Punkteteilung beim Festival der Fehlleistungen

Komm in meine Arme! Torschützin Denise Lehmann bejubelt mit Flankengeberin Marisa Ewers den späten Ausgleich

Komm in meine Arme! Torschützin Denise Lehmann bejubelt mit Flankengeberin Marisa Ewers den späten Ausgleich

Der HSV trotzte am siebten Spieltag in der zweiten Auflage des Nordderbys der Saison 2009/10 dem VfL Wolfsburg ein 2:2 ab. Dabei sahen die 386 Zuschauer im Wolfgang-Meyer-Stadion an der Hagenbeckstraße eine über weite Strecken von Zweikämpfen geprägte Partie, in der die Tore ausschließlich durch indivuelle Fehler aller beteiligten Mannschaften fielen. Aus HSV-Sicht zum Glück, denn das brauchten das Team, das in dieser Saison nicht zu Unrecht zu den Abstiegskandidaten zählt.

Für Wolfsburgs Co-Trainerin Britta Carlson und Wolfsburgs Verteidigerin Stephanie Ende war es die Rückkehr an die alte Wirkungsstätte. Sentimental wurden sie nicht, die Punkte sollten mitkommen in die VW-Stadt. Zwei Spielerinnen auf dem Platz waren gerade vom 0:1 der Nationalelf gegen die USA zurück: Sekundenjoker Martina Müller vom VfL und Stammspielerin Kim Kulig. Wolfsburg agierte mit zwei Viererketten, der HSV fast wie gewohnt im 4-2-1-3. Allerdings hielt sich Denise Lehmann meist nicht hinter Stürmerin Ana Maria Crnogorcevic auf, sondern neben ihr im Sturm. Dem HSV fehlte neben den langzeitverletzten Desirée Steinike und Aferdita Kameraj auch Nina Jokuschies. Bianca Weech hatte sich im Tor den Platz von Gaelle Thalmann zurück erkämpft. Die beiden Küken Nina Brüggemann und Lena Petermann waren wieder von Beginn an dabei. Geleitet wurde die Partie von FIFA-Schiedsrichterin Marina Storch-Schäfer, die auch noch auf sich aufmerksam machen sollte.

Marisa Ewers gewinnt ein Kopfballduell gegen Stephanie Bunte

Marisa Ewers gewinnt ein Kopfballduell gegen Stephanie Bunte

Der HSV begann zunächst stärker und suchte sein Heil in der Offensive. Die erste Chance erarbeitete Crnogorcevic nach sieben Minuten, als sie sich die Kugel gegen Ex-Nationalspielerin Navina Omilade am Strafraum erkämpfte und für Lehmann auflegte. Deren Schlenzer war aber zu unplatziert, ging klar links vorbei. Wolfsburg kam danach besser in die Partie. Nach 14 Minuten brachte Flügelspielerin Zsanett Jakabfi eine Ecke von rechts herein, Janina Haye klärte zu kurz vor den Strafraum, doch der Schuss von Nathalie Bock aus der zweiten Reihe war kein Problem für die HSV-Keeperin. Im Gegenzug gab es dann die erste Großchance der Hanseatinnen. Petermann setzte links Lehmann ein, bei deren Hereingabe aber Freund und Feind zu spät kamen. Hinter dem zweiten Pfosten setzte dann aber die als rechte Außenstürmerin aufgebotene Maja Schubert nach, störte Bock und brachte das Leder kurz zurück. Silva Lone Saländer probierte es direkt aus acht Metern, Wolfsburgs Keeperin Nadine Richter wehrte den ungenauen Schuss aber ab (15.). Viel war zwischen den Strafräumen los, darin herrschte dann aber Flaute. Wolfsburg war nun spielbestimmend, aber in Strafraumnähe harmlos gegen eine gut stehende HSV-Defensive. Aber es häuften sich vor allem bei den Gastgeberinnen Abstimmungs- und Genauigkeitsfehler.

Die Gäste verstanden es nicht, das zu nutzen. Weech stand weit vor dem Tor, als es Nationalstürmerin Martina Müller einfach mal aus 35 Metern probierte, der Schuss jedoch verfehlte sein Ziel um zwei Meter. Dann gab es des Auftakt zum Fehlerfestival. Nach Einwurf von links ging Petermann in den Strafraum. Kurz hinter dem Strafraumeck stellte Ende den Fuß rein und spielte den Ball, Petermann fiel darüber. Trotz bester Sicht auf das Geschehen entschied Schiedsrichterin Storch-Schäfer auf Elfmeter! Das Entsetzen der Wolfsburgerinnen war berechtigt: Allerhöchstens drei Menschen im Stadion, darunter die insgesamt nicht gut pfeifende FIFA-Schiedsrichterin, hatten hier einen berechtigten Strafstoß gesehen. Saländer kratzte das nicht, sie verwandelte sicher zum 1:0. Wie würde der VfL nun reagieren? Kaum. Einzig eine Flanke Jakabfis aus dem rechten Halbfeld köpfte VfL-Neuzugang Selina Wagner schwach Richtung Tor, und Weech konnte sicher aufnehmen (41.). Aber auch beim HSV leistete sich Saländer nun eine Fehlleistung: Nach einem berechtigten Abseitspfiff drosch sie den Ball weg, sah dafür Gelb. „Unnötig“ ist dafür noch geschmeichelt.

Wolfsburgs Nationalstürmerin hatte 45 Minuten lang einen schweren Stand. Auch im Kopfballduell mit HSV-Abwehrchefin Janina Haye

Wolfsburgs Nationalstürmerin hatte 45 Minuten lang einen schweren Stand. Auch im Kopfballduell mit HSV-Abwehrchefin Janina Haye

Die Führung des HSV war glücklich, nicht nur im Zustandekommen. Zwar waren sie zweikampfstärker, spielerisch aber blitzte zu selten Qualität auf. Auch Wolfsburg, das etwas mehr vom Spiel hatte, stand in der Abwehr nicht schlecht. Allerdings mussten sie bei den vielen langen Bällen der Rothosen aufpassen. Die konterten nämlich im eigenen Stadion.

Zur zweiten Halbzeit gab es einen Wechsel beim VfL: Eve Chandraratne ersetzte rechts im Mittelfeld Zsanett Jakabfi. Eine Auswechslung, die sich lohnen sollte. Doch vorher bekam der HSV die Großchance zum 2:0. Schubert erlief einen von Innenverteidigerin Rebecca Smith schlecht geklärten Ball an der rechten Eckfahne und flankte vor das Tor. Dort nahm Crnogorcevic ihn direkt volley, doch der Versuch verfehlte den rechten Pfosten um Zentimeter (46.). Die Hamburgerinnen störten Wolfsburg nun früher, erzwangen so Ballgewinne und Fehler. Machten dann aber selbst welche. Zum Beispiel die fußballerische „Todsünde“, einen Flankenball in die Mitte zu köpfen. Das tat Petermann, bedrängt von Smith, bei einem von Andrea Wilkens getretenen Eckball von links. Chandraratne nutzte die fehlende Zuteilung im Strafraum mit einem kurzen Pass auf die freistehende Martina Müller, und die schlenzte mit all ihrer Erfahrung und Nationalelfqualität zum 1:1 ins lange Eck (53.). Weech war da zwar noch mit den Fingern dran, konnte den Ausgleich aber nicht verhindern. Und damit nicht genug. Nach Foul von Bock an Saländer gab es Gelb für die Übeltäterin und einen Freistoß in der Hamburger Hälfte. Brüggemann spielte den hoch quer, und das war fatal. Chandraratne ging dazwischen und setzte sich mit einem Check gegen Passempfängerin Heike Freese durch. Nach Antritt behielt sie auch gegen Petermann am rechten Strafraumeck die Oberhand, passte kurz zurück. Bock steckte sofort auf Müller durch, und die traf im Stile eines Namensvetters früherer Zeiten aus zehn Metern zum 1:2 (55.). Die fast sicher geglaubten Punkte für den HSV waren zunächst weg.

Duell der Torschützinnen: Nationalspielerin Martina Müller gegen Silva Lone Saländer

Duell der Torschützinnen: Nationalspielerin Martina Müller gegen Silva Lone Saländer

Schwer zu sagen, ob die Hamburgerinnen schlicht zu grün waren. In beiden Situationen waren es Fehler, die man so in der Bundesliga nicht begehen darf. Vor allem – auch wenn es gegenüber der 17-jährigen Innenverteidigerin Brüggemann hart klingen mag – waren es Blödsinnsfehler, die Wolfsburg zwei Treffer brachten. Denn Martina Müller war in den vorangegangenen 52 Minuten komplett abgemeldet gewesen, hatte keinen Stich gesehen, wie auch Mittelfeldspielerin Kim Kulig auf der anderen Seite. Wurde bisher beim HSV argumentiert, das Tabellenbild sei etwas verschoben, weil sie bislang schon gegen die Großen der Liga verloren hatten, musste man hier klar bekennen, dass Wolfsburg nicht dazu gehörte, und es schien dennoch nicht zu reichen. Fehler wie diese beiden konnten den Klassenerhalt kosten. Die Hamburgerinnen stand offenbar nicht zu Unrecht nur knapp vor den Abstiegsplätzen.

In der Folgezeit schien das Spiel gelaufen. Wolfsburg kontrollierte die Partie, ohne große Gefahr zu entwickeln, der HSV reagierte nur und guckte den Aktionen der Gäste hinterher. Inzwischen sorgte Müllers bloße Anwesenheit bei den Rothosen für Nervenflattern. Konkrete Aktionen gab es so gut wie gar nicht, eine spielerische Linie war im Feifel-Team nicht zu erkennen. Lange, weite Bälle waren weiterin das Mittel der Wahl, nun aber nicht mehr kalkuliert, sondern aus Verlegenheit. An Kulig lief das Spiel weiterhin vorbei, sie schaffte es nicht, ihrem Team Impulse zu geben. Beinahe sah es nach Schadensbegrenzung aus. Und Wolfsburg gewann nun auch Zweikämpfe, die sie im ersten Durchgang noch verloren. Es fehlte der Mannschaft von Ralf Kellermann an Zündendem. Das sorgte selbst bei der Zweifach-Torschützin Müller für ausreichend Frust, um wegen Meckerns Gelb zu sehen.

FIFA-Schiedsrichterin Martina Storch-Schäfer lag häufiger mit Entscheidungen daneben.

FIFA-Schiedsrichterin Martina Storch-Schäfer lag häufiger mit Entscheidungen daneben.

Nach zwei Wechseln auf beiden Seiten – bei Wolfsburg ersetzte Annelie Brendel nun Selina Wagner, beim HSV kam die slowenische Nationalspielerin Fata Salkunic für Maja Schubert – folgte die nächste strittige Szene in der 73. Minute. Saländer spielte einen Pass steil rechts in den Strafraum. Petermann überlief Omilade und wollte die Ex-Nationalspielerin ins Leere laufen lassen. Die zog ihr das Standbein weg. Hier hätte es Elfmeter geben müssen, Storch-Schäfer ließ weiterspielen. Eine Konzessionsentscheidung. Im Mittelfeld sah Brüggemann dann für ein Foul an Müller Gelb. Folgte nun endlich ein Aufbäumen des HSV? Nada. Wolfsburg agierte fiel zu fahrig, war alles andere als brilliant, und dennoch hatten sie keine Probleme.

Erst in der Schlussphase kam der HSV auf. Jetzt erinnerte sich Kulig scheinbar auch daran, wie sie Nationalspielerin wurde, und übernahm Verantwortung für das Spiel, nachdem sie 80 Minuten lang ein Totalausfall war. Sie tasteten sich heran. Nach Steilpass von Salkunic überlief Crnogorcevic Omilade, doch ihr Schuss ging harmlos deutlich rechts drüber (83.). Erneut spielte Kulig einen Steilpass auf die zwei Minuten zuvor für die verletzte Silva Lone Saländer eingewechselte Nicole Zweigler. Deren Schuss aus spitzem Winkel wehrte Richter zur Ecke ab. Den Eckball von der rechten Seite brachte Rechtsverteidigerin Marisa Ewers hoch auf den zweiten Pfosten. Richter verschätzte sich beim Herauslaufen und kam nicht mal annähernd zum Ball. Die baumlange HSV-Stürmerin Denise Lehmann, die sich in der zweiten Halbzeit mehr zurückfallen ließ, dankte es ihr mit einem fast lässigen Kopfball ins leere Tor zum 2:2 (85.). So ein Duseltor für den HSV!

Kurz vor dem Ausgleich hatte die eingewechselte Nicole Zweigler das 2:2 auf dem Fuß

Kurz vor dem Ausgleich hatte Nicole Zweigler das 2:2 auf dem Fuß

Wolfsburg gab sich noch nicht geschlagen. Einen Freistoß führte Müller hektisch aus, während die HSV-Keeperin noch die Mauer stellte, aber der Ball landete genau in dieser. Den Nachschuss knallte Müller aus 25 Metern drüber (87.). Eine Minute später verlängerte Chandraratne eine Freistoßhereingabe von Katri Nokso-Koivisto rechts neben den Pfosten. Aber auch der HSV bekam noch seine Siegchance. In der Nachspielzeit, kurz nachdem beim VfL noch Pia Marxkord für Stephanie Bunte gekommen war, warf Salkunic auf Petermann ein. Die brachte den Ball kurz zu Crnogorcevic und die wiederum passte quer. In der Mitte rauschte Ewers heran, drosch das Leder aber aus 15 Metern in Rückenlage drüber.

Am Ende holten die Hamburgerinnen einen glücklichen Punkt. Der VfL war lange Zeit überlegen, ohne zwingend gefährlich zu sein, und der HSV erspielte sich die besseren Chancen, insgesamt aber war der Gast aus Niedersachsen überlegen und spielbestimmend. Doch die Wölfinnen verpassten es, den Sack zuzumachen und weitere hochkarätige Möglichkeiten herauszuspielen. Es passte aber auch ins Bild, dass ein Wolfsburger Fehler zum Ausgleich führte. Für die Ansprüche beider war diese Punkteteilung zu wenig. Die Leistung des Schiedsrichter-Trios übrigens auch.


Statistik:

Hamburger SV: Bianca Weech – Heike Freese, Janina Haye, Nina Brüggemann, Marisa Ewers – Silva Lone Saländer (83. Nicole Zweigler), Kim Kulig – Denise Lehmann – Lena Petermann, Ana Maria Crnogorcevic, Maja Schubert (72. Fata Salkunic)

VfL Wolfsburg: Nadine Richter – Katri Nokso-Koivisto, Navina Omilade, Rebecca Smith, Stephanie Ende – Stephanie Bunte (90. Pia Marxkord), Andrea Wilkens, Nathalie Bock, Zsanett Jakabfi (46. Eve Chandraratne) – Selina Wagner (72. Annelie Brendel) – Martina Müller

Schiedsrichter: Martina Storch-Schäfer (Petersberg) mit Sabine Stadler (Gläserzell) und Susanne Luft (Höchst/Odenwald)

Zuschauer: 386

Tore: 1:0 Saländer (33., Foulelfmeter), 1:1 Müller (53.), 1:2 Müller (55.), 2:2 Lehmann (85.)

Gelbe Karten: Saländer (Hamburg, 44.), Bock (Wolfsburg, 54.), Müller (Wolfsburg, 70.), Brüggemann (Hamburg, 74.), Brendel (Wolfsburg, 89.)


Herzlichst,
Euer Fuxi

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: