beispielsweise vorschreiben, dass Sanitär- und Umkleidebereiche für Behinderte nur mit einem speziellen Schlüssel (meinetwegen auch die nicht gerade sicheren Vierkantschlüssel) von außen zu öffnen sein können, wenn die Türen verschlossen sind, und es muss eine verbale Kommunikation ermöglicht werden (in Schwimmhallen ist dies ja ganz einfach durch die relative Offenheit der Kabinen, bei solchen Toiletten wir am Bahnhof könnte dies über eine Sprechanlage realisiert werden). Diese Anlagen dürften nur dann betrieben werden, wenn geschultes (zertifiziertes) Sicherheitspersonal vorhanden ist, das auch darauf achtet (bei der Bahnhofstoilette könnte beispielsweise nach zehn Minuten ein Alarm ausgelöst werden, wenn die Tür bis dahin nicht wieder von innen geöffnet wurde, verbunden mit der Maßgabe an das Personal, nach dem Alarm sofort zu kontrollieren und nachzufragen). Und der Betrieb müsste zeitlich eingeschränkt werden, sofern während der planmäßigen Betriebszeit nicht ständig Sicherheitspersonal anwesend ist. Bei Schwimmhallen ist das durch die Öffnungszeiten ohnehin gewährleistet, und bei Bahnhofstoiletten ließen sich die Öffnungszeiten entsprechend anpassen, wenn der Bahnhof nachts geschlossen wird. Für anderweitig öffentliche Toiletten wäre ggf. ein zentrales Meldesystem nach genanntem Schema zu installieren, u. U. verbunden mit der jeweils nächsten Polizeidienststelle.

Natürlich – das alles kostet Geld. VIEL Geld. Aber wie viel ist die Menschenwürde wert. Weniger als das Millionengrab Elbphilharmonie? Weniger als die um viele Millionen Euro teurer gewordene Kurz-U-Bahn-Linie 4? Weniger als das sinnlose, grüne Leuchtturmprojekt Stadtbahn, das so überflüssig ist wie ein zweites Rathaus? Eine Stadt, die unnötig fast eine Milliarde Euro rausschmeißt, wird sich doch wohl einen einstelligen Millionenbetrag leisten, damit Behinderte in Würde zum Klo können, oder? Auf diese Peanuts kommt es doch nun wirklich nicht mehr an, Frau Blumenthal!

Freundliche Grüße
[Name entfernt – Fuxi], Grüne-Wähler bei der letzten Bürgerschaftswahl, unentschlossen für die nächste

Herzlichst,
Euer Fuxi

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: