Verloren

Es war früh am Morgen, als ich von einem Hämmern an der Tür und dem Geheul der Sirenen geweckt wurde. Ich schreckte hoch und schaltete schon reflexartig auf meinem Weg zur Tür den Fernseher an. Niemand stand vor der Tür, aber eine Horde Menschen trapste hektisch die Treppe herunter. Das Trampeln kam bedrohlich näher. Es machte mir Angst.

Als erste kam Frau Winkler zum Vorschein. Hysterisch weinend rief sie mir verzweifelt zu: „Herr Keller! Diese Irren!!!“ Mir war nicht klar, was geschehen war. „Was ist passiert?“, fragte ich sie, doch sie lief weiter. Herr Winkler kam mit einigen Metern Abstand und zwei Taschen im Arm die Treppe herunter und blieb für Bruchteile auf meinem Stockwerk stehen. „Terroristen! Sie haben ein Flugzeug ins Kernkraftwerk Krümmel gelenkt! Wir müssen alle raus aus Hamburg. Ab nach Norden! Sonst sterben wir alle!“ Damit rannte er weiter die Treppe runter.

Was? Krümmel? Terroristen? Noch ehe mir die Zusammenhänge dämmerten, hörte ich den Nachrichtensprecher aus dem Fernseher.

„Die Umweltbehörden von Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern fordern alle Bewohner auf, sich sofort in Sicherheit zu begeben. Die größte Gefahrenstufe wurde für Hamburg und die Landkreise Herzogtum Lauenburg, Oldesloe, Segeberg, Pinneberg, Lüneburg, Winsen und Stade ausgelöst. Für diese Städte und Landkreise wurde die sofortige Evakuierung angeordnet. Aber auch Lübeck, Kiel und Neumünster, die weiteren Landkreise Schleswig-Holsteins inklusive der Nordfriesichen Inseln, Fehmarn und Sylt, Lüchow-Dannenberg, Cuxhaven, sowie Ludwigslust, Nordwestmecklenburg, Wismar, Schwerin und Parchim liegen im Zuggebiet der Radioaktivität. Ebenso von Verseuchung betroffen ist das Wasser der von Geesthacht abwärts fließenden Elbe.“

In meinem Kopf schwirrte es. Radioaktivität. Krümmel. Evakuierung. Oh Gott!

Ich hatte nicht viel Zeit, das war mir inzwischen klar. Ich konnte gerade noch ein paar Klamotten und Wertsachen in eine Tasche und einen Rucksack packen, die Jacke greifen und stürzte zwanzig Minuten später ebenfalls die Treppe hinunter. Nur raus! Wohin? Der Keller würde keinen Schutz bieten. Ich hatte mir nie überlegt, wo ich in so einem Fall hin wollte. Hin konnte. Krümmel war nicht sicher gewesen. Schon ewig nicht. Die Politik hatte immer beschwichtigt. Und von islamistischen Anschlägen hatte man in Europa nichts mehr gehört. Und dann das! Im Fernsehen hatten sie gesagt, dass Hamburg binnen drei Stunden evakuiert werden musste. Zehn Prozent der Einwohner drohte binnen eines Monats der Tod durch Strahlenkrankheit. Sie hatten etwas von 1.900 Millisievert gesagt. 1,9 Gray. Zehn Prozent! 180.000 Hamburger. Das war größer als der 11. September. Da waren es „nur“ knapp über 3.000 Opfer. Das hier würden viele mehr werden. Allein die, die zwischen Geesthacht und Hamburg und in den südöstlichen Stadtteilen Lohbrügge, Bergedorf und Billstedt wohnten. Die hatten noch weniger Zeit.

Es war müßig, darüber nachzudenken, ob jetzt ein Krieg gegen Pakistan ausgelöst wurde, nachdem man den Taliban in Afghanistan nicht hatte habhaft werden können. Was sich mir vor der Haustür bot, hatte eine ganz andere Qualität. Dort regierte bereits das Chaos. Das war jedoch nichts gegen das, was uns noch erwartete. Die Leute rannten ziellos umher. Frauen mit Kindern. Männer, bewaffnet mit Besen und Eisenstangen. Immer bereit, ihre Familie zu verteidigen. Aber gegen die größte Gefahr gab es keine Verteidigung. Niemand konnte uns jetzt noch helfen. Nur noch die Flucht. Aber wohin? Und wie? Die Straßen waren voll von panischen Menschen. Mit dem Auto kam man nicht raus. Und der Weg aus der Gefahrenzone mit dem Fahrrad war lang. Zu lang. 150 Kilometer bis Flensburg. Mit Glück zwölf Stunden. Aber was blieb mir schon? Der letzte Strohhalm. Also versuchte ich, mit dem Rad aus dem Chaos zu fliehen. Zum Glück hatte ich die Reifen zwei Tage vorher aufgepumpt. Und der Rucksack auf dem Rücken machte sich jetzt bezahlt. Das Gewicht wog schwer auf den Schultern, aber ich kam voran. Langsam.

In Norderstedt war ich schon völlig fertig, aber ich trat weiter in die Pedale. Nach etwa zwanzig Kilometern war Schluss. In Ulzburg. Perfider Weise hieß die Straße „Abschiedskoppel“. Ich brauchte eine Pause. Im Fernsehen hatten sie gesagt, der Angriff erfolgte um kurz nach halb sieben. Jetzt war es kurz nach halb zehn. Die Uhr war abgelaufen. Ich hatte zwar etwas Vorsprung, wenn die Berechnungen stimmten, aber die Radioaktivität würde sich weiter ausbreiten. Ich musste weiter. Aber ich war völlig dehydriert. Ein Stück weiter war ein Supermarkt. Plünderer nahmen ihn auseinander. Die Scheiben waren eingeschlagen. Es war mir egal, ob ich Unrechtes tat. Ich schloss mein Fahrrad an der Seite an einem Laternenmast an, ging hinein, nahm mir zwei Wasserflaschen und stopfte sie mir am Fahrrad in den Rucksack. Zum Glück kam niemand auf die Idee, mir das Rad wegzunehmen. Niemand beachtete mich.

Etwas weiter bog ich links in eine verlassene Sackgasse ein. Dort holte ich eine Flasche heraus und trank gierig daraus. An einem Fenster sah ich aus dem Augenwinkel eine alte Frau stehen. Sie sah mich an. Aber ihr Blick war leer. Ich glaube, sie wusste, dass sie sterben würde. Sie konnte nicht fliehen. Ich winkte ihr und fuhr wieder auf die Straße. Das Chaos wurde weniger, die Straßen leerten sich. An den Rändern standen keine Autos mehr. Nirgends. Mehr und mehr wirkte der Ort verlassen, und doch quälte sich eine Blechwelle aus Hamburg hier durch. Die Autobahn würde dicht sein. Also weiter über die Dörfer. Kurz vor Bimöhlen erhaschte ich einen Blick auf die Autobahn. Voll. In Boostedt kam ich an einer verlassenen Kaserne vorbei. Neumünster – evakuiert. Nachdem ich weitere Wasserflaschen in einem Supermarkt in Neumünster geplündert hatte, fuhr ich dann doch auf die Autobahn. Ins Chaos.

Nach weiteren Pausen kam ich bei Einbruch der Dämmerung auf der Rader Hochbrücke über dem Nord-Ostsee-Kanal an. Im Stau der Flüchtenden waren einige aus ihren Autos ausgestiegen und sahen entsetzt auf das Bild, das sich ihnen beim Blick Richtung Hamburg bot. Noch immer stand eine Rauchsäule über der Stadt. Ich spürte die Radioaktivität nicht, aber ich war sicher, sie war da. Ich rollte vorsichtig die Brücke herunter und kam noch bis zur Raststätte Hüttener Berge. Von vereinzelten Plünderern abgesehen war sie fast verlassen. Ich war völlig fertig. Nach dem Anketten des Fahrrads beschloss ich, hier Rast zu machen, mir eine Ecke zu suchen und zu schlafen. Ich war über 100 Kilometer gefahren und wusste nicht mehr, wie. In der Raststätte machte ich mich auf die Suche nach Essbarem und Wasser. Ein Dutzend Menschen hingen fassungslos vor dem Fernseher.

„Wie schlimm ist es?“, fragte ich. „Die Wolke ist längst hier. Sie zieht Richtung Nordsee.“ Er sah meinen Helm. „Wie sind Sie denn hergekommen?“ Dass ich mit dem Fahrrad aus Hamburg gekommen war, nahm er so hin. „Da sind Sie schneller als wir. Wir sind aus Kaltenkirchen. Mit dem Auto.“ Ein anderer meinte: „Die Welt ist entsetzt. Sie will helfen. Aber das kann ich nicht glauben. Bis hier überhaupt Hilfe ankommt, sind wir alle tot. Dänemark hat schon eine Million Flüchtlinge aufgenommen. In ganz Deutschland gibt es kein Flugzeug mehr, alle Schiffe sind aus den deutschen Häfen abgezogen. Alle Züge sind weg. Jeder ist hier allein, auf sich gestellt.“ Eine Frau: „Bisher haben sie knapp zweitausend Tote gezählt. Aber das werden noch viel mehr. Hunderttausende.“

Ich schlief fünf Stunden. Die Raststätte lag verlassen da. Nur der Fernseher lief. Im Kühlraum fand ich Kartoffelsalat und Cola. Ich nahm mir die Zeit zum ausgiebigen Essen. Der Anschlag war jetzt zwanzig Stunden her. Ich war längst verstrahlt, da kam es auf zehn Minuten mehr oder weniger nicht an. Zehn Minuten mehr zum Essen bedeutete eine höhere Zeitersparnis auf der Autobahn. Während ich radelte, kam plötzlich ein Fünftonner der Bundeswehr vorbei und hielt an. Sie sammelten mich ein. Es ging nach Dänemark. In eine Schule nahe des Fährhafens Fynshav. Dort angekommen, wurden wir in einer Turnhalle einquartiert. Auf der Fahrt wurde mir klar, dass ich nie wieder zurück kommen würde.

Ich kam kaum zu Kräften. Vier Bettnachbarn starben. Die typische Übelkeit kam überraschend spät. Erst, als ich endgültig zur Ruhe kam. Ich hatte keinen Appetit und schlief viel. Ich überlebte. Die Genesung dauerte über zwei Monate, und so, wie ich einer der letzten war, die die Grenze überquerten, war ich auch einer der letzten, die die Turnhalle verließen. Ich hatte kein Geld, kein Fahrrad, kein Ziel, kein Zuhause. Immerhin, die Dänen waren sehr nett und hilfsbereit. Mit ihrer Hilfe reiste ich nach Flensburg, das inzwischen als strahlentechnisch unbedenklich galt. Näher kam ich an meine Heimat nicht heran.

Ein Jahr später starb der Vater der Flensburger Familie, die mich aufgenommen hatte, an den Folgen der Strahlenkrankheit. Eine simple Erkältung hatte das angeschlagene Immunsystem von Horst Thissen endgültig erledigt. Er war nach offiziellen Angaben das Opfer Nummer 314.548. Das Hundertfache von 9/11. Menschen, die leben könnten, wäre Krümmel wie vereinbart 2016 abgeschaltet worden. Dass an diesem Tag beim Krieg in Pakistan 59 Bundeswehrsoldaten starben, war nur eine Randnotiz in einer Republik, für die Flensburg zur nördlichen Exklave hinter einem Todesstreifen war, der nordöstlich von Bremen begann und östlich bis Ludwigslust reichte. Fast 30.000 Quadratkilometer.

Aber es gab noch etwas, was ich unbedingt tun wollte. An einem klaren, sonnigen Tag lieh ich mir Horsts Fahrrad aus. Die Kontrollen hatten nachgelassen, und so gelang es mir, auf meiner Tour Richtung Süden die Grenze zum verstrahlten Bereich zu überwinden. Die 60 Kilometer vergingen wie im Flug. Es war gespenstisch. Städte, Dörfer, Straßen – alles verlassen. Die Stille machte mich fast taub. Und dann war ich dort: Die Rader Hochbrücke. 49 Meter hoch lag die Fahrbahn. Sofort erinnerte ich mich an den Blick auf Hamburg bei meiner Flucht, die Rauchschwaden über der Stadt, von Krümmel kommend. Jetzt war davon nichts mehr zu sehen. Wirklich nichts. Überhaupt war nichts zu sehen. Nach einer kurzen Pause ging es weiter. Weiter Richtung Hamburg, wo ich ankam, als es schon dunkel war. Die Straßen waren verlassen, Blätter wehten über den Asphalt. Nur wenige Autos waren übrig geblieben. Ich sah viele eingeschlagene Scheiben, viele geplünderte Häuser. Und doch: Als ich zuhause ankam, war meine Tür verschlossen, meine Wohnung war, mit Ausnahme des Staubs, so, wie ich sie verlassen hatte. Die Bettdecke noch aufgeschlagen. Strom gab es natürlich nicht mehr. Aber die Taschenlampe, die ich mitgenommen hatte, reichte aus.

Ich war innerlich zerrissen. Ich war froh, wieder daheim zu sein. Und doch unendlich traurig. Einsam. Wie viele meiner Nachbarn hatten die Flucht wohl nicht überlebt? Ich mochte nicht darüber nachdenken. In der Küche nahm ich eine Flasche abgestandener Cola aus der Kiste, ging ins Wohnzimmer und holte auch noch eine Flasche Bacardi dazu. Die Gläser im Schrank waren sauber genug geblieben, um sie nur einmal auswischen zu müssen. Im Schlafzimmer angekommen, zog ich meine Wohlfühlsachen an: Meinen Lieblingspulli und meine liebste Jogginghose. Und während ich am geöffneten Fenster auf die im fahlen Mondlicht geisterhafte Straße blickte, spülte ich nacheinander mit immer noch leckeren Bacardi-Cola-Mischungen einzeln die Schmerztabletten herunter und dachte dabei an Melanie, meine Freundin, die nach Auskunft der Bundeswehrverwaltung nicht einmal aus Bergedorf herausgekommen war. Ich weinte. Jetzt, fast eineinhalb Jahre später, wurde es mir richtig bewusst. Ich hatte schon lange die Schuldgefühle nicht verdrängen können. Warum hatte ich sie nicht angerufen? Warum hatte ich nicht einmal an sie gedacht, als ich aus Hamburg geflohen bin? Sie war meine Freundin, die Liebe meines Lebens! Einfach vergessen. Vielleicht hätte ich sie holen müssen. Oder zumindest mit ihr sterben müssen…

Der Schmerz und die Schuld wurden langsam betäubt. Zeit, mich hinzulegen. Zeit, Melanie zu folgen.

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Eine Antwort to “Verloren”

  1. Das wird teuer… « Ruhelos Says:

    […] zahlen?), zum Beispiel für die Antiterrorsicherung der Kernreaktoren (ein solches Szenario hab ich hier ja mal entworfen…)? Fuchs meint auch, sichere Atomkraftwerke können auch sechzig statt […]

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