Nachgebloggt (8)

Erinnert sich noch jemand an den Fall JAKO vs. Trainer Baade? Beim Outdoor-Bekleidungshersteller Jack Wolfskin hat man nur bedingt etwas daraus gelernt. Natürlich wurde wieder einmal das Echo in Blogs, bei Facebook und Twitter maßlos unterschätzt – und das betraf genau die Zielgruppe der relevanten Altersklassen -, aber der Ausgang der Geschichte und vor allem der Umgang mit dem Echo zeigt, dass der Fall JAKO kein einzelnes Phänomen war.

Worum ging es? Der Bekleidungshersteller hatte zehn Anbieter auf der Plattform DaWanda, einem nach eigener Darstellung „Marktplatz für Unikate und Selbstgemachtes“ abgemahnt, die auf ihren Produkten eine Tatze angebracht hatten. Dies verletze die Bildmarke der Jack-Wolfskin-Tatze, die aber auch nur deshalb ihr gehörte, weil die Tageszeitung „taz“ es seinerzeit versäumt hatte, sie selbst zu schützen. Als Kostenerstattung verlangte der Hersteller pro Abmahnung satte 991 Euro. Und wieder rauschte es im virtuellen Blätterwald, wieder ging der Vorgang in die Medien.

Im Unterschied zu JAKO bediente sich Jack Wolfskin nun aber nicht der Salamitaktik, sondern bemühte sich sofort um Begrenzung des eigenen Imageschadens. Als Reaktion auf die „zum Teil heftige Kritik“ der Kunden zog der Outdoorspezialist die Abmahnungen inklusive Kostennote zurück und versprach, bei künftigen Fällen vermuteter Markenrechtsverletzungen von Kleingewerbetreibenden zunächst abseits des Rechtsweges auf Entfernung der entsprechenden Angebote zu bestehen und anwaltliche Schritte nur als ultima ratio zu verwenden.

Manche lernen eben nur mit dem Holzhammer. Wie auch einige Briten, die ebenfalls die Macht des Internets unterschätzten. Gemeint ist der Fall „Trafigura“ und Twitter. „Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger hatte kritisch über eine Super-Injunction getwittert, weil er sich mundtot gemacht fühlte. Eine Super-Injunction ist eine gerichtliche Unterlassungsverfügung, dass über Gerichtsprozesse, -beschlüsse und -urteile nicht berichtet werden durfte. In diesem Fall versuchte die Handelsfirma Trafigura aus London zu vertuschen, dass 30.000 Menschen in der Elfenbeinküste durch illegale Giftmüllentsorgung krank geworden waren. Das klappte auch eine Zeitlang. Bis der Parlamentsabgeordnete Paul Farrelly eine Anfrage zur Verfügung und einem vertraulichen Dokument, das an die Presse gelangt war, durch die Unterlassungsverfügung aber unterdrückt wurde, stellte, denn über die Arbeit von Parlamentsabgeordneten darf die Presse berichten. Und so bissen sich Twitterer an der Geschichte der 30.000 Ivorer fest. Trafigura flog der Deckel, den man mit viel Druck auf dem Topf zu halten versuchte, um die Ohren.

Wenn die Geschichte eines lehrt, dann dieses: Macht ist nicht immer hilfreich, und wenn man Mist gebaut hat, muss man dazu stehen. Früher mag das noch besser funktioniert haben, als man immer eine Nacht Zeit hatte, eine Veröffentlichung unliebsamer Zeilen zu stoppen. Aber das Internet legt bei Meldungen den Turbo ein. Diese Einsicht musste auch schon die dpa erleiden. So ist es eben: Des einen Freud ist des anderen Leid. Wo Dir das Internet heute noch hilft, kann es Dir morgen schon in den Arsch treten. Es ist schließlich auch neutral. Es ist nur ein Medium. Bewertungen treffen die Menschen dahinter. Auch wenn es einigen schwerfällt, das zu akzeptieren. Alle Stories, also JAKO, Jack Wolfskin und auch die von Trafigura, zeigen aber auch auf, dass die Menschen eben doch nicht abstumpfen, doch nicht desinteressiert und teilnahmslos sind. Die Summe der Internetnutzer hat, ganz im Gegenteil, ein ganz feines Gespür für Gerechtigkeit und Moral, und gerade diese Masse ist ein großes Problem für andere Menschen und Unternehmen, die es mit diesen Begriffen nicht so genau nehmen. Es braucht keine Profis, um die Empörung zu schüren. „Das Netz“ generiert diese selbst und sorgt so auch gleichzeitig für die Durchsetzung ihrer eigenen, unausgesprochenen Gesetze.

Für alles andere ist die Polizei zuständig. Und die Polizei Stade machte kürzlich einen bemerkenswerten Fang. Ein 67-jähriger Buxtehuder wurde verhaftet, nachdem er in einer Fotos entwickeln ließ, die ihn beim sexuellen Missbrauch eines Mädchens zeigen sollen. Den Beamten fiel anhand des Zimmers und eines auf einem Bild zu sehenden Wellensittichs (allein für die Einzelhaltung sollte man ihn schon bestrafen!) die Verbindung zu einem Fall aus dem Jahr 2006 auf, wo der Verhaftete ebenfalls verdächtig war. Dies führte zur Verhaftung. Man könnte also sagen, der Wellensittich hat seinen Halter verpfiffen. Oder verzwitschert.

Einen Anpfiff kassierte auch Angela Merkel bei der Wahl zur Bundeskanzlerin durch den neu konstituierten Bundestag. Neun CDU-Abgeordnete aus den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern verweigerten ihr die Unterstützung, weil sie im neuen Kabinett die einzige Ostdeutsche ist. Die Abweichler kommentierte sie mit ungefähr der gleichen „Souveränität“ wie auch den Angriff des niederländischen Journalisten bei der Vorstellung des Kabinetts vor zwei Tagen:

„Ich habe Respekt vor denen, die mich nicht wählen wollten, aus welchen Gründen auch immer. Das gehört zur Demokratie dazu.“

Wie soll man auch einigermaßen angemessen reagieren, wenn man zweimal auf dem falschen Fuß erwischt, zweimal vorgeführt wird? Sie kann es ja als Trainingseinheiten verbuchen. Vorgeführt wird sie die nächsten vier Jahre vor ihrer Abwahl noch einige Male werden, denn durch die Koalition mit der FDP kann sie sich nicht mehr hinter der SPD verstecken und muss tatsächlich Politik machen.

Vor so einem ähnlichen Problem steht auch ProSiebenSat1. Die verlustreiche Sendergruppe will ins Pay-TV einsteigen und sich zu 30 Prozent vom Werbemarkt emanzipieren. Das erinnert mich ein wenig an Bionade: Die haben auch die Preise erhöht, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen und den Mythos des Originals zu erhalten – und war damit grandios gescheitert. So könnte es auch ProSiebenSat1 gehen. Denn je weniger Geld die Menschen in der Tasche haben, desto weniger sind sie bereit, dafür zu bezahlen. Der Verweis, Bezahlfernsehen würde in Dänemark funktionieren, läuft damit völlig ins Leere. Aber das ficht die Macher der Sendergruppe nicht an. Ich lehne mich da mal weit aus dem Fenster und behaupte: Wenn die Geld haben wollen für solch gestellten Schrott wie Salesch, Hold, Britt oder Kallwass – neudeutsch auch treffend „Unterschichten-Fernsehen“ oder kurz „Asi-TV“ genannt -, werden sie damit ziemlich auf die Nase fliegen. Ich hätte damit kein Problem. Die einzigen Sendungen, die mich bei SAT.1 und Pro7 interessieren, sind ohnehin nur Navi CIS, ran, die tv-total-Pokerstars.de-Nacht und die anderen Raab-Sendungen wie Schlag den Raab oder das tv-total-Turmspringen.

Herzlichst,
Euer Fuxi

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