Gejagt

Endlich! Ich hab’s geschafft! Endlich wieder zuhause… Mein Gott, wie lange ich wohl fort war? Wie lange mag es her sein, dass ich Karen und Dennis zuletzt gesehen habe? Ich weiß es nicht. Nur eines: Es ist nicht mehr als eine ferne Erinnerung, ein Gefühl. Das Gefühl, hierher zu gehören, dringend hierher zurückkommen zu müssen.

Und was habe ich nicht alles auf mich genommen! Ich weiß es eigentlich gar nicht mehr. Aber ich spüre es, es war unmenschlich viel. Allein… allein der Weg hierher. Ich hätte nie gedacht, wie schwer das Leben sein kann. Ich bin schon alt, das spüre ich. Und mein ganzes bisheriges Leben war dem Weg zurück gewidmet. Dabei bin ich doch erst ein paar Nächte alt. Aber was heißt das schon? Wenn das Leben so schnell passiert und ein Tag so lang ist, machen ein paar Nächte schon ein langes Leben.

Gerade vorhin bin ich einem Vogel entkommen, und davor einem spielwütigen Hund. Nicht mal Zeit zum Fressen bleibt einem! Früher fand ich Viecher wie mich lästig. Jetzt sehe ich das mit anderen … Augen … HAHA, SEHR KOMISCH! Jaaa, es sind viele Augen… Wuahaha, zum Wegschmeißen…

Ich erinnere mich an… an ein Auto. Ja, genau! Ein Auto auf einer Landstraße. Oder Bundesstraße. Keine Ahnung. Ich weiß noch, dass es nachts war. Da war diese leckere Maus, die ich auf der anderen Seite rascheln hörte. Ich lief rüber, um sie zu fangen. Und dann waren da plötzlich diese grellen Lichter. Und Breitreifen. Neun Leben – was für ein Blödsinn! Tja, danach hatte ich Flügel und die vielen Augen…

Und davor… da war ein Lichtblitz in meinem Kopf. In diesem kalten Haus. Und da war ein Mann in Weiß, und er war dreckig. Er hatte einen langen Stock, setzte ihn der Elsa an den Kopf, und dann sackte sie zusammen. War wohl ein Schlachtbetrieb. Eben noch diese widerliche Mastmischung im Maul, kurz darauf ein Steak geworden – früher fand ich das entschieden lustiger!

Und davor? Da krabbelte ich durch das Gras, versteckte mich vor Vögeln und hatte ein wunderbares Leben. Bis diese Katze kam, und… Vom Jäger zum Gejagten – das Leben schreibt seltsame Geschichten.

Und davor hatte ich Karen und Dennis. Es war schön. Glaube ich zumindest. Es war all die Mühen wert, noch einmal hierher zu kommen, wenn auch nicht mehr für lange. Ich weiß gar nicht mehr, wie es damals passiert ist. Aber ich weiß, dass meine Zeit noch nicht gekommen war. Das ist sicher! Und da war kein weißes Licht, kein Film des Lebens vor den Augen, kein Himmelstor. Nur Schmerz. Und Bedauern über das, was ich verpasse. Verpasst habe. Und jetzt…

Ich werde mal nachsehen, ob er seine Hausaufgaben macht. Oh, Glück, seine Tür ist offen. Hier hat sich viel verändert. Dennis ist groß geworden… der Bartflaum steht ihm. Er macht ihn erwachsener.

Hallo, Dennis! Ich bin’s – Papa! Na, bist Du fleißig?

AUGH! Hey! Hör auf, nach mir zu schlagen, ich bin Dein Vater! HEE! Ich geh ja schon… Ich werde mich einfach hier hinsetzen und werde ihn in den Augen behalten. So! Jetzt kann er in Ruhe seine Hausaufgaben…

Äh, Dennis, was hast Du vor??? Leg das Heft wieder hin! Dennis…! DENNIS, NEIN!!! VERDA-

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