Rundblick (20)

Jetzt mal ehrlich: Was hast Du gedacht, als Du von dem schief gegangenen/vereitelten/wasauchimmer Terroranschlag auf den Airbus A330 der Northwest vor Detroit gehört hast? Mein erster Gedanke: „Jetzt haben die Bosbachs der Welt wieder einen Vorwand zum Verletzen der Menschenrechte.“ Dabei muss man eigentlich nur genau hinlesen, um zu wissen, dass eigentlich gar nichts klar ist. Weder ist die „Fakten“lage verlässlich, noch deutet das sich abzeichnende Bild auch nur in irgend eine klare Richtung. Und ich frage mich schon, ob das nicht gewollt ist? Immerhin erinnert man sich noch gut daran, wie die Bush-Administration mit der Massenvernichtungswaffenlüge auf die Fresse geflogen ist, und was würde nun passieren, wenn die Konservativen – denn das sind die einzigen, die bei jedem Pups gleich „Terrorismus“ schreien – nun wieder ins gleiche Horn stießen und sich dann korrigieren müssten? Das geht doch nicht! Schon gar nicht in Deutschland – ist doch bald NRW-Wahl…

Nehmen wir doch mal einen Bericht von Spiegel Online als halbwegs verlässliche – und erfrischend zurückhaltende – Quelle und fassen die Kernpunkte zusammen:

  • Der Attentäter Umar Faruk Abdulmutallab ist Nigerianer.
  • Abdulmutallab reiste von Lagos in Nigeria aus über Amsterdam-Schiphol nach Detroit.
  • Der Attentäter ist Ingenieursstudent in London.
  • Kurz vor der Landung versuchte er, eine „pulvrige Substanz“ mithilfe eines chemischen Gemisches aus einer Spritze zum Entzünden zu bringen.
  • Die „pulvrige Substanz“ hatte er an sein Bein geklebt. Der Transportweg der Chemikalie ist unklar.
  • Die entstandenen Flammen wurden mittels eines Feuerlöschers gelöscht.

Der Rest des Artikels besteht aus offenen Gerüchten und Fragen. Vor allem, ob Abdulmutallab zu einer Al-Kaida-Zelle gehört, Anhänger ist oder es sich bei ihm um einen verwirrten Einzeltäter handelt. Diese Unsicherheit beschreibt auch Yassin Murshabash in seinem SpOn-Artikel. Für eine Terrororganisation ist ein Einzeltäter ungewöhnlich. Selbst Abdel Basset Ali al-Megrahi, der für den Anschlag auf PanAm-Flug 103 über dem schottischen Lockerbie verurteilt worden war, konnte nicht allein gehandelt haben. Sofern er wirklich der Schuldige war, was einige alternative Theorien verneinen. Zudem ist überhaupt nicht klar, ob es sich – wie von den US-Behörden behauptet – um einen Sprengsatz handelte oder bloß um eine bloße exotherme Verbindung. Das macht vor allem in Bezug auf die Gefährlichkeit der Situation einen Unterschied, selbst wenn eine Verpuffung stattgefunden hat. Denn das Feuer war offenbar leicht zu löschen. Wenn diese Verbindung ausschließlich diese Reaktion haben konnte, war das Ergebnis für einen echten Terroristen eigentlich zu pille-palle. Andererseits sollte man von einer Terrororganisation doch erwarten können, dass die Schläfer mit einem Ingenieursstudiengang fähig sein sollten, einen echten Sprengsatz zu entwickeln, der das Flugzeug in Stücke reißt, ähnlich dem Ergebnis von Lockerbie. Wie einfach sich die Sicherheitsvorkehrungen überwinden lassen, hat dieser Anschlag zumindest gezeigt, wenn es möglich war, am Bein festgebundenes Pulver, das offenbar auch nicht als Teil eines Sprengsatzes erkennbar war, nebst einer deutlich unterhalb der 100-Milliliter-Grenze liegenden Flüssigkeit in einer Spritze an Bord zu bringen.

Eine Möglichkeit gibt es allerdings doch als Ansatz für Terrorismus: Wenn dies ein Test war, der aufzeigen sollte, wie Chemikalien an Bord eines Flugzeuges geschmuggelt werden und welchen Schaden man damit anrichten kann. Freilich existiert auch die andere Möglichkeit: Einer der konservativ geprägten Geheimdienste Großbritanniens oder der USA könnte ebenso gut einen armen Nigerianer über nicht nachvollziehbare Umwege mit finanzieller Unterstützung für dessen Familie geködert haben, diese Aktion durchzuziehen. Das klingt zwar nach Hollywood. Ein Motiv dafür gäbe es dennoch: Das sinkende Bewusstsein für die abstrakte terroristische Bedrohung und die sinkende Bereitschaft, die Regierungen und ihre Militäreinsätze in Afghanistan und Irak zu unterstützen. Fehlt eigentlich nur noch die Verbindung zwischen Abdulmutallab und Afghanistan oder Pakistan. Aber auch andere Geheimdienste kämen für eine solche Sauerei in Betracht, selbst der BND angesichts der schwindenden Zustimmung zum Afghanistan-Einsatz nach der Tanklaster-Bombardierung von Kunduz. Nicht zuletzt dürfte dieser Anschlag auch zu Guttenberg zugute kommen, ist er doch prima geeignet, vom PUA zu Kunduz abzulenken. Insofern könnte man „Terrorismus“ auch anders definieren. Allein: Es ist und bleibt Theorie. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, ließe sich ein hohes Tier oder ein Geheimdienst bei der Urheberschaft einer solchen Aktion erwischen.

Es gibt noch einen anderen Ansatz: Die Urheberschaft könnte auch auf das Konto eines Sicherheitsunternehmens gehen. Erst vor zwei Wochen verlor beispielsweise Xe, ehemals Blackwater, einen lukrativen Vertrag mit der US-Regierung. Wenn also eine Sicherheitsfirma zusätzliche Aufträge von der US-Regierung haben wollte, wäre eine plötzlich wiederkehrende Bedrohungslage doch eine Riesensache, ein Weihnachtsgeschenk Gottes sozusagen. Der Grund, warum ich dieses Szenario ebenfalls in Betracht ziehe, ist ein Thriller von David Baldacci namens „Die Kampagne“ (Originaltitel: „The Whole Truth“), indem Nicolas Creel, Chef eines Milliarden Dollar schweren Rüstungskonzerns, über eine Propagandaagentur einen Konflikt zwischen der Welt und Russland konstuiert und einen Dritten Weltkrieg heraufbeschwört, um sein Unternehmen zu retten. Im US-Fernsehspot zum Buch heißt es: „It’s only fiction – or is it?“ Zu deutsch: „Es ist nur eine erfundene Geschichte – oder?“ Bezogen auf den Northwest-Anschlag eine interessante Frage.

Übrigens: Es ist kein Widerspruch, dass von einem Northwest Airlines-Flug die Rede ist und das Bildmaterial ein Flugzeug der Delta Air Lines zeigt. Denn Delta hat 2008, ein Jahr nach Verlassen des Gläubigerschutzes aus der Chapter-11-Insolvenz von 2005, mit Northwest fusioniert, und da die Delta-Maschine unter Northwest-Flagge operierte, legt das den Schluss nahe, dass die Fusion auf Flugbetriebsebene noch nicht gänzlich abgeschlossen ist.

Ein Widerspruch allerdings ist Peter Hahnes BamS-Kommentar. Ich weiß nicht, wie er dazu kam, ihn so zu formulieren. Ich will mal versuchen, einen möglichen Grund zu finden, der nicht auf die prochristdemokratische Verlagspolitik zurückgeht, denn das wird langsam unoriginell. Ich vermute mal, irgend etwas an Weihnachten hat ihn in die Stimmung versetzt. Vielleicht konnte er seine Weihnachtsgeschenke ja an Heiligabend völlig stressfrei und ohne Gedränge angehen – weil die Leute immer weniger Geld im Portemonnaie haben? Möglicherweise hat ihm auch das Weihnachtsessen so gut geschmeckt, sei es nun eine Gans gewesen, Grünkohl oder auch nur Würstchen mit Kartoffelsalat? Vielleicht aber gehört seine Familie auch zu denen, die traditionell an Feiertagen zusammenkommt, um sich zu zerstreiten, und er hat sich zum Schreiben seines Kommentars mit dem einen oder anderen Fläschchen Rotwein zurückgezogen? Man weiß es nicht. Irgend etwas muss ihn jedenfalls beseelt haben. Anders ist nicht zu erklären, dass er lobt, Deutschland habe die Krise so gut überstanden wie kaum ein anderes Land. Abgesehen davon, dass man bezweifeln darf, dass die Krise überhaupt schon überwunden ist, spricht diese Aussage eher für einen Rauschzustand – bei Hahne wie bei Deutschland. Der Kater kommt bekanntlich immer später, und je besser man sich vorher fühlt und je schöner wie Welt für den Besoffenen aussieht, umso schlimmer wird der Kater hinterher. Kann ein nüchterner Mensch wirklich das deutsche Krisenmanagement loben, das lediglich aus hunderten von Milliarden Euro Neuverschuldung besteht? 37 Prozent der Befragten einer Emnid-Umfrage im Auftrage der BamS, die sich von 2010 eine Verbesserung erhoffen, seien die wahren Realisten, so Hahne. Abgesehen davon, dass ich nur zu gern wüsste, ob diese Umfrage nur unter BILD-Lesern bzw. BamS-Abonnenten gemacht wurde (wenn ja, würde das tiefe Einblicke in die soziale Staffelung der BILD-Leserschaft erlauben), sollte man auch darauf hinweisen, dass zwischen 37 Prozent Optimisten und 100 Prozent Befragten noch 63 Prozent Befragte liegen, die ein schlechteres oder kein besseres Jahr 2010 erwarten. Interessant ist allerdings, dass die Optimisten eine kleinere Gruppe stellen als die Wähler von CDU/CSU und FDP, nur nach Prozenten gerechnet. Unter Einbezug der Wahlbeteiligung ist die Anzahl der Optimisten, die glauben, Schwarz-Gelb würde seine Wahlversprechen einhalten, sogar geringfügig gewachsen. Zu viel Glühwein? Immerhin meint Hahne auch, Deutschland habe noch immer das beste Gesundheitssystem der Welt. Wie schlecht aber muss es der Welt gehen? Gering- und Normalverdiener zahlen mit 14,9 Prozent so viel für ihre Krankenversicherung wie nie zuvor, und den Privatpatienten geht es auch nicht besser.

Eine andere Studie der Bertelsmann Stiftung besagt, dass 70 Prozent der Deutschen kein Vertrauen in Politiker und Wirtschaftsführer haben. Wie das zusammen passt, würde ich nur zu gern von Herrn Hahne erklärt bekommen. Allein: Er wird es mir kaum verraten. Allerdings hat Frank Meyer, Moderator der Telebörse bei n-tv und Gastautor auf der Wirtschaftsseite des „C(r)ashkurs“-Autoren und TV-Börsengurus Dirk Müller, einen bemerkenswerten Jahresrückblick geschrieben, der mögliche Gründe für das mangelnde Vertrauen der Deutschen liefert. Auszug:

„Geld für Bildung“ war eine der politischen Lieblingsphrasen im Wahlkampf, worauf sich ja heute alle Schwierigkeiten zurückführen lassen. Die Bürger sind einfach zu dumm, habe ich verstanden. Wozu in drei Teufels Namen brauchen wir aber kluge Bürger? Diese kommen nur auf dumme Gedanken, indem sie Dinge hinterfragen, die sie ohne Bildung gar nicht interessiert hätten…

Chapeau, Herr Meyer! Solche Worte beweisen, dass Sie mehr sind als bloß ein telegenes Gesicht mit der Fähigkeit, vom Teleprompter abzulesen – was so manchem US-Präsidenten schon wesentlich mehr Schwierigkeiten bereitete. Jedenfalls, wenn es noch eines Beweises bedurft hätte.

Einen Anschein für einen ähnlichen Realismus-Sinn versucht Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg derzeit auch zu erwecken. Erst sein Bekenntnis, es handle sich in Afghanistan um zumindest kriegsähnliche Zustände, dann seine plötzliche Kopfwendung in der Beurteilung des Kunduz-Vorfalls, und nun meint er gar, eine westliche Demokratie zu errichten, sei in Afghanistan unmöglich. Er tut das, was unter Franz Josef Jung noch undenkbar gewesen wäre. Erst Wirtschaftsminister-Star, dann Verteidigungsminister, der dem Volke nach dem Maul redet… Ich glaube, er ist derzeit der einzige Politiker, der über die Legislaturperiode hinausblickt. Es ist nur schwer zu übersehen, dass Schwarz-Gelb 2013 abgewählt wird: Zu viele Schulden jetzt unter dem Deckmantel der Krise, zu harte Einschnitte durch die grundgesetzlich festgelegte Schuldenbremse, zu offensichtliche nicht einhaltbare Wahlversprechen. Und er weiß auch, dass es der Nachfolgeregierung, sei sie Rot-Grün, Rot-Rot-Grün oder erneut Schwarz-Rot bzw. Rot-Schwarz, nicht leichter fallen wird, einen verfassungsgemäßen Haushalt hinzubauen, ohne erneut die Ärmsten zu schwächen – oder die wackelnden Konservativen, die der CDU/CSU einen Denkzettel verpassen wollen. Und wer wäre nach dem Bild, das er jetzt abgibt, prädestiniert als Nachfolger für eine scheiternde Angela Merkel als CDU/CSU-Spitzenkandidat? Richtig: Der bereits positionierte Guttenberg…

Ich postioniere mich auch schon mal – für das Jahr 2010. Ich kann den Jahreswechsel kaum noch erwarten. Woran das liegt? Am 9. Januar ist der 4. Spieltag der D-Mädchen-Hallenrunde, und ich werde endlich in der Lage sein, vernünftige Spielfotos zu machen. Dank eines Weihnachtsgeschenkes, einem Blitzgerät für meine digitale Spiegelreflex, die mich seit April begleitet. Alle Silvesterpläne haben sich leider zerschlagen, daher wird der Silvesterabend mit meiner Freundin ziemlich unspektakulär. Aber das muss ja nichts Schlechtes sein. Ich bin ja immerhin auch schon 32…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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