Fernbeziehung

Manchmal komme ich mir vor wie in der Truman-Show. Gestern Abend zum Beispiel. Als ich von meiner Freundin nach Hause fuhr, war im Autoradio R.SH eingestellt. Und wie ich so während des Fahrens zuhörte, kam in mir das Gefühl hoch, dass die mich irgendwie ärgern wollten. Das erste Lied, das ich hörte, als ich aus dem Dorf rausfuhr, war „Turn your car around“ von Lee Ryan. Hätt‘ ich ja nur zu gern getan: Einfach umdrehen und da bleiben. Ging aber nicht, denn auf einen ruhigen Sonntagabend folgt in der Regel ein arbeitsamer Montagmorgen. Der nächste Titel, da war ich gute 5 Kilometer entfernt, passte schon wieder: „Million Miles“ von Reamonn. Der perfekte Fernbeziehungssong. Fünfeinhalb Jahre gelebte Realität in 3:30 Minuten. Und als nächstes? Na klar: Mariah Careys „Without you“. Ich habe dann R.SH-Relax R.SH-Relax sein lassen und eine CD reingeschoben.

Wie gesagt, diese „Scheiße“ mache ich jetzt schon fünfeinhalb Jahre lang mit. Meine Freundin natürlich auch. Aber ich bin der, der fährt… Ich fühle mich immer ein wenig lächerlich, wenn ich anderen Fernbeziehungserfahrenen erzähle, wie weit wir voneinander entfernt sind. Während einige Paare tausende Kilometer trennen oder zumindest die halbe Republik dazwischen liegt, sind es bei uns gerade 100 Kilometer. Eigentlich kein großes Ding, sollte man meinen. Aber wie ich es drehe und wende, es sind und bleiben mindestens eineinhalb Stunden Fahrt, zur falschen Zeit auf der falschen Strecke geht’s Richtung zweieinhalb. Einfach mal eben hindüsen, um den Abend zusammen zu verbringen, haut nicht hin: Eh ich da bin, geht sie ins Bett, denn auch unsere Arbeitszeiten sind durchaus unterschiedlich. Von den Fahrtkosten ganz abgesehen. Und dann sehen wir uns auch nicht jedes Wochenende. Als HSV-Fan hab ich natürlich eine Dauerkarte und bin bei den Heimspielen im Stadion. Zweimal bin ich bislang von meiner Freundin aus zum HSV gefahren. Das erste Mal war auf einem Sonntagmittag, als der HSV ein Spiel um 17:30 Uhr hatte. Und verlor. Das hatte den ganzen Stress nicht gelohnt. Und dann 2008 im November.

Wir wollten am Sonntag frühmorgens in den Urlaub nach Dänemark aufbrechen (abgesehen davon, dass es ziemlich frisch und halb verregnet war, war’s aber nicht zu schlecht, wie Bilder beweisen, die ich später mal veröffentlichen werde). Dummerweise war am Samstagnachmittag noch das Heimspiel gegen Dortmund. Wir haben also vorbereitet, und mittags bin ich dann mit dem Zug nach Hamburg zurück gefahren. „Clever“, wie ich war, zog ich am Bahnhof ein Einzelticket anstelle Hin- und Rückfahrt, und zahlte gute drei Euro zuviel. Und nicht nur das: Da ich mir erst am Hauptbahnhof wieder ein Ticket holen musste, verpasste ich den Zug, der unten auf dem Gleis stand, denn ich kam – wie andere Reisende auch – mit dem Automaten nicht zurecht, fand mein Fahrziel nicht. Erst, als der Zug abfuhr. Die Stunde bis zur nächsten Abfahrt bummelte ich ab, unter anderem mit Pizza, denn McDoof war voll wie ein Säufer in der Nacht vom 1. auf den 2. des Monats. Natürlich fehlte die Zeit für die Urlaubsvorbereitungen. Wir sind dennoch am nächsten Morgen rechtzeitig gefahren. Lediglich um eine Stunde Schlaf ärmer. Gelohnt hatte es sich dennoch: Der HSV gewann gegen die Biene Majas 2:1, Mladen Petric traf gegen seinen Ex-Club und bereitete Olics 2:0 per Kopf vor, nach Spielschluss sah Dortmunds Robert Kovac wegen Schiedsrichterbeleidigung Rot, und der HSV rückte vor auf Rang vier, zwei Punkte hinter Tabellenführer Leverkusen.

Da sich das nicht lohnt, zu den Fußballwochenenden hin- und dann jeweils zum Spiel wegzufahren, gibt es einen „Kompromiss“: Die Heimspielwochenenden werden mein persönliches Heimspiel, da geh ich nach Herzenslust zum Fußball, und dann ist das freie Wochenende ganz für meine Freundin da (okay, ich horche mal am Radio, und wenn es sich – wie Samstag – anbietet, lass ich im Fernsehen mal ein Länderspiel nebenbei laufen; das war’s aber auch). So kommt es auch zu den Spielberichten auf dieser Seite. Und es hat noch einen Vorteil: Man geht sich nicht gegenseitig auf die Nerven.

Aber: Wer eine Fernbeziehung eingeht, sollte wissen, was er sich da antut. Und wie man es am besten hinbekommt. Denn einfach ist was anderes.

Ein großes Problem ist, vor allem am Anfang, die fehlende Nähe. Die Hormone spielen verrückt, die Sinne sind geschärft, der kleinste Hauch eines Dufts, den man vom neuen Partner kennt, verwirrt. Das war das Schlimmste in den ersten Wochen und Monaten. Ich genoss die Zeit mit meiner Freundin, die Nähe, die Intimität – und dann musste ich weg. Ich war da noch leicht im Vorteil, weil ich meine Konzentration vom Abschiedsleiden auf die vor mir stehende Autofahrt nach Hause lenken musste. Bei ihren Besuchen in Hamburg war das anders: Ich wollte sie nur festhalten, aber sie musste ja auch zurückfahren. Sie startete den Motor und ließ mich zurück, ihre Rücklichter wurden kleiner, der Blinker blitzte an und aus, sie bog ab, und die Häuserecke war leer. So leer wie ich mich fühlte.

Es ist ein wirklich, wirklich zutiefst ungutes Gefühl in dieser Zeit. Aber es gibt da noch eine negative Steigerung: Den Abschiedssex! Der ist irgendwie so ein wenig wie ein Topmodel und die Bewerberinnen für diesen Titel: Schön, aber doof. Natürlich wurde die Zeit genutzt, sie wurde möglichst optimal ausgereizt. Küssen, Kuscheln, und wie es so ist, wenn die Hormone den Körper regieren, wird so oft mehr draus. Aber nach dem größten Suff kommt der größte Kater. Eben noch war man unglaublich glücklich, und dann folgt die kalte Dusche mit dem Schließen der Tür. Dieses spezielle Kribbeln, das man danach verspürt, und diese leichte Abgeschlagenheit sind keine guten Parameter für eine Autofahrt. Wirklich nicht. Da dreht sich die hormonelle Überversorgung leicht in ihr Gegenteil. Aus dem größten Glück wird großes Unglück.

Dagegen gibt es nur ein Mittel: Die Zeit. Denn das ist die gute Nachricht. Je länger man das mitmacht, desto mehr lernt man, diese Gefühle auszublenden und schließlich zu besiegen. Bei mir dauerte es knapp zwei Jahre, bis mir der Abschied leicht fiel. Nein, „leicht“ ist vielleicht etwas falsch ausgedrückt, aber „nicht mehr so schwer“ trifft es auch nicht. Man will sich nicht trennen, aber man weiß, dass es nicht anders geht, dass man sich ja bald wiedersieht, und eigentlich ist es ja gar nicht so lang…

Eines jedoch ist unabdingbar für eine funktionierende Fernbeziehung: Teilhabe am Leben des Partners. Dabei spielt das Medium keine Rolle. Man kann telefonieren, skypen, mailen, per ICQ kommunizieren… Es ist völlig egal. Wichtig ist nur, dass man dem anderen zuhört oder -liest und selbst offen ist. Es können Belanglosigkeiten sein, Probleme auf der Arbeit oder sonst etwas, was einen bewegt. Dabei ist auch die Dauer keine Pflicht. So kann ein Telefonat nach einer Viertelstunde vorbei sein, wenn alles gesagt ist, oder auch drei Stunden dauern. Eine Mail kann ausgedruckt drei Seiten lang sein oder auch nur ein Zehnzeiler. Ganz wichtig dabei: Probleme werden persönlich geklärt. Vor allem sachlich. Das Rezept, mit dem wir es diese fünfeinhalb Jahre geschafft haben, ist, dass wir beide nicht streitsüchtig sind und jeder mal zugunsten des anderen zurücksteckt – wie meine Freundin am Tag vor der Abreise nach Dänemark. Ein einziges Mal waren wir wegen eines Missverständnisses sauer aufeinander, aber auch das war schnell erledigt. Die gemeinsame Zeit ist zu kostbar zum Streiten, also findet man eine Lösung, mit der beide leben können, ohne es im Kleinsten zu zerreden. So bleibt mehr davon übrig, um sie zu genießen. Um zu kuscheln. Oder mehr…

Eine Fernbeziehung stellt ein Paar vor eine Vielzahl von Problemen. Aber wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt, kann es auch auf längere Dauer funktionieren. Nur: Beide müssen es wollen. Und es kann nicht schaden, wenn die Mentalität beider Partner gerade hinsichtlich des Zurücksteckens und der Leidensfähigkeit sich möglichst ähnlich ist.

Über die Problematik, die sich einem stellt, wenn man eine Fernbeziehung in eine Nahbeziehung oder gar einen gemeinsamen Haushalt verwandelt, schreibe ich dann, wenn es soweit ist.

Herzlichst,
Euer Fuxi

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