Rundblick (9)

Okay, ich geb’s zu, der Spot ist alt. Inzwischen. Aber er nervt mich beständig weiter. Es geht um den TV-Spot eines Produktes aus einem deutschen Konzern. Dort sagt „Galileo Mystery“-Moderator Aiman Abdallah folgenden Satz:

„Für [das Produkt] braucht man nicht nur viele sonnengereifte Früchte – sondern doppelt so viele wie vorgeschrieben.“

Der Zweck dieser Aussage ist klar: „Wir packen da 100% mehr Frucht rein als andere.“ Nur sagt er es nicht so. Er benutzt die Wendung „wie vorgeschrieben“. Und da frage ich mich doch: Wer schreibt das vor?

Normalerweise sollte man meinen, das sei eine lebensmittelrechtliche Regelung. Da liegt der Fruchtanteil bei Fruchtjoghurt oder Joghurt mit Früchten bei mindestens 6, bei Joghurt mit Fruchtzubereitung bei mindestens 3,5 und bei Joghurt mit Fruchtgeschmack bei weniger als 3,5 Prozent. Der Hersteller deklariert es öffentlich als „Frucht auf Joghurt“ und entzieht sich somit schon mal der Erfolgskontrolle durch den Verbraucher, dem er ja notfalls weismachen kann, es sei Joghurt mit Fruchtzubereitung, wenn weniger als 12 Prozent Fruchtanteil drin steckt.  Die lebensmittelrechtliche Bezeichnung wird zumindest auf der Webseite nirgends erwähnt.

Anders sieht das aus, wenn der, der das vorschreibt, keine Behörde ist. Dann können sie die Aussage „wie vorgeschrieben“ auf alles und jeden beziehen. Es muss nur irgendwo einen Wisch in den Akten geben, der gewisse Mindeststandards vorschreiben. Man kann sich lebhaft ausmalen, wie das dann aussehen kann.

Natürlich hat auch dieses supertolle Produkt einen kräftigen Haken. Schon mal auf die Nährwertangaben geschielt? Ein 150-Gramm-Becher enthält zwischen 26 und 30 Prozent Zucker und hat damit zwischen 150 und 170 kcal! Ein so’n lüttes Becherchen, das im Nu leer ist und kaum eine Sättigungswirkung auf den Magen hat. Im Klartext: Essen Sie einen Becher Kirsche, und acht Prozent Ihres Tagesbedarfs sind schon verbraucht. Am besten verdeutlicht man das noch an den Maßangaben für Diabetiker: Ein Becher hat 2,0 bis 2,2 Broteinheiten, entspricht einer kompletten Zwischenmahlzeit für einen Typ-2-Diabetiker und erfüllt damit schon das Äquivalent von 5 Fischstäbchen, einem Brötchen oder 480 Gramm normalem Joghurt…

Wer auf seine Figur achtet, sollte also entweder auf dieses Produkt verzichten oder zusätzliche Bewegung als Ausgleich für den Genuss einplanen. Am Sonntag beispielsweise gibt es in Hamburg diese Gelegenheit: Autofreier Sonntag. Und da sind wir bei der Springer-Presse, genauer gesagt: Bei deren dreckigstem Blatt. In einem Artikel wird ein Dresdner TU-Professor zitiert. Er fordert den Ausschluss von Autos aus der City und verweist dabei auf ansteigendes CO2. Was er nicht sagt: Welches Einsparpotenzial dadurch effektiv besteht. Vermutlich, weil er es nicht weiß. Denn er ist lediglich Verkehrsökonom und beschäftigt sich daher nicht mit der Vielzahl anderer CO2-Produzenten in und um Hamburg, wie beispielsweise Vattenfall mit den AKWs und dem im Bau befindlichen Steinkohlekraftwerk Moorburg mit der doppelten Leistung des abzuschaltenden Kraftwerks Wedel, der Hafen mit den Abgasen der Container- und Passagierriesen oder die produzierende Industrie rund um Beiersdorf und Co. Gemessen an der CO2-Produktion dieser Faktoren sind die potenziellen Einsparungen beim Kraftfahrzeugverkehr ein Fliegenschiss, zumal es definitiv Ausnahmen wird geben müssen, allein für alle die, die in dem betroffenen Bereich wohnen.

Zudem hält er sich gemäß Zitat sehr vage, wenn er sagt, dass jedem bei gerechter Verteilung und Ressourcenknappheit “ „bald“ statt 5.500 nur noch 600 Liter Sprit und Öl zustünde. Aber was ist „bald“? Im Jahr 2010? 2020? 2050? 2109? Oder doch erst 2365? Ich finde, so etwas sollte ausdrücklich kommuniziert werden. Zumindest wenn man Experte ist und so eine These aufstellt. Aber „bald“ ist doch so ein schön unspezifisches Wort… Leider auch ein unseriöses für einen Wissenschaftler.

Ein weiterer Wissenschaftler, Professor Gertz von der TU Harburg – jener technischen Universität, an der auch Mitglieder der „Hamburger Zelle“ vom 11. September 2001 und ihre mutmaßlichen Helfer, Mohammed Atta, Ziad Jarrah, Said Bahaji und Mounir Al-Mottasadeq studierten -, sagt im gleichen Artikel, man hätte die A26 per Park and Ride an die S-Bahnlinie S3 in Stade anbinden sollen anstatt sie bis zur A7 durchzuziehen. Ja, wirklich praktisch. Für alle, die beispielsweise aus dem Dunstkreis von Stade nach Pinneberg müssen. Mit dem Auto über die A7 und durch den Elbtunnel: 60 Minuten. Mit der S-Bahn: 75. Zuzüglich Umsteige- und Weiterfahrtzeiten, wenn der Bestimmungsort nicht gleich am Bahnhof liegt. Zudem unterschlägt Gertz, dass die A26 gleichzeitig die Verbindung zur als A22 weitergeführten A20 darstellt, die wiederum die A1 Richtung Bremen entlasten und gerade den Landesteil Niedersachsens näher an Hamburg und das südliche Schleswig-Holstein heranführen soll, der zwischen Bremen und Elbe liegt. Zudem entlastet gerade diese Achse nach ihrer Fertigstellung den Hamburger Raum vom westdeutschen Skandinavien-Verkehr.

Aber in Zeiten des Wahlkampfes zählen ja keine echten Argumente. Jetzt kommt ein weiterer Faktor dazu, der der CDU Stimmen bringen soll und der seit 2001 dazu instrumentalisiert wird: Angst vor dem Terror. Ein antigermanisches Al-Kaida-Video ist aufgetaucht, dass es am Abend der Wahl ein „böses Erwachen“ gebe, wenn die Bundeswehr nicht sofort aus Afghanistan abzieht. Unserem von den Geistern seines Attentats verfolgten Bundesrollstuhl Schäuble spielt das natürlich wieder in die Hände. „Allgemein gestiegene Gefährdungslage“ heißt es. Was nichts anderes bedeutet, als das entweder die Sicherheitsbehörden trotz stark erweiterter Befugnisse ihre Arbeit nicht ordentlich machen, sofern es tatsächlich einen Anschlag gibt, oder dass Schäuble über die Taktik des George W. Bush jun. namens „Shock And Awe“ auf zusätzliche Stimmen für Schwarz/Gelb hofft. Und auf eine breite Mehrheit für den Bundeswehreinsatz im Inneren oder seiner Forderung, dass die Arbeit der Nachrichtendienste abseits parlamentarischer Kontrolle stattfinden müsse. Letzteres mit der Konsequenz einer ungezügelten Ausforschung auch des eigenen Volkes, ohne dass jemand etwas davon erfährt. Da hatte ja selbst die Stasi eine rechtsstaatlichere Basis!

Die Demokratie und die Freiheitlich Demokratische Grundordnung verkehren sich in ihr Gegenteil, und kaum ein Bürger schreit dabei laut auf. Wir leben in einer wahrlich verrückten, geradezu perversen Welt. Eine weitere Perversion bringt die Terrordrohung zum Wahltag mit sich: Dem Netzeitung-Bericht zufolge patroullieren auf allen Flughäfen und einigen Bahnhöfen jetzt Bundespolizeibeamte mit Maschinenpistolen und schweren Schutzwesten. Den Reisenden solle damit Sicherheit gegeben werden – oder vorgegaukelt?

Ich bin ehrlich: Ich fühle mich kein bisschen sicherer, je schwerer Panzerung und Bewaffnung der Sicherheitskräfte werden. Im Gegenteil. Wenn das für nötig erachtet wird, steigert das eher mein Unbehagen. Am liebsten ist mir, die Polizei ist überhaupt nicht zu sehen, dann ist nämlich auch nichts zu erwarten. Aber das gehört sicherlich alles zur Strategie. Der Bürger soll sich an die ständige Überwachung und die dauerhafte Angst gewöhnen, damit der Große Bruder als Beschützer und Versorger da steht. „1984“ rückt mit 25 Jahren Verspätung unweigerlich immer näher.

An die Dauerüberwachung sollen sich auch die Teilnehmer der UEFA Europa-League gewöhnen. Jetzt hampeln nämlich schon nicht weniger als fünf Schiedsrichter über den Platz: Hauptschiedsrichter, zwei Assistenten an den Linien und zwei sogenannte „Torrichter“, die im Strafraum für Klarheit sorgen sollen. Was die aber wann anzeigen sollen, ist völlig unklar und vermutlich – wie man FIFA und UEFA kennt – sogar überhaupt nicht definiert. Das sah man bei einem elfmeterreifen Foul im Spiel Funchal gegen Bremen am Bremer Hunt. Da blieb der Torrichter nämlich still, und der Schiedsrichter entschied auf Abstoß, wo es eigentlich nur die Wahlmöglichkeit zwischen Schwalbe und Foul gab. Und die Schiedsrichter selbst dürfen zu dem Experiment der UEFA nichts sagen. Dafür tun es die Clubs. Die meisten halten das Zusatzpersonal für überflüssig. So wie ich. Wo führt das hin? Haben wir bald 11 Schiedsrichter auf dem Feld? Und wie lässt sich dann rechtfertigen, dass in unteren Klassen mit genau einem ausgekommen werden muss? Geht es da etwa auch um nichts? In der Hamburger Frauen-Verbandsliga haben sie es mit Mühe geschafft, das Schiedsrichter-Gespann zur Pflicht zu machen, geht es doch um die Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur Regionalliga Nord, und dort sind die finanziellen Anforderungen auch ganz andere, so dass rechtzeitig geplant werden muss. Weil es um viel geht. Aber nicht um genug, um die Torrichter ebenfalls zu bestellen?  Überhaupt: Wo ist die Grenze? Bei den Bundesligen? Oder bei den Regionalverbänden? Wo zieht man den Schlussstrich unter den Leistungsfußball, der gerade noch so eben bedeutend genug ist, um Torrichter einzusetzen? Oder einen vierten Offiziellen? Oder ein Gespann? Und trotzdem passieren Fehler wie auf Madeira. Das würden auch 11 Schiedsrichter nicht zu verhindern wissen. Die Verbände, vor allem die Dachverbände, machen so in jedem Fall aus einem einfachen Spiel wie Fußball ein immer komplizierteres. Bald werden selbst die Regeln des American Football einfacher zu verstehen sein. Dort gibt es übrigens drei bis sieben Schiedsrichter. Ich finde, man muss sich nicht alles aus den USA abgucken…

Herzlichst,
Euer Fuxi

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