Survivor

Links, links, links, links und nochmal links, links, links, links-rechts. Deckung.

„Two worlds collide, rival nations.
It’s a primitive clash, venting years of frustration „

Wie oft hatte Gustavo das schon gehört. Bestimmt dreihundert, vierhundert Male. Diesen Song aus Rocky 3. Was hatte seinen Trainer nur dazu getrieben? Ausgerechnet dieses Ding! Die anderen elf vorher – okay. Auch wenn „Eye Of The Tiger“ auch schon genervt hatte. Auch ein Rocky-Titel.

Keine Frage, John war ein Meister seines Fachs, und diese eine Idee hatte ihn, Gustavo, ganz nach vorn gebracht. Der Gürtel in Reichweite. Und nun stand er hier, und anstatt zu boxen und seinem zehn Zentimeter größeren Rivalen die Birne vom Kopf zu prügeln, wie er es früher, vor der Zusammenarbeit mit John, immer gemacht hatte, summte er Musik. Boxfilm-Musik! Rocky-Musik!

Links-rechts. „Does the crowd understand?“
Links. „Is it East versus West?“
Links-rechts. „Or man against man?“
„Can“ – links – „any“ – links – „nation“ – links – „stand“ – links – „alone?“ – Jab, Jab, Haken, Jab, Körperhaken, Jab.

Oh! Er wankte! Sein Gegner, der neunzehnfache Titelverteidiger Michael Stoner, wankte! Der dritte Jab hatte durch die Deckung geschlagen und der Körpertreffer saß auf der Herzspitze. Unfassbar! John war genial! Dass das überhaupt geklappt hatte, dass er Gustavo überhaupt zu einem Titelkampf gecoacht hatte, war schon eine Sensation. Und nun das!

Stoner nahm die Deckung hoch, der Blick wurde wieder klar, das sah Gustavo in seinen Augen. Jetzt nur keinen Fehler, weiter mit „Burning Heart“. Noch waren zwei Minuten in dieser Runde zu gehen.

„In the burning heart
just about to burst…“

Es war irre. Gustavo spielte sein Programm herunter, so, wie sie es eingeübt hatten. Wie John es ihm eingetrichtert hatte. Tag und Nacht. Er hätte bei „Wetten dass…?“ auftreten können, um auf eine 2-Sekunden-Sequenz eines dieser zwölf Lieder hin zu sagen, welcher Schlag an der Reihe war. Gustavo reagierte nicht auf seinen Gegner, er agierte. Er bestimmte diesen Fight. Nach dem Takt und der Musik, die in seinem Kopf lief.

Das Zwischenspiel. Noch 36 Sekunden. Links-rechts. Links-links. 1-2. Links. Cross an den Kinnwinkel. Ansatzlos geschlagen. Und Stoner sackte zusammen. Und jetzt verstand Gustavo. Denn er hatte das Lied nie bis zum Ende gehört. Es wich vom Original ab. Die letzten beiden Refrains waren ausgeblendet. Das Original war 3 Minuten und 50 Sekunden lang. Aber was er immer gehört hatte, dauerte nur zwei Minuten und 51 Sekunden. Wenn das stimmte, dann…

Gustavo riss sich aus den Gedanken los und sah auf den Ringrichter, der vor Stoner stand und ihm in die Augen sah. Jetzt verstummte in Gustavos Kopf die Musik. Neun Sekunden vor Rundenende. Der Ringrichter schüttelte den Kopf, kreuzte winkend beide Arme und brach den Kampf ab. Augenblicklich ertönte der Gong.

Und Gustavo? Der stand ungläubig und regungslos in der neutralen Ecke und starrte auf seinen Trainer, der mit der gedämpften Euphorie eines Wissenden einen Kontrast zu den jubelden Betreuern und Zuschauern bildete.
Gustavo Marchetti war Schwergewichtsweltmeister. Hoffentlich bekam er jetzt nicht den Spitznamen „Rocky“ verpasst…

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