Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (1)

Kapitel 1

Als Pahl die Email von Silke öffnete und in die angehängte PDF-Datei schaute, entfuhr ihm ein ungnädiges «Oooooochnöööööööööö…»
Es war niemand da, der es hätte hören können, mit Ausnahme der Mäuse und Spinnen, Pahls unsichtbare Mitbewohner. Und die interessierten sich für ihn herzlich wenig.

«Was hab ich wohl jetzt wieder falsch gemacht?», dachte er. «Ich hab‘ Bullerbü nicht die Frau ausgespannt, und dass Silke keine Kinder hat, ist auch nicht mein Fehler! Wozu bloß diese Strafe?»
In der oberen rechten Ecke des PDF-Dokumentes prangte das Logo der SHVG, der Schleswigschen und Holsteinischen Verkehrsgemeinschaft, neben dem der HBB, der Holsteinischen Bus-Betriebe GmbH. Sein Arbeitgeber. Silke war Personaldisponentin und machte die Einsatzplanung für den Linienverkehr im Bereich der HBB. Sie war der Grund für Pahls Aufregung, denn sie hatte ihm den Dienstplan für den kommenden Monat gemailt. Nicht nur ihm – das machte das Personalplanungssystem „PPBUS“ automatisch auf Mausklick. Silke hatte die Aussendung der E-Mails nur mit ein paar Mausklicks angestoßen: Bezirk Nordholstein – … Fahrer – Alle – Suche. Dann alle markiert, vielleicht einige wenige aus der Auswahl entfernt. Datenbestand – Stapelverarbeitung – Versand via E-Mail – OK. Fertig. So einfach konnte sie jemandem den Tag versauen. Das klappte bei Pahl auch vorzüglich. Denn was der Dienstplan für den kommenden Monat zeigte, war ein Horror. Nicht nur, dass sie ihm schwerpunktmäßig wieder die lange Linie 5928 von Neustadt nach Weißenthal und zurück zugeteilt hatten. Er sah auch noch viele „A“s. Das bedeutete eine der längsten Strecken in Schleswig-Holstein. Laut Plan 77 Minuten, aber die Fahrzeit wurde regelmäßig überschritten. Zudem lagen vier Schulen auf der Linie. Morgens und nachmittags war die Lautstärke unerträglich. Dass er auch noch jedes Dorf mitnahm, war da das kleinste Übel. Die Linien 5938 oder 5948 wären ja noch erträglich gewesen, entweder von Merten nach Neustadt oder Bördeling bis Weißenthal, unter Auslassung einiger Dorfstrecken. Selbst die B-Route von Neustadt nach Weißenthal wäre okay gewesen, aber die hatte er selten. Am liebsten war ihm die 5916, Merten-Bördeling. Gerade 53 Minuten, selten Verspätungen. Und vor allem ging sie nicht über Bargfeld…

Bargfeld hatte viel mit seiner Abneigung gegenüber der 5928er zu tun. Denn dort wohnte Mia. Seine Ex-Frau. Und Jonas, sein Sohn. Wenn er auf der 28A, 38 oder 48 unterwegs war, führte die Linie auch zu zwei Haltestellen im Ort. Kurz hinter dem Kornweg, der ersten Haltestelle, lag das Haus, in dem beide wohnten. Er fuhr mit seinem Niederflurbus direkt daran vorbei. Manchmal sah er Jonas im Vorgarten spielen, wenn gutes Wetter war. Oder Mia ging mit ihm zum Einkaufen. Und jedes Mal verspürte er diesen Stich im Herzen. Zwei Jahre war die Scheidung jetzt her. Geheiratet hatten sie ein Jahr, bevor Jonas auf die Welt kam. Der war jetzt sieben, ging in Bördeling in die erste Klasse der Grundschule. Allein mit dem Bus durfte er noch nicht fahren. Sonst wären sie sich wenigstens ab und zu begegnet, wenn der Fahrplan es zuließ. Offiziell hatte Mia damals die Trennung damit begründet, sie beide hätten sich auseinander gelebt. Die Wahrheit hörte auf den Namen „Ben“. Ein Anstreicher bei Maler Ottenberg in Bördeling, drei Jahre jünger als Mia. Und ein Waschlappen. Pahl glaubte nicht, dass der Pinselschwinger sie glücklich machte. Nein, glücklich war seit zwei Jahren eigentlich keiner. Nicht Mia in ihrer neuen Beziehung, nicht Jonas, und der Papa eben auch nicht. Und jede Tour auf der 5928A, 5938 und 5948 erinnerte ihn daran. Auch heute würde er sich wieder daran erinnern. Seine erste Fahrt würde die 28A sein.
Pahl schaltete den Computer aus und machte sich bereit zur Abfahrt. Es war noch eine ganze Weile zu fahren.

Zum Glück wohnte er verkehrsgünstig: Die Bundesstraße 435, die durch seinen Wohnort verlief und von der aus er in der Vorbeifahrt auf jeder seiner Touren einen prüfenden Blick auf sein Haus werfen konnte, verband die Städte Neustadt, Bördeling, Merten und Weißenthal miteinander, die gleichzeitig die vier Start- und Endpunkte der sechs Linien markierten. Neustadt war die größte der Städte, hatte etwas über 20.000 Einwohner. Bördeling und Merten waren mit jeweils knapp 9.000 Einwohnern gleich groß, Weißenthal noch einen Tick größer. Alle verfügten über einen Bahnhof, wobei Neustadt die beiden Streckenabschnitte Bördeling und Merten/Weißenthal verband, und mehrere Schulformen. In Schondorf, seinem Wohnort, gab es lediglich eine Grund- und eine Realschule. Trotz der durchlaufenden B435 war Schondorf recht ländlich geprägt. Hier gab es nicht viel, nur den allernötigsten Grundbedarf zu decken. Die Polizeistation, die gleichzeitig für die umliegenden Ortschaften zuständig war, war nicht ständig besetzt. Anrufe außerhalb der Dienstzeiten wurden an die Polizei Bördeling weitergeleitet. Es gab eine Bank, eine Tankstelle, einen Supermarkt, zwei Bäckereien, eine Drogerie und ein Bekleidungsgeschäft, das auch Postdienstleistungen verkaufte und einen kleinen HSV-Fanshop beinhaltete. Wenn er mit Jonas durch Schondorf lief, bekam der Lütte hier immer glasige Augen. Wie sein Vater war er HSV-Fan. Fußball war ohnehin Jonas‘ Leben. Wo andere Gleichaltrige Probleme mit dem Buchstabieren hatten, konnte er perfekt die Abseitsregel erklären. Und auf dem Schulhof lief er sich die Lunge aus dem Hals bei der Jagd nach dem Ball.

Eine gute halbe Stunde brauchte er zum Neustädter ZOB, dem Zentralen Omnibus-Bahnhof. Dort würde er dann einen 315er von einer Kollegin übernehmen. Und abends nach der letzten Fahrt würde er das Fahrzeug wieder nach Neustadt zurück fahren, zum Busbetriebshof, der zum Glück unweit des ZOB lag. Gerade noch rechtzeitig machte sich Pahl auf den Weg zur Arbeit.

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2 Antworten to “Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (1)”

  1. Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (3) « Ruhelos Says:

    […] Kapitel 1 Kapitel 2 […]

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    […] Ein ruheloses Blog über Fußball, Politik und alles andere « Pahl … und die Frau aus Krohnkamp (1) Der Bummelbahn-Rant […]

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