Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (2)

Kapitel 2

Der Radfahrer brauste um die Ecke und fuhr dabei fast eine Frau mit ihrem kleinen Sohn über den Haufen. Es kümmerte ihn nicht, und die handfesten, definitiv nicht jugendfreien Flüche und Beschimpfungen der Frau, die sich in diesem Moment unauslöschlich in den Sprachgebrauch des Sprösslings einbrannten, hörte er gar nicht. Sein Gehör nahm nur eines wahr: Sirenengeheul. Und es wurde immer lauter, wenn er nicht gerade um eine Ecke rauschte. Seine Muskeln waren angespannt, er schnaufte und schwitzte, aber er trat weiter, so schnell er konnte, in die Pedale. Sie durften ihn nicht erwischen. Er dachte nicht mal daran, die Handtasche an seinem Lenker wegzuschmeißen. Eine schwere Entscheidung wäre das gewesen, immerhin hatte sie ihm diese Flucht eingebracht. Er hatte nicht aufgepasst, den Streifenwagen übersehen, dessen Besatzung ihn nun verfolgte. Kurz, bevor er durch die Fußgängerzone gerauscht war und seine Verfolger kurzzeitig hatte abhängen können, hatte er noch einen anderen Wagen mit Blaulicht gesehen, aber der war verschwunden.

Jetzt kam er ins Industriegebiet. Sein Ziel war der Feldweg, der am Ende der Ausfallstraße durch dieses Gewerbegebiet an der Bundesstraße begann. Dort konnte er sie endgültig abhängen. Er strampelte, was der Körper hergab. Die Sirenen waren leiser geworden. Die Streife war wohl aufgehalten worden. Ein dunkler Golf überholte ihn, dem verschwundenen Verfolger ähnlich. Er warf diesen kurzen, komischen Gedanken weg, denn der Wagen fuhr vorbei und hielt auf einer Bushaltestelle vor ihm. Eine Frau stieg aus. Sie wirkte zierlich, mehr nahm er nicht wahr. Er zwang sich dazu, sich auf das Strampeln zu konzentrieren. Für hübsche Frauen konnte er keinen Gedanken erübrigen, schließlich waren die Bullen hinter ihm her. Daher bemerkte er auch nicht, dass sie vor dem Auto am Rand der Straße stehen blieb und ihn fixierte. Und als er sie erreichte, sprang sie vor. Der Handtaschenräuber erschrak, zu überrascht zum Ausweichen. Da griffen ihn plötzlich zwei Hände, zogen ihn vom Rad, das Richtung Feldweg flog und krachend auf der Fahrbahn aufschlug. Er selbst flog in einer Kurve auf die Haltestelle, landete unsanft auf dem Bauch, bremste seinen Schwung mit dem Kinn auf dem Asphalt und brauchte in seiner Benommenheit einen Augenblick, um zu realisieren, was passierte. Da saß die Frau, dieses kleine Etwas, schon auf seinem Rücken, griff seine Arme, zog sie nach hinten und fixierte sie dort. «Polizei!», schrie sie.

Sekunden später sah er die Reflexionen des Blaulichts auf dem Boden um ihn herum. Der Streifenwagen war da. Während die Uniformierten ausstiegen, sprach die Frau schnaufend zu ihm: «Sie sind vorläufig festgenommen! Sie brauchen als Beschuldigter einer Straftat keine Angaben zur Beschuldigung zu machen oder in der Sache auszusagen. Nach dem Gesetz steht es Ihnen frei, vor der Vernehmung einen Anwalt hinzuzuziehen und sich mit ihm zu besprechen.» Die Uniformierten kamen ihr zur Hilfe und zogen den Mann hoch. Er blutete am Kinn. «Ich werde Sie jetzt durchsuchen. Haben Sie irgendwas in den Taschen, woran ich mich verletzen könnte?» Er wurde mit dem Oberkörper mehr oder weniger sanft auf der Motorhaube des Golf abgelegt, die Beine auseinander gedrückt. Die Frage beantwortete er, immer noch leicht benommen, mit «Schlüssel, Hosentasche rechts.» Es war nicht das erste Mal, dass er diese Prozedur erdulden musste, und es war unwahrscheinlich, dass es das letzte Mal war. Seine Taschen wurden durchsucht, und Portemonnaie, Schlüssel, ein Paket Taschentücher, eine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug landeten auf der Motorhaube neben seinem Gesicht. Sie klopften ihn ab, von den Schultern bis zu den Beinen. «Ich hol‘ mal einen Krankenwagen…», sagte einer der Streifenbeamten. Dann durfte er sich wieder gerade hinstellen. «Ihre Sachen kriegen Sie wieder, wenn Sie wieder entlassen werden.» Die Frau zog eines der Taschentücher heraus und hielt es ihm ans Kinn. Den Schmerz spürte er nicht. Der Notarztwagen kam wenige Minuten später, sein Kinn wurde verarztet, sein allgemeiner Zustand begutachtet, und dann schoben sie ihn auf den Rücksitz des Streifenwagens.

«War ’ne gute Jagd! Danke, Jungs!» sagte die Zivilbeamte lächelnd zu ihren uniformierten Kollegen. Polizeiobermeister Günther, wie sie von seinem Namensschild auf der Brust und den drei Sternen auf der Schulterklappe ablesen konnte, erwiderte: «Der war ganz schön flott. Wie Sie den vom Rad gezogen haben – Respekt!» Das Lächeln der Frau wurde breiter. «Danke, aber ich werde oft unterschätzt. Meistens ist das zu meinem Vorteil… Ich nehm‘ das Rad und das Beweismittel mit. Und nun ab zur Wache!» Der POM nickte freundlich. «Bis gleich.» In der Tat: Unterschätzt wurde Kommissarin Vivien Banser oft. Mit ihren 1,63 Metern Körpergröße und ihrem schlanken Äußeren wirkte sie oberflächlich nicht wie das sportliche Kraftpaket, das sie eigentlich war. Die 38-Jährige verstand es sehr gut, das zu verstecken. Sie sah zwar gut aus, in ihrem Auftreten wirkte sie aber eher unscheinbar und unauffällig. Dabei hielt sie sich mit Jogging und Krafttraining fit und war eine ausgezeichnete Schützin. Ihre Erfolge lagen allerdings schon etwas zurück. Der jüngste Pokal in ihrer Vitrine zeugte von ihrem Titel als Schützenkönigin in der Jugend des  Schützen-Sport-Verein Kadens. Sie hatte schon als Kind den Wunsch geäußert, Polizistin werden zu wollen. Auch in der Schule trat sie als Klassensprecherin für Gerechtigkeit ein und wusste sich durchzusetzen. Ihr Vater war damals ein wenig enttäuscht gewesen, hatte er doch gehofft, sie würde mit ihrem erstklassigen Abitur – Note 1,4 – Juristin werden und die väterliche Anwaltskanzlei übernehmen. Sie aber hatte sich für den Polizeidienst entschieden, weil sie der Meinung war, dass auf beiden Seiten Waffengleichheit herrschen musste, also nicht nur auf der Verteidigerbank, sondern auch bei der Strafverfolgung. Und seine Enttäuschung war schnell dem Stolz gewichen.

Seit 2006 war sie nun bei der Kriminalpolizei. Die Dienststelle lag überraschend nicht in der viel größeren Kreisstadt Neustadt, sondern in dem 6.500-Seelen-Ort Bördeling. Im Jahr 2003 hatten Umstrukturierungen dafür gesorgt, dass die Kripo von Neustadt ausziehen musste. Die Wache Bördeling war 2001 neu gebaut worden und bot den Kriminalbeamten ausreichend Platz für ein Kommissariat. Hinter dem Gebäude gab es Parkplätze. Dort stellte Vivien den Dienst-Golf ab, holte Fahrrad und Handtasche aus dem Auto und marschierte hinein. Vorn am Tresen stand der POM. «Der Verdächtige sitzt schon an Ihrem Schreibtisch.» Vivien bedankte sich. «Könnten Sie oder Ihr Kollege sich um das Fahrrad kümmern? Rahmennummer prüfen, Diebstahlsmeldungen abgleichen undsoweiter?», fragte sie. Der Obermeister bejahte: «Polizeimeister Seidel übernimmt das.» «Prima. Wie geht es denn eigentlich dem Opfer?» Günther zuckte mit den Schultern. «Ich weiß nur, dass sie bei der Tat durch den Riss an der Handtasche gestürzt ist, und dass sie mit einem KTW ins Krankenhaus gebracht wurde. Genaueres kann Ihnen PHM Samtleben sagen, der hat die Zeugenbefragung am Markt gemacht.»

Vivien bedankte sich und wollte den Weg zu ihrem Schreibtisch fortsetzen, als sich ihr ein Bär von einem Mann in den Weg stellte. «Dieter, Du stehst im Weg!» Der grinste nur. «Du kennst wohl auch keine Grenzen, oder? Greifst einen bei voller Fahrt vom Fahrrad…» Diesen bewundernden Tadel konterte sie. «Naja, bei einem Cabrio würde ich das auch nicht machen. So schnell kriege ich den Gurt dann auch nicht gelöst.» Beide schmunzelten. «Hast Du gut gemacht, Kleine!» Oberkommissar Holtkamp war der einzige, der sie so nennen durfte. Er hatte auch das Format dafür, war dreißig Zentimeter größer als sie. Zudem wirkte er so bullig, dass nicht wenige sagten, in ihn passe sie dreimal rein. Aber er war auch kein Sportlertyp. Aber ein erfahrener Beamter, der vor dem Wechsel zur Kripo fünf Jahre beim Dezernat Interne Ermittlungen in Kiel gearbeitet hatte. Inzwischen ließ er es etwas ruhiger angehen. Vivien drängte sich nun an Holtkamp, der keinen Widerstand leistete, vorbei. «Ich mach mal schnell die Befragung, und dann kümmere ich mich um das Opfer.» «Mach das. Ich schreib‘ nachher noch den Bericht zur HG in Roter Hahn.», erwiderte er. „HG“ war die polizeiliche Abkürzung für „Häusliche Gewalt“. Der Fall in Roter Hahn, zu dem sie am Vorabend gerufen worden waren, war etwas anders abgelaufen als gewöhnlich: Nicht der Mann hatte die Frau verprügelt, sondern umgekehrt. Mit einer Computertastatur. Ende offen. «Okay.»

Vivien wandte sich dem Verdächtigen zu. Sie zog den Personalausweis aus dem Portemonnaie und fragte, ob seine Adresse noch stimmte, ehe sie sie auf dem Berichtsbogen notierte. Sie belehrte ihn über seine Rechte. «Ihnen wird vorgeworfen, heute Mittag in der Innenstadt von Bördeling einer Passantin, an der Sie mit dem Fahrrad vorbeigefahren sind, die Handtasche entwendet und schuldhaft ihren Sturz auf das Straßenpflaster verursacht zu haben, bei dem sie sie erhebliche Verletzungen zuzog. Sie können sich zur Sache einlassen oder auf eine Aussage verzichten. Sie haben das Recht, schon zu dieser Vernehmung einen Rechtsanwalt hinzuzuziehen, der Sie berät, und Sie haben die Möglichkeit, eigene Beweisanträge zu stellen. Das heißt, Sie können Zeugen benennen, die Sie entlasten, Gutachten anfordern undsoweiter. Haben Sie diese Erläuterungen verstanden?“ Er bejahte. Dann fragte sie, ob er sich zur Sache einlassen wolle. Der Verdächtige mit dem Pflaster am Kinn verneinte und verlangte nach seinem Anwalt. Den durfte er anrufen, bevor er zur Verwahrung in die Zelle verbracht wurde, bis sein Verteidiger ankam. Vivien prüfte vorher noch den Background des jungen Mannes. Er war einschlägig vorbestraft wegen Raubes, die letzte Verurteilung lag gerade zehn Monate zurück, die Bewährungszeit lief noch. Bevor sie die Tür schloss, konnte sie es sich nicht verkneifen, ihn nervös zu machen: «Ach, übrigens: Dein Opfer liegt im Krankenhaus. Das heißt schwerer Raub. Dieses Mal fährst Du endgültig ein!» Damit schloss sie die Tür.

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Eine Antwort to “Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (2)”

  1. Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (1) « Ruhelos Says:

    […] Blog über Fußball, Politik und alles andere « DHL macht mich krank… Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (2) […]

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