Mein HSV-Wochenende

Ich hab eine echte Ochsentour hinter mir an diesem Wochenende. Erst am Samstag das Spiel der Profis, und dann war ich gestern mit Sunny und Kuddel in Kiel beim SHFV-Nordcup, dem Hallenturnier des Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verbandes. Ich will es mal so ausdrücken: Ich hab schon Wochenenden mit mehr Laune erlebt…

Wenn ich mir so die Reaktionen auf das 2:0 des HSV gegen Freiburg ansehe, sei es in Print-, Online- oder audiovisuellen Medien, wird der HSV für sein 2:0 sehr gelobt. Die Mannschaft habe ohne zehn Spieler das Spiel bestimmt und schwache Freiburger souverän besiegt. Und das auf dem „Rasen“! Blabla. Ganz ehrlich? Ich bin nicht zufrieden. Wirklich nicht. Klar, es war eine tolle Anfangsphase mit vielen Chancen, fünf bis sechs Hochkarätern und dem schönen Tor von Marcell Jansen, der als Linksverteidiger doch wirklich verschenkt wäre. Aber: Irgendwie hat der HSV nach 25 Minuten zwei Gänge zurückgeschaltet und Freiburg spielen lassen. Nur gut, dass die Breisgauer vor dem Tor so gefährlich waren wie eine Horde batteriebetriebener Stoffkaninchen. Sechzehn andere Vereine hätten so viele Einladungen bestimmt nicht ausgeschlagen, angefangen bei Hertha. Ich hätte auch gedacht, dass die mit mehr Schwung aus der Pause zurückkommen, aber das war ein Trugschluss. Ohne Joris Mathijsen hinten drin hätte der HSV Freiburg den Ausgleich geschenkt. Das 2:0 fiel dann aus heiterem Himmel – und war irregulär. So ist der korrekte Terminus: „nicht regulär“, Herr Gerd Gottlob! Denn „nicht regulär“ heißt „nicht den Regeln entsprechend“, während „nicht legal“ bedeutet: „nicht den Gesetzen entsprechend“. Ich würde von diesem Herrn von NDR nur zu gern mal sehen, wo im Strafgesetzbuch die Abseitsposition unter Strafe steht… Naja, nach dem zweiten Tor und zwei Chancen schaltete der HSV wieder zurück. Sie ergingen sich in elendem Klein-Klein, wo sie in den ersten 25 Minuten noch mit langen Bällen operierten und Freiburg damit arge Probleme brachten. Statt dessen hatten sie kaum Tempo und Zug in den Aktionen, dachten nicht raumgreifend. Unter dem Strich war es (mit Unterbrechungen) eine Stunde lang Beamtenfußball: Verwalten des Vorsprungs. Und darum kann ich dieses große Lob allerseits nicht nachvollziehen.

Nun, gestern war ich dann mit Sunny und Kuddel in Kiel, Sparkassen-Arena. Man muss schon bescheuert sein, um an einem Sonntagmorgen um 7 Uhr aufzustehen und eineinhalb Stunden später in einen Zug zu steigen. Ich nenne es „engagiert“. Bei dem Wetter war das allerdings auch die eindeutig bessere Variante. Beim SHFV-Nordcup spielten HSV, Turbine Potsdam, Essen-Schönebeck, VfL Wolfsburg, Werder Bremen, FFC Oldesloe und Holstein Kiel gegeneinander. Nominell war der HSV-Kader ja nicht schlecht bestückt. Nominell. Auf dem Platz sah das dann ganz anders aus: Der HSV war lethargisch, brachte nur sehr selten Tempo rein und tat sich folglich schwer. Die Auftaktpleite gegen Wolfsburg war auf jeden Fall vermeidbar. Ebenso das 1:1 gegen – ausgerechnet – Werder Bremen. Das 1:0 gegen Holstein Kiel war, naja, auch nicht das Gelbe vom Ei, aber immerhin gab es drei Punkte. Dass das Tor nach einem Torwartfehler fiel und Kiel selbst drei Chancen vergab, dazu sage ich mal nichts. Immerhin traf die Ex-Kielerin Nina Jokuschies noch einmal die Latte. Das 1:2 gegen Essen-Schönebeck hatte ich ja dann schon so erwartet. Vor allem, weil Essen den schönsten Fußball von allen Teams bot. Sie hätten den Turniersieg verdient gehabt, aber da hatte Wolfsburg im Halbfinale gewisse Einwände. Immerhin gewannen sie gegen den HSV durch ein Tor von Nati in der ersten und Malinowski nach sehenswertem Doppelpass mit Melanie Hoffmann in der 5. Minute. Bianca Weech war da wirklich gefordert, verhinderte mehrfach den dritten Treffer. Ihre Vorderleute, die auch im vierten Spiel noch lethargisch und fast lustlos wirkten, schafften immerhin durch Neuzugang Carolin Simon den Anschlusstreffer. Und das 0:2 gegen Potsdam hätte dann auch deutlicher ausgehen können. Unter anderem, weil Nadine Keßler noch die Latte traf.

Gegen Kiel war mir ja schon Saskia Schippmann sehr positiv aufgefallen, die anstelle von Gaelle Thalmann zweite Keeperin war. Die 16-jährige B-Juniorin machte ihre Sache gut. Sie wirkt ja immer ein bisschen gleichgültig und unkonzentriert, wenn sie da im Kasten steht, aber der Eindruck täuscht definitiv. Ich hab ihr nach dem Holstein-Spiel zu ihrer Leistung gratuliert, und das stolze Lächeln und das Leuchten in den Augen sprach da eine ganz andere Sprache! Ist schon was anderes, wenn man plötzlich vor 2.000 Zuschauern den Kasten gegen gestandene Zweitliga- und Nationalspielerinnen wie Sandra Bannas oder Jana Leugers sauber hält, als vor dreißig elterlichen Augenpaaren bei den B-Mädchen. Ihr Meisterstück sollte sie aber im letzten Spiel gegen Oldesloe abliefern. Das war ohnehin kurios: Auf Grund der Tabellensituation brauchte der HSV nach dem Sieg der Kieler gegen Wolfsburg unbedingt einen Sieg zum Weiterkommen. Javi Navarro hatte es ausgerechnet: 4 Tore Unterschied mussten es sein. Nach vier Minuten traf Caro Simon zum 1:0. Und eine Minute später legte Gaitana Lippert für Kristin Engel das 1:1 auf. 5 Minuten zu spielen, noch vier Tore – kaum zu schaffen. Nach Fehler der Torschützin kam Nina Brüggemann zum 2:1, drei Minuten vor dem Ende. Hoffnung? Einen Schieber kickte ausgerechnet Claudia Wenzel, die ehemalige HSV-Kapitänin, versehentlich ins eigene Netz zum 3:1. Und zwanzig Sekunden später schlenzte Dani Schacher das 4:1 rein. Der HSV kämpfte so, wie sie es schon von Anfang an hätten machen sollen. Aber dabei blieb es auch. Hängende Köpfe, Mundwinkel in den Kniekehlen nach dem Spiel. Denn Javi hatte ja was von vier Toren gesagt. Ich hatte längst eine andere Rechnung gemacht. Demnach reichten drei Tore! Also diskutiert, mehrfach nachgerechnet – es war ein Rechenfehler! Kiel hatte 7 Punkte und 5:5 Tore, der HSV 7 Punkte und 7:7 Tore, dazu noch das direkte Duell gewonnen. Sie waren doch noch per Herzschlagfinale in die Runde der letzten Vier gerutscht, was ungläubiges Staunen bei einigen Spielerinnen hervorrief. Aber eines muss ich ganz deutlich sagen: Dass das überhaupt möglich war, dafür hätten sie sich bei Schippy bedanken müssen. Denn obwohl sie ihr erstes und einziges Gegentor kassierte, bei dem sie nichts machen konnte, rettete sie bei 0:0 gegen Lippert, als die frei auf sie zu kam, parierte gegen Filiz Koc, nochmal gegen Lippert und wehrte nicht zuletzt einen Schuss von Sandra Runge mit dem Fuß ab. Und das alles mit 16 Jahren in ihrem ersten Einsatz auf – sagen wir mal – Zweitliganiveau. Dass sie ein echtes Talent ist, weiß wohl so ziemlich jeder, der sie mal in der Dritten hat spielen sehen, und bei den B-Mädchen hat sie im Feld auch schon Torjägerqualitäten bewiesen, aus dem Feld wie vom Elfmeterpunkt. Aber mit Vorderleuten in dieser Verfassung nutzte sie an diesem Tag sämtliche Bewährungschancen aus, die sich ihr boten. Nur in einem Punkt bin ich bei ihr etwas zwiegespalten: Einerseits bin ich immer für Torleute, die auch von hinten Kommandos geben, präsent sind und bei denen man auch eine gewisse Spannung an der Körperhaltung ablesen kann. Andererseits: Es scheint nicht Schippys Ding zu sein, sondern eher diese fast unantastbare, stoische Ruhe, und ich fürchte, würde man versuchen, das zu ändern, dann könnte sie an Qualität einbüßen. Ich würde sie nur zu gern mal in der ersten Mannschaft auf dem großen Feld im Test sehen. 90 Minuten hinter Heike Freese, Janina Haye, Nina Brüggemann und Marisa Ewers. Nicht nur, ob sie da tatsächlich so ruhig bleiben kann wie sonst, sondern auch, wie die Abwehr auf sie reagiert. Ich halte es durchaus für möglich, dass ihre Ruhe auf die Verteidigung abstrahlt. Das wäre mal ein spannendes Konstrukt.

Im Halbfinale gegen Turbine Potsdam, die effektivste Mannschaft des Turniers, durfte sie sich nicht beweisen, auch Carolin Simon nicht, die nach einem Pressschlag verletzt fehlte. In den ersten sechs Minuten machte Potsdam mit drei Toren alles klar. Auch, weil der HSV wieder viel zu passiv war, nur reagierte und zu verhalten in die Zweikämpfe ging. Erst in den letzten zweieinhalb Minuten verkürzten Nina Brüggemann und Janina Haye nochmal, und als kurz vor Schluss Dani Schacher mit einem Schlenzer knapp verpasste, war die Messe gelesen. Sie waren einfach zu spät aufgewacht, um ins Finale einzuziehen. Das schaffte Potsdam, und die gewannen nach sieben Siegen in Folge auch im Finale gegen Wolfsburg, allerdings erst im Neunmeterschießen. Ich hätte mir, wie gesagt, Essen-Schönebeck dort gewünscht, dann wäre das Finale vielleicht weniger taktisch geprägt gewesen. Auf der Heimfahrt nach Hamburg holte Sunny dann erstmal sein Notebook raus und schrieb die erste Kurzzusammenfassung des Turnierverlaufs mit einem Bild von meiner Kamera für die „Torjäger“. Aktualität über alles.

Apropos: Zum Thema Sport fällt mir noch Tiger Woods ein. Okay, seine Seitensprünge sind nicht exakt als sportlich zu bezeichnen. Im Gegenteil: Gegenüber seiner Frau waren das eher unsportliche Fouls. Aber über die Skandalisierung der Yellowpress kann ich nur den Kopf schütteln. Ich mein: Was ist denn passiert? Er ist fremdgegangen. Ohoooo… Als ob das noch nie ein Golfer getan hätte, wo sie doch alle über den alten Witz „Spielst Du schon Golf, oder hast Du noch Sex?“ nur müde lächeln können, weil der so abgedroschen ist. Nun mag man einwenden, dass es sich doch aber um Tiger Woods, einen echten Saubermann handelt, von dem man sowas nie gedacht hätte… So what? Woher kommt denn sein Image als Saubermann? Doch vorrangig davon, dass er sich als Schwarzer in einem „weißen Sport“ eine Führungsrolle erkämpft und sein Privatleben geheim gehalten hat. Bis zu dem Zwischenfall mit seiner Frau gab es keine Skandale. Ich bin da ganz ehrlich: Auch Prominente haben ein Recht auf Privatleben! Dass jemand Golfer, Schauspieler, US-Präsident oder wasweißich ist, berechtigt die Yellowpress nicht, überall rumzuschnüffeln, die Häuser zu belagern und einfach Fotos zu machen! Ich möchte gern mal sehen, dass ein Prominenter einen Paparazzo von einem Detektiv beschatten lässt, ihn in die Öffentlichkeit zerrt, auf seine Privatsphäre scheißt und unverpixelt seine Frau und Kinder ablichtet, eventuell noch mit Details aus dem persönlichsten Bereich. Da wäre aber was los! Traut sich aber keiner. Also wird das Privatleben bestmöglich abgeschottet. Das ist sein gutes Recht. Bis dahin hatte es wohl auch ganz gut geklappt. Und als das Ganze in die Öffentlichkeit gezerrt wurde, war er der gefallene Engel, mit dem nicht mal mehr die Sponsoren wie Gillette oder Gatorade etwas zu tun haben wollen.

Und da zeigt sich die ganze Doppelmoral von Klatschpresse und ihrer Leserschaft: Bei Woods heißt es, er hätte 8 Milliarden Euro Börsenwert seiner Sponsoren vernichtet. 8 Milliarden Euro! Man könnte auch sagen: Der Börsenwert der von ihm vertretenen Unternehmen wurde um 8 Milliarden Euro nach unten korrigiert, denn offensichtlich waren die Aktien ja überbewertet, wenn es allein an einer Person hängt, was eine Aktiengesellschaft wert ist. Zu deutsch: Nur, weil die Tiger Woods als Werbeikone hatten, haben die Anleger mehr bezahlt für die Aktien, als das Unternehmen und seine Produktivität eigentlich wert war. Was für ein Irrsinn!

Aber ich wollte ja zur Doppelmoral kommen. Woods wird fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, weil er fremdgegangen ist. Aber wie war das denn, bitte schön, woanders? Zum Beispiel bei Peter Hartz, Ex-Personalvorstand bei VW und Erfinder der Arbeitsmarktreformen aus dem SPD-Paket „Agenda 2010“. Stichwort: „Hartz IV“. Der soll ja Lustreisen auf Firmenkosten unternommen und unter anderem auch eine von einem weiteren VW-Personalvorstand gemietete Wohnung in Braunschweig zusammen mit Prostituierten genutzt haben. So zumindest hieß es 2006. Wegen Untreue in 44 Fällen wurde er dann auch verurteilt. Wie war das denn damals? Woran empörte sich „Deutschland“ denn seinerzeit? Nicht etwa, dass Hartz mit einer anderen Frau als seiner eigenen in der Kiste gewesen sein soll – oh nein! Der Aufruhr richtete sich darauf, dass er das auf Firmenkosten getan haben soll, und natürlich auch auf die Begünstigungen des VW-Managers Volkert und die Veruntreuung von Firmengeldern. Dass er eine Prositituierte … naja, das scheint in gewissen Kreisen normal zu sein. Klar: Wer glaubt schon, dass die Firmenspesen der deutschen Großunternehmen allein auf teuren First-Class-Flügen, Essen und Hotel gründen? Sich nackte Frauen anzusehen und auch mit ihnen ins Bett zu gehen, gehört doch international zum normalen Eventprogramm bei Reisen zu Vertragspartnern. Machen wir uns da doch nichts vor! Es ist einfach nicht so schlimm, wenn ein VW-Vorstand fremdgeht, als wenn es ein schwarzer Golfer tut. Vom einen erwartet man es, vom Messias des Golfsports allerdings nicht. Golfer sind doch elitär und heilig. Wenn, ja wenn da nicht John Daly wäre… Und der Witz an der Sache ist: Man kann sich ausmalen, dass Geschäftsreisen bei Gatorade-Hersteller PepsiCo und Gillette-Hersteller Procter & Gamble kaum anders aussehen werden, schließlich gehört es doch „zum guten Ton“. Nur, dass sich da bisher noch keiner hat erwischen lassen…

Die Unsportlichkeit der Woche gehört übrigens einem IT-Dienstleister aus Norderstedt. Dessen Werbespruch, der auch auf den Autos prangt, heißt nämlich in fürchterlichstem Denglish formuliert:

„Wir servicen IT“

Uuuuuhhh…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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