Schuldig

Nun komm doch endlich! Komm raus, zeig Dich endlich! Wie lange soll das denn noch dauern?

Nur nicht ungeduldig werden! Eigentlich habe ich ja Zeit genug. Wenn ich etwas habe, dann Zeit. Ich habe so lange gewartet – was machen da schon diese paar Minuten aus?

Zeit… ja. Wenn man es eilig hat, hat man davon zu wenig, und steht man nicht unter Druck, gibt es zuviel davon. Zeit – in den letzten acht Jahren hatte ich wahrlich genug davon. Ich hatte sogar zu viel Zeit. Und das, obwohl man sein Zeitgefühl fast verliert. Ohne Zeitung, ohne Fernseher, ohne Internet. Abgeschnitten vom Rest der Welt. Sein eigener, kleiner Planet im staatlichen Mikrokosmos. Und das verdankte ich ihr.

Ich hatte ihnen gesagt, dass ich es nicht war. Einmal. Zehnmal. Hundertmal. Und trotzdem: Mikrokosmos. In der ganzen Zeit hatte ich mich leer gefühlt, mich irgendwann damit abgefunden. Aber die Narben auf der Seele… sie blieben doch. Meine Frau verloren, mein Kind verloren – und meine Freiheit, weil eine karrieregeile Staatsanwältin entlastende Beweise zurückhielt.

Bin ich kriminell? Nein. Zumindest war ich das damals nicht. Geworden bin ich es erst hinter Gittern. Im täglichen Umgang mit Leuten, die so waren, wie ich dort wurde. Vielleicht komme ich ja wieder nach Santa Fu. Immerhin: Dort gibt es Fernsehen, und ich kann Fußball spielen. Nur bloß nicht nach Hannover! Der konservative Verwahrungsstil: Es soll Strafe sein, und Fernseher bedeuten Freiheit. Aber Strafe wofür? Für zwei Morde, die ich nicht begangen habe. An meiner eigenen Familie.

Anfangs hatte ich mich noch gewehrt. Doch irgendwann hatten sie mich gebrochen. Acht Jahre. Acht Jahre, in denen man alles verliert. Nur ein einziger, ein einziger Mensch auf der Welt war noch bereit, mich zu kennen: Und es ging sogar soweit, dass er mir sein Auto anvertraute. Darin sitze ich nun und warte. Die 9-Millimeter-Beretta in meiner Jackentasche hatte ich samt Munition stückweise auf dem Schwarzmarkt erstanden. Bei einem, dessen Cousin in meinem Zellenblock mir den Tip gab. Hätte die Staatsanwältin die entlastenden Beweise nicht unterschlagen, hätte ich den Waffenhändler nie kennen gelernt.

Da ist sie! Die Staatsanwältin, die mich unbedingt hinter Gittern bringen musste und dies auch weiterhin machte. Was soll ich hier draußen? Mein Leben ist nachhaltig ruiniert, trotz erwiesener Unschuld im Wiederaufnahmeverfahren. Mein Karriere, meine Familie, meine Beziehungen, mein Leben – neuerdings da drin, in meinem Mikrokosmos. Dort kann ich leicht wieder Verbindungen knüpfen. Niemand wird mich schief ansehen ob der Lücken in meinem Lebenslauf und dem Hinweis auf meine Unschuld. Niemand wird etwas vermuten, das nicht so ist. Dieses Mal nicht!

Zu diesem Zeitpunkt unterscheiden die Staatsanwältin und ich uns in einem Punkt: Sie ist schuldig. Und dieses Mal werde ich es auch sein.

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