Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (3)

Kapitel 3

Pahl sah auf die Uhr. Sein Kaffee dampfte noch. Er nahm einen Schluck, versenkte dann eine zweite Tüte Zucker darin, rührte um und machte sich mit dem Pappbecher in der Hand auf den Weg zur Haltestelle. Diese lag vor dem Bahnhofsgebäude. Dort musste gleich Daniela auftauchen, wenn sie nicht verspätet war. Das kam durchaus vor. Hauptsache, es war nichts mit dem Bus. Das konnte er heute nicht gebrauchen. Sein Dienstplan war schon schlimm genug. Jetzt noch Scherereien mit dem Wagen wären wirklich die Krönung. Aber seine Kollegin verspätete sich nur um eine Minute. Das war nicht schlimm. Es waren ohnehin bis zur Abfahrt seiner ersten Tour einige Minuten über. Die Übergabe war auch schnell gemacht. Er wollte nur noch etwas Zeit für sich allein. Das brauchte er, seit der Trennung von Mia ganz besonders. Er hatte nur wenige Freunde, und auch die waren nicht mal sonderlich eng. Eigentlich war er gern unter Menschen. Wenn es nicht gerade gröhlende Kinder nach Schulschluss waren. Aber die Trennung hatte ihm zugesetzt, und die, die er Freunde nannte, waren keine große Hilfe. Vor allem, weil sie selbst Familien hatten und ihm das Zusammensein mit ihnen, besonders bei Einladungen zu Grillfeiern, immer wieder schmerzlich vor Augen führte, was ihm jetzt fehlte. Stefan, den alle seit der Schulzeit nur „Dreier“ nannten, weil es dort vier Stefans in der Klasse gegeben hatte, nahm ihn hin und wieder mal mit auf Ü30-Parties oder – wenn es ganz schlimm kam – auf eine Kneipentour nach Hamburg. Frauen kennen zu lernen, war für Pahl nicht das Problem, selbst mit seinem Bäuchlein nicht. Aber wenn es über Smalltalk hinaus ging, war er blockiert. Da konnte Dreier noch so insistieren, dass er doch mal wieder seinen Spaß haben solle, und es müsse ja nicht gleich eine neue Frau an seiner Seite sein. Dreier hatte ihn mal zur Seite genommen und gesagt: „Die Familienfeiern sind der einzige Grund, warum ich dich nicht beneide. Ich liebe die Kinder, und Friederike ist auch noch ganz okay, aber einfach so auf Tour ’ne gutaussehende, ungezähmte und reife Angeschickerte abzugreifen und sie ’ne Nacht lang in allen Stellungen und allen Löchern ranzunehmen – das wär’s, was mein Leben wieder in Schwung bringen könnte. Nutze diese Chance, sie kommt vielleicht nie wieder!“ Pahl hatte daraufhin vorgeschlagen, sie könnten ja tauschen. Das hatte Dreier irgendwie nicht witzig gefunden.

Daniela stoppte den Bus vor Pahls Nase und ließ die Fahrgäste aussteigen. Dann schloss sie die hintere Tür, öffnete die vordere und ließ Pahl schon mal rein. «Moin, Bernd!» Bernd begrüßte sie, indem er zwei Finger von der Stirn wegführte. «Moin! Alles klar?» Dani nickte. «Jaja, keine Probleme.» «Hindernisse auf der Strecke?» «Keine. Ganz normaler Tag.», antwortete sie lächelnd. «Gut zu wissen.» Einen ironischen Kommentar konnte sie sich allerdings nicht verkneifen. «Na, dann viel Spaß mit den Schulkiddies!» Pahl lächelte gequält. «Danke, Dani!»

Daniela verließ den Bus und ging Richtung Parkplatz davon. Pahl stellte seinen Kaffee ab und richtete sich häuslich ein. Er setzte sich und stellte den Fahrersitz ein. Er kontrollierte den Bordcomputer und die Kasse. Dann stellte er das neue Fahrziel und die Linie im Bordcomputer ein, ehe er sich noch ein paar Minuten Ruhe gönnte. Ein Blick auf den Abfahrtsbereich der „28A“ verriet ihm, dass er noch eine Minute länger Zeit hatte. Der Zug aus Neustadt war durch, und die Rollstuhlfahrerin, die oft um diese Uhrzeit wartete, war nicht da. Drei Minuten vor der Abfahrt fuhr er an der Haltestelle vor, um die Fahrgäste einsteigen zu lassen. Es reichte, um bei denen, die keine Tages- oder Monatskarte besaßen, das angegebene Fahrziel in den Bordcomputer einzugeben, zu kassieren, den Fahrschein auszudrucken und das Wechselgeld zurückzugeben. Letzteres bestand aus seinem eigenen Kleingeld. Er kannte es gar nicht mehr anders, aber nur wenige Jahre bevor er bei der SHVG angefangen hatte, hatte die Busgesellschaft verfügt, dass die Fahrer das Wechselgeld selbst stellen mussten und dieses nicht mehr von den Betrieben gestellt bekamen. Es wurde zu oft geklaut und unterschlagen. Begeistert war keiner der Fahrer darüber, aber wenigstens hatten sie dafür in der nächsten Tarifrunde ordentliche Erhöhungen durchgedrückt – nach zweitägigem Warnstreik.

Als der letzte Wartende eingestiegen war, schloss Pahl die vordere Tür und fuhr an. Plötzlich eilte ein Mann aus der Fußgängerunterführung unter den Bahngleisen winkend Richtung Bus. Pahl seufzte, stoppte aber wieder und öffnete noch einmal die Tür. Der Mann, etwa 25, bestieg das Fahrzeug hechelnd und mit wedelnder Monatskarte, marschierte schnurstracks durch die Schranke und warf seinen Rucksack in eine Reihe in der Mitte des Busses, ehe er sich selbst in den Sitz fallen ließ. Pahl verzog den Mund, und während er die Tür wieder schloss und erneut anfuhr, dachte er bei sich: «Ein anständiger Mensch sagt ‚Danke!‘, Du Arsch!»

Die Ruhe währte nur zwei Minuten. Dann hielt er an der Haltestelle Jahnschule. Eine Horde Kinder stieg ein. Immerhin hatten alle ein Aboticket. So ging die Abfertigung schnell. Der Lärm war durchaus störend. Mit den Jahren versuchte sich Pahl ein dickes Fell zuzulegen. Erfolglos. Gelächter war ja noch erträglich. Aber wenn die Jungs die Mädchen ärgerten und zum Kreischen und Quieken brachten, ging das schrill in die Ohren. Pahl war dann recht schnell genervt. Bei der Kaserne stiegen drei Bundeswehrsoldaten zu: Zwei Stabsunteroffiziere und ein Fahnenjunker. Sie waren anscheinend auf dem Weg ins Schwimmbad nach Bördeling. Dort gab es eines am Schulzentrum. Der Neustädter „Aquapalast“ war seit zwei Monaten wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. Das große Geschrei verstummte nach einer Viertelstunde – zumindest vorerst. In Klein Siebel stiegen die letzten Kinder aus. Ein paar Jugendliche blieben sitzen. Entweder wollten sie weiterführende Kurse an der Bördelinger Schule besuchen oder mussten irgendwo in den Dörfern zwischen Bördeling und Merten raus.

Auch die Ruhe, die sich in Klein Siebel einstellte, hielt nicht lange. An der nächsten Haltestelle, dem Schulzentrum in Bördeling, stiegen wieder kreischende Schüler und Schülerinnen zu. Immerhin: Die meisten fuhren nur bis zum ZOB und stiegen dort in die Bahn um. Die Soldaten waren inzwischen ausgestiegen. Ein Jugendlicher, der in Neustadt zugestiegen war, war der einzige Grund für den Stopp in Meseburg. Und dann kam der Abschnitt, den Pahl an der 28er-Route am wenigsten leiden konnte: Bargfeld. Er wollte eigentlich nicht daran denken. Jedes Mal nahm er sich das vor – nie klappte es. Schon die Wende in Meseburg sorgte bei ihm für Bauchgrimmen, und das lag nicht an der engen Buskehre, die dort vor der Bank errichtet worden war. Am Ortsausgang bog er nach links ab Richtung Bargfeld. Erst kam die scharfe Kurve, dann der Bahnübergang. Der Fahrplan war mit heißer Nadel gestrickt: Wenn er nicht mehr als fünf Minuten Verspätung hatte und der Zugverkehr pünktlich war, musste er nicht an der Schranke halten. Manchmal kam es aber doch vor. Und dann stand er da manchmal drei Minuten lang mit ausgeschaltetem Motor. Das kostete richtig Zeit, die kaum wieder reinzuholen war. Und jede Verspätung verkürzte seine Pause. Und gab Ärger mit Silke in der Disposition.

Doch dieses Mal war er nur eine Minute zu spät dran. Wenn an noch einer Haltestelle niemand zustieg, war die Zeit schon wieder rausgeholt. Er hoffte, dass das an den beiden kommenden Halten der Fall war, wenn auch unwahrscheinlich. Hinter dem Bahnübergang folgte eine scharfe Rechtskurve, nach zwei langgezogenen Linken der Abzweig nach Moorbeck, eine von zwei Siedlungen, die der Fahrplan komplett aussparte. Und dann kam auch schon der Ortseingang von Bargfeld. Er wollte es nicht, aber sein Magen verkrampfte sich – mal wieder. Es tat noch zu weh. Wenigstens wollte keiner am Kornweg rein oder raus. Doch hinter der Brücke über die Schwentine schnaufte Pahl tief durch. Dort, auf der linken Seite, lag es: Das Haus, in dem Mia wohnte, seine Ex-Frau. Und Jonas. Pahl ließ die Augen nur kurz auf das Haus schweifen und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. Von Jonas war nichts zu sehen. «Schade…», dachte er. Aber er war auch erleichtert, Mia nicht gesehen zu haben. Lange nachdenken konnte er nicht: Sekunden später erreichte er den Marktplatz von Bargfeld und die dortige Haltestelle vor dem Supermarkt. Zwei Zusteigende mussten bezahlen, dazu kam dann noch eine Rollifahrerin, der er den Einstieg hydraulisch heruntersetzte und dann ausstieg, um die Rampe auszuklappen. Die Behinderte rollte ohne seine Hilfe hinein und parkte ihr Gefährt in der für sie reservierten Bucht. Pahl klappte die Rampe wieder ein, stieg ein, schloss die hintere Tür und stellte sicher, dass sein mobil eingeschränkter Fahrgast die Bremsen festgestellt hatte. Dann fuhr er wieder los.

An der Ampel ging es rechts weiter Richtung Schondorf. Doch statt hinter dem Abzweig nach Langhagen geradeaus weiter zu fahren, bog er halbrechts ab – wieder Richtung Bördeling. Die Straße führte zur B435 und darüber hinaus zu Markt und ZOB zurück, parallel zur Schwentine. Für eine derart häufig benutzte Straße war sie ziemlich eng. Der Asphalt war gerade breit genug für den Bus, und sowohl Gegenverkehr als auch er selbst mussten auf den unbefestigten Randstreifen ausweichen, um aneinander vorbei zu kommen. Das passierte einige Male, und die Schlaglöcher auf dem Randstreifen schüttelten Bus und Fahrgäste ordentlich durch. Kurz vor Bördeling lenkte er den Bus allerdings links in eine noch engere Straße ein. Nach etwas mehr als einer halben Minute hielt er in Langborn. Ein Mädchen, das in Bördeling am Schulzentrum zustiegen war, erreichte wohl ihr Zuhause.

Pahl fuhr wieder an, nur um nach 50 Metern wieder zu halten, ein Auto passieren zu lassen und dann nach rechts abzubiegen. Keine Minute später lag vor ihm die Einmündung zur B435. Der Buslinie wegen war hier die Geschwindigkeit auf 70 herabgesetzt, doch nur wenige hielten sich daran. Zudem lag die Einmündung zwischen zwei kleinen Hügelkuppen, und so war der Querverkehr erst spät zu sehen – und der Bus für die Autos. Hauptsächlich bedeutete diese Ecke den Zeitverlust, der eine dreiminütige Fahrzeit bis zur nächsten Haltestelle begründete. Immerhin: Die Kleinstdorf-Abstecher waren von hier an vorbei. Die Straßen wurden wieder breiter, auch wenn er hinter Schondorf die Bundesstraße wieder Richtung Beutin verlassen würde, um von Osten nach Merten einzufahren. Bis auf den Beutiner Markt lagen nun die weiteren Haltestellen erstmal an der Straße, und die Kehre am Markt in Beutin war großzügig bemessen. Selbst an Markttagen fuhr er um den Pulk an Marktbeschickern herum und hielt vor einer Eisdiele. Nur auf die Menschen, die über die Straße zum Marktrondeel eilten, musste er aufpassen. Dafür gab es nämlich keine Ampel. Aber so stark befahren war der Marktplatz ohnehin nicht: Nur Busse und Taxis durften ihn anfahren, ansonsten lag er inmitten von Fußgängerzonen. Beutin war nach Merten und Bördeling das größte Dorf dieser Region.

Zunächst hielt er aber an der Schule in Schondorf. Wieder gingen ihm gröhlende Kinder auf die Nerven. Am Ende der Straße bog er links ab, um wieder auf die B435 zu kommen. Und dort fuhr er am Haus vorbei. An seinem Haus. Dem, in dem er sich etwa zwei Stunden zuvor über den neuen Dienstplan aufgeregt hatte, und das jetzt verlassen da lag. Leer. Ohne Mia, ohne Jonas. Am Ende der Straße bog er rechts ab auf die Bundesstraße, verließ, vom Geschrei der Schüler und Schülerinnen genervt, Schondorf und gab Gas. Noch drei Minuten hatte er Zeit, bis er in Krohnkamp ankommen musste.

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