Rundblick (21)

Es gibt Tage, die kennen wir alle: Sie fangen beschissen an und werden den ganzen Rest vom Fest nicht besser. So ein Tag war das gestern für mich. Es ging ja schon gut los mit einem Lied von „Ich+Ich“ im Radio. Der Titel lautete „Pflaster“. Ein Lied, das ich gleich in zweierlei Hinsicht bemerkenswert finde: Erstens bin ich doch sehr beeindruckt, welchen Erfolg ein Song haben kann, dessen Bassline beinahe von einem Vorgängerlied kopiert wurde. Wer genau hinhört, wird sich bei der Bassline an die von „Vom selben Stern“ erinnert fühlen. Zu deutsch: Es wurde „gebohlt“. Zum anderen nervt mich der Refrain.

„…
Es tobt der Hass, da vor meinem Fenster.

Im tiefen Tal, wenn ich Dich rufe, bist Du längst da“

Abgesehen davon, dass das Versmaß nicht stimmt, sollen sich diese beiden Zeilen wohl reimen. Der Reim ist aber so krampfhaft umgesetzt, dass über den Text wohl nur eines gesagt werden kann: „Reim Dich oder ich fress‘ Dich!“ Künstlerisch ist da allein die Verteilung der Reime:

„Du bist das Pflaster
für meine Seele
wenn ich mich nachts
im Dunkeln quäle
Es tobt der Hass da
vor meinem Fenster
Du bist der Kompass
wenn ich mich verlier‘
Du legst Dich zu mir
wann immer ich frier‘
Im tiefen Tal,
wenn ich Dich suche,
bist Du längst da

Wir haben da also mehrere Stufen von Reimen. Einerseits den äußersten Block-Reim (Fenster/längst da), dann die blockinternen Reime (Pflaster/Hass da bzw. verlier’/frier‘) und noch einen eingeschlossenen Reim (Seele/quäle). Sehr unregelmäßig, und würde der Text dadurch nicht etwas gestelzt und gezwungen reimend klingen, ergäbe sich doch eine bemerkenswerte, trotz der Asymmetrie klingende Harmonie.

Dann find ich am Vormittag Fetzen der Merkel-Rede im Bundestag auf. Und „unsere“ Bundeskanzlerin nahm die Rolle ein, die sie seit ihrer Inthronisierung einnimmt: Die der Miss Unverbindlich. Sie will nicht nur die Krise überstehen, sondern gestärkt aus ihr hervor gehen. Sie will motivierte Bürger, die gern Steuern zahlen. Sie will gerecht verteilte Steuern. Nur: Sie sagt nicht, wie. Das tut sie nie, denn sie kann es sich nicht leisten, auf konkrete Maßnahmen und konkrete Beurteilungskriterien für ihre Arbeit festgelegt zu werden. Sonst wäre ihre Wiederwahl gefährdet. Die müsste ja eigentlich ohnehin wackeln, denn bisher hat sich noch kein Bundeskanzler getraut, 86 Milliarden Euro Staatskredite in einem einzigen Jahr aufzunehmen – und das nennt sie dann noch „solide Finanzen“… Die Hälfte davon geht aber auch schon wieder weg – für Schuldenzinsen. Jeder Normalbürger, der so handeln würde, käme wegen Betruges in den Knast.

Aber in einem Punkt muss man Merkel Anerkennung aussprechen: Sie kennt das Geschäft. Sie kündigte an, die Steuerschätzung im Mai abzuwarten, bevor Steuersenkungen erwogen würden. Es ist sicher mehr als nur Zufall, dass die Entscheidung erst nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai getroffen wird. Merkels Parteikollege Jürgen Rüttgers müsste bei der Absage an Steuersenkungen um seinen Job als Ministerpräsident bangen. Und Merkel weiß auch, dass 2010 das letzte Mal ist, dass ihre Regierung gegen die Maastricht-Kriterien verstoßen kann – wenngleich ein Verfahren gegen Deutschland mit konkreten Sanktionen nicht ausgeschlossen werden kann. Ab 2011 greift die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse. Ein Haushalt wie 2010 wäre nächstes Jahr verfassungswidrig. Okay, die Verfassung hat schon die CSU bei Bayerischen Versammlungsgesetz so wenig interessiert wie die Rot-Rote Landesregierung in Berlin beim Ladenöffnungsgesetz, die Landesregierungen von Berlin und Baden-Württemberg beim Nichtraucherschutzgesetz, die NRW-Regierung bei der heimlichen Online-Durchsuchung, die schwarz-rote Bundesregierung bei der Neuregelung der Pendlerpauschale oder die konservativen Landesregierungen von Hessen und Schleswig-Holstein beim Kfz-Kennzeichen-Scanning. Die einzigen, die bei der Ausgestaltung von Gesetzen noch ins Grundgesetz schauen, sind die Richter vom Bundesverfassungsgericht. Politiker halten sich mit solchen Lappalien schon gar nicht mehr auf. Wozu sollte sich ein Politiker auch damit beschäftigen, immerhin ist ja noch so viel anderes zu tun. Die Buchhaltung zum Beispiel, wenn wieder so große Spenden wie von der Substantia AG eintrudeln…

Und noch eines ist clever von Merkel: Sie weiß genau, dass ihre Popularität unter der „Krise“ leiden wird (obwohl sie eigentlich darunter leiden wird, dass Deutschland seinem Bankrott entgegensteuert und dementsprechend die große Masse der Menschen immer weniger „zu beißen“ haben wird). Steuern und Abgaben werden steigen, und dennoch wird es in diesem Jahrzehnt keinen ausgeglichenen Bundeshaushalt geben. 2013 wird sie ziemlich sicher abgewählt. Dann quält sich die SPD mit der Schuldenbremse herum, wird ebenfalls keine verfassungsgemäßen Haushalte hinkriegen, ohne die Lage der Bürger zu verschlechtern und ohne ihre eigenen Ideale zu verleugnen, und vier Jahre später kriegen wieder die Konservativen und Liberalen die Stimmen, weil ja die Sozialdemokraten bzw. Linken auch nichts auf die Reihe kriegen. Das ist auch so ziemlich die einzige langfristige Perspektive, an die Merkel denkt. Das zeigt sich schon bei ihrem einzigen Fehler in der Rede: Sie hofft 2011 auf Vollbeschäftigung. Diesen marktwirtschaftlichen Mythos, der nur realisiert werden kann, wenn vorher ein Krieg das ganze Land zerstört und die Hälfte der Bevölkerung dahinrafft. Obwohl: Vollbeschäftigung haben wir doch jetzt schon! Zehn Prozent der Bevölkerung sind voll damit beschäftigt, Boni, Prämien und üppige Gehälter zu versaufen und den Rest in Steueroasen zu schaffen, und die anderen neunzig Prozent sind voll damit beschäftigt, bei Discountern möglichst viel einzusparen, damit das Einkommen bis zum 31. des Monats reicht. Vielleicht etwas überspitzt dargestellt, aber sieht man sich an, wie hoch die Steuerlast für Normalverdiener ist und wie viele Menschen gleichzeitig Einkommensanteile vom Staat – also von jedem von uns – kassieren müssen, um nicht zu verhungern oder in Beschaffungskriminalität abzurutschen, ist das der Trend, wohin die Reise geht.

Passend dazu noch eine Zahl: 30 Millionen Euro stellte die Stadt Hamburg in den letzten Jahren zur Verfügung, um die Straßen instand zu halten. In milden Wintern. Jetzt haben wir mal einen Winter mit durchgehend Schnee und eisigen Temperaturen über Wochen. Die Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand, viele Autofahrer werden im April und Mai neue Stoßdämpfer brauchen. Und was hört man aus dem Senat? Er müsse sparen, also soll auch der Straßenbauetat gekürzt werden… Gleichzeitig soll die Hochtief für die Elbphilharmonie einen weiteren Nachschlag von 34 Millionen Euro gefordert haben – was von der Baubehörde bestritten wird. Ich frage mich, was wohl eine Elbphilharmonie nützt, wenn ihre Besucher über Straßen von der Qualität eines Feldweges dorthin fahren müssen?

In Hamburg gibt es nämlich keinen Transrapid vom Flughafen zur Elbphilharmonie, und von der U-Bahn-Haltestelle Baumwall dorthin ist es auch noch ein ganz veritabler Fußmarsch bei Wind und Wetter. Wie ich auf den Transrapid komme?

„Wenn Sie vom Flughafen Fuhlsbüttel starten… Sie steigen in den Flughafen ein, Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an die Elbphilharmonie, dann starten sie praktisch hier am Flughafen in Fuhlsbüttel. Das bedeutet natürlich, dass der Flughafen im Grunde genommen näher an Hamburg, an den Hamburger Hafen heranwächst, weil das ja klar ist, weil am Flughafen viele Flüge aus anderen Ländern zusammenkommen.“
(Frei nach Edmund Stoiber)

Und wo wir gerade beim Flughafen sind: In München, da, wo Stoibers Flüge am Hauptbahnhof starten sollten, geht also ein Mann in die Sicherheitskontrolle, schiebt sein Notebook in den Scanner, der schlägt auf Sprengstoff an, aber der Mann nimmt das Ding und verschwindet im Abflugbereich. Und die Sicherheitskräfte gucken dumm aus der Wäsche. Wie kann sowas sein? Da sammelt der Staat also alle möglichen Daten, scheut sich nicht, den USA Zugriff auf sämtliche Bankdaten zu gewährleisten, und hat auch kein Problem damit, dass USA-Reisende drei Tage im Voraus persönlichste Daten an das Department of Homeland Security übersenden müssen, bei denen nur knapp Fragen nach der Schwanzlänge bzw. Position des G-Punkts ausgespart werden. Wenn dann aber ein Sprengstoffscanner anschlägt und sich ein Mann der eingehenderen Sicherheitskontrolle entzieht, gibt es nur Schulterzucken. Sollte mich nicht wundern, wenn das ein Journalist war, der einen Silvesterböller aufgebohrt und sein Notebook mit dem Schwarzpulver eingerieben hat, um am Montag im „Focus“ zu enthüllen, wie einfach das war…

Herzlichst,
Euer Fuxi

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: