Rundblick (18)

Mich nervt in letzter Zeit eine Fernsehwerbung deutlich: Die für Briefgold.de. Wer sie noch nicht kennt: Das britische Unternehmen „Postal Gold Limited“ bietet an, Goldschmuck aufzukaufen und binnen eines Tages den Betrag dafür zu überweisen. Die Firma ist mit dem Konzept beileibe – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht allein. Ein weiteres Unternehmen ist die Benrather Gold bringt Geld GmbH, die mit Reiner Calmund wirbt, und es gibt sicher noch einige mehr. Beide versenden auf Anfrage ein „Gold-Kit“ bzw. eine „Goldtasche“ für den kostenlosen Versand, nach dem Eintreffen wird der alte Goldschmuck geschätzt und das Geld sofort überwiesen. Das Gold wird eingeschmolzen und neu verarbeitet. Soweit…

Die Motivation dahinter ist klar: Der Goldpreis ist zuletzt so durch die Decke gegangen, dass sich ein solches Modell zu lohnen scheint, auch wenn es im Kurs gerade einen kleinen Rücksetzer gab. Ich behaupte nicht, dass es Nepp ist. Ich glaube auch nicht, dass man den Betreibern mangelnde Seriösität nachsagen kann Aber man sollte einige Dinge beachten. Vor allem das Finanzielle. Denn da sind die beiden genannten Anbieter intransparent. Ihre Schätzer entscheiden, welchen Wert die eingesendeten Teile haben, und daraufhin kommt das Geld. Dabei ist nicht der Wert des Schmuckstücks entscheidend, sondern ausschließlich der Marktwert des Goldes – wahrscheinlich abzüglich Kostenanteil für Schätzung und Geschäftsbetrieb. Briefgold.de weist immerhin schon auf der Webseite darauf hin, dass Edelsteine vor Zusendung zu entfernen sind. Wie es Gold bringt Geld damit hält, ist nicht mal in den FAQ überliefert. Und noch einen Haken hat dieses Verfahren: Man muss sich 10 Tage nach Erhalt des postalisch zugestellten Schecks (da stellt sich mir die Frage der Sicherheit vor „Verschwinden“, und wenn Einlösegebühren von der Bank verlangt werden, trägt diese der Verkäufer) bzw. der Überweisung (gilt nur für Briefgold.de) melden und zurückzahlen, andernfalls wird das Angebot als angenommen gewertet und der Schmuck eingeschmolzen. Der Haken ist, dass die wenigsten Leute bereit sind, die Rückzahlung in Angriff zu nehmen und zu hoffen, dass der Schmuck wieder wohlbehalten zurückkehrt – Paketversicherung hin oder her, übersteigt der Wert des Schmucks den Versicherungsbetrag, steht man doof da. Briefgold.de weist den Verkäufer daher an, in diesem Fall mehrere „Gold-Kits“ zu bestellen – „versteckt“ in den AGB. Gold bringt Geld hingegen verzichtet sogar auf diesen Hinweis.

Zudem haben beide Anbieter ein Transparenz-Problem: Man sieht keine Preise. Man ist auf Gedeih und Verderb der Ehrlichkeit der Schätzer ausgeliefert. Und die Mühen um die Rücksendung werden viele Kunden hemmen, ein zweites Urteil einzuholen. Unter Umständen verschenkt ein Verkäufer dadurch Geld – besonders dann, sollte das Schmuckstück als solches mehr Wert sein als seine bloßen Bestandteile. Die wenigsten potenziellen Kunden werden in der Lage sein, das so genau abzuschätzen.Vorbildlicher ist da ein zufällig ergoogelter Händler, G&E Handel Hamburg, zumindest in der Darstellung. Dort erscheinen nicht nur aktuelle Ankaufspreise auf der Startseite (z.B. 13,43 Euro pro Gramm 585er Gold bei mehr als 500 Gramm Material), es gibt auch einen Link zu den detaillierten Ankaufspreisen sogar für Zahngold (z.B. für Zahngold Gelb oder Weiß mit oder ohne Keramik für 1-99, 100-199, 200-499 oder ab 500 Gramm Material aufwärts differierten die Preise während des Verfassens dieses Blogeintrags zwischen 14,06 und 14,36 Euro pro Gramm). Auch hier gibt es die Möglichkeit der Abwicklung über den Versand, die Kosten trägt hier allerdings der Verkäufer selbst. Eine schöne Alternative: G&E Handel stellt auf seiner Seite vier Beispiele dar, wie sich so ein Betrag zusammensetzen kann, und verwies so darauf, dass sie auch die zu einem Schmuckstück gehörenden Edelsteine verkaufen, dies jedoch mit einer 25-prozentigen Provision (zzgl. Mehrwertsteuer) für Prüfung und Ankäufersuche. Einziger Haken hier: Laut eigener Darstellung auf der Startseite betreiben Mirco und Oliver Sperling diesen Service erst seit 2007 professionell und seit 2003 im kleinen Rahmen, der Großvater jedoch sei schon Anfang der 1920er Jahre als Goldschmied in Hamburg tätig gewesen.

Eines ist sicher: Wenn das Schmuckstück als solches mehr Wert ist als der Wert seiner Bestandteile, ist man beim Juwelier sicher am besten aufgehoben, um es zu verkaufen. Taugt allerdings der Schmuck so nichts mehr und muss erkennbar eingeschmolzen werden, sind Juweliere der falsche Ansprechpartner, denn diese verkaufen die Stücke ohnehin nur weiter an die Schmelzbetriebe, sofern sie die Stücke nicht noch für den Verkauf selbst aufarbeiten können. Das bedeutet aber auch, dass sie selbst beim Angebot etwas für ihre Eigenleistung berechnen, was einen unnötigen Zwischenschritt darstellt, wenn der Schmuck ohnehin im Ofen landet. Darum ist jeder, der in diesen Zeiten Gold verkauft bzw. verkaufen muss, gut beraten, wenn er sich mehrere Angebote einholt.

„Mehrere“… Ein Wort, das mich zur dpa, zur Deutschen Presse-Agentur, bringt. In Nachgebloggt (7) hatte ich ja vom Scoop eines deutschen Filmemachers berichtet, der einen angeblichen Terroranschlag getürkt hatte, um Aufmerksamkeit für seinen Film zu erhalten. Die dpa war seinerzeit am 9. September 2009 darauf reingefallen und verhängte strengere Regeln – zumindest offiziell. Jetzt gelang wieder jemandem ein Medienhack bei der dpa: Das „Zentrum für politische Schönheit“, ein Zusammenschluss von Aktionskünstlern, hatte eine Pressemitteilung der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ gefälscht, um darauf aufmerksam zu machen, dass im Stiftungsrat – dessen Besetzung ein Politikum geworden ist, seit der Bund der Vertriebenen unbedingt CDU-Politikerin Erika Steinbach als Vertreterin dorthin entsenden will, diese aber besonders in Polen auf massive Ablehnung stößt – Personen mit Flüchtlingshintergrund, also Betroffene, fehlten. Die genaueren Umstände dieses Medienhacks beschreibt Netzpolitik.org. Und ich will gar nicht über diesen Stiftungsrat diskutieren. Für mich ist bemerkenswert, dass man bei der dpa offenbar eine ziemlich flache Lernkurve hat. Ob die dem Redaktionsumzug vom Hamburger Mittelweg nach Berlin geschuldet ist oder hierfür ein Beweggrund war, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber in einer Zeit, in der die Zeitungen und vor allem ihre Online-Ableger vermehrt solche Agenturmeldungen ohne Eigenleistung per Copy-and-Paste rausbringen, wie es ab 1.1.2010 vor allem die seit Tagen nicht mehr aktualisierte Netzeitung in der Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg tun wird, sind solche Fehlmeldungen natürlich fatal. Der Leser wird manipulierbar, wenn die Agenturen nur Pressemitteilungen ungeprüft durchwinken. Qualitätsjournalismus sieht anders aus. Vor allem in solchen Momenten…

Neven DuMont gab kürzlich der WELT ein Interview und meinte dort:

„Ich will gesellschaftspolitische Meinungsbildung fördern. […] Dazu brauchen wir Qualitätsjournalismus. […]

Dann erinnere ich daran, dass Blogger keinen Reporter nach Afghanistan schicken oder aufwendige Recherchen finanzieren.“

Wenn DuMont also Qualitätsjournalismus braucht, warum wird dann die Netzeitung ein automatisches Nachrichtenportal für Agenturmeldungen ohne redaktionelle Arbeit? Und seit wann sind „Embedded Journalists“ denn ein Qualitätsmerkmal? Immerhin haben sie die lästige Angewohnheit, alles aus der Perspektive ihrer zugewiesenen Kampfeinheit zu schildern, die Männer zu glorifizieren, die sie beschützen, den Feind pauschal abzuurteilen und ihre Berichte durch die militärische Zensur kontrollieren lassen zu müssen. Das sagte schon der große deutsche Journalist Friedrich Nowottny 2003:

„Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz des Panzers. Und der ist nicht sehr groß.“

Besser lässt sich dieses Problem der nicht-unabhängigen Berichterstattung von der Front kaum darstellen. Einer der Kritiker, der allerdings nicht in Irak oder Afghanistan ist, ist der Karikaturist David Horsey, der seine Werke beim Onlinemedium Seattle Post-Intelligencer veröffentlicht. Sein aktuelles Machwerk bebildert exzellent die Situation von US-Präsident Obama: Der Kompromiss zwischen dem eiskalten, schnellen Abzug und dem brennend heißen, endlosen Krieg ist auf Dauer kein wirklicher, denn das Eis des Abzugs schmilzt, und was bleibt, ist die kochende Hitze des Endloskrieges. Horsey hat dabei vor allem gut getroffen, wie schnelles und entschlossenes Handeln nötig ist, um schnell abziehen zu können. Voraussetzung dafür, und das ist das Grundproblem, ist, dass den Westmächten am Hindukusch nicht nur Truppenstärke, sondern auch eine Strategie fehlt, um diesen Krieg zu gewinnen, das Land zu befrieden und tatsächlich für bleibenden Aufbau sorgen zu können. Die Entwicklung des Landes hin zur Selbständigkeit erzielt durch die Zwischenfälle mit den Taliban keine Fortschritte. Das Vietnam-Szenario rückt näher…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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