Das Pulverfass der Working Poor

In Berlin ist Sommerpause. Und das ist schön. Denn wenn die ganzen Blindgänger vom Platz der Republik im Urlaub sind, kehrt Ruhe ein, und Nachrichten können, unkommentiert und vermeintlich unbeeinflusst von der politischen Kaste, ihre volle Wirkung und Verbreitung entfalten. Und da können wir uns eigentlich trotz des Loveparade-Unglücks von Duisburg, zu dem ich mangels Bezug und Wissen über die genauen Ursachen – und das herauszufinden, ist viel wichtiger als das schrotflintenartige Herumwerfen von Schuldzuweisungen – bis auf diese Zeilen nichts äußern werde, in den letzten Tagen kaum beschweren.

Über Kik habe ich ja schon in „Rundblick (23)“ gesprochen. Aber dieser Höker ist mit seinem Verhältnis zu seinen Lohnsklaven offenbar nicht allein. SpOn berichtet in einem zweiseitigen Artikel über Azubis in der Hotelbranche. Auszubildende schieben 24-Stunden-Schichten, dürfen keine Pausen machen, Meinungen werden nicht akzeptiert, dafür gibt es bei krankheitsbedingten Ausfällen üble Nachrede (oder Verleumdung) und bis auf die Ausbildungsvergütung keine weiteren Finanzzuwendungen wie etwa Trinkgeld, Nachtdienst- oder Feiertagszuschläge (auch die sind rechtlich geregelt!). Statt dessen soll das Wechselgeld aus dem eigenen Portemonnaie kommen. Und die IHK schreitet auch bei Beschwerden nicht ein, schließlich hackt die eine Krähe der anderen kein Auge aus. Woanders werden Dienstpläne manipuliert, Rucksäcke durchwühlt. Und die Azubis machen das mit, weil sie nicht anders können.

Würde ich aufschreiben, was ich mit solchen Betreibern gern machen würde, käme ich allein dafür in den Knast. Denn was SpOn beschreibt, sind Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz, das Bürgerliche Gesetzbuch und sogar das Strafgesetzbuch. Allein jemandem wider besseres Wissen öffentlich nachzusagen, er würde seine Krankheit nur simulieren, wird mit bis zu fünf Jahren Haft oder Geldstrafe belegt (§ 187 StGB). Und nach § 23 (1) in Verbindung mit §§ 22 (1) Nr. 1, 3, 4, 6, 9, 11 ArbZG kann jemand, der vorsätzlich gegen die genannten Regelungen verstößt oder dies immer wieder tut, zu einer Haftstrafe von einem Jahr oder Geldstrafe verurteilt werden. Das Problem dabei ist, dass die Azubis am kürzeren Hebel sitzen.

Aber ist das nicht auch eine „gute Schule“ für das Berufsleben? Man möge fast meinen, ja. Denn auch „Vater Staat“ mischt da mit. SpOn – erneut – berichtet über Auszubildende, die offenbar von den Jobcentern trotz anderer Absichten in Ausbildungsverhältnisse gedrängt werden sollen. Vor allem Haushalte mit Arbeitslosengeld II sind davon betroffen. Eine 16-jährige, angehende Berufsschülerin sollte eine Eingliederungsvereinbarung unterschreiben, die sie zur Suche nach einer Lehrstelle verpflichtete. Und nun droht man mit Leistungskürzung, sollte sie nicht ihre Zeugnisse zusenden. Dazu aber ist sie laut Sozialgesetzbuch nicht verpflichtet. Tut sie es nicht, sieht die Arbeitsagentur für die Jobcenter per Empfehlung vor, den Psychologischen Dienst einzuschalten. Zu deutsch: Kinder aus Hartz-IV-Familien sind nach Ansicht der Bundesagentur für Arbeit offenbar potenziell psychisch krank, wenn sie eine höhere Bildung als Realschulabschluss mit anschließender Lehre anstreben, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Welch eine Perversion! Bist du intelligent und reich, stehen dir alle Türen offen. Bist du dumm und reich, machst du Karriere durch den Einfluss der Eltern. Bist du dumm und arm, gehst du zu „Britt“. Und bist du intelligent und arm, dann bist du psychisch krank…

Diese Logik fügt sich allerdings nahtlos in die politisch verordnete Zementierung der Dreiklassengesellschaft. Wie meldete n-tv gestern über eine Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen?

[Zitat nach Verabschiedung des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger am 1.3.2013 wegen rechtlicher Unklarheit entfernt.]
(Quelle: n-tv)

Demnach haben über 12 Prozent der Ostdeutschen und fast 6 Prozent der Westdeutschen einen Stundenlohn von unter 6 Euro – bei einem 40-Stunden-Job sind das rund 1.100 € brutto im Monat. Und 2008 hatten mehr als 6,5 Millionen Berufstätige einen Stundenlohn von weniger als 2/3 des Durchschnitts. Insgesamt arbeite jeder Fünfte – in Ost wie West – für einen Niedriglohn, so die Studie. Und damit liegt Deutschland an der unrühmlichen Spitze des sozialen Abstiegs. Die durchschnittlichen Einkommen der breiten Masse sind also – welch eine Überraschung – gesunken, und wenn man bedenkt, dass auch noch das Kurzarbeitergeld dazu kam, ergibt sich ein schönes Bild, warum die Commerzbank wegen des gestiegenen Gfk-Konsumklimaindex recht reserviert reagiert. Die Frage ist auch: Wen hat das Nürnberger Institut da befragt? Wie viele Kurzarbeiter oder Niedriglöhner waren in der Gruppe der Befragten? Ist der Anteil repräsentativ? Und welche Fragen werden da überhaupt gestellt? Beispiel: „Planen Sie in den nächsten 6 Monaten eine Urlaubsreise?“ Planen kann man viel – das sagt aber nichts darüber aus, ob man sich die Reise auch leisten kann. Durch die finanziellen Probleme der Ineas musste meine Freundin beispielsweise ihre Autoversicherung zur HUK verlagern und zahlt dadurch kräftig drauf. Damit war der angedachte Dänemark-Trip gegessen. Das ist nur ein Beispiel methodischen Fehllaufs. All das wird nicht offengelegt. Von daher ist der Konsumklimaindex mit Vorsicht zu genießen. Zumal eine veröffentlichte Eintrübung doch der Bundesregierung kaum passen dürfte, immerhin sind die Umfrageergebnisse der selbsternannten Wirtschaftsparteien schon schlecht genug.

Und was macht man, wenn man den Sektor der Working Poor so weit aufgebläht hat, dass immer mehr Haushalte Transferleistungen des Staates erhalten, obwohl sie erwerbstätige Personen beheimaten, und schon Jugendliche in der Berufsausbildung gängelt? Der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages hat’s erkannt: Man erhöht den Druck auf die Produktiven noch weiter. Man quetscht sie weiter aus. Es muss doch schließlich möglich sein, unter dem Deckmantel eines freiheitlichen und demokratischen Staates die Zwangsarbeit einzuführen, von der schließlich schon BMW, Opel, BASF, Conti oder Siemens im Dritten Reich profitiert haben… Dabei kommen mal wieder die alten Forderungen raus: Einschränkung des Rechtes auf Teilzeit, Kündigungsschutz erst ab 20 Mitarbeitern (warum eigentlich nicht gleich erst ab 10.000?), Abschaffung des Wiederbeschäftigungsverbots (was nichts anderes heißt, als dass ein Unternehmen einen unbefristet beschäftigten Arbeitnehmer kündigen und befristet wieder einstellen kann – das wäre dann sowas wie das „Schlecker“-Prinzip), und auch – und damit schließt sich der Kreis – späterer Feierabend für Auszubildende.

Es gibt hierfür einen Begriff, den ich eingangs schon mal verwendet habe: Lohnsklaven. Nichts anderes ist man unterhalb der Führungsetagen von Unternehmen, der Lobbygruppen und natürlich außerhalb von Bundestag, Bundesrat und der Landtage. Und dann wundert sich die Unternehmerschaft ernsthaft über steigenden Krankenstand? Zur Erinnerung: Die Deutschen landen immer häufiger im Krankenhaus.

SpOn nennt als Gründe vor allem

  • häufigere Besuche (Anstieg um 2,17 % von 2008 bis 2009),
  • besonders lange Aufenthalte von Hamburgern und Schleswig-Holsteinern,
  • besondere Häufung bei Ostdeutschen,
  • eine Zunahme psychischer Erkrankungen, Herzstörungen, Arthrosen und Brüchen,
  • einen Boom von Operationen für künstliche Gelenke und
  • die besondere Häufung von Krankenhausaufenthalten bei Arbeitslosen.

Wer mal darüber nachdenkt, kann das alles leicht erklären. Den Anstieg der Arzt- und Krankenhausbesuche zum Beispiel. Was ist wohl der Grund dafür, wenn jahrelang zwar die Gesundheitskosten explodieren und die Zahl der Arztbesuche durch die Decke steigt, aber die Krankheitszeiten der Berufstätigen historisch geringe Marken einnehmen? Die einzig logische Begründung: Die Menschen gehen aus Angst um ihren Job vermehrt krank zur Arbeit und arbeiten unter Medikamenteneinfluss. Dass das nicht die Ultima Ratio(pharm) ist, dürfte logisch sein. Denn jeder Körper hat seine Grenzen. Irgendwann ist der ständig kranke Arbeitnehmerkörper so geschwächt, dass er sich nicht mehr wehren kann. Und dann schlagen die Krankheiten umso heftiger durch. Zum Beispiel bei verschleppten Erkältungen. Wie soll das auch gehen? Der Körper braucht Ruhe, um sich gegen Infekte wehren zu können, und je länger diese andauern, desto mehr Schaden richten sie an. Wer dreimal fünf Tage zuhause bleibt, um eine Erkältung auszukurieren, fällt insgesamt kürzer aus als jemand, der sich als Folge verschleppter Erkrankungen eine Lungenentzündung einfängt. Und drei Arztbesuche sind billiger als ein Krankenhausaufenthalt. Nur: Das versteht kein Arbeitgeber.

Ein weiteres Beispiel sind die besonders langen Aufenthalte von Hamburgern und Schleswig-Holsteinern. Bei den Hamburgern ist es klar: Der Landesbetrieb Krankenhäuser ist bekanntlich in die private Hand von Asklepios übergegangen, und je länger die Hamburger drin bleiben, desto mehr Geld kommt rein. Asklepios hat also gar kein Interesse daran, die Betten schnell wieder leer zu kriegen. Dürfte inzwischen auch Ole von Beust eingesehen haben. Dazu kommt, dass es großstadttypische Verletzungen gibt, wie erhöhte Gefahr von Unfällen im Straßenverkehr und erhöhte Verletzungsschwere. Und bei den Schleswig-Holsteinern liegt es schlichtweg an der Inkompetenz der Hausärzte. Dass meine Freundin fünfmal Antibiotika verschrieben bekam, ehe ihr im zweiten Krankenhaus erst der Blinddarmwurmfortsatz entfernt wurde, hatte ich ja schon berichtet. Nun gibt es eine HSV-Spielerin aus der Vierten mit Wohnort bei Lübeck, die sich zum Saisonende einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, als eine von dreien. Beim Fototermin der dritten Mannschaft am letzten Freitag erzählte Kapitänin Katharina Stuth, was sie alles an Maßnahmen von der Kasse bezahlt bekommt, damit ihr Knie wieder wird, und wie die Ärzte da hinterher sind, dass das schnell und dauerhaft stabil abheilt. Die Spielerin aus der Vierten hingegen bekommt zum Entsetzen der Physiotherapeutin Anja Schulz offenbar fast nichts, nicht mal eine stützende Bandage, vom Arzt verschrieben. Nach den Erfahrungen meiner Freundin mit schleswig-holsteinischen Ärzten verwundert mich das nicht.

Unter den Aspekt des wirtschaftlichen Interesses fällt wohl auch die Häufung der Krankenhausaufenthalte bei Arbeitslosen. Sie haben keinen Zeitdruck, sind also leicht in stationäre Behandlung abzuschieben, können einfach länger drin bleiben, was dem Krankenhausbetreiber nutzt. Dazu kommen typische Symptome wie Alkoholismus und psychische Erkrankungen durch Arbeitslosigkeit – und auch die niedere soziale Klassenzugehörigkeit.

Die Zunahme psychischer Erkrankungen, von Herzstörungen, Arthrosen und Brüchen bei Arbeitnehmern lässt sich ganz simpel herleiten: Wer unter Dauerdruck arbeitet, wie oben beschrieben, bricht irgendwann zusammen. Es ist dann nur die Frage, ob zuerst der Kopf oder der Körper kollabiert. In beiden Fällen ist die Behandlung teuer und langwierig. Wie sieht das dann wohl erst aus, wenn sich das noch weiter verschärft?

Auch der Boom der Hüft- und Gelenk-OPs ist leicht erklärt: Es ist in den letzten 20 Jahren sowohl einfacher als auch komplikationsfreier geworden. Mehr Menschen haben überhaupt diese Möglichkeit, zumal damit häusliche oder stationäre Pflege vermieden werden kann. Aber warum sind es überhaupt so viele? Auch das ist einfach erklärt: Die, die jetzt Gelenkoperationen vornehmen lassen, stammen fast allesamt aus den Wirtschaftswunder- und Industrieaufschwungjahren. Auch die haben sich kaputt gearbeitet – und bezahlen es jetzt mit defekten Gelenken. Aber sie leben auch länger, lang genug, um in diese Situation zu kommen.

Insgesamt wird’s nicht besser werden. Jedenfalls nicht absehbar. Wobei mir da ein Chatzitat von German-Bash.org einfällt…

Wo wir gerade beim amüsanten Teil wären, fallen mir da noch zwei Geschichten von gestern ein. Schmunzeln musste ich, als die Dauerverlobte meines Onkels mit einem Longshirt bekleidet nach einer Dusche aus dem Badezimmer kam, in die Küche ging, und dort lief „You can leave your hat on“ von Joe Cocker, der weltbekannte Strip-Song…

Und zum Abschluss noch eine Weisheit: Du weißt, du hast definitiv Einsparpotenzial beim Auswärtsessen, wenn dich der Besitzer vom Imbiss morgens auf der Straße grüßt… In diesem Fall war’s Olli Kammerer von der „Eppendorfer Grill-Station“, dem „Dittsche-Grill“.

Herzlichst,
Euer Fuxi

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