Dummheit

Der deutsche Physiker Albert Einstein (1879-1955) soll einmal gesagt haben:

„Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.“

Ein Artikel im bekanntesten Produkt des Axel-Springer-Verlags dokumentiert dies recht deutlich. Es geht dabei um den Fall einer 16-Jährigen, die nachts gegen 22 Uhr am bereits geschlossenen Bahnhof Königs Wusterhausen von einer Schaffnerin des Zuges verwiesen wurde. Grund dafür sei gewesen, dass die Schülerin nach einem Besuch bei einer Freundin in Berlin für die Rückfahrt zwar die nötigen 5,10 € dabei hatte, ihr Ticket aber – aus unbekannten Gründen – nicht am Automaten gelöst hatte, sondern dies im Zug nachholen musste. Hierfür verlangt die Deutsche Bahn zwei € Aufschlag, den die Schülerin nicht dabei hatte. Folge: Bei -18 Grad saß sie in Königs Wusterhausen fest, bis sie von ihrer Mutter abgeholt wurde.

Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert, und die Deutsche Bahn hatte es per Dienstanweisung untersagt, Minderjährige des Zuges zu verweisen. Dementsprechend die Bahn arbeitsrechtliche Konsequenzen angekündigt. Dies kann von einer Abmahnung über eine Suspendierung bis hin zur fristlosen Kündigung alles bedeuten. Vermutlich wird das Unternehmen erst einmal die Rechtsabteilung den Fall beurteilen lassen und deshalb noch nichts verlauten lassen. Obwohl: Eine fristlose Kündigung als direkte Konsequenz könnte für ein Umdenken auch beim letzten Schaffner sorgen, der meint, Dienstanweisungen seien so etwas wie unverbindliche Empfehlungen.

Nein, es spricht nicht für die Intelligenz der Schaffnerin, was da gelaufen ist. Es spricht nicht mal für Menschlichkeit. Allerdings: Die meisten Kommentatoren unter dem Artikel sind nicht viel schlauer als die Schaffnerin. Da meinen einige, Regeln seien Regeln, und auf das Alter müsse man keine Rücksicht nehmen. Andere wiederum spekulieren wild über die Funktionstüchtigkeit von Fahrkartenautomaten, diskutieren die Qualität der Gegenleistung, die Fahrgäste von der Bahn für ihr Geld erhalten, fordern die fristlose Entlassung etc. Dabei ist es ganz einfach, ein Szenario zu entwickeln, wie es zu diesem Vorfall kommen konnte.

Halten wir uns einfach mal an die Fakten. Fakt ist, dass es sich um ein 16-jähriges Mädchen handelte, das in Berlin den Zug ins 50 Minuten entfernte Groß Köris antrat. Ohne gültigen Fahrschein. Spekulativ ist, dass sie am Berliner Bahnhof keinen funktionstüchtigen Fahrkartenautomaten fand – spekulativ und relativ unwahrscheinlich. Ebenso spekulativ, aber wahrscheinlicher ist, dass sie den Fahrkartenkauf entweder vergessen hat (das wäre dumm) oder den Zug auf den letzten Drücker erreichte. Bei letzterer Variante lässt sich leicht aufklären, warum sie nicht einfach eine Karte gekauft und den nächsten Zug genommen hätte: Laut Fahrplanauskunft der DB fuhr um 21:03 Uhr ein Zug von Berlin nach Groß Köris, der um 21:40 Uhr (mit einer 20-minütigen Ungenauigkeit zur Angabe im Artikel also) Königs Wusterhausen passierte und um 21:52 Uhr in Groß Köris ankommen sollte. Der nächste Zug fuhr eine satte Stunde später, um 22:03 Uhr. Wenn Du ein 16 Jahre altes Mädchen wärst, würdest Du eine Stunde auf dem Berliner Hauptbahnhof auf den nächsten Zug warten? Aus dem Artikel geht nicht hervor, wann sich das zugetragen hat. Man könnte wegen des Zeitpunktes der Veröffentlichung annehmen, dass es sich um einen Wochentag handelte – andernfalls hätte die Schülerin vielleicht auch bei ihrer Freundin übernachten können, und so wäre es zu diesem Vorfall gar nicht gekommen. Würde eine 16-jährige Schülerin, die am nächsten Tag zur Schule muss, am Berliner Hauptbahnhof eine Stunde auf den nächsten Zug warten? Ich würde es an ihrer Stelle nicht tun.

Fakt ist, dass auch nicht jedem etwas von der Nachlösegebühr bekannt ist. Ob es ihr bekannt war, ist nicht sicher. Fakt ist hingegen, dass die Bahn Erwachsene aus dem Zug schmeißt, wenn sie keine Fahrkarte nachlösen können. Und auch das ist Dummheit. Im Hamburger ÖPNV gibt es da ein anderes Instrument: Ein erhöhtes Beförderungsentgelt von 40 Euro. Und er kann von der Weiterfahrt ausgeschlossen werden, muss es aber nicht. Und wenn er die Strafe an Ort und Stelle begleicht, gilt die Empfangsbestätigung als Fahrkarte bis zum Ziel. Noch cleverer ist es in Magdeburg gelöst, wie eine Folge der Sendung „Achtung Kontrolle! Einsatz für die Ordnungshüter“ zeigte: Wird da ein Schwarzfahrer erwischt, kann er auch mit der Zahlungsaufforderung bis nach Hause fahren und kann bei Bestellung einer Monatskarte das erhöhte Beförderungsentgelt auf den Monatspreis anrechnen lassen. Das heißt, dass er 38,50 Euro für eine Monatskarte zahlt und seine Strafe – bis zu 40 Euro – darauf angerechnet wird. Das ist vor allem dahingehend clever, dass der Erwischte mit der Monatskarte lernt, wie stressfrei er sich bewegen kann, wenn er das gleiche zahlt, was er auch als erhöhtes Beförderungsentgelt zahlen müsste, wenn er als Schwarzfahrer erwischt wird.

Ich frage mich, warum die Deutsche Bahn das nicht klüger löst: Der Schwarzfahrer – warum auch immer er einer ist – bekommt, sofern er nicht nachlösen kann, eine Zahlungsaufforderung über ein erhöhtes Beförderungsentgelt (z. B. doppelter Fahrpreis), darf dafür aber bis zu seinem Ziel weiterfahren. Damit wäre doch jedem geholfen. Und sollte er seine Personalien nicht angeben wollen, könnte man immer noch die (Bahnhofs-)Polizei zu einem der nächsten Bahnhöfe bestellen, wo diese dann die Personalien des Schwarzfahrers feststellen. Es dürfte schlichtweg niemand, der den geforderten Betrag nicht nachentrichten, einfach so aus dem Zug geschmissen werden, weder Minderjährige noch Erwachsene, ohne dass sie jemand in Empfang (und Obhut) nimmt. Darüber sollte die Bahn mal nachdenken. Wenn sie nicht zu dumm dazu ist.

Dummheit ist es übrigens auch, dass „BILD“ den Schweizer Medienmenschen Roger Schawinski zum „Verlierer des Tages“ kürte, weil er im Schweizer Fernsehen gefordert habe, Schweizer sollten kein Hochdeutsch mehr sprechen, weil immer mehr Deutsche in der Schweiz Spitzenstellen besetzten. Dummheit deshalb, weil das gleiche Blatt immer wieder subtil (das heißt durch unreflektierte Zitate von Politikern und Wirtschaftsbossen) auf Türken hetzt, die in Deutschland kein Wort deutsch reden mögen, gleichzeitig aber den neuen EU-Kommissar Günter Oettinger dafür zum „Gewinner des Tages“ kürte, dass sein Englisch-„Können“ eines deutschen Politikers in einem derart internationalen Amt nicht würdig ist.

Da ist einer unserer Kunden ja glatt ein Vorbild. Der betreibt in der Schweiz sein eigenes Unternehmen seit mehr als zehn Jahren, stammt eigentlich aus Hamburg (bzw. seine Eltern wohnen in Pinneberg – „dem Hamburger zum Ärger schuf Gott den …“), spricht mit seinen Kunden aber Schwiizertüütsch. Ich weiß nicht, was er von der „Kampagne“ der Schweizerischen Volkspartei hält, die schon einmal im Herbst letzten Jahres aus dem Nichts aufgebauscht wurde, wie „20 Minuten Online“ wundervoll aufdröselte. Aber ich habe so das Gefühl, in der BILD-Redaktion haben sie ein Ausgewogenheitsdefizit ausgemacht, was ihre Kampagnen betrifft, und wenn in Leserumfragen die einseitige Hetze gegen Muslime oder die Linkspartei nur noch Gähnen erzeugt, muss eben mal die Schweiz herhalten, um mit der naiven Empörung ihrer Leser Auflage machen zu können.

Ach ja, wo wir gerade bei Dummheit sind: Noch ein Wort zum iPad. Da stellt sich Steve Jobs vor die versammelte Weltpresse, zückt einen Tablet-PC, und alle überschlagen sich mit der gleichen Euphorie darüber, mit der sie Panik vor der Schweinegrippe schürten. Und die Apple-Fans kriegen feuchte Schenkel wie manche Frauen beim Anblick von Johnny Depp und George Clooney gleichzeitig… Da sollte man meinen, mit dem Ding könne man mehr als bloß Zeitung lesen. Laut winfuture.de kann man damit viel mehr aber auch wirklich nicht. Wozu auch? Zum Telefonieren gibt es das iPhone, für echte Computerarbeit gibt es das MacBook und den iMac, zum Musikhören (und tw. auch zum Videogucken) gibt es den iPod. Wozu sollte das iPad das alles können? Wenn es das alles könnte, bräuchte man die anderen Geräte ja nicht – mit der Strategie würde sich Apple ins eigene Knie schießen. Mit dem Gerät kann man zwar skypen und somit teilweise das iPhone ersetzen, Videotelefonie hingegen fällt mangels Kamera aus. Mangels Standard-USB lässt sich auch keine Webcam anschließen (die Hardware kann man später nachkaufen). Die Bindung an iTunes zur Synchronisation ist nur folgerichtig. Schließlich heißt es im 1. Gebot: „Ich bin der Apple, Dein Computer. Du sollst keinen anderen Computer neben mir haben, der kein Apple ist.“ Folglich muss man auch auf einen SD-Kartenslot verzichten, mit dem man Daten hin- und herschieben oder gar den Speicher erweitern könnte. Aber wozu braucht man den auch, wenn alle Medien – möglichst kostenpflichtig – aus dem Netz geholt werden können? Wenn bloß nicht Flash fehlen würde… Allerdings: Für die 500 bis 1.000 Euro kann man viele gedruckte Zeitungen kaufen. Bis sich der Kauf des iPad da rentiert, ist schon die nächste Generation auf dem Markt – oder ein anderer Hersteller hat seines perfektioniert für die Anforderungen der Kunden. Denn – und das wird jetzt sicher viele überraschen – Apple ist nicht der erste Verein, der einen Tablet-PC herausbringt. Es gab auch schon bei Windows XP eine Tablet-PC-Edition, die dann auf Geräten von Herstellern wie Dell, HP, Fujitsu-Siemens, Toshiba oder Lenovo lief. Nur waren die nicht in der Lage, ihre Produkte derart zu hypen…

Und dann war da noch die beste Möglichkeit, unliebsame „Verehrer“ in sozialen Netzwerken loszuwerden…

(Für alle, die kleine Oettingers sind, hier die Übersetzung des Wesentlichen:
Du chattest jetzt mit einem zufälligen Unbekannten. Sag hallo!
Du: Hey
Unbekannter: Bist Du eine geile Frau mit Webcam?
Du: Ja
Du: Ich bin eine 230-Kilo-Frau, vollkommen bereit für die Liebe
Dein Gesprächspartner hat sich abgemeldet.)

Und wieder was gelernt.

Herzlichst,
Euer Fuxi

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