Rundblick (22)

St. Pauli und die Besser-Fans… Bei BILD gab es vorgestern einen Artikel, in dem es um die Spaltung der Fangruppen bei St. Pauli ging. Die Fans von Hansa Rostock hatten nur 500 Sitzplatzkarten erhalten (eigentlich stehen ihnen nach den Regularien je 10% Steh- und Sitzplätze zu), weil es in der Vergangenheit immer wieder Krawalle rund um das Spiel gegeben hatte. Daraufhin hatte Hansa das komplette Kontingent zurückgehen lassen und sich die Ultras mit den Hanseaten solidarisiert. Sie blockierten die Aufgänge zur Südtribüne fünf Minuten lang und wurden dafür von der Gegengerade „kritisiert“.

Dieses „Besserfan“-Gehabe kenne ich auch von den HSV-Supporters, speziell von „Chosen Few“. Die Supporters sind eine ganz eigene „Rasse“ im Volkspark. Ich erinnere mich, als es seinerzeit chaotisch zuging und vor allem der Aufsichtsrat mit Cliquenbildung keine gute Figur abgab. Die Außendarstellung des HSV war beschissen. Es formierte sich eine kleine Gruppe im Supporters-Forum, grundlegende Änderungen anzustoßen. Unter anderem ging es auch um die Abwahl und um den Kopf von Udo Bandow. Von Seiten einiger Supporters-Mitglieder gab es Zustimmung zu dem Ansinnen, u.a. auch den Aufsichtsrat auf 7 oder 9 Personen mit klaren Zuständigkeiten zu bestimmten Ressorts zu verkleinern. Was kam letztlich dabei raus? Die Supporters kniffen, weil ihr Vorstand dem Ansinnen eine Absage erteilte und sich beim Sammeln von Unterschriften für eine außerordentliche Mitgliederversammlung nicht beteiligen wollte. Damals wurde meine ohnehin schwer umzustoßende Meinung über den Supporters Club nur bestätigt: Wenn alles super ist, machen sie das Maul auf, was für tolle Fans sie sind, aber wenn es wirklich darum geht, Veränderungen herbeizuführen im Sinne des Vereins, dann kneifen sie und haben Angst vor der eigenen Courage. Lieber „profilieren“ sie sich dann mit peinlichen Aktionen wie dem Ausschluss der Presse bei der Mitgliederversammlung 2006 – dabei kam übrigens auch letztlich nichts rum außer einer Presseposse. Eine solche Blockblockade wie bei St. Pauli hat’s beim HSV aber auch schon gegeben: Am 8.5.2004 beim Spiel gegen den VfB Stuttgart. In der Vorwoche waren die Rothosen sang- und klanglos an der Weser 0:6 untergegangen, Platz acht, Tordifferenz minus 14. Es war auch eine beschissene Saison. Die Supporters versuchten, ein Zeichen zu setzen, und sperrten die Nordtribüne ab, spannten statt dessen ein Plakat „Dieser Block ist Euer Lohn“, an die Profis gerichtet. Ich war einer der wenigen, die trotzdem in den leeren Block durchgingen. Weder identifizierte ich mich mit den „Suppenporters“, noch ließ ich mich von ihnen instrumentalisieren. Ich war in dem Moment kein Fan, sondern zahlender Zuschauer, und ich wollte meine Leistung auch in Anspruch nehmen. Das sagte ich auch mehrfach den angetiegert kommenden SC-Handlangern, die mich umstimmen wollten. Abgesehen davon hatte ich nun meinen Platz und beste Sicht. 10 Minuten sollte der Block leer bleiben. Dreieinhalb schafften sie, dann knickten sie ein. Ich fand die Aktion lächerlich. Vor allem, weil die beiden Tore von Beinlich und Hoogma zum 2:1-Sieg bejubelt wurden, als sei nie was gewesen…

Lächerlich finde ich jetzt auch das Gerede um Kevin Kuranyi. Zur Erinnerung: Das ist der Stürmer, den die Schalker Fans noch zu Saisonbeginn verjagen wollten – nur fand Schalke keinen Abnehmer. Jetzt hat er 17 Tore auf dem Konto, ist Führender der Torjägerliste – und in den Medien gibt’s die Rückkehrkampagne. Stern-Kommentator Dirk Benninghoff hat dabei wunderbar aufgelistet, warum Kevin Kuranyi – meiner Meinung nach völlig zurecht – nicht für Südafrika berufen werden sollte. Wann immer ich Kommentare lese, man müsse ihn berufen, fällt immer wieder der Satz: „Er war damals noch jung…“ Nein, war er nicht. Er war 26, ein gestandener Bundesligaprofi (Debüt in Stuttgart 2001, in der Nationalelf 2003), dem die Konsequenz seiner Handlungen klar gewesen sein musste. Er verschwand aus dem Stadion und aus dem Mannschaftshotel. Und zwar nicht im Affekt, sondern mit Ankündigung. Was Benninghoff vergisst zu erwähnen, kommt erschwerend hinzu: Er hätte nicht nur den Teamgeist auf der Tribüne zeigen müssen, sondern hätte sich dann eben für das nächste Spiel empfehlen sollen. Das fand vier Tage später in Mönchengladbach gegen Wales statt. Er ist also nicht nur vorzeitig abgereist, um sich wieder seiner Mannschaft anzuschließen, sondern von einer durchgehenden Nationalmannschaftsabstellung. Die Entschuldigung kam über die Medien – halbherzig und wenig glaubhaft.

Joachim Löw sollte darauf verzichten, denn gerade vor und zur WM gilt sein Wort. Fällt er um, verliert er an Autorität. Und es ist egal, ob wir nicht Weltmeister werden, weil Podolski, Klose und Gomez keinen Möbelwagen treffen, oder weil die Mannschaft nach einer Rückkehr von Kuranyi, der nach seinem Abgang auch nichts für die Mannschaft und die schwierige Qualifikation zur WM geleistet hat und sich nun ins gemachte Nest setzen würde, Löw nicht mehr ernst nähme. Soll doch Löws Nachfolger Kuranyi wieder berufen. Dann hat niemand sein Gesicht verloren, und Kuranyi kann zeigen, dass er doch ein Teamplayer ist. In der EM-Qualifikation. Gegen Belgien, Aserbaidschan, Türkei, Kasachstan und Österreich.

Apropos Umfaller: Was hatte die FDP nicht getönt im Wahlkampf, sie wollten eine große Steuerreform. Und was kommt dabei raus? Wieder nur Kleinkram. Und die CSU, deren Chef ebenfalls Steuersenkungen eingefordert hatte, jubelt nun, dass die FDP zurückgerudert ist. Vom Tiger zum Bettvorleger. Und wieder einmal verdeutlicht sich der alte Witz, der schon lange keiner mehr ist: „Eine Politiker-Lüge erkennt man daran, dass er den Mund aufmacht.“

Haben die Liberalen etwas daraus gelernt? Nein. Fraktionsvize Döring will eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Benzin prüfen. Das heißt: Statt 19 sollen nur noch 7% Mehrwertsteuer erhoben werden. Das würde bedeuten, dass der Super-Preis von derzeit 1,459 € auf 1,319 € sinken würde. Theoretisch. Denn das mit der Senkung der Preise durch eine Mehrwertsteuersenkung hat ja auch bei den Hotels so wunderbar geklappt… nämlich gar nicht. Es bedeutete nur ein Wegbrechen von Steuereinnahmen, die vorher mal ausnahmsweise nicht von Geringverdienern erbracht wurden. Hinterher stellte sich heraus, dass die FDP, die die Senkung der Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen – übrigens ein bürokratisches Monstrum sondergleichen – durchgedrückt hatte, seit 2008 vier Spenden im Gesamtwert von 1,1 Millionen Euro von der Substantia AG bzw. VM Holding, die der Mehrheitseigentümerfamilie der Mövenpick-Hotelkette gehörte, erhalten hatte. Ähnliches kann ich bisher nicht über Spenden von Mineralölunternehmen berichten. Andererseits veröffentlicht der Bundestag nur Spenden ab 50.000 Euro aufwärts. Und Spenden auf Länderebene werden nicht veröffentlicht. Es muss aber auch keinen solchen Zusammenhang geben. Es kann auch sein, dass Herr Döring einfach nur die NRW-Wahl retten will, angesichts von nur noch 8 Prozent Zustimmung zur FDP in den Umfragen. Vor allem: Was sollte es nützen? Es glaubt doch niemand, dass wirklich Steuern gesenkt werden! Also wird wieder woanders refinanziert. Vielleicht sparen sie ja an ALG II und setzen die Grundsicherung herab? Denn laut Westerwelle…

Einen bemerkenswerten Kommentar gab Christian Stöcker kürzlich bei Spiegel Online ab. Cecilia Malmström, EU-Kommissarin aus Schweden, möchte EU-weit Kinderpornografie-Sperren einführen. Hatten wir das nicht schon einmal? Ja, hatten wir. „Zensursula von der Laien“ wurde ja nach der Bundestagswahl vom Amt der Familienministerin weggelobt, unter anderem deswegen. Und jetzt gibt’s halt „Censilia“ Malmström. Das Schöne ist, dass sich die Argumente recyceln lassen – sowohl auf der einen Seite wie auf der anderen. Ich wünschte wirklich, Herr Elitz, Frau Malmström, Frau Brand, Frau Wiedemeyer und all die anderen, die noch so vor sich hin zensursulieren und rumvonderleyern hätten eine Portion mehr Hirn abbekommen. Andererseits wären sie dann für ihre Jobs wohl überqualifiziert…

Wie viele Punkte die dann wohl für ihre Arbeit bekommen würden? Die Schüler in Hamburg sollen bald neue Punktzahlen bekommen. Statt den Noten 1 bis 6 oder statt 0 bis 15 Punkten (gymnasiale Oberstufe) soll dann jeder zwischen 0 und 90 Punkte bekommen, abhängig von Leistung und Schulform. Das heißt, dass eine 1 auf der Hauptschule nicht mehr so aussieht wie eine 1 auf dem Gymnasium (was für Ausbilder und Arbeitgeber, die des Lesens mächtig sind und erkennen können, von welcher Schule das Zeugnis ausgestellt ist, ohnehin kein Problem war). Das Beispiel der Mopo: Ein Schüler mit 60 Punkten hätte auf der Hauptschule eine 1, auf der Realschule eine 3 und auf dem Gymnasium eine 4. Noch schöner: Mit 31 Punkten kann man noch ein befriedigender Hauptschüler sein, ein mangelhafter Realschüler und ein ungenügender Gymnasiast. Das heißt, wer als Hauptschüler eine 3 bekommt, hat keinen Grund, damit zufrieden zu sein: Er ist trotzdem eine Vollflasche. Abgesehen davon hat dieses Konzept noch einen anderen Pferdefuß: Wenn ein Schüler 58 Punkte bekommt und ein anderer 59, wird sich der Lehrer rechtfertigen müssen, warum dieser eine Schüler diesen einen Punkt mehr verdient hat. Es sei denn, die Lehrer schaffen sich ihre eigenen Abstufungen in 5- oder 10-Punkte-Schritten – dann ist diese hohe Skalierung aber insgesamt witzlos. Und mit Prozentzahlen lässt sich die Skala dann auch nicht mal erklären, denn das Maximum wäre 100% und nicht 90%. Außer Frau Goetsch erklärt ohnehin alle Hamburger Schüler für Deppen, die sowieso nicht die 100 Prozent erlangen, die die Bayern vermeintlich bringen…

Aber die Mopo hat noch einen weiteren Artikel veröffentlicht, der bei mir Fragen aufwirft: „Einbrecher-Hochburg Hamburg“. Da heißt es, dass 37 Prozent der Einbruchsversuche abgebrochen werden und die Aufklärungsquote insgesamt nur bei 9,7 Prozent liegt. Also nur jeder zehnte Einbruch wird aufgeklärt. Und dennoch sagt Polizeisprecher Meyer, tagsüber gingen häufig Frauen auf Beutezug. Da frage ich mich doch: Woher weiß er das, wenn ohnehin nur jeder zehnte Einbruch aufgeklärt wird? Gibt es in den zehn Prozent eine markante Häufung weiblichen Geschlechts? Und wenn ja, deutet das wirklich zwangsläufig darauf hin, dass mehr Frauen einbrechen? Oder lassen sich nur einfach mehr Frauen als Männer erwischen? Noch so eine Aussage:

„Das sind Serientäter, die ganze Viertel abgehen und bis zu 25 Taten verüben.“

Ähm, Herr Meyer: Was für Taten (vollendete oder versuchte Einbrüche)? Ist ein einziger Einbruch nicht auch von dem „bis zu 25“ erfasst? Und überhaupt: Von welchem Zeitraum sprechen Sie? 25 Taten am Tag, in der Woche, im Monat, im Jahr oder im gesamten Leben? Und warum hat Herr Neuburger, der den Artikel verfasst hat, keinen Zeitraum dazu geschrieben, warum hat er offenbar nicht nachgefragt? Journalisten…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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