Spooky

Ich hab‘ gerade mal wieder bei Jule im Blog vorbeigeschaut. Jule, das ist – für alle, die diesen Blogeintrag noch nicht kennen – eine 17-Jährige, die wegen Querschnittlähmung im Rolli sitzt, nachdem eine Rentnerin sie an einer Ampel auf die Hörner genommen hatte, und jetzt ihr Leben allein meistert, abseits von den Eltern. Wie sie es auf die Reihe kriegt, können die Leser ihres sehr empfehlenswerten Blogs verfolgen. Ich gehöre zu den ständigen Lesern. Insofern bin ich, was die Themen ihrer Einträge angeht, ganz gut abgehärtet, auch wenn es selten appetitlich ist. Doch der Eintrag vom Sonntag hat es geschafft: Mir lief beim Lesen ein eiskalter Schauer über den Rücken. Denn Jule hatte einen Albtraum, der nix für schwache Gemüter ist…

Dagegen ist die amerikanische AT&T-Werbung von 1993 ein Scheißdreck. Aber nicht weniger beeindruckend. Im Blog der Stuttgarter Zeitung ist ein Youtube-Clip eingebunden, der besagte Fernsehwerbung zeigt. Die haben damals schon vorausgesehen, was heute möglich ist: E-Book-Reader, Navis, mobile Kommunikation, On-Demand-Video, E-Learning, sogar das Mautsystem haben die hellgesehen. Wohlgemerkt: Vor 17 Jahren! Das reicht schon fast an George Orwells „1984“ heran. Der schrieb sein Werk 1946/47. Es brauchte nur ein wenig länger als die AT&T-Clips, um wahr zu werden…

Dazu passt ein vom Spiegel moderiertes Streitgespräch zwischen Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) und Blogger Sascha Lobo. Das ist der hier. (Diese Seite habe ich verlinkt, weil sie tendenziell das Meinungsbild der Kommentare bei SpOn wiedergibt.) Ich muss gestehen, dass ich Lobo bisher wenig Relevanz zugeordnet habe. Der Hype um ihn war mir schon immer recht suspekt, und wenn er als Blogger ein Gesicht hat, dann nur wegen seines Irokesenschnitts. Ohne den wäre er nur einer unter vielen. In der Vergangenheit wurde er dann auch wegen seines Engagements als Werbefigur für Vodafone kritisiert, da der britische Telco-Konzern als einer der ersten den von „Zensursula“ von der Leyen initiierten Netz-Sperrvertrag mit der Bundesregierung unterschrieb.

Aber zurück zum Streitgespräch. Ich finde, in der Summe glänzen beide nicht gerade, obwohl – ganz getreu dem Motto: Ein blindes Huhn trinkt auch mal ’nen Korn – beide auch mal einen Treffer landen. Dass Aigner ihre Facebook-Mitgliedschaft gekündigt hat, wirkte – da hat Lobo recht – hilflos. Aber auch Aigner traf des Pudels Kern, als sie die Kritik Lobos an ihrer opportunen Facebook-Kündigung mit dem Hinweis darauf konterte, dass er auch nicht gerade zimperlich bei der Eigenwerbung im Internet sei.

Und einmal verrät sich Lobo selbst, bedient alle Ressentiments gegen sich mit einem Satz. Herrlich:

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

Die meisten. Nicht alle? Und was heißt das im Umkehrschluss? Dass es (einige) Menschen gibt, die in der digitalen Welt leben? So wie Lobo selbst?
Ja, solche gibt es. Das sind Menschen, die brauchen „Second Life“, weil das erste schon scheiße ist. Menschen, für die ein Stromausfall bedeutet, nichts mit sich anfangen zu können. Was macht Lobo wohl, wenn’s kein Internet mehr gibt? Ich vermute: Von Hartz IV leben…

Ein nettes Bonmot ist natürlich auch Lobos Konter auf Aigners Meinung, man müsse frei entscheiden können, ob man on- oder offline sei. Er wies darauf hin, die Abwrackprämie sei nach wenigen Wochen nur noch online zu beantragen gewesen. Aber okay, so eine große Leistung ist das vom roten Iro auch nicht, die Aigner zu kontern. Immerhin kommt sie aus Bayern und bringt von Haus aus viel Angriffsfläche für das Ausnutzen von Logikfehlern…

Logikfehler wie in Sachen Rufmord und Beleidigung. Da meint die Aigner allen Ernstes, es müsste einen digitalen Radiergummi geben, der so etwas zuverlässig aus dem Internet löscht. Abgesehen davon, dass die Grenzen zwischen Beleidigung und satirischer oder auch kritischer, zulässiger Meinungsäußerung fließend sind und damit von der Tagesform des Richters abhängt, ob eine Strafbarkeit gegeben ist oder nicht, und somit die Gefahr der prophylaktischen Zensur besteht, widerspricht das sämtlichen Mechanismen dieses Netzes. Ein „digitaler Radiergummi“ kann nicht funktionieren, weil das gesamte Netz – das ist seine größte Stärke – nicht beeinflussbar ist. Aber es geht noch weiter! Aigner fragt sogar, wie die Opfer überhaupt erfahren würden, was im Internet über sie kursiert! Liebe Frau Aigner, wie erfahren es die Opfer denn im realen Leben? Wenn ich beim Kunden wegfahre, und die lästern über mich, wenn ich weg bin, erfahre ich das auch nicht. Warum soll ausgerechnet im Internet ein anderer Anspruch gelten? Diese Chance, Aigners Technikferne offenzulegen, ließ Lobo jedoch verstreichen.

Doch den besten Spruch brachten die Gesprächsleiter Petra Bornhöft und Jan Fleischhauer vom Spiegel selbst. Als Aigner darauf hinwies, dass gegen Google ein Bußgeldverfahren wegen der vermeintlich illegalen Erfassung von privaten Funknetzen läuft, merkten die Spiegel-Vertreter an (Achtung, hier bitte einen Trommelwirbel vorstellen!):

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

Ich lag soooo unter’m Tisch vor Lachen…

Ein Lachen, das mir beim Lammert, dem Bundestagspräsidenten, im Halse stecken blieb. Der möchte nämlich für eine Bagatelle das Grundgesetz ändern. Er möchte gern Deutsch als Staats- und Landessprache im Grundgesetz festlegen… Nach dem Lesen tat mir vom Kopfschütteln der Nacken weh.

Lustig ist vor allem, wie Lammert das begründet: Mit Worten wie Kultur, Faktor, Internationalität, banal, Chance, Flut oder Dominanz. Nur zur Einordnung:

  • „Kultur“, von lat. „cultus“
  • „Faktor“, von lat. „factor“ (dt. „Macher“)
  • „Internationalität“ von lat. „inter-“ (dt. „Zwischen-„) und „natio“ (dt. „Geburt“, „Volksstamm“)
  • „banal“, etymologisch griechisch-französisch
  • „Chance“, frz. für „Glück“, „Zufall“ oder verkürzt nach „chance de succès“ – „Erfolgsaussicht“
  • „Flut“, von lat. „fluito“ (dt. „fließen“)
  • „Dominanz“ von lat. „dominans“ (dt. „Gebieter“, „Herrscher“, „Despot“)

Ganz schön viele Fremd- und eingedeutschte Worte für jemanden, der für die deutsche Sprache wirbt, Herr Lammert. Besonders, wenn man sich das folgende, abschließende Zitat ansieht:

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]

Ein schöneres Eigentor habe ich selten gesehen…

Und nun nochwas zum Schmunzeln: Die neue Generation der Frauen wird in Zukunft wahrscheinlich in der Lage sein, korrekt einzuparken. Beängstigend… 😀

Herzlichst,
Euer Fuxi

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