Polemitik (2)

Der britische Informatiker Tim Berners-Lee, Entwickler des World Wide Web und Erfinder von HTML, hat sich für das „//“ in Internetadressen entschuldigt. Diese Abtrennung zwischen Protokollbezeichnung und Host-Adresse sei im Grunde überflüssig. Er habe damals keinen speziellen Grund dafür gehabt, es schien ihm nur eine gute Idee. Zudem ärgere ihn der unnötige Tintenverbrauch beim Ausdrucken.

Ich muss sagen, ich hätte es anstelle von Berners-Lee wohl nicht anders gemacht. Vielleicht käme dem http: heute mehr Bedeutung zu, würde es diese beiden „//“ nicht geben. Immerhin gibt es kaum einen Browser, der nicht in der Lage wäre, automatisch vor eine URL die Protokollbezeichnung zu setzen, und kaum einen Hinweis auf eine Webseite, der den Protokollanteil beinhaltet. Zudem konnte Berners-Lee die Entwicklung nicht in diesem Maße vorausahnen, und wenn man weiß, wie unkomfortabel manche Dinge sind, weil man geglaubt hatte, ein Minimum würde reichen. 1981 dachte man bei der Entstehung des RFC 791 ganz bestimmt nicht daran, dass die IPv4-Adressen – immerhin theoretisch fast 4,3 Milliarden Stück – mal knapp werden würden.

Es ist allerdings nur ein Gerücht, dass er sich dafür explizit bei den Internetausdruckerschwesterparteien CDU und CSU entschuldigt hat. Obwohl die dadurch entstandenen Mehrkosten eine gerechte Strafe sind.

Apropos CDU/CSU. Erinnern wir uns doch nochmal ein wenig zurück. Wie war das doch gleich noch mit Zensursula und den Stoppschildern? Waren die nicht nach Ansicht der Ursula von den Laien der Leyen und Wolfgang Schäuble so unglaublich wichtig? Wurde nicht ein Grundrecht auf Zugang zu kinderpornografischen Seiten von den Konservativen verneint? Einige sogenannte „Kinderschutzorganisationen“ müssten sich doch jetzt, da sie sich so vor den Karren hatten spannen lassen, verarscht vorkommen. Denn plötzlich sind diese Sperren – vorerst – vom Tisch! Unfassbar, aber wahr. Nun soll das BKA also Löschungen kinderpornografischer Seiten erwirken, und in einem Jahr müsse man den Erfolg überprüfen. Und auch der Zugriff auf Daten aus der Vorratsdatenspeicherung solle nur noch auf „schwere Gefahrensituationen“ begrenzt werden, wie einem Artikel im heise Newsticker zu entnehmen ist. Und der Bundestrojaner wird nicht abgeschafft, aber die Genehmigung des Einsatzes wird auf einen Ermittlungsrichter am BGH übertragen anstelle eines Amtsrichters. Das Blog Netzpolitik.org hat daraufhin bei  BKA und Providern mal nachgehakt. Mit interessanten Ergebnissen, wie ich finde.

Was mich vor allem ein wenig überrascht, ist der Umstand, dass man bei der FDP durchaus noch Angst kennt. Denn ich glaube, darin liegt der Grund für diese vordergründig spontane Entwicklung. Abgesehen davon, dass es keine Situation gibt, die entgegen der Darstellung aller Parteien vor der Wahl wirklich so dramatisch ist wie danach. Denn die FDP hat im Wahlkampf genau mit diesen Themen doch einen Gutteil seiner Wählerschaft gewonnen. Wohl auch, weil das Vertrauen zur Piratenpartei nicht da war. Daraus erwuchs für die Liberalen allerdings auch ein Glaubwürdigkeitsproblem: Würde man in Müntefering’scher Art seine Wahlkampfthemen verleugnen, wäre dieses neu gewonnene Wählerprotenzial sehr fragil. Zwar bekräftigte Junge-Union-Bundesvorsitzender Philipp Mißfelder, man habe kein Interesse daran, dass die FDP weiter so stark sei, aber auch die Union muss der veränderten Parteienlandschaft Rechnung tragen. Und CDU-NRW-Landeschef Volmering hat ja auch schon erkannt, dass man früher mit 33,8 Prozent in die Opposition ging und heute die Bundeskanzlerin stellt. Insofern musste die CDU auf Wahlkampfthemen der FDP zugehen, damit diese nicht ihre Glaubwürdigkeit verliert und das Projekt Schwarz-Gelb dadurch Schaden nimmt. Denn hätte die FDP sich in dem Punkt nicht – zumindest für die Öffentlichkeit – durchgesetzt (denn eigentlich ist das Ergebnis nur halbgar), wäre die Tür für eine sechste Kraft im Parlament, die Piratenpartei, sperrangelweit offen gewesen. Im Hinblick auf die Landtagswahl in NRW am 9. Mai 2010 wäre das für Schwarz-Gelb fatal gewesen. Nun hat die FDP Erfolge vorzuweisen, ohne der Union allzu weh zu tun. So funktioniert konservativ-liberale Blockpolitik in Deutschland.

In der JU indes möchte man nun das konservative Unionsprofil wieder schärfen und glaubt, damit wieder deutlicher die 30-Prozent-Marke hinter sich zu lassen. Ich halte das zumindest für zweifelhaft. Das Potenzial der „linken Politik“, aufgeteilt auf Linkspartei, Grünen, Linksflügel der SPD, Steuersenkungsversprechen der FDP und dem sozial ausgerichteten Teil der nach links gerückten CDU/CSU liegt rein rechnerisch bei knapp über 50 Prozent. Das ist auch kein Wunder. Denn Unternehmen als juristische Personen sind nicht wahlberechtigt, und da die Nutznießer konservativer Politik zwar immer mehr Geld auf sich vereinen, aber auch in der Zahl eher weniger als mehr werden, richtet sich die JU damit an kleiner werdende Zielgruppen. Und nicht zuletzt besteht das Dilemma beider Parteien vor allem darin, dass sich alles in der Mitte tummelt – mit Ausnahme der Linkspartei. Und dort liegen auch im Grunde genommen 82 Prozent der Wählerstimmen. Zumindest derer, die noch wählen gehen.

Gespannt bin ich, ob es der Jungen Union gelingt, sich eine repräsentative Domain zu sichern. Zum Missfallen der Provider, allen voran domainfactory und 1&1, hat die DeNIC die ein- und zweistelligen Domainnamen freigegeben. Um 9 Uhr MESZ geht es los. Die DeNIC reagierte dabei auf das sogenannte „VW-Urteil“: Das OLG Frankfurt hatte geurteilt, dem Volkswagen-Konzern sei die bisher aus technischen Gründen nicht vergebene Domain „vw.de“ zuzuteilen, obwohl die DeNIC bislang nur mindestens dreistellige Domainnamen zuließ. Die Provider stehen nun vor dem Problem, diese Domainnamen zügig für ihre Kunden zu ermöglichen. Vor allem Tobia Marburg, Geschäftsführerin von domainfactory, äußerte sich ziemlich sauer im Unternehmensblog. Und mit ihrem Schlusssatz hat sie auch nicht Unrecht:

„Warum sehe ich nur die $$$ €€€ Zeichen in den Augen der Domaingrabber aufleuchten?“

Ich sehe sie auch, Frau Marburg, ich sehe sie auch…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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