Deutschland, 2030

„Guten Morgen, Frau Seidel!“

„Morgen!“

„Was kann ich für Sie tun?“

„Ich bräuchte Hefe…“

„Tut mir leid, die drei Päckchen, die wir heute früh besorgen konnten, sind schon weg. Ich hätte aber noch zwei Pakete Fertigmischung da…“

„Oh nee, Frau Langer, lassen Sie mal. Da ist mein Haushaltsgeld für die ganze Woche schon weg.“
„Guten Morgen!“

„Ach, guten Morgen, Frau Lawerenz. Sie sehen aber nicht gut aus…“

„Das ist auch kaum ein Wunder! Letzte Nacht hatten wir zweimal die Polizei im Haus. Dem Lortzig haben sie die Bude ausgeräumt, obwohl ich nicht mal weiß, ob da was zu holen war. Und den alten Drewermann haben sie kalt gemacht. Und wofür? Für Nudeln!“

„Ich fühl‘ mich auch nicht mehr sicher. Mittlerweile wohne ich auf meiner Etage ganz alleine. Wenn mich einer umbringt, findet niemand meine Leiche…“

„Das geht meinen Eltern ähnlich, Frau Lawerenz. Die wohnen in einem Reihenhaus, als die letzten ihrer Siedlung. Letzte Woche sind die letzten da weggezogen, und die Banken sitzen auf den verrotteten Häusern fest. Kann sich ja auch keiner leisten. Meine Eltern überlegen auch schon, ob sie nach Kirchdorf ziehen.“

„Mein Sohn weiß auch nicht mehr, wie er über die Runden kommen soll. Meyer im Hafen hat ihn jetzt auch rausgeschmissen. Haben ihm gesagt: ‚Wenn Du nicht mit Deinem Lohn auskommst – die Fidschisn schaffen das!‘ Original so!“

„Und wie viel kriegt er jetzt vom Amt?“

„20 Euro die Woche. Wie er damit Simone und Denny durchfüttern soll, konnten die ihm im Jobcenter auch nicht sagen. Aber was sie ihm gesagt haben: Er ist Nummer 486.193 in Hamburg und Nummer 8.429.771 in Deutschland.“

„Haben Sie es schon gehört?“

„Nee, Herr Günzel, was denn?“

„Na, nu kommen Sie erstmal zu Atem, guter Mann!“

„Kam gerade im Radio: Dem Osterkamp sein Lebensgefährte ist tot!“

„Der Mann vom Wirtschaftsminister?“

„Wirklich?“

„Ach nee…“

„Ja, doch! Dem haben zwei Leute die Bude ausgeräumt, und er war wohl im Weg.“

„Und die Täter?“

„Welche von uns: Arbeitslose aus dem Wedding.“

„Ha! Jetzt kriegen diese Politbonzen endlich die Quittung!“

„Sowas müsste viel öfter passieren!“

„Ja, genau! Wir sitzen im Dreck und hungern, und die schlagen sich die Bäuche voll, diese liberalen Schweine…“

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