Rundblick (17)

Mich erreichte heute eine schlechte Nachricht: Die Netzeitung wird mehr oder weniger eingestellt. Die Mediengruppe M. DuMont Schauberg hatte die Netzeitung im 10. Jahr nach der Gründung erst im April dieses Jahres übernommen. Ich fand sie vor allem deshalb herausragend, weil nicht nicht bloß per Copy&Paste die Meldungen von dpa, Reuters und Co. verwurstete, sondern mit einer kompletten Redaktion auch über den Tellerrand hinausblickte, zum Beispiel beim Blogblick. Die Mediengruppe, zu der auch die Frankfurter Rundschau, der Express und die Hamburger Morgenpost gehören, verweist auf wirtschaftliche Gründe, die es erfordern, zum 31. Dezember 2010 alle Mitarbeiter der Netzeitung rauszuschmeißen und sie in ein automatisiertes Nachrichtenportal umzuwandeln.

Ganz ehrlich, lieber Herr DuMont Schütte: Wenn ich Nachrichten lesen will, die aus Agenturen kommen und nicht weiter redaktionell bearbeitet oder kontextiert werden, nehme ich Google News oder Yahoo! – die haben darin wenigstens schon Übung!

Vielleicht aber auch passte ein kostenloses, qualitativ hochwertiges Portal wie die Netzeitung nicht in Zeiten, in denen die Verlage um Protektionismus betteln – siehe Hamburger Erklärung (die Don Alphonso bereits am 9. Juni „entschlüsselte“). Aber was soll man denn auch erwarten? Wenn ich mir das Portfolio der Mediengruppe gerade im Zeitungsbereich so ansehe, habe ich nicht den Eindruck, dass auf Qualitätsjournalismus Wert gelegt wird…

Wie Qualitätsjournalismus aussieht? Jedenfalls nicht so wie bei Spiegel-Online (meist kurz SPON genannt)… Allein schon die Überschrift:

„Flughunde praktizieren Oralsex“

Nein, tun sie nicht. Das Flughund-Männchen kriegt keinen von seiner Partnerin geblasen. Steht eigentlich auch im (für diesen Informationsgehalt ausgesprochen wortreichen) Text:

„Das Weibchen leckte bei der Paarung nur den Schaft des Penis, schreiben die Forscher. Nicht aber die Eichel, die schon die Vagina penetriert hatte.“

Die eigentliche Erkenntnis kommt am Schluss:

„Oder seine desinfizierende Wirkung könnte dazu dienen, Krankheiten zu vermeiden. Diese Theorie scheint wahrscheinlich, weil auch die Männchen nach dem Geschlechtsakt ihre Genitalien lecken.“

Wie müsste also eine qualitativ hochwertige Meldung aussehen? Ich will es mal versuchen:

Indische Kurznasenflughund-Weibchen unterstützen Geschlechtsakt durch orale Stimulation

Chinesische Wissenschaftler beobachteten 30 Paare des Indischen Kurznasenflughundes bei der Paarung mit Nachtsichtkameras und berichten von einer bemerkenswerten Begebenheit: Während des Geschlechtsaktes stimulieren die Weibchen mit der Zunge den Penisschaft des Männchens. Dies wirkte sich zeitlich verlängernd auf den Akt aus: Bis zu vier Minuten dauerte die Kopulation, etwa doppelt so lang wie bei Paaren ohne oraler Stimulation. Das Team des Guangdong Entomological Institute um Forschungsleiter Libiao Zhang vermutet, dass der Leckvorgang desinfizierend wirkt und Krankheiten vermeidet, da auch die Männchen nach der Paarung ebenfalls ihre Genitalien lecken. Aber auch andere Deutungen wären möglich, so zum Beispiel eine erleichterte Penetration durch die Feuchtigkeit des Speichels, eine engere Bindung des Partners oder eine Steigerung der Befruchtungschancen. Bislang kannte man dieses Verhalten, außer vom Menschen, noch von Bonobos, deutete es jedoch als spielerische und nicht als sexuelle Betätigung.

Und, wie ist das? Auf jeden Fall: Viiiiiiiiel kürzer. Alles Wesentliche drin. Aber so ein Artikel lockt natürlich niemanden, der sich nicht für Flughunde interessiert. Braucht man also Klicks, um die Werbung abrechnen zu können, braucht es Oralsex. BILDismus beim Spiegel.

Noch so ein BILDismus ist scheinheilige Empörung. Der Radiosender NDR info berichtete kürzlich darüber, dass Bewerber bei Daimler einen Bluttest über sich ergehen lassen mussten. Daraufhin höhnte BILD, der NDR bzw. dessen Betriebsarzt würde selbst von Bewerbern bei der Einstellungsuntersuchung um eine Blutprobe bitten. Zu dumm: Der Mediendienst Meedia veröffentlichte gestern einen (inzwischen korrigierten) Artikel, dass auch beim Axel-Springer-Verlag bis 2004 in Berlin und bis 2008 in Hamburg seitens des Betriebsarztes Blut- und Urinprobe verlangt wurden, deren (Nicht-)Abgabe dann jedoch – anders als offenbar beim NDR – nicht entscheidend für die Stellenvergabe gewesen sein soll.

Da stelle ich mir doch spontan zwei Fragen:
1. Hat es bei Meedia eigentlich auch Blut- und Urintests gegeben? Und wenn ja:
2. Wer berichtet als nächster darüber?

BILDismus ist auch, wenn man Verona Pooth zur Gewinnerin kürt. So geschehen am gestrigen Freitag in der BILD-Kategorie Gewinner & Verlierer (nicht mehr online). Sie wurde vom Land NRW mit dem Landesmedienpreis für ihr soziales Engagement ausgezeichnet. Woraufhin die NDR-Sendung ZAPP in einem Beitrag Widersprüche verdeutlichte (Beitrag bei Youtube). Denn Verona Pooth macht neuerdings Werbung für den Textildiscounter „kik“. Ein Unternehmen, das wegen Lohndumpings und Arbeitsbedingungen scharf kritisiert wird. Frau Pooth, so geht aus der Sendung hervor, will davon nie etwas mitbekommen haben. Mag ja sein, dass sie keine Zeitungen liest, aber das sie auf die Benutzung ihres Verstandes verzichtet… Ein Beispiel: Der Discounter wirbt aktuell mit Herren-Hemden zum Preis von 5,99 €. Was ist in diesem Stückpreis alles anteilig enthalten?

  • Betriebskosten der Filiale, in der das Stück verkauft wird.
  • Personalkosten der Filiale
  • Einrichtungs- und ggf. Baukosten der Filiale
  • Transportkosten vom Zentrallager zur Filiale (ggf. inkl. Gewinnmarge des Transporteurs)
  • Betriebskosten des Zentrallagers
  • Personalkosten des Zentrallagers
  • Einrichtungs- und ggf. Baukosten des Zentrallagers
  • Ladungslöschung und Transport vom Hafen zum Zentrallager (ggf. inkl. Gewinnmarge des Transporteurs und Gewinnmarge der Hafenbetreibergesellschaft)
  • Verladung und Verschiffung vom Herstellungsort (inkl. Gewinnmarge der Reederei)
  • Transport von der Textilfabrik zum Schiff
  • Betriebskosten der Fabrik
  • Einrichtungs- und ggf. Baukosten der Fabrik
  • Personalkosten der Fabrik
  • Verwaltungskosten des Unternehmens
  • Rohstofferzeugung

15 Punkte, und die habe ich noch vereinfacht dargestellt, denn eigentlich stecken da noch mehr Kosten drin. Da kann man sich lebhaft vorstellen, wie viel Geld dabei für eine Näherin übrig bleibt, wenn der Endstückpreis 5,99 € beträgt. Und wie viele Stücke sie am Tag produzieren müsste, um ein menschenwürdiges Auskommen zu haben. Darauf geht der ZAPP-Bericht nämlich nicht ein: So beschissen es den „kik“-Angestellten mit ihren Dumpinglöhnen geht, wie geht es wohl denen, die die Kleidungsstücke herstellen, beispielsweise in Bangladesch? Man muss dazu keine Zeitungen lesen und nicht lange recherchieren. Man muss nur den Preis sehen, sich ungefähr vorstellen können, wie dieser Preis zustande kommt, und dann sein Gewissen einschalten. Dinge, zu denen Frau Pooth offenbar nicht fähig ist. Sich als Werbeikone für so ein Unternehmen hinzustellen, zeugt wirklich von ausgeprägtem Helferdrang. Solange das Geld aufs eigene Konto wandert.

Natürlich hätte dieser Widerspruch auch ein großer Aufhänger, ein kampagnenträchtiger Riesenskandal Marke BILD werden können. Statt dessen machen Untergebene von Kai Diekmann sie zur Gewinnerin. Und warum? Weil sie unter anderem Botschafterin der BILD-Aktion „Ein Herz für Kinder“ ist. So einer darf die BILD selbstverständlich nicht ans Bein pinkeln. Was interessiert es den Axel-Springer-Verlag eine Näherin in der Vierten Welt? Wenn man sich vorstellt, dass die dann auch noch ein Kind sein könnte, wie groß ist das „Herz für Kinder“ dann wirklich?

Quo vadis, Qualitätsjournalismus made in Germany?

Und quo vadis, SPD? Der neue Parteichef in Hamburg heißt Olaf Scholz, Bundesarbeitsminister a.D. und ehemaliger Hamburger Innensenator. Und der peilt mit seiner Landes-SPD bei den nächsten Wahlen 35 bis 40 Prozent an. Ich meine, es ist ja schön, wenn man Ziele und Visionen hat. Aber das sind Regionen, die kriegt im Moment nicht mal die Union im Bund hin, obwohl die SPD sich von oben der Marke nähert, die damals mal die FDP anpeilte: 18 Prozent. In der Mopo-Meldung heißt es, es käme auf den richtigen Spitzenkandidaten an. Das ist Blödsinn. Es kommt darauf an, ob die Politik der SPD zur Abwechslung mal wieder sozial, demokratisch und sozialdemokratisch wird. Aber solange sie nicht mit einer Stimme sprechen, wird sich daran nichts ändern.

Geändert hat sich was bei Opel. Nachdem General Motors (GM) nun die Adam Opel GmbH doch nicht an Magna verkaufen will, raschelt es im Medienwald, wie sich die Bundeskanzlerin habe düpieren lassen, die CDU ihre Versprechen nicht einhalten könne und so weiter. Jetzt macht GM allerdings zum x-ten Male den Bock zum Gärtner und den 77-jährigen Bob Lutz zum neuen Aufsichtsratschef bei Opel. Mal wieder ein US-Manager – die waren ja in der Vergangenheit ja auch so unglaublich erfolgreich und machten Opel zu einem Weltunternehmen… Seit 2001 war er für Produktentwicklung verantwortlich – und damit auch für die Krise von GM, das munter Autos am Markt vorbei entwickelte. Was kann man von einem Mann erwarten, der die Serienreife von Fords „Tin Lizzy“ altersmäßig nur knapp verpasste?

Anders als vielleicht Thomas Müller in Bezug auf die WM 2010. Bundestrainer Joachim Löw reichen 11 Spiele und 3 Tore, um den Bayern-Youngster, dessen Unerfahrenheit sich zeigte, als er in Bordeaux vom Platz flog, um ihn gegen die Elfenbeinküste nächste Woche in den Testkader zu nehmen. So mancher dürfte sich da verarscht vorkommen. Stefan Kießling von Bayer Leverkusen, zum Beispiel, der ebenso lange auf eine Nominierung warten musste, obwohl er gestern im 12. Saisoneinsatz sein 8. Bundesligator schoss. Teamkollege Toni Kroos – 41 Ligaspiele, 4 Tore (alle in dieser Saison) – wartet noch auf seine Nominierung. Wer sich aber auf jeden Fall von der Nationalelf veralbert vorkommt, sind die Zuschauer. Wissend, dass solche Tests keine fußballerischen Leckerbissen zu werden drohen, und mit Verstimmung auf die Aussagen der Spieler zum mehr als mageren 1:1 gegen Finnland und die Pfiffe in Hamburg reagierend bleiben sie mehrheitlich zuhause. 32.000 wollen das Chile-Spiel in Köln bislang sehen, nur runde 16.000 aktuell die Partie gegen die Elfenbeinküste (mit Guy Demel vom HSV) in der Veltins-Arena auf Schalke. Und denen, die sich da hintrauen, kann man nur wünschen, dass sie es nicht bereuen müssen. Die nominierten HSVer Piotr Trochowski und Jerome Boateng müssen sich unter Umständen an Pfiffe im Adler-Dress gewöhnen…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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